Merz zitiert Custine und erklärt ein 186 Jahre altes Reiseschriftsteller-Wort über Russland zur Diagnose von heute. Baerbocks Patzer konnte man einst noch kassieren – bei des Kanzlers Unkenntnis wird es allerdings gefährlich. Ein wenig Textgenese, die lohnt. Von Georg Etscheit
IMAGO - Collage: TE
Im Jahre 1812 marschierte Napoleon mit seiner Grande Armee in Russland ein. Der Feldzug wurde zum Desaster und markierte den Anfang vom Ende der französischen Hegemonie über große Teile Europas. Von etwa 600.000 Soldaten der riesigen Streitmacht inklusive 95.000 Kavalleriepferden, kehrten nur 100.000 nach Hause zurück. Auf russischer Seite war der Aderlass ähnlich hoch – viele Städte und Dörfer im Westen des Zarenreiches, darunter Moskau, lagen in Trümmern, auch als Folge der von den Russen betriebenen „Politik der verbrannten Erde“.
Der Mann, der dies zu verantworten hatte und der in einem Gespräch mit dem österreichischen Außenminister Clemens von Metternich gesagt hatte, dass er sich „wenig um das Leben von einer Million Menschen“ schere, wird bis heute im Pariser Invalidendom als „Retter der Revolution“ verehrt, die ihrerseits in Strömen von Blut geendet hatte, ganz abgesehen von den Opfern der Koalitionskriege und aller weiteren Eroberungskriege der napoleonischen Zeit.
Ein gutes Vierteljahrhundert nach dem gescheiterten Feldzug bereiste ein französischer Adeliger und Intellektueller das russische Reich. Er hieß Astolphe de Custine und war Enkel jenes Revolutionsgenerals, der im Ersten Koalitionskrieg die Stadt Mainz besetzt hatte und als „General moustache“ in die Lokalgeschichte einging. 1793 wurde er in Paris eines der vielen Opfer der als „La Terreur“ bezeichneten radikalsten Phase der Französischen Revolution unter Maximilien de Robespierre.
Astolphe de Custine war zunächst im diplomatischen Dienst tätig und begleitet 1815 den französischen Außenminister Talleyrand beim Wiener Kongress zur Neuordnung Europas nach dem Ende Napoleons. Seine diplomatische Karriere nahm Schaden, als man ihn 1824 angeblich kahlrasiert, entblößt und ausgeraubt außerhalb von Paris auffand, ihn soll eine Gruppe von Soldaten attackiert und gedemütigt haben – einem von ihnen hatte sich Custine offenbar sexuell angenähert. In Pariser Salons soll die peinliche Affäre schnell die Runde gemacht haben.
Custine war zwar verheiratet und hatte einen Sohn, lebte jedoch mehr oder weniger offen mit seinen jeweiligen männlichen Geliebten zusammen. Zunächst unterhielt der Marquis eine Beziehung zu einem Engländer, später kam noch ein junger, als attraktiv beschriebener polnischer Adeliger hinzu, wahrscheinlich ein Exilant des gescheiterten polnischen Novemberaufstandes gegen Russland im Jahre 1930. Zusammen pflegte man eine „ménage à trois“, wie solcherlei pikante Dreiecksbeziehungen auf Französisch heißen. Auch Frédéric Chopin, den Custine verehrte, war bei ihm zu Gast. Ob der polnische Komponist ebenfalls eine Affäre mit Custine hatte, bleibt Spekulation.
Im Jahre 1839 reiste der homosexuelle Frei- und Feingeist Custine nach Sankt Petersburg und von dort über Moskau nach Jaroslawl, Kostroma, Nischni-Nowgorod, Wladimir und zum Abschluss nochmals nach Moskau und Petersburg. Anschließend schrieb er einen Reisebericht, der 1843 unter dem Titel „La Russie en 1839“ erschien. In 36 „Briefen“ schildert er darin seine Begegnungen und Beobachtungen im Zarenreich, die wenig schmeichelhaft für seine Gastgeber ausfielen, gleichwohl (oder gerade deshalb) das Russlandbild der damaligen Zeit prägten mit Nachwirkungen bis heute, wie noch zu zeigen ist.
In kurzer Zeit erschienen sechs Auflagen und mehrere Übersetzungen. Die letzte deutschsprachige Ausgabe kam 1985 unter dem Titel „Russische Schatten“ heraus. In Russland selbst war das Buch bis 1917 verboten, kein Wunder, hatte Custine doch ein ausgesprochen düsteres Bild eines in jeder Hinsicht rückständigen Landes gezeichnet mit einer despotischen Herrscherklasse und einem Volk, hin- und hergerissen zwischen Gott ergebenem Fatalismus und wildem Aufbegehren.
Den Russen schrieb der französische Aristokrat allerhand schwer überprüfbare, kollektive Charaktereigenschaften zu wie Grausamkeit, Lügenhaftigkeit, Neid, Verstocktheit, Aberglaube, Unterwürfigkeit, Faulheit und Nachahmungstrieb. Unwillkürlich denkt man dabei an den Topos der „asiatischen Grausamkeit“, der den Nazis als Rechtfertigung ihres Eroberungs- und Vernichtungsfeldzuges in Osteruropa und Russland diente und der bis heute in vielen Köpfen herumspukt.
Obwohl in geistreichem Plauderton geschrieben, ist Custines Buch ein reißerisches, wohl auch auf gute Verkäuflichkeit hin geschriebenes Pamphlet, das in Sätzen gipfelt wie der Feststellung; „Die Russen würden besser sein, wenn sie roher blieben“, denn „der Mensch muss eine gewisse Tugend besitzen, um die Bildung ertragen zu können“. Oder jenem Diktum, wonach es für die Menschen in Russland „zwei Särge“ gebe: die Wiege und das Grab. „Hier haben die Mütter die Geburt ihrer Kinder mehr zu beweinen als das Grab.“ Russland – ein Reich des Todes.
Wenn man Custines Urteile einzuordnen versucht, muss man berücksichtigen, dass die Ereignisse von 1812 den Menschen in Russland gewiss noch lebhaft vor Augen standen. Vielleicht begegneten sie dem Franzosen mit Vorsicht und Vorbehalten, was dieser dann zur Volksmentalität angeblicher Lügenhaftigkeit stilisierte. Auch die (sicher verständlichen) anti-russischen Ressentiments der polnischen Exilanten, zu denen Custine engen Kontakt hatte, dürfte sein Russlandbild beeinflusst haben. Mit dem „einfachen Volk“ dürfte Custine, der sich überwiegend oder ausschließlich in Adelskreisen bewegte, wenig Kontakt gehabt haben. Beleg dafür, dass er russisch sprach, gibt es keine.
Es empfiehlt sich also, Custines exotische Reiseliteratur als das zu nehmen, was es ist, eine interessante historische Quelle, die sorgfältig auf ihren Wahrheitsgehalt abgeklopft werden muss. Unklug (und unhistorisch) wäre es, sich Custines Sichtweise aus einer weit zurückliegenden Epoche zu eigen machen und pauschal in die Gegenwart zu verlängern, so wie es jüngst Bundeskanzler Friedrich Merz in einem Interview tat, das er im Vorfeld des CDU-Bundesparteitages der Ludwigshafener „Rheinpfalz“ gab und das hier vollständig zitiert werden soll.
Frage: „Kann es mit jemandem wie Putin, der den Oppositionellen Alexej Nawalny in einem Straflager vergiften ließ, je wieder normale Beziehungen geben?“ Antwort Merz:
„Ich halte das für nahezu ausgeschlossen. Wenn ich mir dieses Regime anschaue und diesen blindwütigen Terror, habe ich wenig Hoffnung. Es gibt ein interessantes Zitat des amerikanisch-französischen Historikers Astolphe de Custine aus dem 19. Jahrhundert, der nach langen Reisen durch Russland gesagt hat: ,Russland ist in unseren Tagen für den Beobachter das merkwürdigste Land, weil man in ihm die tiefste Barbarei neben der höchsten Civilisation findet.‘ Das Zitat ist 200 Jahre alt und gilt eben leider auch heute noch. Wir erleben im Augenblick dieses Land in einem Zustand tiefster Barbarei. Das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern, und damit müssen wir uns abfinden.“
Der Satz gefielt Merz offenbar so gut, dass er ihn am Jahrestag des russischen Einmarsches in der Ukraine bei einer Rede in Berlin noch einmal wiederholte. „Künstlerisch, musikalisch, in der Literatur, die höchste Zivilisation“, sagte er, Custine zustimmend. Aber: „Dieses Land befindet sich zurzeit unter dieser Führung auf dem Tiefpunkt der tiefsten Barbarei.“ Und es solle „niemand einen Zweifel daran haben, mit welchem Regime und mit welcher Barbarei wir es in diesen Jahren aus Russland heraus zu tun haben“.
Wie immer bei Merzschen Ausflügen ins Un- oder allenfalls Halbbekannte lohnt sich ein wenig Textexegese. Zunächst fragt sich, woher Merz das Zitat hat? Dass der viel beschäftigte Politiker Custines Ergüsse zur Gänze gelesen hat, darf bezweifelt werden. Wobei es schon genügt hätte, nur die erste Seite aufzuschlagen, denn der von ihm kolportierte Satz ist der Beginn des Vorwortes, worauf noch 500 Seiten folgen. Naheliegender ist, dass irgendein Pressebeauftragter seinem Chef das Zitat aufgeschrieben hat.
Die Passage ist in der „Rheinpfalz“ einschließlich der altertümlichen Orthographie korrekt wiedergegeben, doch handelt es sich bei Custine keineswegs um einen Historiker, sondern einen Reiseschriftsteller, auch um keinen amerikanisch-französischen, sondern einen reinblütigen Franzosen. Dass der Satz nicht 200 Jahre alt ist, sondern nur 186, muss man nicht so eng sehen angesichts weitaus gravierender Lapsi, die Merz in seiner kurzen Amtszeit schon unterlaufen sind. Zu korrigieren wäre indes, dass Custine keine „langen Reisen“ durch Russland absolvierte, sondern nur eine einzige und die war mit drei Monaten nicht besonders lang, auf jeden Fall wohl nicht lang genug, um einen profunden, heute würde man sagen belastbaren, Eindruck von einem Land, seinen Menschen und ihrer Lebensweise zu gewinnen. Doch darum ging es ja auch nicht, sondern eher um ein Stück süffiger Kolportage, so süffig, dass selbst ein Friedrich Merz nach „200 Jahren“ mit ein paar Bruchstücken daraus effekthaschend um sich werfen kann.
Wenn Annalena Baerbock irgendwelche sprachlichen Aussetzer hatte oder Russland en passent den Krieg erklärte, war man froh, dass sie im Kabinett als Ampelministerin über keine Richtlinienkompetenz verfügte und ihre Tölpeleien nötigenfalls höheren Ortes wieder eingefangen werden konnten. Doch heute lässt der Chef selbst solch merkwürdige Sätze vom Stapel und wiederholt sie sogar, noch dazu einer, der sich vor allem als „Außenkanzler“ geriert, weil er offenbar die Auseinandersetzung mit dringenden innenpolitischen Themen scheut.
In Sachen „Barbarentum“ sollte sich ein deutscher Regierungschef freilich nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen. Wie die Russen zu Custines Zeiten noch im Bann des napoleonischen Überfalls standen, erinnern sie sich heute noch allzu gut an die unvorstellbaren Gewalttaten des Hitlerschen Vernichtungskrieges mit dem erklärten Ziel, die russische „Untermenschen“ auszurotten oder zumindest zu versklaven. Der Irrsinn kostete 27 Millionen Russen das Leben. Keine andere Nation musste im Zweiten Weltkrieg einen derartigen Blutzoll entrichten. Sic tacuisses.

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