Wie ein Weiterbetrieb der Atomkraftwerke gelingen kann

Nicht nur werden die Stimmen für eine Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke immer lauter. Auch eine Wiederinbetriebnahme der drei stillgelegten Kraftwerke ist mittlerweile im Gespräch. Wie das gelingen kann und welche Auswirkungen das hätte, beschreibt Gastautor Wolfgang Kempkens.

IMAGO / Wolfgang Simlinger
AKW Brokdorf an der Niederelbe, eines der Ende 2021 drei abgeschalteten Atomkraftwerke

Deutschland staunte nicht schlecht, als die Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang Mitte Juli in einer Talkrunde den Fernsehzuschauern mitteilte, eine Laufzeitverlängerung für die drei letzten deutschen Kernkraftwerke könne man durchaus in Erwägung ziehen, wenn es die Lage erfordere. Zwar verklausulierte sie ihre Aussage sorgfältig, doch sie hatte Folgen. FDP und CDU, die ohnehin weiter auf Kernenergie setzen, und erst recht die CSU, die sich ohne das letzte Kernkraftwerk auf bayrischem Boden von der Stromversorgung abgekoppelt sieht, sind seitdem mutiger und lauter geworden, wohingegen die SPD weiter schmollt. Sie und die Grünen, die eigentlich die Finger „vom Atom“ lassen wollen, haben jetzt noch eine Gnadenfrist. In einem zweiten Stresstest soll die Stabilität des deutschen Stromnetzes unter erschwerten Bedingungen unter die Lupe genommen werden. „Sollte man da sehen, dass anders, als es bisher alle Zahlen zeigen, eine Strommangellage erwartbar ist, werden wir natürlich alle Maßnahmen noch mal auf den Tisch setzen“, sagt Ricarda Lang.

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Ob sie die Geister, die sie rief, noch einmal bändigen kann? Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) hatte sich bereits im März 2022 weit aus dem Fenster gelehnt. Da schlug er vor, die drei verbliebenen Kernkraftwerke noch bis 2029 in Betrieb zu lassen. Jetzt legte der Tüv-Verband noch nach. Er brachte die Wiederinbetriebnahme der drei Kernkraftwerke ins Gespräch, die am 12. Dezember 2021 abgeschaltet wurden. Sie seien „in einem exzellenten Zustand“, sagt Joachim Bühler, geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des Verbands. „Diese Anlagen zählen zu den sichersten und technisch besten Kernkraftwerken, die es weltweit gibt.“

Für eine Wiederinbetriebnahme der drei Kernkraftwerke Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen C wären allerdings große Anstrengungen nötig. Sie müssten zunächst in Revision, das heißt, sie würden also technisch auf Herz und Nieren überprüft, wenn man das in einem solchen Fall sagen kann, bei Bedarf auch mit neuerer Sicherheitstechnik ausgestattet. Zudem ginge es nicht ohne frische Brennelemente, Im Gegensatz zur Laufzeitverlängerung der noch laufenden Kernkraftwerke. Die würden nach dem 31. Dezember 2022, dem eigentlichen Stilllegedatum, problemlos noch weiterlaufen, wenn auch mit „gewissen technischen Anstrengungen“, wie es Leonard Biernbaum ausdrückt, Chef des Stromkonzerns E.On, dessen Tochter PreussenElektra mit Isar 2 eins der drei verbliebenen Kernkraftwerke betreibt.

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Ähnlich äußert sich der Tüv Süd. Er hat in einem siebenseitigen Gutachten skizziert, wie es beim leistungsstärksten deutschen Kernkraftwerk Isar 2 weitergehen könnte. Ohne jeden Eingriff ließe es sich nach dem 31. Dezember 2022 noch 80 Tage lang weiter betreiben. Brennelemente werden alle drei Jahre ausgetauscht, und zwar immer ein Drittel der Gesamtmenge. Ende dieses Jahres hat also jedes dritte Brennelement noch zwei Jahre genügend Power für den Betrieb. Ein weiteres Drittel ist dann erst zu zwei Dritteln abgebrannt. Das letzte Drittel müsste dann eigentlich durch neue ersetzt werden, doch das ist vorerst wohl politisch nicht machbar. Doch durch eine Umgruppierung der Brennelemente könnte der Betrieb noch bis zum Sommer verlängert werden. Ähnlich dürfte es bei den beiden anderen Stilllegekandidaten Emsland und Neckarwestheim 2 aussehen.

Allein Isar 2 könnte ohne den Einsatz neuer Brennelemente noch mindestens 5.000 Gigawattstunden Strom produzieren, und zwar CO2-frei. Die müssten sonst von Stein- und Braunkohlekraftwerken erzeugt werden. Dabei würden überschlägig gerechnet fünf Millionen Tonnen CO2 emittiert. Zählt man die beiden anderen Kernkraftwerke hinzu, bei denen ähnliche Produktionsmöglichkeiten zu erwarten sind, kommt man schon auf 15 Millionen Tonnen eingespartes CO2. Eine Wiederinbetriebnahme der jüngst stillgelegten Kernkraftwerke würde die CO2-Bilanz pro Jahr um bis zu 30 Millionen Tonnen verbessern. Angesichts des steigenden Stromverbrauchs aufgrund der Zunahme der Zahl von Elektroautos und des Booms bei Wärmepumpen würde der Bedarf an Kohlestrom dann noch einmal steigen.

Zudem würde ein Teil des Erdgases, das heute verstromt wird, für Heizungs- und Prozesswärme frei. Der größte Teil geht allerdings drauf, um Stromlücken kurzfristig zu stopfen, die Wetterkapriolen aufreißen. Denn Stromspeicher, die die gleiche Aufgabe erfüllen könnten, sind in Deutschland rar gesät.


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Kommentare ( 17 )

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Eberhard
9 Tage her

Linksgrüne Ideologen wissen nicht, aber dafür glauben sie und halten so extrem und dogmatisch an ihren Grundlagen fest. Werden auch nur eine davon infrage gestellt, werden die Gläubigen eventuell nachdenklich. Sie werden daher ihren größten Fehler nie zugeben und auch nicht revidieren. Für die Wurzeln dessen, was da heute bezüglich Energie- und Kostenprobleme auf Deutschland zukommt, tragen sie und ihre Medien die alleinige Verantwortung. Bereits durch die jetzigen schweren Folgen ihres rein ideologisch geprägten einseitigem Experiment einer Gesellschaftstransformation in eine angeblich bessere neue Klima- und Energiewelt, wird diese nun öffentlich immer mehr infrage gestellt. Sie haben es geschafft, die von… Mehr

Dr. Heisenberg
10 Tage her

Wenn die Grünen sich auf einen Weiterbetrieb der AKWs einlassen, sind sie politisch Tod. Da die MS Medien dies auch zunehmend fordern, spüren die Grünen, dass sich die Stimmung in D dreht, und sie auf einem absteigenden Ast sitzen. Verweigern sie den Weiterbetrieb, kommt es in dem Winter zu Blackout mit Aufständen und Massenarbeitslosigkeit. Egal was sie machen. Sie haben fertig. Sie wissen es auch. Man sieht es an der Panik von Habeck.

Arma Geddon
10 Tage her
Antworten an  Dr. Heisenberg

Ein Grund zur Freude, wie ich finde.. 😊 Als ich
heute morgen über den wachsenden Druck aus div.
EU-Staaten gegen die deutsche Schwachsinns-
energiepolitik und die schon unverschämten Forderungen
nach „Solidarität“ beim Gassparen hörte, musste ich
grinsen. Ja, den Grünen dürfte langsam der Ar*** auf
Grundeis gehen.

Last edited 10 Tage her by Arma Geddon
Autour
10 Tage her

Ich weiss nicht, ständig ist hier zu lesen, dass ein Weiterbetrieb kein Problem wäre…
Ich kann es mir so Recht nicht vorstellen. Der Ausstieg ist seit Jahren geplant, d.h. Mitarbeiter wurden entlassen bzw. nicht neu eingestellt alles wurde getan damit der Stillstand Ende des Jahres keine unnötigen Mehrkosten verursacht. Und nun soll es kein Problem sein die Kraftwerke weiter laufen zu lassen?? Also steht das Personal bereit wartet nur auf den Anruf und springt dann ein?

89-erlebt
10 Tage her
Antworten an  Autour

Ja, die Frührentner von Brockdorf sind schon angefragt worden, wieder zurück ins Kraftwerk zu kommen.
Im Steinkohle Kraftwerk Moorburg ist noch eine Resttruppe vorhanden, aber leider nur noch eine Turbine ….

Eberhard
9 Tage her
Antworten an  Autour

Das scheint bei vielen nicht anzukommen und man spricht auch nicht gerne darüber. Abgeschaltet wurden die Atomkraftwerke, aber nicht stillgelegt. Jahre lang verursachen sie gerade wegen ihrer Stilllegung erhebliche Kosten und brauchen Wartungspersonal. Brennstäbe im Abklingbecken erzeugen immer noch Wärme, auch wenn manche verantwortlichen Grünen behaupten, Kernspaltung sei für Wärme nicht verwendbar. Ob es da sicherheitstechnisch gut ist, Kühltürme sofort zu sprengen? Der eigentliche Kostengau kommt dann aber mit dem Endabriss. Und selbst den muss ausgebildetes und erfahrenes Personal diesen begleiten.

DerVoluntaer
10 Tage her

Wenn man ehrlich ist, dann reicht auch der dauerhafte Weiterbetrieb der drei verbleibenden Kernkraftwerke nicht aus um den Energiebedarf zu decken. Dazu müsste man alle stillgelegten Reaktoren, die noch reaktivierbar sind nach und nach wieder dauerhaft in Betrieb nehmen, alles andere ist energetische Augenwischerei, von der wir in den letzten Jahrzehnten schon genug hatten. Des weiteren muss man sich auch eingestehen, dass die „Energiewende“ gescheitert ist und dazu führt, dass Produktionen ins Ausland ausgelagert werden,was wiederum mit einem immensen Wohlstandverlust einhergehen wird. Last but not least sollten auch unbedingt so Begriffe wie „Klimaschutz“ stark hinterfragt werden. Es grenzt schon an… Mehr

Renz
8 Tage her
Antworten an  DerVoluntaer

Nicht hinterfragt, sondern nachgefragt wäre wie lange wir ohne Gas existieren können. Wieviel Jahre werden wir Energieknappheit haben. In wie vielen Sommern müssen wir Gas sparen um die Speicher aufzufüllen? Wie lange kalt duschen, keine Heißbäder, keine Sauna, kein Dampfbad? Und wann endlich wird hier gefräckt und Atomstrom erzeugt.
ich habe gelesen, dass der gesamte Weltbestand an Gasschiffen nicht ausreicht uns mit 100% Gas zu versorgen. Wat nu?

89-erlebt
10 Tage her

Niemand hat die Absicht, zu benennen WER und wessen Ideologie dieses Land in die Sackgasse geführt hat. Es waren und sind !!! die Grünen Ideologen die den Ruin des Landes herbeiführen.
Wer diese Zerstörer wählt oder deren Hilfstruppen in Schwarz-gelb-rot unterstützt, macht sich mitschuldig.

Friedrich Wilhelm
10 Tage her

Herrn Kempens Wertung, „FDP und CDU [würden] .. ohnehin weiter auf Kernenergie setzen“, darf nicht unwidersprochen bleiben.
Die Bundestagsfraktion der FDP stimmte am 7. Juli mehrheitlich GEGEN den – Zitat bundestag.de – „Änderungsantrag der Fraktion der CDU/CSU zu der zweiten Beratung des Gesetzentwurfs der Fraktionen SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP Entwurf eines Gesetzes zur Bereithaltung von Ersatzkraftwerken zur Reduzierung des Gasverbrauchs im Stromsektor im Fall einer drohenden Gasmangellage durch Änderungen des Energiewirtschaftsgesetzes und weiterer energiewirtschaftlicher Vorschriften“.
Nicht daß es später, wie vor zirka drei Generationen, erneut heißt, wahlweise nichts gewußt oder „schon immer“ zu den Widerständler gehört zu haben.

Felix Raven
10 Tage her

Die NASA hat festgestellt, dass die Erde seit Anfang der 1980er bis heute grüner geworden ist. Dies wird auf den steigenden CO2-Gehalt der Luft zurückgeführt.
https://www.wissenschaft.de/erde-umwelt/die-erde-wird-gruener/

ebor
10 Tage her
Antworten an  Felix Raven

Ja, ist ein alter Hut, Herr Vahrenholt betont das ja auch immer, und mit Recht; nur die Grünen und Klimapaniker glauben es nicht. Aber Braunkohlekraftwerke in extenso zu betreiben ist sicher trotzdem nicht die beste Lösung, falls Sie darauf hinauswollen, denn CO2 zu reduzieren ist grds. auch nach Herrn Vahrenholt ein sinnvolles Unterfangen, weil wir durchaus auch ohne Verfeuerung der fossilen Energieträger genug CO2 produzieren. Kernenergie halte ich hingegen für die Zukunft, kurzfristig durch die bestehenden KKWs, langfristig durch Reaktoren neuen Typs.

P.Schoeffel
10 Tage her

Da der Ausgangspunk des Grünen Anti-Alles-Vereins die Anti-Atom-Bewegung war, darf man hoffen, daß ein Zurückweichen vor der Realität diesem Haufen kräftig innere Reibungen bringt und endlich Stimmen kostet.
Schadenfreude ist doch schön…

Prometheus
10 Tage her

Wenn die Grünen die Atomkraftwerke ausschlaten wollen, sollte man sie lassen. Da diese Kommunisten alles immer nur kaputt machen können, wäre das die bessere Alternative. Denn wenn sich die Grünen mal für etwas entscheiden, dann verheerend. Bei Solar und Windrädern wird jeder Quadratmeter zugepflastert. Der Ausbau wird absolut fanatisch betrieben, ohne Rücksicht auf Wälder und Natur. Wenn die Grünen sich entscheiden sollten, dass sie die Atomkraftwerke weiter betreiben wollen, dann wird man das exzessiv betreiben. Bis zum Atomunfall, weil man uralte Meiler weiter betreibt und Sicherheitsprotokolle missachtet. Weil bei dieser Partei nichts mit Maß oder Verstand geht und man alles… Mehr

Peter Gramm
10 Tage her

So lange aber KGE, Roth, Lang, Habeck, Omni…, Bärbock und andere grüne Ideologen die Szenerie und vor allem die Regierung beherrschen werden wir das energetische Armageddon erleben müssen. Leider.