DAX in stabiler Seitenlage

Die Aufwärtsbewegung an den Börsen hält an. Die großen US-Indizes markierten in den vergangenen Tagen allesamt neue Allzeithochs. Auch dem DAX gelang zeitweise erstmals ein Klimmzug knapp über die Marke von 16 100 Punkten.

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Positive Impulse kommen von der laufenden Bilanzsaison im DAX; die guten Ergebnisse des Chipherstellers Infineon reihen sich hier ein. Der Spezialist profitiert nach wie vor von Engpässen bei Chips. Viele Unternehmen leiden allerdings unter den Knappheiten und Lieferproblemen, so etwa der Sportartikelhersteller Adidas, der im dritten Quartal einen Gewinneinbruch verbuchte. Gegenwind bringen auch steigende Corona-Infektions-Zahlen, die die konjunkturelle Erholung bedrohen. Mit Sorge blicken Börsianer auch auf die jüngsten Inflationsdaten: In Deutschland betrug die Teuerung im Oktober 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, ein 28-Jahres-Hoch. Sogar einen 30-Jahres-Rekord verzeichneten die USA, die Preissteigerungsrate im Oktober lag annualisiert bei 6,2 Prozent.
Nachdem die Reaktion der Börsianer zunächst abwartend war und es an drei Handelstagen abwärts ging, hat der US-Leitindex Dow Jones Industrial am Freitag einen Teil seiner jüngsten Verluste wieder wettgemacht. Der Fokus der Anleger ist vom Thema Inflation abgerückt, und es herrscht nun wieder mehr Optimismus.

Der Dow ging 0,5 Prozent höher bei 36.100 Punkten aus dem Handel. Auf Wochensicht verlor er damit 0,6 Prozent. Das am Montag erreichte Rekordhoch bei knapp unter 36.566 Zählern bleibt damit in Reichweite.

Die anderen bedeutenden New Yorker Indizes zeigten sich am Freitag noch etwas schwungvoller: Der marktbreite S&P 500 rückte um 0,7 Prozent auf 4.683 Punkte vor. Der technologielastige NASDAQ 100 toppte dies mit einem Anstieg um etwas mehr als ein Prozent auf 16.200 Zähler.

Die weitgehend positiv verlaufene Berichtssaison geht allmählich zu Ende und stützt nach wie vor die Börsen, auch wenn die hohe Inflation verunsichert. Jede Veröffentlichung von Teuerungsraten, die über den Erwartungen liege, könnte an Aktien- und Anleihemärkten zu größeren Ausschlägen führen, konstatierte Chefanlagestratege Mark Haefele von UBS Global Wealth Management. Noch aber sei das Thema nicht stark genug, um die Rally am Aktienmarkt zu beenden.

Allerdings belasten die Inflationsängste mittlerweile das Konsumklima in den USA, wie der von der Universität Michigan erhobene Index an diesem Freitag verdeutlichte. Er fiel im November auf den tiefsten Stand seit zehn Jahren.

Unter den Einzelwerten im Dow gehörten die Aktien von Johnson & Johnson mit einem Plus von 1,2 Prozent zu den Gewinnern. Der Konzern will sich in zwei börsennotierte Unternehmen aufspalten. Dazu soll die Konsumgütersparte in den kommenden 18 bis 24 Monaten abgetrennt werden, wie Konzernchef Alex Gorsky dem „Wall Street Journal“ sagte. Die andere Sparte soll dann der weitaus größere Pharmabereich mit rezeptpflichtigen Medikamenten und Medizintechnik sein.

Walt Disney litten dagegen weiter unter den am Mittwoch vorgelegten Zahlen zum vierten Geschäftsquartal, in dem vor allem das wichtige Streaming-Geschäft enttäuscht hatte. Die Aktien büßten als Dow-Schlusslicht weitere 1,5 Prozent ein, hielten sich dabei aber knapp über ihrem Vortagstief.

Für Tesla ging es an der Nasdaq um 2,8 Prozent auf rund 1.033 Dollar abwärts. Der Kurs entfernte sich damit erneut vom Rekordhoch bei 1.243 Dollar aus der Vorwoche. Tesla-Chef Elon Musk hatte nach einer Aufsehen erregenden Twitter-Abstimmung in den vergangenen Tagen weitere Aktien des E-Auto-Pioniers verkauft. Seit Wochenbeginn summiert sich deren Wert auf rund 5,7 Milliarden US-Dollar. Insgesamt ist das Unternehmen an der Börse mehr als eine Billion Dollar wert.

Neben Tesla stand auch dessen kleinerer Konkurrent Rivian im Fokus. Die Papiere legten an ihrem erst dritten Tag an der Börse weiter kräftig zu. Zuletzt ging es um 5,7 Prozent auf knapp 130 Dollar hoch. Verglichen mit dem Ausgabepreis von 78 Dollar haben sie damit schon zwei Drittel zugelegt. Der Konzern bringt in Dollar gemessen schon mehr auf die Börsenwaage als der deutsche Autobauer Daimler. Und dabei macht Rivian bislang noch keinen nennenswerten Umsatz und schreibt rote Zahlen.

Der DAX hatte sich zuvor wenig bewegt. Er präsentiert sich seit Tagen in stabiler Seitenlage. Der Leitindex schloss 0,1 Prozent im Plus bei 16.094 Punkten.

Nach moderaten Gewinnen bereits am Vortag kletterte der Leitindex zum Wochenschluss im Tagesverlauf auf ein weiteres Rekordhoch.

„Die Berichtssaison bestätigt den Märkten, dass das zugrunde liegende Wachstum und die Nachfrage nach wie vor sehr stark sind, obwohl Unternehmen über Angebotsprobleme und Margendruck sprechen“, sagte Seema Shah, Chefstratege beim Investmenthaus Principal Global Investors. „Aber sie werden wahrscheinlich einen Punkt erreichen, an dem die Renditen geringer werden und sie mehr Volatilität sehen – die Anleger müssen diese Anpassung in ihren Köpfen vornehmen.“

Auf Unternehmensseite stand die Deutsche Telekom im Fokus der Anleger. Der DAX-Konzern öffnete seine Bücher. Das Geschäft hierzulande und in den USA brummt. Die Bonner hoben deshalb zum dritten Mal in diesem Jahr die Prognose für das operative Ergebnis an. Bereits am Donnerstag Abend hatten sie bekannt gegeben, die Dividende stärker als erwartet anheben zu wollen.

Nach geglückter Corona-Rettung hat die Lufthansa die direkten deutschen Staatshilfen zurückgezahlt. Die beiden stillen Einlagen des staatlichen Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) wurden mit Zinsen abgelöst und gekündigt, wie das Unternehmen am Freitag in Frankfurt berichtete. Bereits im Februar hatte der MDax-Konzern einen Kredit über eine Milliarde Euro der staatlichen KfW-Bank getilgt. Der WSF bleibt aber vorerst mit gut 14 Prozent größter Anteilseigner des Konzerns.

Die Marken des Volkswagen-Konzerns haben auch im Oktober insgesamt deutlich weniger Fahrzeuge verkaufen können als vor einem Jahr. Nach Angaben der Wolfsburger vom Freitag gingen die Auslieferungen verglichen mit demselben Monat 2020 um gut ein Drittel (33,5 Prozent) auf weltweit 600.900 Stück zurück. Damit setzte sich der Negativtrend eines vor allem wegen der Chip-Lieferkrise schwächeren Geschäfts fort. Betrachtet man den ganzen Zeitraum seit Anfang dieses Jahres, liegt Europas größte Autogruppe mit einem leichten Zuwachs von zwei Prozent immerhin noch knapp im Plus.

Die Inflation rund um den Globus legt aufgrund von Lieferkettenproblemen und Energiepreissprüngen weiter zu. In den USA etwa ist die Teuerung so stark gestiegen wie seit 30 Jahren nicht mehr. Selbst wenn die Dynamik nachlässt, könnten die Realzinsen 2022 auf den niedrigsten Stand seit 50 Jahren fallen. Denn die Differenz zwischen Nominalzins und Teuerung könnte in Deutschland bei minus 4,6 Prozent, in den USA bei minus fünf und in Großbritannien bei minus drei Prozent liegen. Als einziges Wirtschaftsschwergewicht könnte China positive Realzinsen verzeichnen. Profiteure dieser außergewöhnlichen Situation sind unter anderem hoch verschuldete Staaten, deren Kreditaufnahme günstig bleibt und deren Verbindlichkeiten real an Wert verlieren.

Manchmal fragt man sich, ob es sich um Effekte der Regulierung oder des Zeitgeistes handelt. Permanent wird jedenfalls auch an der Börse über Thema Nachhaltigkeit geredet, das durch den Klimagipfel in Glasgow gerade viel Aufmerksamkeit erhalten hat. Dabei bestehen nach wie vor viele Vorurteile. Etwa dass europäische Anleger viel grüner investieren würden als die US-Amerikaner. Eine Studie des Investmenthauses Natixis Investment Managers unter 8550 Privatanlegern in 24 Ländern räumt mit diesem Mythos auf. So finden die meisten nachhaltigen Privatinvestments in den USA statt. Dort gaben 28 Prozent der Privatanleger an, in ESG-Produkten (ökologisch, sozial, gute Unternehmensführung) investiert zu sein. In Europa liegt dieser Anteil gleichauf mit Asien bei 22 Prozent. Weitere überraschende Erkenntnisse der Studie: ESG ist längst keine Domäne der Jungen mehr, die Älteren haben deutlich aufgeholt. Eine weitere Studie bestätigt die Annahme, dass eine aktive ESG-Politik bei den Vermögensverwaltern zunehmend an Be-deutung gewinnt. Dies zeigt eine ESG-Umfrage von Russell Investments unter 369 Vermögensverwaltern weltweit, die ein Vermögen von 79,6 Billionen US-Dollar managen. Neun von zehn der Befragten gaben an, dass sie ESG-Aspekte in Gesprächen mit dem Management von Portfoliounternehmen ansprechen. Damit hat sich dieser Wert in den vergangenen vier Jahren um zehn Prozentpunkte erhöht.

Noch in den Jahren 2019 und 2020 sorgten diejenigen Unternehmen für Schlagzeilen, deren Bewertung die Eine-Billion-US-Dollar-Marke geknackt hatte. Doch diese Benchmark gehört angesichts der jüngsten Börsenrally der Vergangenheit an. Heute zählt zur neuen Elite, wer es zu einem Unternehmenswert von zwei Billionen US–Dollargebracht hat. Nach Kursgewinnen in dieser Woche gehört nun die Google-Mutter Alphabet zum erlauchten Kreis. Weitere Topmitglieder sind Apple, Microsoft und Saudi Aramco. Der saudische Ölgigant ist auch der einzige Konzern aus dem Quartett, der nicht der Technologiebranche angehört.


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Kommentare ( 2 )

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Hansi
16 Tage her

Die Leute suchen verzweifelt, angesichts der Nullzinspolitik, Anlageformen, die Ertrag erzeugen. Ob das sinnvoll ist, sei dahingestellt. Ich empfehle aber allen, sich mal über den „Schwarzen Freitag“ vor ca. 100 Jahren zu informieren. Schadet sicher nicht. „In den 1920er Jahren blühte der US-amerikanische Börsenmarkt. Viele Menschen legten zunehmend Geld in Aktien an und nahmen dafür bei Banken Kredite auf. Aufgrund der hohen und unkontrollierten Investitionen kam es folglich zu einer Spekulationsblase. Als der Aktienindex Dow Jones im Oktober 1929 nur noch langsam anwuchs, wurden viele Anleger auf einmal panisch und verkauften ihre Aktien. Es kam zu einem Börsencrash, der aufgrund des Datums am… Mehr

Alexis de Tocqueville
15 Tage her
Antworten an  Hansi

Darum freut sich auch niemand drüber, nicht mal diejenigen, die wie wir libertären Typen (Dr. Krall, Ich) den Crash und die folgende Depression als notwendige Katharsis betrachten. Und die progressiven Gelddrucker kennen die Geschichte von 1929 auch. Genau deshalb wird niemand dem Markt jetzt abrupt Liquidität entziehen, dann lieber 5% oder 10% oder sogar 15% Inflation… Diese ganze Zinsängste und Tapering Panik ist Kokolores. Passiert nicht. Jeder Schritt der FED wird maximal homöopathisch sein. Und die EZB-Spinner haben gar keinen Bewegungsspielraum. Die können nur noch Geld drucken bis der Euro zusammenbricht,und hoffen, dass es erst nach ihrer Amtzszeit passiert. Es… Mehr