Familienunternehmer fordern von Bundesregierung Verzicht auf Sommerpause

Marie-Christine Ostermann verlangt wirtschaftspolitische Rettung von Merz und Klingbeil. Das ist, als bäte man den Brandstifter um Brandschutz: Der Mittelstand leidet nicht an zu wenig Staat, sondern an diesem Staat. Statt CO2-Regime, Energieirrsinn und Brandmauer-Kartell frontal anzugreifen, liefert sie das nächste Sommerpausen-Medienspiel.

picture alliance / Flashpic | Jens Krick

Dem amerikanischen Schriftsteller Henry David Thoreau wird das folgende Bonmot zugeschrieben: „Die beste Regierung ist die, welche gar nicht regiert; und wenn die Menschen einmal reif dafür sein werden, wird dies die Form ihrer Regierung sein.“ Lakonisch-präzise definierte Thoreau die Rolle der Regierung in einer zivilisierten Gesellschaft: Sie sollte unsichtbarer Schiedsrichter sein, neutral, bis zur ideologischen Selbstaufgabe.

Deutschlands Gegenwart hingegen wirkt wie eine Antithese Thoreaus, eine Bestätigung der Vermutung: Zivilisation geht mit dem Aufstieg des ideologischen Hyperstaats verloren. Kulturelles Niveau schwindet mit dem Verlust meritokratischer Werte, mit der Vulgarisierung von Stil, Niveau und Bildungsanspruch. Wohlstand löst sich im Moment des Aufstiegs politischer Ideologien und wuchernden Bürokratismus in Luft auf. Darauf folgt das Schlusskapitel dieses Trauerspiels: Die schleichende Unterwerfung der Ökonomie unter den Geist der Zentralplanung.

Stets sind es staatliche Akteure, die in die Sphäre der Freiheit eindringen, ihre ideologischen Fantasien über die Ratio individuellen Handelns erheben und mit ihrem Machtanspruch die Ethik der Freiheit verdrängen. Ihnen geht es um den Aufbau politischer Macht, um die Konsolidierung des vom Parteienkartell unterworfenen Staatsapparates – das Drängen des kleinen Mannes an die Schalthebel der Macht führt die Hand der deutschen Politik.

Politik ist in Deutschland wahrlich omnipräsent. Es existiert längst kein Lebensbereich mehr, in den nicht die Lauterbachs und Klingbeils dieser Welt auf unverschämte Weise vorzudringen versuchen.

Dass mit Marie-Christine Ostermann ausgerechnet eine führende Vertreterin des deutschen Mittelstands die Bundesregierung aufforderte, auf die diesjährige parlamentarische Pause zu verzichten und quasi Überstunden zu machen, wirkt paradox, entspricht aber im Großen und Ganzen dem deutschen Geist in seiner gegenwärtigen Verfassung.

Im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) forderte die Vorsitzende der Familienunternehmer die Regierung zu einem deutlich beschleunigten Reform- und Gesetzgebungsprozess im Kampf gegen die anhaltende Wirtschaftskrise auf. Jetzt sei keine Zeit für Sommerpausen, jetzt müssten dringende Entscheidungen getroffen werden.

Konkret drängte Ostermann darauf, zentrale Reformvorhaben in der Wirtschaftspolitik bereits in der ersten Lesung noch vor der Sommerpause, spätestens bis zum 10. Juli, ins parlamentarische Verfahren einzubringen und zügig zu verabschieden.

Zugleich warnte sie davor, dass in der langen parlamentarischen Pause einzelne Maßnahmen durch Interessengruppen wieder „zerpflückt“ werden könnten, wodurch am Ende kaum noch substanzielle Entlastungen für Unternehmen und Beschäftigte übrig blieben. Ziel müsse es daher sein, ein möglichst geschlossenes und rasch umsetzbares Reformpaket zu schnüren, das der Wirtschaft kurzfristig spürbare Entlastung verschafft. Glaubt die Dame tatsächlich, dass es in einem Land, das sich jeder realistisch notwendigen Reform verweigert, jemals Steuersenkungen geben könnte? Ohne Remigration, deutliche Korrekturen im Wohlfahrtswesen oder dem Friedensschluss mit Russland werden die Steuern zwangsläufig weiter steigen müssen.

Neben der Tatsache, dass es dem Land guttäte, eine ganze Zeit ohne ideologisch motivierte Reformarbeit durchschnaufen zu können, ist die Forderung nach Verzicht auf die Sommerpause ein altbekanntes, beinahe schon ermüdendes Medienspiel.

Eine Forderung, die regelmäßig von Oppositionspolitikern erhoben wird, um sich zu Beginn der Sommerpause ein wenig Medienpräsenz zu sichern. Für jeden Mandatsträger ist fehlende Medienpräsenz eine existenzielle Gefahr – im Vergessen lauert des Politikers Ende.

Weshalb bringt sie nicht den Mut auf, mit der regierungsaffinen Redaktion des RND über die katastrophale Klimapolitik zu philosophieren, ein Ende des teuren CO₂-Regimes zu fordern und auf den Wahnsinn der deutschen Energiepolitik hinzuweisen? War die öffentliche Schelte nach ihrem Annäherungsversuch an die AfD möglicherweise doch die Kette, die Ostermann bis zum Ende des wirtschaftspolitischen Regimes an das Brandmauer-Kartell fesselt?

In jedem Falle fordert sie Flankenschutz von eben jenem Staat, der die Misere des Landes überhaupt erst heraufbeschworen hat. Das ist sehr deutsch, und es zeigt die Nibelungen-Treue der Funktionärsebene zur politischen Führung – sie führen dem Publikum ein wohltemperiertes rhetorisches Pingpongspiel vor.

Von Politikern wie Friedrich Merz oder Lars Klingbeil wirtschaftsfreundliche Reformen einzufordern, wäre genauso, als erwartete man von einem Drogensüchtigen konkrete Handlungsempfehlungen zu gesunder Lebensführung und persönlicher Disziplin.

Angesichts der politischen Paralyse Berlins wirkt Ostermanns Forderung nach Effizienz und schnellen parlamentarischen Verfahren nachgerade grotesk. In Regierungskreisen ist man ausschließlich darauf fokussiert, die anstehenden Steuererhöhungen festzuzurren, eine mediale Verkaufsstrategie zu entwickeln, um den brüchigen Bundeshaushalt zu stabilisieren, ohne sich tatsächlichen Reformen zuwenden zu müssen. Auch Friedrich Merz ist ein Etatist reinsten Wassers, der alles dafür tun wird, die Strategie der Grünen Transformation, des Aufbaus eines immer mächtigeren Staatsapparates genauso wenig während seiner Regierungszeit korrigieren zu müssen wie die de facto vorherrschende Politik der offenen Grenzen. Aus Zwietracht und Vermögensextraktion erwächst die Macht dieses politischen Kartells.

Die Verbandsfunktionärin steckt fest im Gegebenen und erfüllt damit ihre Rolle als Funktionärin der deutschen Wirtschaft – eingebettet in ein politisches System, dessen grundlegende Designfehler sie damit implizit bestätigt. Wie alle Wirtschaftsverbände fungiert auch der Verband der Familienunternehmer als medienpolitisches Korrektiv. Seine Aufgabe liegt darin, den Eindruck ausgewogener Gesprächskultur im politischen Raum zu evozieren und wenigstens einen kleinen Teil dazu beizutragen, die Öffentlichkeit darüber hinwegzutäuschen, dass sich Deutschland schon längst auf einem radikal-ökosozialistischen Crashkurs befindet.

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Kommentare ( 28 )

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murphy
1 Monat her

Sorry, zu diesem Artikel sollte man kein Leserbrief hier schreiben, sondern stattdessen (auf jeden Fall außerdem!) an die darin organisierten Firmen. U.a.

DeichmannMelittaSixtMieleMerkurWestfalen AG Kienbaum ConsultantsDiese Frau Ostermann muss abgelöst werden! Die darin organisierten Firmen haben zwar nur wenige Prozent der deutschen Arbeitnehmer, aber vielleicht gibt das trotzdem eine Wirkung. Im Moment hat in unserem Zwei-Parteien-System der Brandmauer-Block (lt INSA von 6.6.) weiter 58 % und regiert damit weiter.
Genügend Argumente dafür gibt es ja im Artikel.

Last edited 1 Monat her by murphy
murphy
1 Monat her

Zitat aus dem Text:“das Drängen des kleinen Mannes an die Schalthebel der Macht führt die Hand der deutschen Politik.“
Das ist geschönt dargestellt. Es ist nicht „der kleine Mann“ es sind unheilbar an Machtgier Erkrankte, die alles zerstören. Zu fordern, dieser Gruppe mehr Zeit zur Zerstörung zu geben, dürfte „nicht hilfreich“ (Merkel Jargon) sein. Unbedingt erforderlich ist es diese Gruppe zu entmachten. Wie ? Ostermann hat die Macht, aber nutzt sie nicht! Warum sagt Ostermann nicht ganz einfach: „wählt AfD“ oder „wählt die Verursacher/Altparteien ab“. Weil Frau Ostermann unfähig ist die Ursache zu erkennen, hat sie den falschen Job.

GR
1 Monat her
Antworten an  murphy

Sie ist nicht unfähig, sondern feige. Da gäbe es Wiederspruch von manchen Mitgliedern und das würde u. U. den schönen Posten gefährden. Wir haben eine verweiblichte Gesellschaft, in der nur noch Luschen (m/w/deppert) an solche Positionen kommen. Toxische Männlichkeit ist verdächtig. Harmonie und Labern sind Qualitätsmerkmale.

P.Schoeffel
1 Monat her

Die sollen eine lange Sommerpause machen. Möglichst bis zum Ende der Legislaturperiode. Dann veranstalten sie wenigstens keinen Blödsinn.
Die beste Regierung ist keine Regierung.

Und „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat (Henry David Thoreau)“ sollte in der Schule Pflichtlektüre sein.

Last edited 1 Monat her by P.Schoeffel
WGreuer
1 Monat her

Die Frau ist Mitglied der FDP, das sagt eigentlich schon alles aus.
In einem freien Land, das freies Unternehmertum, freie Bürger Wert auf die Innovation und Forschrittskraft seiner Bürger legt, ist der Staat hingegen kleinen, minimal und nur der Dienstleister.
Der Großteil der FDP ist aber im gleichen Fahrwasser wie Linke, Grüne, SPD oder CDU. Sie ist eine linksvergrünte, ziemlich sozialistische Altpartei. Der Staat ist in deren Ideologie wie in der DDR allwissend und all-überwachend, der Bürger, der Unternehmer der Bittsteller. Daraus kann nichts werden.
Also, was erwarten Sie?

Weiwei
1 Monat her

Bloß nicht.
Dann haben die noch mehr Gelegenheiten, Mist zu bauen.
Besser keine Regierung als die.

thinkSelf
1 Monat her

„Der Mittelstand leidet nicht an zu wenig Staat, sondern an diesem Staat.“
Der Mittelstand leidet überhaupt nicht, wie die aktuellen Einlassungen nicht nur der Verbände sondern auch direkt von Mittelständlern zeigen.

jansobieski
1 Monat her

Nach ihrem AfD Moment (Branmauer über denken) ist sie bei den wichtigen Mitgliedern und größten Beitragszahler unten durch und bei der Politik sowieso.

Or
1 Monat her

Thoreau hatte recht.

Die beste Regierungszeit, die wir seit sehr langem hatte, war die Zeit der Koalitionsverhandlungen der damaligen „Ampel“, Schwarz-Gelb-Grün, bis dann ein Lindner mit dem Satz „Lieber nicht regieren, als schlecht regieren !“ entnervt das Handtuch geschmissen hat, und dem Land dadurch nochmals Monate des Koalitionsgeschacher Schwarz-Rot „geschenkt“ hat.

Dieses halbe/dreiviertel Jahr, der reinen Selbstbeschäftigung der Regierung, war die ruhigste, entspannteste und beste Zeit, seit Jahrzehnten.

Klaus D
1 Monat her

In jedem Falle fordert sie Flankenschutz von eben jenem Staat, der die Misere des Landes überhaupt erst heraufbeschworen hat…..und man selber zu beigetragen hat denn Marie-Christine Ostermann ist FDP mitglied und auch der mittelstand insgesamt hat diese politik der mitte doch überwiegend mitgetragen. Und es ist ja wieder nur einer mehr der mitgemacht hat davon profitiert hat und jetzt rumjammert und fordert weil man ja jetzt das richtige tun müsste und man weiß sogar noch was das richtig ist. Mal eine aufgabe an das tichy-team – sucht mal einen (1) der nicht irgendwo irgendwie mitgemacht hat.

KoelnerJeck
1 Monat her

Preise müssen sich in einer Wirtschaft frei bilden. Das nennt sich Marktwirtschaft. Greift der Staat in die Preisgestaltung ein, ist das Sozialismus. Der Mindestlohn kam mit Angela Merkel, mit ihr Mietpreisbremse, die Enteignung der Energiekonzerne usw. Deutschland ist nicht auf dem Weg, sondern ist bereits Sozialistisch.