Börsenwoche: Positive Halbjahresbilanz, Frankreich-Wahlen belasten

Die vorgezogenen Neuwahlen für das französische Parlament an diesem Sonntag könnten erhebliche Auswirkungen auf die Euro-Zone haben.

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Präsident Emmanuel Macron hatte nach der Niederlage seiner Partei und dem klaren Sieg des rechten Rassemblement national bei den Europawahlen vom 9. Juni überraschend die Assemblée nationale aufgelöst und Neuwahlen für das letzte Juniwochenende angekündigt. Das mögliche Ergebnis, nämlich ein neuer Premierminister vom rechten oder linken Rand, könnte die Währungsunion durchaus unter Druck setzen. Denn solange es keine gemeinschaftliche Fiskalpolitik gibt, müssen die Mitglieder miteinander kooperieren. Wunsch und Wille zur Kooperation dürften aber in der Zukunft eher ab- als zunehmen; denn die politischen Gruppierungen an den Rändern, ob nun links oder rechts, wehren sich meist noch stärker gegen die Defizitkriterien der Maastricht-Verträge.

Der Aufwind hat die politischen Ränder zu einem Zeitpunkt erfasst, in dem das Erreichen der Maastricht-Kriterien für viele Mitglieder fast unmöglich erscheint. Nicht umsonst leitete die EU-Kommission vor einigen Tagen sogenannte Defizitverfahren gegen Frankreich, Italien und weitere fünf Euro-Zonen-Mitglieder ein. Das ist eine sehr schwache Basis für die bisherigen Wahlversprechen der äussersten Rechten und Linken in Frankreich, etwa die Rücknahme von Macrons Rentenreform.
An den Finanzmärkten werden die Wahlen deshalb genau beobachtet, die Risikoaufschläge für französische Staatsanleihen gegenüber deutschen sind bereits in die Höhe geschossen. Bei einem entsprechenden Ergebnis der französischen Wahlen – die Stichwahlen finden in zwei Wochen statt – könnte „das Endspiel um den Erhalt des Euro beginnen“, unkt bereits die „Neue Zürcher Zeitung“.

Die französischen Wahlen interessieren in den USA derweil nur mäßig. Die Wall Street stand am Freitag ganz unter dem Eindruck des ersten Fernsehduells zwischen Präsident Jörg Biden und seinem voraussichtlichen Herausforderer und Vorgänger Donald Trump vom Vorabend, das auch nach Ansicht der demokratischen Parteigänger mit großer Klarheit von Trump gewonnen worden war. Nach anfänglichen Kursgewinnen verlor der Dow Jones Industrial am Ende gut 0,1 Prozent auf 39.119 Punkte. Auf Wochensicht bedeutet das ein Minus in ähnlicher Größenordnung. Die Monatsbilanz weist einen Gewinn von gut einem Prozent aus, seit Jahresanfang gerechnet hat das Börsenbarometer um knapp vier Prozent angezogen.

Für den marktbreiten S&P 500 ging es am Freitag um 0,4 Prozent auf 5.460 Punkte nach unten. Zuvor hatte er noch ein Rekordhoch erreicht. Die Technologie-Indizes Nasdaq 100 und Nasdaq Composite die zunächst noch erstmals die Marken von 20 000 beziehungsweise 18 000 Punkten geknackt hatten, gerieten im Verlauf ebenfalls unter Druck. So notierte der Nasdaq 100 am Ende gut 0,5 Prozent tiefer bei 19.683 Punkten.
Anfangs hatten noch unter anderem erfreuliche Konjunkturdaten und beruhigende Nachrichten von der Inflation für gute Stimmung gesorgt. Die TV-Debatte erhöhte aus Sicht der Anleger die Wahrscheinlichkeit eines Wahlsiegs von Trump. Diese schichteten daher ihre Anlagen entsprechend um. Während Titel von privat betriebenen Gefängnissen, Kreditkartenunternehmen und Krankenversicherungen stiegen, gaben Aktien von Unternehmen aus den Bereichen Alternative Energien und Cannabis nach.

Mit Blick auf Einzelwerte stand der Sportwarenhersteller Nike im Fokus. Durchwachsene Quartalszahlen und vor allem ein enttäuschender Ausblick auf das neue Geschäftsjahr ließen die Aktien als klares Schlusslicht im Dow um knapp ein Fünftel absacken. Ähnlich herbe Verluste hatten die Papiere zuletzt 2001 erlitten. Andere Branchenvertreter konnten sich dem Negativsog am Freitag meist nicht entziehen.. Dagegen sprangen die Aktien von Infinera dank einer Kaufofferte um knapp 16 Prozent auf gut sechs Dollar hoch. Der finnische Netzwerkausrüster Nokia will seinen US-Branchenkollegen übernehmen und bietet dessen Aktionären 6,65 Dollar je Anteilschein in bar oder knapp zwei Nokia-Aktien.

Am New Yorker Devisenmarkt kostete der Euro zuletzt 1,0701 US-Dollar. US-Staatsanleihen gaben nach. Die Rendite zehnjähriger Staatspapiere stieg auf 4,39 Prozent.

Der Dax hatte zuvor eine durchwachsene Woche mit Gewinnen beendet. Die Kaufbereitschaft hielt sich aber in Grenzen: Zum Handelsschluss notierte der deutsche Leitindex gut 0,1 Prozent höher bei 18.235 Punkten, nachdem er einmal mehr an der Widerstandszone bei 18.350 Punkten gescheitert war. Der Unterstützung durch die moderat freundlichen US-Märkte stand die Unsicherheit vor der ersten Runde der französischen Parlamentswahlen gegenüber.

Auf Wochensicht verzeichnete der Dax einen Gewinn von 0,4 Prozent, wogegen die Bilanz für den Juni negativ ausfiel. Seit Jahresbeginn steht allerdings ein Kursanstieg von knapp neun Prozent zu Buche. Dieser verdankt sich dem starken Auftaktquartal – diesem folgte im zweiten Quartal trotz zeitweiliger Rekorde ein Rückgang um 1,4 Prozent. Wie es weitergehen wird, ist laut Analyst Konstantin Oldenburger vom Broker CMC Markets ungewiss. Üblicherweise drohe nun ein Sommerloch, doch in US-Wahljahren seien Kursrallys auch in dieser Jahreszeit durchaus üblich, betonte der Experte. Der MDax der mittelgroßen Börsenunternehmen schloss am Freitag 0,8 Prozent tiefer mit 25.176 Punkten. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx verabschiedete sich 0,2 Prozent schwächer ins Wochenende.

Eine Stütze für den Dax waren am Freitag die Kursgewinne der Autobauer. Die Aktien von Mercedes-Benz stachen mit einem Anstieg um 1,8 Prozent heraus. In einer Telefonkonferenz hätten die Stuttgarter weiter Zuversicht für die Margenambitionen der Kernmarke Mercedes signalisiert, merkte Analyst Philippe Houchois von Jefferies Research positiv an. Hinzu kam die anhaltende Hoffnung, dass der Streit zwischen der EU und China um Importzölle auf E-Autos nicht weiter hochkocht.

Adidas und Puma standen nach einem enttäuschenden Ausblick von Nike im Mittelpunkt. Während der US-Kontrahent im neuen Geschäftsjahr einen Umsatzrückgang erwartet, blieben die Adidas-Anleger entspannt. Es setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Probleme bei den Amerikanern hauptsächlich hausgemacht sind. Während die Adidas-Titel marktkonforme 0,2 Prozent gewannen, ging es für Puma im MDax um 2,6 Prozent nach unten.

Mit einem ähnlichen Kursminus zählte der Essenslieferdienst Delivery Hero ebenfalls zu den größten MDax-Verlierern. Für Unsicherheit sorgte dort der vorgezogene Abschied des bisherigen Finanzchefs Emmanuel Thomassin. Die Aktien von Teamviewer sackten um 6 Prozent ab, nachdem der Spezialist für Fernwartungslösungen Opfer eine Cyberattacke geworden war.

Schwer unter Druck gerieten auch die im SDax gelisteten Papiere der Deutschen Beteiligungs AG . Sie büßten nach der Ausgabe einer Wandelanleihe 6,5 Prozent ein. Mit der Maßnahme könnte den Anlegern eine Gewinnverwässerung drohen. Besser schlugen sich die 3,9 Prozent höheren Aktien von Deutz . Der Motorenbauer hatte am Donnerstag nach Xetra-Schluss die Übernahme des-Unternehmens Blue Star Power Systems angekündigt. Warburg-Analyst Stefan Augustin wertete die Expansion im Bereich der Stromerzeugungsaggregate positiv.

Der Euro kostete zuletzt 1,0711 US-Dollar. Die Europäische Zentralbank hatte den Referenzkurs davor auf 1,0705 (Donnerstag: 1,0696) US-Dollar festgesetzt.

Am Rentenmarkt gab es leichte Gewinne. Der Rentenindex Rex stieg um 0,10 Prozent auf 124,77 Punkte. Die Umlaufrendite dagegen fiel von 2,51 Prozent am Vortag auf 2,50 Prozent. Der Bund-Future verlor 0,39 Prozent auf 131,53 Punkte.

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Tiguan5N2014
10 Tage her

Der Blick auf Frankreich bzw. Europa geht ein wenig an den Realtitäten der Aktienmärkte vorbei. Betrachtet man die Börsenkapitalisierungen der größten Aktiengesellschaften dann wird mehr als deutlich, wo die „Musik“ spielt.