Zwei Tage Hoffnung

Spannung liegt in der Luft. Unternehmer suchen Kunden, Investoren, Zulieferer. Hier ein Start-up, dort ein Maschinenbauer, dazwischen der Stand von Tichys Einblick: Der „Zukunftswiesnsummit“ lässt erahnen, wie Deutschland ohne seine Politiker sein könnte.

Foto: Zukunftswiesnsummit

Tief im Stammland des Milliardenkonzerns Würth, verankert im dort angesiedelten Mittelstand, richtete ein junges Team um den 24-jährigen Gründer Samuel Keitel eine außergewöhnliche Veranstaltung aus. Der „Zukunftswiesnsummit“ ist eine Messe, die sich an Unternehmer, Gründer und Interessierte richtet; Aussteller sind Unternehmer aus ganz Deutschland. Junge Redner wie der Musiker Felix Blume (Kollegah) und Fitness-Influencer Christian Wolf ziehen ein noch jüngeres Publikum an, das von Wolf lernen will, wie auch sie ein Unternehmen mit Milliardenumsätzen aufbauen können. Der Rap-Musiker Blume lässt sich nicht beirren: „Kämpfen“ müsse man, für das Land, das einem „so viel gegeben hat“.

CDU-Eminenz droht der Koalition

Auch politisch ist viel geboten: Christian von Stetten (CDU), der direkt gewählte Bundestagsabgeordnete der Region, sorgt für Aufsehen, als er bei einer Paneldiskussion ein Ende der Regierung Merz voraussagt. Noch „drei, vier Monate“ habe die Regierung Zeit, Reformen anzugehen, bevor man das Projekt für gescheitert erklären müsse. „Wenn wir jetzt schon wieder über neue Schulden und höhere Steuern diskutieren, dann geht es in die völlig falsche Richtung“, so von Stetten, der vor der Wahl als Unterstützer von Merz galt. Wenn von Stetten, Vorsitzender des mächtigen Parlamentskreises Mittelstand, so deutlich wird, muss Merz zuhören. Oder stürzen.

Der Zukunftswiesnsummit demonstriert, wie ein Deutschland sein kann, wenn es befreit ist von den erdrückenden Lasten Berlins und Brüssels. Wie viel Kraft das Unternehmertum Deutschlands haben kann. Wie zuversichtlich Unternehmer und Bürger sein können, wenn man sie nur machen lässt. Es waren zwei Tage Hoffnung in einer Nachrichtenlage, in der sonst nur von Firmenpleiten, Werksschließungen und Verlagerungen die Rede ist. Eine elektrisierende Stimmung, eine rastlose Energie, die sich in neuen Ideen, Produkten und Unternehmen ausdrücken will, liegt in der Luft. Junge Gründer, kaum aus der Schule, suchen die Öffentlichkeit. Angestammte Unternehmen wie Würth präsentieren ihre Produkte.

Schönen Träumen folgt schlimmes Erwachen

Doch dem Zauber folgt die tiefe Ernüchterung. Zumindest ging es dem Autor dieser Zeilen so. Nach zwei Tagen Optimismus holten ihn die Bleigewichte der Bundespolitik mit Wucht auf den Boden zurück. Lars Klingbeil legt für 2026 einen Haushalt mit einer Neuverschuldung von 98 Milliarden Euro vor. Das ist natürlich geschönt: Rechnet man Schattenhaushalte und weitere Tricks hinzu, liegt die Verschuldung weit über 100 Milliarden Euro – allein in diesem Jahr. Für 2027 wird eine reale Neuverschuldung von fast 200 Milliarden Euro geplant.

Steuererhöhungen sind ebenfalls angekündigt: Eine neue Zuckersteuer soll kommen, Tabak- und Alkoholsteuern steigen. Wer glaubt, dass es dabei bleibt, glaubt auch, dass das Sondervermögen tatsächlich in Infrastruktur investiert wird.

Wer arbeitet, muss künftig Ehepartner in der gesetzlichen Krankenversicherung zusätzlich versichern, um immer schlechtere Leistungen zu erhalten. Wer seine Krankenkassenbeiträge nicht bezahlt, muss schon jetzt mit verminderten Leistungen auskommen. Wer gar nicht arbeitet, wird hingegen voll versorgt.

Die Rente ist künftig kaum mehr als eine „Mindestvorsorge“. Wer zusätzlich für das Alter spart, muss auf dieses Ersparte Einkommenssteuer, Vorabpauschale, Kapitalertragsteuer und Solidaritätszuschlag zahlen – und in Zukunft möglicherweise auch Kranken- und Rentenversicherungsbeiträge für Versicherungen, die nicht einmal einen Bruchteil dessen auszahlen, was man gezwungen ist, einzuzahlen. Und linke Politiker empfinden es sowieso als einen Affront, dass es Bürger gibt, die Erpartes haben. Merz selbst forderte im letzten Jahr, man müsse die Sparbücher, Tagesgeld- und Girokonten der Bürger „mobilisieren“.

Es muss so nicht sein

Die deutsche Wirtschaft hat strukturelle Probleme – das kann auch ein Zukunftswiesnsummit nicht verdecken. Software kann der Deutsche nicht, dafür Maschinen, bei denen China große Konkurrenz macht. Deutsche Konzerne scheuen Risiken und Investitionen in neue Produkte. Der Maschinenbau liefert überkomplexe, teure und hochspezialisierte Produkte. Das stimmt alles.

Doch die eigentlichen Probleme sind politisch gemacht. Die Strom- und Energieversorgung ist teuer und zunehmend unsicher. Restrukturierungen und Neuinvestitionen sind kaum möglich: Betriebsräte und Gewerkschaften, die sogar im Vorstand sitzen, blockieren alles. Bürokratie, DIN-Normen und der Brüsseler Lieferkettenwahn verhindern den Rest. Wer – wie in den USA – erst gründet, arbeitet und Geld verdient, bevor er sich um Genehmigungen kümmert, hört hierzulande schnell die Handschellen klicken. Dass auch für Unternehmen die Steuerlast immer weiter steigt und so bares Geld von Investitionen in den Staatshaushalt umgeleitet wird, tut den Rest.

Eines zeigen zwei Tage Messe in einer umgebauten Basketballhalle jedoch: Deutschland hat Kraft. Der Mittelstand hat Ideen. Es gibt Unternehmer, die bereit sind, den immer schwerer werdenden Fels von Regulierungen den Berg hinauf zu rollen. Kampfeslustig sind sie auch. Organisator Samuel Keitel sagte gegenüber Tichys Einblick: „Es muss vorangehen, wir können nicht mehr rumeiern.“

Deutschland könnte ein Land im Aufbruch sein. Ein Land, indem streitlustig diskutiert, ehrgeizig investiert, leichtsinnig entwickelt wird.

Diese Schaffenskraft der Deutschen kann die Welt bewegen. Merz muss sie nur freilassen.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen