Die deutsche Industrie verzeichnete im Juli eine spürbare Aufhellung der Auftragslage. Blickt man hinter den Zahlenberg, enthüllt sich eine Zweiteilung der Ökonomie: Die Rüstung boomt, der zivile Sektor kommt unter die Räder.
IMAGO / Chris Emil Janßen
War dies die Wende im Sommer, eine Art Sommersonnen-Merzwende? Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen einen deutlichen Sprung der Auftragslage in der deutschen Industrie: Um 2,5 Prozent stieg das Auftragsvolumen der Betriebe über alle Sektoren hinweg im Juli zum Vormonat – der dritte Anstieg in Folge.
Das sind gute Zahlen für den Bundeskanzler, der vor den Landtagswahlen im Osten der Republik händeringend nach stützenden Argumenten für seinen politischen Kurs sucht. Die Wirtschaftsberichterstattung der vergangenen Woche war auffällig: Institute korrigieren ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr nach oben. Die LBBW beispielsweise rechnet für das laufende Jahr nun mit einem Wachstum von 0,7 Prozent, nach zuvor 0,5 Prozent.
Doch die Realität entspricht leider nicht der Voodoo-Ökonomie längst verblasster Theorien. Kommen wir daher zurück aus der keynesianischen Traumwelt in die Welt der wahren Ökonomie. Vergleicht man den Auftragseingang mit der Lage im Vorjahr, könnte man den Eindruck gewinnen, den Gipfel der Hochkonjunktur erklommen zu haben: Um 13 Prozent überstieg der Auftragseingang im Juli den Vorjahreswert – ein Fabelwert, wie ihn die deutsche Wirtschaft möglicherweise zuletzt während der Wirtschaftswunderjahre sah. Der Juli-Wert sticht so markant heraus, dass die Investitionsnachfrage das gesamte Bruttoinlandsprodukt anschiebt und die dramatisch schlechten Werte der übrigen Wirtschaftssektoren überkompensiert.
Kurz zur Einordnung: Der Einzelhandelsumsatz lag im Juli real um 2,5 Prozent unter dem Vorjahreswert. Das Gastgewerbe gab beim Umsatz um über 5 Prozent real im Vorjahresvergleich nach. Unterm Strich stagnierte der Konsum im ersten Halbjahr, lediglich kreditfinanzierte Staatsnachfrage verhinderte einen dramatisch negativen Wert. Hinzu kommt, dass die Inflation von inzwischen drei Prozent langsam, aber sicher Löcher in die Kaufkraft der privaten Haushalte frisst.
Blickt man auf Einzelposten, stellt sich die Lage in der deutschen Industrie weiterhin dramatisch dar: Im Falle der Automobilindustrie sieht es gar apokalyptisch aus. Die deutschen Autobauer mussten ein Auftragsminus von 12,5 Prozent zum Vormonat hinnehmen.
Freier Fall im Autoland Deutschland
Auslandsaufträge insgesamt fielen um 2,1 Prozent – Kunden außerhalb der Eurozone bestellten sogar 10,1 Prozent weniger Industriegüter. Hingegen stiegen die Inlandsaufträge um 9,1 Prozent im Vergleich zum Juni – ein weiterer Beleg für die These, dass es sich hierbei um die ersten höheren Wellenschläge des Schulden-Sondervermögens der Bundesregierung handeln dürfte. Friedrich Merz und sein Schuldenminister Lars Klingbeil führen uns ein in der Vergangenheit vielfach vorgeführtes und stets gescheitertes ökonomisches Experiment vor.
Einmal angekommen in der ideologischen Degrowth-Falle, steigt der Handlungsdruck im politischen Kessel immer weiter an. Im Zuge der Klimapolitik ziehen dunkle Wolken am Konjunkturhimmel auf, reflexartig setzt politische Rettungsarbeit ein. Friedrich Merz verordnet als Löschmittel für den ökonomischen Flächenbrand den eben beschriebenen schuldenfinanzierten Militär-Keynesianismus. Panzer, Drohnen und Haubitzen sollen, geht es nach dem Willen des Kanzlers, Spezialmaschinenbau, Kraftfahrzeuge, Werkzeugmaschinen und Industrieanlagen ersetzen.
Nur ökonomische Analphabeten werten schuldenfinanzierten Staatskonsum als wirtschaftliche Prosperität. Der Aufbau der Staatswirtschaft hat Konsequenzen. Deutschland wurde von einem ökonomischen Erosionsprozess erfasst. Die gesamte Industrieproduktion in Deutschland hat seit dem besten Jahr 2018 etwa 15 Prozent ihres Volumens eingebüßt – ein politischer Skandal, der bis auf den heutigen Tag in den einschlägigen Kreisen der Fachpresse, der Tagesmedien, aber auch der Politik mit Erfolg ignoriert wird, wenn nicht gar in das Reich der Fabeln böswilliger Oppositioneller gebannt wird.
Auch die boomenden Rüstungsbetriebe sollten sich nicht zu früh freuen: Denn der Pfad der boomenden Branche ist vorgezeichnet und er verweist auf dieselben Abgründe, auf die auch die zivile Industrie zusteuert. Die Nebel werden sich in dem Moment lichten, in dem der Subventionsstrom aufgrund der Wirtschaftskrise im Land versiegt. Dann wird der Abgrund sichtbar. Denn am toxischen Standort Deutschland mit seinen hohen Energiekosten, seiner Überregulierung und dem ungünstigen politischen Klima lohnen sich Industrieinvestitionen ganz einfach nicht mehr.
Auch das Strohfeuer des Militär-Keynesianismus der Marke Merz wird an diesem Befund nichts ändern.





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