Industrieaufträge im Plus: massiver Schub durch Rüstungsgüter

Die deutsche Industrie verzeichnete im Juli eine spürbare Aufhellung der Auftragslage. Blickt man hinter den Zahlenberg, enthüllt sich eine Zweiteilung der Ökonomie: Die Rüstung boomt, der zivile Sektor kommt unter die Räder.

IMAGO / Chris Emil Janßen

War dies die Wende im Sommer, eine Art Sommersonnen-Merzwende? Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen einen deutlichen Sprung der Auftragslage in der deutschen Industrie: Um 2,5 Prozent stieg das Auftragsvolumen der Betriebe über alle Sektoren hinweg im Juli zum Vormonat – der dritte Anstieg in Folge.

Das sind gute Zahlen für den Bundeskanzler, der vor den Landtagswahlen im Osten der Republik händeringend nach stützenden Argumenten für seinen politischen Kurs sucht. Die Wirtschaftsberichterstattung der vergangenen Woche war auffällig: Institute korrigieren ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr nach oben. Die LBBW beispielsweise rechnet für das laufende Jahr nun mit einem Wachstum von 0,7 Prozent, nach zuvor 0,5 Prozent.

VOR DER KABINETTSKLAUSUR
Merz sucht die Wirtschaft und findet doch nur die Rüstungslobby
Ein Wachstum von 0,7 Prozent – angesichts einer Staatsquote von offiziell 52,5 Prozent und einer Neuverschuldung von etwa 4 Prozent in diesem Jahr ist dies ein mickriger Wert. Er markiert keinen Wendepunkt. Die Zahl belegt lediglich, dass sich die Privatwirtschaft weiterhin auf Schrumpfungskurs befindet und wenigstens zwei bis drei Prozent an Substanz einbüßen wird. Wir erleben einen statistischen Effekt. Merz bläst einen schuldenfinanzierten ökonomischen Popanz auf, der die Frage aufwirft: Wie soll aus künstlich geschaffenem Kredit realwirtschaftliche Prosperität wachsen? Wäre die Welt so simpel, könnte sich die gesamte Menschheit mit einem schuldenfinanzierten keynesianischen Nachfrageprogramm von heute auf morgen in die ökonomische Stratosphäre katapultieren.

Doch die Realität entspricht leider nicht der Voodoo-Ökonomie längst verblasster Theorien. Kommen wir daher zurück aus der keynesianischen Traumwelt in die Welt der wahren Ökonomie. Vergleicht man den Auftragseingang mit der Lage im Vorjahr, könnte man den Eindruck gewinnen, den Gipfel der Hochkonjunktur erklommen zu haben: Um 13 Prozent überstieg der Auftragseingang im Juli den Vorjahreswert – ein Fabelwert, wie ihn die deutsche Wirtschaft möglicherweise zuletzt während der Wirtschaftswunderjahre sah. Der Juli-Wert sticht so markant heraus, dass die Investitionsnachfrage das gesamte Bruttoinlandsprodukt anschiebt und die dramatisch schlechten Werte der übrigen Wirtschaftssektoren überkompensiert.

Kurz zur Einordnung: Der Einzelhandelsumsatz lag im Juli real um 2,5 Prozent unter dem Vorjahreswert. Das Gastgewerbe gab beim Umsatz um über 5 Prozent real im Vorjahresvergleich nach. Unterm Strich stagnierte der Konsum im ersten Halbjahr, lediglich kreditfinanzierte Staatsnachfrage verhinderte einen dramatisch negativen Wert. Hinzu kommt, dass die Inflation von inzwischen drei Prozent langsam, aber sicher Löcher in die Kaufkraft der privaten Haushalte frisst.

Industrieproduktion steigt im Oktober
Kriegswirtschaft materialisiert sich in der Statistik
Doch der schöne Zahlenschein trügt. Alles steht und fällt mit den statistisch erfassten Großaufträgen. Blickt man in die Mechanik der Statistiker, so fällt vor allen Dingen ein Bereich ins Auge: der Sonstige Fahrzeugbau. In ihm finden sich vor allem die Aufträge für Rüstungsgüter wieder. Die Statistik spiegelt derzeit exklusiv die Entwicklung des Militärsektors wider, da die Privatwirtschaft nicht in Großprojekte investiert. Rechnet man diesen Bereich heraus, der um sagenhafte 126,4 Prozent im Vormonatsvergleich explodiert war, so sank der Auftragseingang der gesamten Industrie sogar um 1,4 Prozent im Juli. Das wäre dann wahrlich kein Grund zum Jubel, auch nicht für den Bundeskanzler, der sich auf der Suche nach medientaktischen Brosamen irgendwo im Osten auf seiner Wahlkampftour verlaufen zu haben scheint.

Blickt man auf Einzelposten, stellt sich die Lage in der deutschen Industrie weiterhin dramatisch dar: Im Falle der Automobilindustrie sieht es gar apokalyptisch aus. Die deutschen Autobauer mussten ein Auftragsminus von 12,5 Prozent zum Vormonat hinnehmen.

Freier Fall im Autoland Deutschland

Auslandsaufträge insgesamt fielen um 2,1 Prozent – Kunden außerhalb der Eurozone bestellten sogar 10,1 Prozent weniger Industriegüter. Hingegen stiegen die Inlandsaufträge um 9,1 Prozent im Vergleich zum Juni – ein weiterer Beleg für die These, dass es sich hierbei um die ersten höheren Wellenschläge des Schulden-Sondervermögens der Bundesregierung handeln dürfte. Friedrich Merz und sein Schuldenminister Lars Klingbeil führen uns ein in der Vergangenheit vielfach vorgeführtes und stets gescheitertes ökonomisches Experiment vor.

Einmal angekommen in der ideologischen Degrowth-Falle, steigt der Handlungsdruck im politischen Kessel immer weiter an. Im Zuge der Klimapolitik ziehen dunkle Wolken am Konjunkturhimmel auf, reflexartig setzt politische Rettungsarbeit ein. Friedrich Merz verordnet als Löschmittel für den ökonomischen Flächenbrand den eben beschriebenen schuldenfinanzierten Militär-Keynesianismus. Panzer, Drohnen und Haubitzen sollen, geht es nach dem Willen des Kanzlers, Spezialmaschinenbau, Kraftfahrzeuge, Werkzeugmaschinen und Industrieanlagen ersetzen.

Von 82,7 Mrd. 2026 auf 153,9 Mrd. 2028 rüsten
Schulden statt Reformen – Panzer statt Autos
Willkommen im ökonomischen Militärjoch des Etatisten Merz. Doch wie jeder Interventionismus wird auch diese Politik nichts anderes hinterlassen als neue Schuldenberge, wenn nicht gar ein Schuldenhimalaya. Und wie zur Bestätigung meldeten die Statistiker zu Wochenbeginn einen Anstieg der Neuverschuldung Deutschlands von 35 auf 71 Milliarden Euro im ersten Halbjahr. Korrekt kalkuliert und erweitert um kommunale Schulden sowie das Sondervermögen, das erst in der zweiten Jahreshälfte zahlungswirksam wird, werden die Schulden in diesem Jahr um mindestens 180 Milliarden Euro steigen. Das entspricht einer Neuverschuldung von über 4 Prozent des BIP. Wir stehen vor der fatalen Hinterlassenschaft des Schuldenkönigs Merz, der die Kreditwürdigkeit seines Landes zur Verfolgung seiner persönlichen politischen Ziele geopfert hat.

Nur ökonomische Analphabeten werten schuldenfinanzierten Staatskonsum als wirtschaftliche Prosperität. Der Aufbau der Staatswirtschaft hat Konsequenzen. Deutschland wurde von einem ökonomischen Erosionsprozess erfasst. Die gesamte Industrieproduktion in Deutschland hat seit dem besten Jahr 2018 etwa 15 Prozent ihres Volumens eingebüßt – ein politischer Skandal, der bis auf den heutigen Tag in den einschlägigen Kreisen der Fachpresse, der Tagesmedien, aber auch der Politik mit Erfolg ignoriert wird, wenn nicht gar in das Reich der Fabeln böswilliger Oppositioneller gebannt wird.

Auch die boomenden Rüstungsbetriebe sollten sich nicht zu früh freuen: Denn der Pfad der boomenden Branche ist vorgezeichnet und er verweist auf dieselben Abgründe, auf die auch die zivile Industrie zusteuert. Die Nebel werden sich in dem Moment lichten, in dem der Subventionsstrom aufgrund der Wirtschaftskrise im Land versiegt. Dann wird der Abgrund sichtbar. Denn am toxischen Standort Deutschland mit seinen hohen Energiekosten, seiner Überregulierung und dem ungünstigen politischen Klima lohnen sich Industrieinvestitionen ganz einfach nicht mehr.

Auch das Strohfeuer des Militär-Keynesianismus der Marke Merz wird an diesem Befund nichts ändern.

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