Alles beim Alten in Deutschland: Die IG Metall fordert einen kräftigen Schluck aus der Lohnpulle. Gesamtmetall sieht Hunderttausende Jobs in Gefahr und warnt vor einer ungebremsten Deindustrialisierung. Das Land taumelt wie in Trance durch seine Dauerrezession.
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Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall zählt zu einer beinahe ausgestorbenen Art. Die Führungsspitze um Hauptgeschäftsführer Oliver Zander stellt sich nämlich regelmäßig öffentlich der Realität der deutschen Wirtschaft, prangert politische Fehlentscheidungen an und nimmt bei der Beschreibung der Lage in der eigenen Branche kein Blatt vor den Mund.
Und tatsächlich: In zahlreichen Betrieben des Maschinenbaus, der Automobilindustrie und der Elektrotechnik ist ein regelrechter Existenzkampf ausgebrochen. Hunderttausende Arbeitsplätze stehen allein in der deutschen Metall- und Elektroindustrie in diesen Wochen auf dem Spiel. Davor warnte Zander am Mittwoch in der Bild-Zeitung. Er bezifferte die Zahl der bedrohten Arbeitsplätze in der Branche auf 300.000 und warnte vor der persistenten Unterauslastung der Betriebe.
Sinkt die Beschäftigung von derzeit rund 3,7 auf dann nur noch 3,4 Millionen in diesem Segment der Industrie, wäre das der niedrigste Stand seit der Wiedervereinigung 1990. Eine alarmierende Zahl, zumal es sich um Arbeitsplätze in einem der Kernsektoren der deutschen Wirtschaft mit besonderer Wertschöpfungstiefe handelt. Mit jedem verlorenen Industriearbeitsplatz gehen Wissen, Kaufkraft, Steuereinnahmen und Beschäftigung in den Zuliefererketten verloren.
Seit 2019, dem Höhepunkt der deutschen Industrieproduktion, wurden bereits 350.000 Stellen in den unterschiedlichen Segmenten der von Gesamtmetall vertretenen Branchen abgebaut – ein hoher Preis, den die Menschen im Land für das politische Projekt der Dekarbonisierung bezahlen.
Die einseitige Belastung europäischer und deutscher Industriebetriebe durch Klimaregulierung und CO2-Kosten sowie – im deutschen Falle – ein seltsamer Energie-Narzissmus enthüllen die ökonomischen Folgen dieser Politik nun auch am Arbeitsmarkt. Eine halbe Million Jobs in der Industrie wurden seit 2019 in Summe gestrichen. Derweil wuchs der Staatsapparat, gleich einem zweiten Arbeitsmarkt, ungebremst: Seit 2008 stieg die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst von rund 4,5 auf 5,5 Millionen – ein Zuwachs von rund einer Million Stellen.
Dieser überteuerte Verwaltungsapparat beschleunigt den Niedergang – expansiver Bürokratismus, so könnte man die deutsche Verwaltungskrankheit nennen. Die Bundesbank schätzt, dass die deutsche Wirtschaft etwa 7 Prozent ihrer Umsätze zur Bewältigung des Bürokratieaufwands verbrennt. Eine groteske Ziffer, die sich auch in der europäischen Klimaregulierung widerspiegelt: Es ist ein regelrechter Überbietungswettbewerb der Regulierer entbrannt. Dabei tragen die Hauptlast vor allem energieintensive Betriebe – jene Bereiche, in denen Deutschland einst den Weltmarkt dominierte.
Während EU-Regulierung und Energiekosten die europäischen Industriestandorte massiv unter Druck setzen, haben deutsche Medien den Schuldigen für das Desaster bereits ausgemacht: die chinesische Exportwirtschaft. Pars pro toto fragte die Zeit am Mittwoch, ob die deutsche Deindustrialisierung angesichts der chinesischen Dominanz noch zu stoppen sei.
Selbstverständlich: Schuld sind immer die anderen. Es kann ja nicht an deutschem Bürokratismus und manischer Klimafixierung liegen! Den Medien ist es gelungen, Subventionen, Abgaben und Regulierung als die natürlichste Politik der Welt zu verklären.
Dabei steht außer Frage, dass Peking seine Exportwirtschaft als Ventil für innenpolitische Probleme nutzt. Doch sollte man aus sachlichen Erwägungen niemals so weit gehen, die deutsche Deindustrialisierung chinesischen Exportsubventionen und einem manipulierten Yuan zuzuschreiben. Ganz im Gegenteil: Die Flucht deutscher Unternehmen, der Verlust gut ausgebildeter Fachkräfte sowie der Abstrom von Kapital ist hausgemacht.
Doch es sind nicht nur die hohen Energiekosten und die Überregulierung, die die Betriebe strangulieren. In Deutschland sind in den letzten Jahren auch die Arbeitskosten aus dem Ruder gelaufen. Die IG Metall fordert für die rund 3,7 Millionen Beschäftigten der Branche fünf Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von zwölf Monaten; Gesamtmetall bietet 1,3 Prozent, was wohl eher der tatsächlichen Lage der Wirtschaft entsprechen dürfte. Deutsche Gewerkschaften tragen noch immer Tarifkonflikte einer längst verblichenen Zeit aus. Es gibt sie schlicht nicht mehr, die Produktivitäts- und Prosperitätsschübe, die eine offensive Verteilungspolitik der Arbeitnehmervertreter rechtfertigen würden.
Was hat diese Steigerung gerechtfertigt? Die Produktivität legte im selben Zeitraum lediglich um 17 Prozent zu und ist inzwischen zum Erliegen gekommen. Ein Blick auf die Lohnstückkosten, die um 20 Prozent stiegen, verrät, dass Deutschland ein überteuerter Standort geworden ist, dessen Kosten schneller wachsen als seine Wertschöpfung. Die Arbeitskosten betragen hierzulande inzwischen 55 Dollar je Stunde. In den USA liegen sie bei 46 und in China bei etwa 14 Dollar. Setzt man das deutsche Kostenpuzzle zusammen, wird klar, weshalb Audi, BMW, BASF und Co. das Weite suchen: Deutschland ist nicht nur einer der teuersten Industriestandorte der Welt. Es ist auch politisch und gesellschaftlich nicht mehr bereit, wenigstens an einer der drei genannten Stellschrauben so zu drehen, dass sich die Wettbewerbsposition der Wirtschaft verbessern würde.
Deutschland steuert im Modus des Autopiloten auf eine ökonomische Katastrophe zu – und bezeichnet dies selbst als sozial gerechte Dekarbonisierung.





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