Eine Stimme für Merkel

Kritische Artikel über Angela Merkel sind hier viele erschienen. Das hat einen ihrer Anhänger provoziert: Hans-Erich Bilges über die Kanzlerin - und warum sie seiner Meinung nach gewinnen wird.

© Sean Gallup/Getty Images

Aussagen über Angela Merkel aus jüngster Zeit: „Merkels Macht erodiert“; „Merkel in der Zwickmühle“, „Ist Merkel wirklich unbesiegbar“; „Tut Merkel der CDU noch gut?“ „Die Kanzlerin der Einsamkeit“; „Ganz Europa gegen Merkel“; „Seehofer lässt Merkel zappeln“, „womöglich will er sie stürzen“, „morgen kann er sie stürzen“. „Angela Merkel, die sich im Labyrinth in ihrer eigenen Wirklichkeit verlaufen hat, ist zur leichten Beute für Seehofer und die AfD geworden“.

„Endet Merkel wie Cameron?“, In der notorisch Merkel-feindlichen „Neue Zürcher Zeitung“; wird Merkel von einem Autor als „im SED-Staat sozialisiert“ diffamiert – eine Kanzlerin, die diktatorisch ihren Willen durchsetzte; Monate zuvor wurde sie vom gleichen Autor als zaudernd, zögernd, „lavierend und richtungslos“ dargestellt.

Das geht soweit, dass ein deutscher Kolumnist ernsthaft schrieb: „Angela Merkel ist die späte Rache der DDR an der Bundesrepublik“. Es zeigt die knochenharte Entschlossenheit bestimmter Kreise, Merkel wegzumobben.

Auch nachweisbar falsches ist nicht geschützt davor, gedruckt zu werden: „Im Mecklenburgischen-Wahlkampf tritt Merkel bevorzugt in geschlossenen Räumen vor bestellten Parteifreunden auf“. In Wahrheit war Merkel pausenlos unter freiem Himmel unterwegs.

Oder: „Merkel flirtet mit Erdogan“. In Wahrheit hat sie deutlicher als alle anderen europäischen Regierungschefs Erdogan öffentlich (und vor allem intern) den Marsch geblasen.

Wie Merkel attackiert wird, praktizierte vor einiger Zeit die ARD-Moderatorin Anne Will. Auf den (zutreffenden) Hinweis, in Berlin werde die organisierte Kriminalität „von einer libanesischen-Großfamilie gesteuert“, fragte Anne Will süffisant lächelnd, warum die Kanzlerin das nicht unterbinde: „Schließlich ist sie jetzt seit 10 Jahren Kanzlerin“. Auf so eine diabolische Frage muss man erst kommen.

Gäben diese Zerrbilder einer Kanzlerin die Stimmungswirklichkeit der Deutschen wieder, lägen die Umfragewerte für Angela Merkel zwischen 2 und 5 Prozent – und nicht an die 60 Prozent, wie die jüngsten Umfragen zeigen (Tendenz steigend). Wie geht die Kanzlerin damit um? Die Antwort ist einfach: Gar nicht. Es berührt sie nicht, sie hört in der Morgenlage zu, verzieht keine Miene: „Nächstes Thema“. Ein Vierteljahrhundert in hohen und höchsten Regierungs-, Parlaments- und Parteifunktionen, hat sie inzwischen ein so dickes Fell wie Adenauer in seinen besten (hohen) Jahren Ende der fünfziger Jahre. Wer wie Merkel die bösartigsten parteiinternen Attacken seit über 20 Jahren ertragen hat, die Finanzkrise von 2008 gemanagt und die zermürbenden EU-Gefechte überlebt hat, zeigt heute auch keine Unruhe und Irritation, was die (brisante) Flüchtlingsfrage betrifft.

Ende November 2015, etwa 3 Monate nach dem geschichtsträchtigen 4. September mit dem „Einmarsch“ von 1 Mio. Flüchtlingen – also auf dem Höhepunkt der beißenden und wütenden Attacken gegen Merkel in Deutschland und Europa – bemerkte sie in einer kleinen Strategierunde vor Vertrauten: „Wir müssen jetzt alles tun, um mit dem Problem fertig zu werden. Wenn wir das bis zum Frühjahr 2017 hinbekommen, werden die Kritiker weniger und wir können dann sagen: Wir schaffen es“. Nicht wenige um sie herum blickten betreten zu Boden und glaubten den Worten nicht. Merkel schon.

Je älter sie wird und je länger sie im Amt ist, umso bestimmter und überzeugter zieht sie ihre Politik durch; sie ist auch deshalb weniger verwundbar, weil sie ohnehin grundskeptisch, ja abweisend ist gegenüber gefühlsergriffenen Politikern. Sie ist systematisiert auf Fakten und auf Problemlösungen konzentriert und menschelt nicht. Vor Jahren erzählte ihr ein wohlwollender Wegbegleiter den Satz von Friedrich dem Großen: „Je älter ich wurde und je mehr ich die Menschen kennenlernte, umso mehr liebte ich meine Hunde“. Merkel blickte einen Moment auf und wechselte dann das Thema.

Selbst die CSU-Politiker Ramsauer und Friedrich, vor Jahren huldvoll ergebene brave Kabinettskollegen, dann durch eigenes Verschulden (politische Dummheit) entlassen und heute jederzeit verlässliche Talkshow-Kandidaten gegen Merkel (und deshalb gern eingeladen), lassen die Kanzlerin kalt. Hätten früher vom damaligen Kanzler Schröder gebeutelte Ex-Minister ähnliches gewagt – Schröder hätte sie ebenso gnadenlos verfolgt wie es Helmut Kohl früher praktizierte. Beide, Schröder wie Kohl, kannten keine Gnade mit Dissidenten; Merkel geht einfach drüber hinweg. Sie hat zu viel erlebt, um sich dort zu verbeißen, wo sie politische „Petitessen“ sieht. Natürlich kennt sie die Strippenzieher, die noch bis vor kurzem gleichgesinnten Journalisten unterjubelten, dass Merkel ja eigentlich UNO-Generalsekretärin werden möchte – vulgo: Sie will weg. Nie war das für sie ein Thema. Da fand sie es schon eher abstrus-lustig, von der seltsamen AfD-Lichtgestalt von Storch orakelnd als Asylantin für Nordkorea ausgemacht zu werden.

Nicht einmal CSU-Chef Horst Seehofer bringt Merkel erkennbar in Rage; Merkel weiß, dass Horst Seehofer sich mit seinen Attacken erschöpft und in der Folge blamiert. Merkels kühle Kalkulation ist einfach: Sie wägt ab, was am Ende mehr nützt: Seehofer auflaufen lassen – oder ihn frontal annehmen. Natürlich wählt Merkel Variante 1.

Immer neu entdeckte Widersacher werden gegen Merkel in Stellung gebracht: Es waren u. a. Ursula von der Leyen, Wolfgang Schäuble, sogar Julia Klöckner musste ran; Neu im Favoritenranking gegen Merkel ist der umtriebige Staatssekretär (von Merkels Granden) Jens Spahn. Die „Neue Zürcher Zeitung“ entdeckte in ihm sogar schon den künftigen Bundeskanzler; da Merkels „Macht erodiert“. Stramme Anti-Merkel-Gesinnung geht über Faktentreue und politischen Sachverstand.

Allen Ernstes fragte ein Magazin Jens Spahn kürzlich: „Und wann werden Sie Kanzler“? Ausgerechnet im linken Guardian wurde über Spahn als künftigen Kanzler spekuliert. Spahn dazu: “Ich bin wenigstens froh, dass der „Guardian“ in Deutschland nicht wahrgenommen wird“.

Hans-Erich Bilges war Korrespondent der WELT in Berlin und Bonn und ist heute Chef eines Beratungsunternehmens für Politik, Wirtschaft und Kommunikation.

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