Wendung, Welle, Wirren

Kleinanleger, die sich im Internetforum Reddit absprechen, sorgten in der letzten Woche wieder einmal für Kursturbulenzen.

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Neben dem US-Videospiele­händler Gamestop war die US-Kinokette AMC Entertainment bereits zu Jahresbeginn in ihren Fokus geraten. Die Kleinanleger wollen Investoren nervös machen, die mit Short-Wetten auf den Kursverfall der Aktien von angeschlagenen Unternehmen setzen. AMC war vom Corona-Lockdown belastet. Mit den Lockerungen hellen sich die Perspektiven zwar wieder etwas auf, das Unternehmen ist aber hoch verschuldet. In Unterlagen des Managements für die US-Finanzaufsicht heißt es klar, die aktuelle Marktkapitalisierung habe mit der Situation oder Aussichten des Unternehmens nichts zu tun. Binnen weniger Tage hatte sich der AMC-Kurs bis zum vergangenen Freitag etwa verdreifacht. Für eine fast filmreife Wendung sorgte am Dienstag die Nachricht, dass die Kinokette neue Aktien für 230 Millionen Dollar an Mudrick Capital Management verkauft habe — mit einem vierprozentigen Aufschlag zum Freitagskurs. Die Meldung trieb die Notierung weiter in die Höhe. Dann ein weiterer Plot Twist: Bloomberg berichtete wenig später, Mudrick habe sich — mit Gewinn — schon wieder von den AMC-­Papieren getrennt. Bei der Investmentfirma sei man zum Schluss gekommen, dass die Kinokette bei den aktuellen Kursen überbewertet sei. Vielleicht haben ja die Reddit-Trader zugegriffen.

Das normale Börsengeschehen war weniger turbulent. Die wichtigsten US-Aktienindizes gingen am Freitag höher aus dem Handel. Der eine Stunde vor der Eröffnung veröffentlichte Arbeitsmarktbericht habe die bestehenden Inflationssorgen nicht verstärkt, sagten Experten. Zwar waren die durchschnittlichen Stundenlöhne im Mai stärker gestiegen als erwartet. Allerdings wurden weniger neue Stellen geschaffen als von Volkswirten vorhergesagt.

Laut der Helaba dürfte die Diskussion über eine straffere Geldpolitik dadurch keinen neuen Schub erhalten. Das Ergebnis enttäusche auch vor dem Hintergrund, dass der Bericht des privaten Dienstleisters ADP am Donnerstag auf eine deutlich größere Beschäftigung hingewiesen hatte. „Noch immer ist die Fed ein gutes Stück von der Zielerreichung entfernt und eine unmittelbare Straffung der geldpolitischen Zügel wird es nicht geben“, sagten die Experten.

Der Dow Jones Industrial gewann 0,5 Prozent auf 34.756 Punkte. Auch Wochensicht legte er damit um 0,7 Prozent zu. Der marktbreite S&P 500 stieg am Freitag um 0,9 Prozent auf 4.230 Zähler. Der technologielastige NASDAQ 100 legte sogar um 1,8 Prozent auf 13.771 Zähler zu.

Auf Unternehmensseite zeigten sich Halbleiterwerte besonders stark. So legten Broadcom um gut zwei Prozent zu. Das Unternehmen hatte im zweiten Quartal besser abgeschnitten als Experten erwartet hatten. Zudem sieht Broadcom nun optimistischer nach vorn.

Die Aktien von Facebook und der Google-Mutter Alphabet reagierten gelassen auf europäische Muskelspiele. So hatte die EU-Kommission eine förmliche Untersuchung gegen Facebook wegen des Verdachts auf Wettbewerbsverstöße beim Kleinanzeigendienst „Facebook Marketplace“ gestartet. Das Bundeskartellamt weitete zudem sein Verfahren gegen Google aus. Facebook legten um gut ein Prozent und Alphabet um knapp zwei Prozent zu.

Der DAX hatte sich zuvor bereits stärker gezeigt. Der Leitindex schloss 0,4 Prozent im Plus bei 15.693 Punkten. Auf dem Parkett stand Auto1 m Fokus. Der Online-Gebrauchswagenhändler stieg in den Nebenwerte-Index MDAX auf. Die Aktie konnte um 2,7 Prozent zulegen. Der Chipzulieferer Siltronic musste hingegen aus dem MDax weichen. Im SDAX musste der Autozulieferer Leoni seinen Platz für den Softwareentwickler Nagarro räumen.

Die Zahl der Privatpleiten in Deutschland ist im ersten Quartal massiv gestiegen. Der Wirtschaftsauskunftei Crifbürgel zufolge gab es 31. 821 Privat­insolvenzen, das sind 56,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Nach zehn Jahren mit sinkenden Fallzahlen erwartet man bei Crifbürgel im Gesamtjahr 2021 eine Verdopplung gegenüber 2020 und bis zu 110 .000 private Insolvenzen. Der Anstieg zu Jahresbeginn wird auf eine Gesetzesreform zurückgeführt, die viele Betroffene abgewartet hätten. Verbraucher können nun nach drei statt wie bisher sechs Jahren von den Restschulden befreit werden. Die von der Corona-Pandemie verursachte Insolvenzwelle wird nach Einschätzung der Wirtschaftsauskunftei wohl ab dem zweiten Halbjahr einsetzen und bis ins nächste Jahr hineinreichen. Die Folgen der Krise seien nicht nur für Beschäftigte im Niedriglohnbereich existenzbedrohend, sondern auch im mittleren Einkommensbereich, etwa infolge von Kurzarbeit, spürbar. Zudem könne höhere Arbeitslosigkeit zu mehr Privatinsolvenzen führen. Vielen Menschen bleibe weniger Geld, um Verpflichtungen nachzukommen. Auf Dauer führe weniger Einkommen erst in die Überschuldung, dann in die Privatinsolvenz.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat in einem TV-Interview eine Zinssenkung der Zentralbank gefordert. Die Lira war danach so wenig wert wie noch nie — zeitweise mussten 10,75 Lira für einen Euro gezahlt werden. Die Devise steht seit Monaten unter Druck. Erdogan sorgt mit Personalwechseln an der Notenbankspitze für Unruhe. Er vertritt die Ansicht, dass man die hohe Inflation im Land mit sinkenden Zinsen bekämpfen könne. Die gängige Meinung von Ökonomen ist genau umgekehrt.

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