Warum Moral in der Flüchtlingsfrage kein guter Ratgeber ist

Anabel Schunke hält es für einen grundsätzlich falschen Ansatz zur Integration von Flüchtlingen, von Anfang an mehr Anpassung von den Helfern zu fordern als von den Flüchtlingen selbst. Und meint: Es ist dringend an der Zeit uns zu fragen, ab wann Moral nicht mehr moralisch ist und welche Art von Hilfe wirklich hilft. Und vielleicht ist dieser Ansatz letztlich der Moralischste von allen.

Es gibt viele Gründe für ein Politikstudium. Einer dieser Gründe ist, dass man spätestens bei Erstkontakt mit der politischen Theorie beginnt Begrifflichkeiten des Alltags zu hinterfragen. Begrifflichkeiten, die man vorher im alltäglichen Diskurs selbstverständlich verwendet hat und dadurch erst ihre eigentliche Bedeutung erhalten, werden ihrer vermeintlichen Selbstverständlichkeit beraubt und das ist eine wahnsinnig spannende Angelegenheit! Man spricht nicht mehr einfach von Werten wie Freiheit, Gerechtigkeit, Moral und Co. Stattdessen fragt man, worum es sich bei diesen Werten überhaupt handelt. Das mag auf den ersten Blick banal erscheinen. Als ob man nicht auch ohne Politikstudium Dinge auf ihren Gehalt prüfen würde. Aber fragen Sie sich doch einmal selbst, was z.B. soziale Gerechtigkeit für sie bedeutet. Oder wie Freiheit in ihren Augen definiert ist. Plädieren Sie eher für einen negativen oder positiven Freiheitsbegriff und wie legt man fest, was gerecht und was ungerecht ist? Haben Sie auf Anhieb klare Antworten darauf? Dann nehme ich alles zurück. Haben Sie sich nicht, grämen sie sich nicht. Das ist normal, zeigt uns aber eben jene Selbstverständlichkeit auf, Begriffe zu verwenden, die wir oft gar nicht genau für uns definieren können und deren Bedeutung deshalb gar nicht richtig erfasst wird.

Ist uns das erst einmal bewusst, setzt jedoch ein Prozess ein, der schlussendlich dafür sorgt, dass plötzlich nichts mehr selbstverständlich ist. Jedes Wort ist nicht mehr einfach nur Wort und wird mehr oder weniger standardisiert benutzt. Die hohle Phrase, das einfache Dahersagen gilt nicht mehr. Das eigene Denken wird grundlegend auf die Probe gestellt und nicht selten erschüttert. Aber lässt man sich auf die Erschütterung ein, ist sie stets positiv im Sinne der Erweiterung des eigenen Horizonts zu sehen. Das gilt für ganze Theorien genauso wie einzelne Begrifflichkeiten Dabei sorgt die Erschütterung des eigenen Denkens schließlich dafür, dass man sich an immer mehr gedankliche Grenzen herantraut und sie überschreitet. Am Anfang wagt man sich an so etwas wie Gerechtigkeit und Freiheit, bis man irgendwann bei den Begrifflichkeiten landet, die oft noch viel selbstverständlicher erscheinen und es noch weniger sind. Einer ist die Moral.

„Moral?“ höre ich jetzt einige sagen. Was kann an Moral, an moralischem Handeln schon schlecht sein? Sorgt die Moral nicht dafür, dass wir zusammenhalten, dass wir hilfsbereit sind? Es widerstrebt uns, an einem Begriff, der so selbstverständlich positiv konnotiert ist, etwas Schlechtes zu finden. Aber fragen Sie sich auch hier einmal, was Moral überhaupt für Sie ist.

Der Moral wohnt die Intoleranz inne

Hier offenbart sich der diffuse Charakter und das Problem von Moral. Zweifelsohne ist sie, sofern sie überhaupt klar definiert werden kann, nämlich für jeden etwas anderes und dennoch wohnt ihr stets ein absoluter Wahrheitsanspruch inne. Welche Konflikte sich daraus ergeben können, wird nicht zuletzt ersichtlich, wenn wir die bekanntesten Formen von Moralvorstellungen, die Religionen, betrachten. Moral wirkt, das hat schon Niklas Luhmann hervorgehoben, potentiell desintegrierend, weil sie durch ihren ganzheitlichen Wahrheitsanspruch in der Kommunikation einen Angriff nicht auf ein bestimmtes Argument einer Person darstellt, sondern immer einen Angriff auf die ganze Person an sich, sofern diese Person eine andere Vorstellung von Moral besitzt.

Da ich davon ausgehe, dass es meinen Gott gibt, kann es deinen nicht geben. Du liegst falsch und mit dir dein ganzes moralisches Fundament. Der Moral wohnt die Intoleranz inne. Nicht verwunderlich also, dass Luhmann die Moral nah an den Streit und folglich auch nah an die Gewalt rückt. Moral führt nicht zu Einigung, sondern eher zu Kommunikationsabbruch, weil sie argumentativ ob ihres diffusen Charakters und ihres Wahrheitsanspruchs nicht angegriffen werden kann. Die Glaubenskriege der letzten Jahrhunderte belegen das.

Wenn sie sich mit einem Kirchenmann unterhalten und dieser argumentiert damit, dass es Gottes Wille ist, können sie ihm das nur schwerlich absprechen, weil sie dafür erstens belegen müssten, dass es Gott gibt oder nicht gibt und zweitens, wenn es ihn gibt, dass er es nicht so gemeint hat, wie ihr Gesprächspartner es behauptet. Treffscharf bemerkte Luhmann: „Mit Moral immunisiert man sich gegen die Evidenz des Nichtwissens, weil die moralisch bessere Meinung sich mit ihren eigenen Argumenten bestätigen kann.“. Damit zeigt er auf, was klar sein sollte: Moral hat im politischen Diskurs und als Grundlage politischen Handelns nichts zu suchen.

Zweifelsohne ist das auf den ersten Blick eine harte Aussage, weil sie dazu zwingt, sich von dem Glauben zu verabschieden, dass Moral oder Berufung auf Moral im politischen Diskurs und Handeln per se etwas Gutes ist. Ja, sich mit der Erkenntnis anzufreunden, dass sie sogar etwas Schlechtes sein kann, von dem wir in bestimmten Bereichen Abstand nehmen sollten, weil sie der weit verbreiteten Annahme zuwider mehr schadet als hilft.

Moral setzt ein, wo Argumente fehlen

Dennoch ist es nicht verwunderlich, dass sich in politischen Diskussionen und Handlungen immer wieder auf sie bezogen wird. Nicht nur in privaten Diskussionen über Politik, sondern auch von Politikern, Journalisten und allen anderen, die in der politischen Debatte um ihre Meinung gefragt werden oder selbst politisch handeln. Der Grund ist einfach und bereits angesprochen: Was Luhmann mit der „Immunisierung gegen die Evidenz des Nichtwissens“ meint, ist nichts anderes als die Tatsache, dass Moral da ansetzt, wo die rationalen Argumente ausgehen. Deswegen wird sie so gern verwendet. In der Religion, genauso wie in der Politik.

Übertragen wir dies auf die Flüchtlingskrise, so lässt sich erahnen, dass dieser Umstand nicht zuletzt all jenen zu Gute kommt, deren eigene Weltsicht durch eben jene Krise gerade ordentlich auf die Probe gestellt wird. Es spricht alles dagegen, dass wir die Aufnahme weiterer Flüchtlinge kulturell und wirtschaftlich verkraften? Aber unsere Humanität, die Moral gebietet es doch! Wer will da schon widersprechen und sich dem Vorwurf aussetzen, kalt, herzlos und unmoralisch zu sein?

So ist die hiesige Flüchtlingskrise wohl das beste Beispiel dafür, weshalb Moral kein guter Ratgeber ist und die Frage aufwirft, ob Moral selbst letztlich immer moralisch ist. Denn nur weil mit der Moral argumentiert wird, heißt es nicht, dass den Menschen am Ende durch das aus der moralischen Argumentation abgeleitete Handeln mehr geholfen wird als durch jenes Handeln, was sich aus einer rational politischen Argumentation ergibt. Ja was ist, wenn das Argument der Moral sogar dafür sorgt, dass wir am Ende niemandem mehr richtig helfen können, dass Wut und sogar Hass auf Fremde ob des Verteilungskampfes und der verschiedenen Vorstellungen von Gerechtigkeit weiter zunehmen? Wie viel Moral kann man sich in der politischen Debatte erlauben? Und was, wenn uns Moral am Ende unmoralisch macht?

Ich lasse Merkel an dieser Stelle bewusst heraus, weil ich schlicht nicht daran glaube, dass die Kanzlerin in der Flüchtlingsfrage aus moralischen Gründen gehandelt hat. Auch die vor diesem Hintergrund aufkommende Frage, was Kirchen- und Verbandsvertreter von religiösen Vereinigungen in Polit-Talkshows zu suchen haben, soll hier nicht weiter vertieft werden. Nicht zuletzt, weil ich glaube, dass sie vor dem Hintergrund dieses Textes selbstklärend ist.

Nein, an dieser Stelle soll es im weitesten Sinne um die Helfermoral gehen. Um jene Moralvorstellungen, die dazu führen, dass sich Menschen in der Flüchtlingskrise engagieren. Was ist, wenn Helfen am Ende nicht wirklich hilft?

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