Warum Monika nach 32 Jahren ihren Beruf aufgibt: „Ich kann die politischen Lobgesänge auf die Pflege nicht mehr ernst nehmen“

In dieser neuen Serie lässt Tichys Einblick Pfleger zu Wort kommen. Monika Jordan sagt in Teil 1: "Wir müssen konkret die Arbeitsbedingungen und Perspektiven verbessern, statt noch mehr Personal mit der Impfpflicht rauszudrängen. Sonst steht das System vor dem Kollaps."

Die Bundesregierung hört nur jenen Pflegern zu, die auch ihre Politik bestätigen, die die immer gleiche Geschichte von der Corona-Triage erzählen und der Rettung durch die Impfung. In der neuen Serie „Pfleger erzählen“ kommen bei TE auch andere Stimmen aus der Pflege zu Wort, die auch über das Leid sprechen, das nicht Corona erzeugt, sondern die Maßnahmen dagegen und insbesondere die Pfleger-Impfpflicht. Die Helden, die um ihren Job und mehr noch ihren Stolz betrogen werden, von jener Politik, die vorgibt ihre obersten Anwälte zu sein. Ihre Erlebnisse, kann niemand verleugnen, ihre Eindrücke niemand canceln. Und was sie zu sagen haben, hat es verdient gehört zu werden.

Teil 1: Monika Jordan, Pflegerin aus Hessen. 

Tichys Einblick: Sie waren 32 Jahre lang Krankenschwester. Jetzt geben Sie ihren Beruf auf. Wie kommt das?

Monika Jordan: Ich musste erleben, wie die Arbeitsbedingungen von Tag zu Tag schlechter geworden sind, dass wir immer mehr Aufgaben erledigen müssen und gleichzeitig immer weniger werden. Wir müssen immer neue Bereiche mitübernehmen, Aufgaben erledigen, für die wir nicht ausgebildet wurden, die Überwachung, das Misstrauen haben zugenommen. Immer mehr Personal geht in Frührente, kündigt oder wird krank – Nachwuchs kommt kaum. Das ist ein sich selbst verstärkender Prozess

Pfleger berichten
Die Pfleger-Impfpflicht könnte Deutschland in die Triage treiben
Viele Leute schaffen es gar nicht bis zur Rente. Sie machen vorher was anderes, gehen raus aus dem Beruf oder kommen nach dem Kinderkriegen nicht mehr zurück. Einfach weil Schichtdienst und Co. nicht vereinbar sind mit einem Familienleben. Vor allem denke ich, geht es aber um Wertschätzung. Das Geld spielt eine Rolle, aber das ist nicht die Hauptsache, sondern vorallem, wie mit einem umgegangen wird: Ich habe zunehmend das Gefühl, dass auf die Bedürfnisse des Personals etwa bei der Dienstplangestaltung überhaupt keine Rücksicht mehr genommen wird. So kann und will ich nicht mehr weiter machen.

Welchen Anteil hat Corona an dieser Lage?

Durch die Corona-Maßnahmen kommt für uns ein erheblicher Mehraufwand dazu: Wir müssen uns dauernd testen, wir müssen die Patienten testen, wir müssen den ganzen Tag Maske tragen. Die Mitarbeiter müssen in Quarantäne..Patienten müssen isoliert werden, auch wenn sie nur positiv getestet sind. Auch wenn wir keine oder kaum erhebliche Corona-Erkrankungen in unserer Abteilung sehen, ist es ein erheblicher Mehraufwand, der vom Personal kaum aufgefangen werden kann.

Wie wird sich die geplante Pfleger-Impfpflicht hier auswirken?

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Das kann katastrophale Folgen haben. Ich selbst bin geimpft. Ich möchte selbstverständlich aber, dass meine Kollegen das wie ich auch selbst und frei entscheiden können.

Vor allem aber überreißt die Politik nicht, was sie hier für einen Schaden anrichtet. Wir arbeiten schon an der Belastungsrenze – auch, wenn nur wenige durch diese Maßnahme den Beruf verlassen, führt das zu einer konkreten, weiteren Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für das restliche Personal aber vor allem auch zu einer direkten Abnahme der Kapazität und der Behandlungsmöglichkeiten.
Aber wissen Sie: Es ist nicht so, dass wir jetzt im Stich gelassen werden – dieser bedenkenlose Umgang mit der Pflege ist der Normalzustand. Die Politik hat sich nie für die Belange von uns interessiert – und dann kam plötzlich Corona. Aufeinmal sind die Pfleger, die „Helden“. Das finde ich merkwürdig. Zumindest die Art und Weise, wie wir im Fokus stehen. Erst waren wir Helden, dann wurden wir zur Impfung gedrängt. Und wer sich nicht impfen lässt, ist eine Gefahr für seine Patienten – zack.

Aber alte und neue Bundesregierung loben die Pflege doch stets in den höchsten Tönen?

Ich kann die politischen Lobgesänge auf die Pflege nicht mehr ernst nehmen. Ich glaub’s einfach nicht mehr. Ja, wir sind jetzt wichtig, weil wir uns alle impfen lassen sollen. Aber, dass es genug von uns gibt, dass wir gescheit ausgebildet werden, dass es ausreichend Nachwuchs gibt, dass die Ausbildung auch wieder eine bessere wird – da passiert nichts, seit Jahren. Außer, dass die Berufsbezeichnung geändert wurde von Krankenschwester in „Gesundheits- und Krankenpfleger“. Ob dass die Pfleger überhaupt wollten, hat auch niemanden interessiert. Und so ist es immer: Symbole und Worte kommen viele, Taten keine. Natürlich kommt es immer gut an, sich mit der Pflege zu brüsten. Aber dabei bleibt es. Konkrete Hilfe ist zu viel verlangt. Und jetzt wollen die selben Politiker, die Schuld bei einigen Kollegen suchen, die sich nicht impfen lassen wollen. Das kann ich so nicht akzeptieren.

Wissen Sie: Das ist eigentlich ein toller Beruf. Ein vielfältiger, interessanter Beruf, wo man auch etwas bewegen kann. Und das müsste einfach mehr wertgeschätzt werden. Wenn man jemandem sagt: „Ich bin Krankenschwester“, dann kommt oft die Antwort: Ach, das könnte ich nicht, anderen Leuten den Hintern abputzen. Das ist das Bild, was von diesem Beruf vermittelt wird.

Das ist nicht die Realität. Wir müssen junge Menschen wieder für diesen Beruf begeistern und dafür müssen wir konkret die Arbeitsbedingungen und Perspektiven verbessern, statt noch mehr Personal mit der Impfpflicht rauszudrängen. Sonst steht das System vor dem Kollaps.

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Kommentare ( 68 )

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Carl51
2 Monate her

Würde ich noch als Physiotherapeut arbeiten,wäre ich jetzt wohl auch dran. Bin jetzt im Ruhestand, nach fast 30 Jahren incl. den damals noch ganz normalen Winter-Infektzeiten.Nie deshalb zuhausegeblieben.Shame on Germany.

Auswanderer
3 Monate her

Solange die Sozen ihre Finger in der Sozialindustrie haben wird sich da nichts ändern. Die verdienen sich die goldene Nase auf Kosten der Pfleger. Wenn jemand jung und ungebunden ist, dann ist das vielleicht alles noch mit Begeisterung zu stemmen. Aber jeder (ausser den Grünen Damen) möchte doch auch mal eine Familie haben und eine Familie die funktionieren soll braucht auch Zeit. Und ich habe Leute kennengelernt, die waren knapp 50 und hatten die Pflege verlassen, da die ihre Wirbelsäule nicht kaputt machen wollten! Die Politik will das nicht, da das kosten würde. Lieber jedes Jahre eine Grossstadt einmarschieren lassen… Mehr

StefanD
4 Monate her

Ich werde als sogenannter „Ungeimpfter“ ebenfalls den Beruf verlassen müssen. Was diese Politiker völlig vernachlässigen ist die Tatsache, daß eine Impfpflicht interessierte junge Menschen von der Ausbildung zu einen Pflegeberuf abhalten wird, was absehbar und tatsächlich einen potentiellen Zusammenbruch des Gesundheitssystem verursachen wird – was einzig und alleine den Fehlentscheidungen der Politik geschuldet ist.

Peter Gramm
4 Monate her

Sehr beeindruckend solche Gespräche. Wir haben zu viele Möchtegerne in der Politik die meinen mit der Klappe alles erledigen zu können und von der Praxis keine Ahnung haben.

Endlich Frei
4 Monate her

Also ich hätte da – zumal wenn ich den Beruf gewissenhaft und mit Passion ausführe – der Politik schon längst das Mobiliat auf die Straße gestellt. Aber offenbar braucht man die Gelder an anderer Stelle. Frau Merkel hatte ja bekanntermaßen andere Schwerpunkte.

Mausi
4 Monate her

Es gibt doch in D Alternativen zur amerikanischen Sammelklage. Wer würde sich das als Organisator anbieten? Wird Ihr Berufsstand nicht von einer Gewerkschaft „begleitet“? Warum wird nirgends von einem Eilantrag und einer Klage gegen dieses ImpfpflichtG berichtet?

Auswanderer
3 Monate her
Antworten an  Mausi

Die Gewerkschafter sind die Sozen, die an dem ganzen System oft auch sich eine goldene Nase verdienen! Die Gewerkschaften sind doch so wie die Kirchen Unterabteilungen der Parteien!

Hans Wurst
4 Monate her

Der Pflegenotstand ist auch eine direkte Folge der Aussetzung der Wehrpflicht. Die Zivildienstleistenden haben dem Pflegepersonal den Rücken freigehalten, damit diese sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren konnten. Gleichzeitig konnten junge Männer den Beruf kennenlernen. Gute und fleißige Zivis wurden wertgeschätzt. Das alles wurde von der Regierung Merkel, unter Beteiligung der FDP, zerstört, statt es im Sinne der Gleichberechtigung auszubauen.

Auswanderer
3 Monate her
Antworten an  Hans Wurst

Das Gleiche gilt für den Mangel an LKW- und Busfahrern. Ich war in einer Ausbildungskompanie Mitte der 70er Jahre. Da waren über 200 Jungs in der Kompanie, die den LKW-Führerschein machten.. Diese Leute fehlen heute. Und jedes Quartal kamen nur alleine in dieser Kompanie 200 neue!

NoPasaran
4 Monate her

Maulkorb abnehmen, Fräulein! Sei FREI, sei MENSCH, nicht maske-ohne-gesicht!
Ich war in Stockholm bis heute, noch ist es dort beinahe wie in guten alten Zeiten.
In Arlanda Airport steht überall „Maske tragen“ aber nicht einmal Polizeit tragt sie, nur die obrigkeitshörige Zombie-Touristen und irgendwelche junge Typen die verängstigt, alternativ und irgendwie massenmörderisch aussehen.

Last edited 4 Monate her by NoPasaran
Monika
4 Monate her

Ihre Frage muß man wohl leider mit JA beantworten. Die meisten Deutschen sehen nur ihre kurzfristige Bequemlichkeit. Die Gefahren sehen sie nicht, sind ja vielleicht im Westen auch schon zu lange her. Die Menschen im Osten sind da noch näher dran.

elly
4 Monate her

Mit der Rekrutierung von Billigkräften aus dem Ausland begann die Demontage des Images von Pflegeberufen. Als die Drogeriekette Schlecker pleite ging und UvdL die „Schleckerfrauen“ in die Kitas , die Kindererziehung stecken wollte, ging ein Aufschrei der Empörung durchs Land. Es empörte sich die gleiche Gewerkschaft mit, die fast schon applaudierte, wenn PolitikerInnen im Ausland auf Werbetour für Pflegekräfte waren. In vielen Köpfe ist noch immer: wenn die hiesigen Pflegekräfte kündigen, dann halt einfach neue aus Osteuropa holen. Alleine diese Gedankengängen sagen viel über die Wertschätzung des Berufes, aber auch den Umgang mit Alten & Kranken im Lande aus. Aber… Mehr