Das Waldsterben bildete den Kristallisationskern für eine amorph schon entstandene Natur-Ersatzreligion. Weg von „Gott Vater“ zu „Mutter Erde“ und den Heils- und Sinnversprechen ihrer Hohepriester. Georg Keckl schöpft aus reicher Erfahrung.
Das Waldsterben, nur ein Jugendschwarm? Warum an eine peinliche Liebschaft erinnern, die Hingabe an einen redegewandten, dominanten Macho? Warum die tröstliche Verklärung („war letztlich doch auch ein Guter“) entzaubern, die gefundene Ruhe stören? Weil ohne die Kenntnis der Vorgänge um das „Waldsterben“ fundamentale Entwicklungen der deutschen Gesellschaft schwer nachvollziehbar sind, die Streitereien um die Klimawissenschaften unverständlich bleiben. Weil aus dem „Waldsterben“ Lehren zu ziehen sind, um die ständigen Wiederholungen zu erkennen und zu vermeiden.
Das „Waldsterben“ hat mehr Schlechtes als Gutes bewirkt
Auch in Ländern ohne Waldsterbenshysterie wurde der Umweltschutz Schritt für Schritt verbessert. Aber, mal von einigen Übertreibungen und Peinlichkeiten abgesehen, hat nicht das Waldsterben trotzdem fast nur Gutes bewirkt: die Luftreinhaltungsmaßnahmen kamen schneller, das Umweltbewusstsein wurde gestärkt, die Grünen zogen mit dem Thema in den Bundestag, die NGO’s wurde eine moralische Instanz? Dieses altersmilde Urteil hat sich durchgesetzt, die Kehrseite der Medaille ausgeblendet:
- Das „ökologische Bewusstsein“ wurde zur deutschen Ersatzreligion [1];
- Wissenschaftliche Beweise wurden durch das moralische Bauchgefühl von Öko-Wissenschaftlern oder Ökoaktivisten, dem „Vorsorgeprinzip“, ersetzt;
- Die NGO’s wurden neben den Parlamenten als Anwälte, Aufpasser, Erzieher und Nebenrichter einer demokratisch nicht legitimierten, elitären „Zivilgesellschaft“ anerkannt, ähnlich einem „Big Brother“ aus dem Roman „1984“;
- Die mühsame Erforschung von Ursachen, Lösungsmöglichkeiten und Nebenwirkungen ist zu Gunsten von zivilgesellschaftlichen Einfachrezepten und lauten Schuldzuweisern entwertet worden.
Die Sage vom Öko-Glaubensritter, der den Drachen Waldsterben tötete, überlebte durch das Prinzip Penetranz: Es wurde so oft wiederholt, bis es als ein Gründungsmythos einer neuen Religion, die zu neuartiger Buße und Umkehr mahnt, weit in das öffentliche Bewusstsein drang. Jede Kritik daran erschien bald als inkompetentes, abwegiges „Schlechtsprech“, welches mit Ausgrenzung („Verschwörungstheorie“) geahndet wird. Wird heute ein irgendwo Baum dürr, ist es für viele ein Zeichen des „Waldsterbens“. Angstmacher vor Katastrophen haben niemals Unrecht: passieren sie, ist man bestätigt, bleiben sie aus, hat man erfolgreich gewarnt. Beweisen sie mal, dass die Welt demnächst nicht untergeht!
Wie das Waldsterben erfunden wurde
Bei einem Spaziergang mit seiner Frau im Harz sah Prof. Bernhard Ulrich, laut taz der „Erfinder“ des Waldsterbens [2], die abgeräumten Kahlschläge in den Harzwäldern, die auf Schäden durch Stürme („Capella-Orkan“ 1976 und „Niedersachsen-Orkan“ 1972 [3], dem folgenden Käferbefall, Sonnenbrände und Trockenheit zurückzuführen waren. Da kam ihm die Idee, seine kaum beachtete These vom „Sauren Regen“ als kommenden Waldkiller mit ein paar anderen Problemen im Wald und mit diesen traurigen Bildern von braunen Baumstümpfen, wo vorher grüner Tann war, zu einem unabwendbaren „Waldsterben“ zu verrühren. Das bescherte ihm zum Ende seiner Karriere ab 1981 endlich die große Aufmerksamkeit für seine düsteren Prognosen und eindringlichen Aufrufe zur ökologischen Umkehr in Politik und Gesellschaft [4].
Prof. Ulrich beobachte in einem Waldstück bei Göttingen den Eintrag von Luftschadstoffen in den Waldboden. Vermutlich deshalb wurde er gern als „Waldexperte“ vorgestellt. Er vermutete schlimme Folgen durch einen vermehrten Säure- und Stoffeintrag für den Wald. An einem Siechtum der Bäume konkret messen konnte er das nicht. Jede Nadelverfärbung irgendwelcher Ursachen sah er gern als ersten Hinweis für das, was nach seinem Bauchgefühl kommen würde. Er war Ökosystemwissenschaftler, kein Förster, ein Bodenkundler, der gerne den Weltuntergang vorhersagte: „Der Mensch müsse sein Wirtschaften nach den thermodynamisch begründeten Regeln der Ökosysteme ausrichten, also beispielsweise Energie sparen, sonst drohe das Aussterben der Menschheit.“ [5] Seine Warnungen vor dem ökologischen Ungleichgewicht samt Weltuntergang war eine von vielen in der Zeit [6], wurden vor dem „Waldsterben“ nicht sehr ernst genommen.

Waldsterben und Wunder-Heilungen
Spätwinter 1982 im Bayerischen Wald am Fuße des Großen Falkensteins: In allen Medien war im Herbst zuvor die düstere Analyse des Göttinger Ökosystem-Wissenschaftler Prof. Bernhard Ulrich „Die ersten großen Wälder werden schon in den nächsten fünf Jahren sterben. Spätestens nach dem nächsten heißen Sommer. Sie sind nicht mehr zu retten“ zu lesen. Eine Gruppe von jungen Agraringenieuren, darunter zwei Bio-Gärtner, diskutieren auf einer Skitour an einer alten Tanne, ob hier schon Anzeichen des Waldsterbens zu erkennen sind: vergilbte Nadeln, eine „Storchennestkrone“. Es war nichts Ungewöhnliches zu erkennen, die Tanne steht noch heute. Das wiederholte sich jedes Jahr. Forstarbeiter kannten auch keine „Waldsterbensecken“, obwohl es doch im Bayerischen Wald so schlimm sein sollte. In späteren Jahren sah man kilometerweit abgestorbene Fichten und Tannen, als der Nationalpark die Borkenkäferbekämpfung einstellte, aber das hatte nun nichts mit dem „Sauren Regen“ zu tun. Seither fällte ich tausende von Bäumen, nie gab es irgendein Indiz, dass die Bäume anders als zu Großvaters Zeiten waren, höchstens, dass sie schneller wuchsen, die Jahresringe größer wurden. Die Wälder wurden nicht mehr „gefegt“, das Streu- und Laubsammeln war nicht mehr wirtschaftlich, die Wurzelstöcke wurden nicht mehr mühsam als Brennholz ausgegraben, alles düngte jetzt die Böden. Ein „Waldsterben“ fand in 99,9% der Wälder nicht statt, der Wald wuchs besser als jemals zuvor, seit er in Privatbesitz kam und planvoll bewirtschaftet wurde.
Das Waldsterben bezeichnet heute die Geschichte einer Irrung, einer Kampagne, nicht eines flächenhaften Waldtodes. Im Laufe der Jahre konnte ich die angeblichen Zentren des Waldsterbens besuchen und bewandern, mir ein eigenes Bild machen und mich ärgern, dass auch ich dieser Scharlatanerie so arglos geglaubt habe. Aus einem eifernden Schwindel, den man mit einer Aufmerksamkeits-Not entschuldigte, wurde für viele ein lohnender Betrug, eine eigensüchtige Volksverdummung, und die Betrüger werden weder materiell noch ideell zur lehrhaften Buße gezogen. Es ist verwunderlich, was Opportunisten in grünen Anzügen unbedarften Besuchern alles erzählten (Fichtensterben, Lamettasyndrom, Säuresteppe, unnatürliches Wachstum, multiple Stressfaktoren), diese Gruselgeschichten teilweise selbst glaubten, zu verbeamteten Sektenmissionaren wurden. Die Opportunisten nisteten sich in ihren neu geschaffenen Labertaschen-Stellen ein.
Links: Autor beim Beheben von Waldschäden
Schon die einfachste Logik hätte gereicht, um die These vom „Sauren Regen“ als Ursache eines drohenden „Waldsterbens“ zu stürzen. Abgase und „Saurer Regen“ wüteten besonders in Städten, in den Lungen von Kindern und an Kunstdenkmälern, hätten die benachbarten Stadtforste besonders schädigen müssen, nicht die Wälder der Luftkurorte in den Mittelgebirgen. In den Kalkgebirgen gab es keine Versauerung der Böden, trotzdem sollte der „Saure Regen“ auch dort wirken. Es war ein Fehler der Gesellschaft, die steilen Waldsterbens-Thesen für das Ergebnis von wissenschaftlichen Berechnungen und Beweisen zu halten, nur weil Ökowissenschaftler den Ruf der Universitäten als eine Zulieferindustrie für Kampagnen nutzten.
Der nützliche Verdacht löste den wissenschaftlichen Beweis ab
Ernsthafte Beweise für die Waldwirkung des „Sauren Regens“, für ein „Waldsterben“ außerhalb der Abgasfahnen der Ostblock-Braunkohlekraftwerke („Katzendreckgestank“) im Erz-, Fichtel- und Riesengebirge gab es nicht [7]. Die Öffentlichkeit wurden von Forstexperten kaum über die Substanz der Waldsterbens-Thesen aufgeklärt, der Verdacht von Professoren genügte für scheinbar sichere Urteile, der wissenschaftliche Beweis wurde durch die selbstherrliche Gewichtung eines „Vorsorgeprinzipes“ ersetzt. Man schwieg lieber, als die „gute Sache“ durch Fakten zu stören, sich missliebig zu machen, mehr Mittel für die eigene Wissenschaft und ein besseres Fortkommen zu gefährden [8]. Für beamtete Wissenschaftlicher ist ein solches Verhalten moralisch verwerflich, auch wenn Charakterfestigkeit gefragt war als NGO’s mit Hilfe des SPIEGEL die Kritiker des „Waldsterbens“ moralisch in die Nähe der Holocaustleugner rücken durften: „Für dieses Sterben ist der Ausdruck “ökologischer Holocaust“ wohl nicht zu stark“ [9]. Für ein zusätzliches Missverständnis sorgte die Waidmannsprache, die „sterben“ synonym für „krank“ verwendet, z.B. „Tannensterben“ statt „Tannenkrankheit“, was zum Missverständnis „sterbend“ statt „krank“ führte.
Statistische Eseleien mit den „Waldschadensberichten“
Schon seit Prof. Ulrichs apokalyptischer Prognose (1981) war, trotz der Medienkampagne, Forstexperten die wackelige Beweislage für das behauptete „Waldsterben“ bewusst. Um Steuergelder zu verteilen und Kosten zu verursachen, brauchte die Politik exakte Messwerte über die Schäden und erhoffte sie von einer ersten „Waldinventur“ 1982, einer flächendeckenden Schadensaufnahme im Wald. In der Hitze der Kampagne wurde das Vorhaben nicht „Inventur“ oder „Zustandsbericht“ genannt, sondern gleich wertend „Waldschadensbericht“. Der Gesundheitszustand des Waldes, bzw. die „Waldschäden“, sollten hauptsächlich über die „Verlichtung“ der Kronen, also der Blatt- und Nadelausdünnung der Bäume gegenüber einer vollen Belaubung, von Förstern eingeschätzt werden [10].
1982 wussten die Förster beim ersten „Waldschadensbericht“ nicht recht, was sie denn so schätzen sollten, wie „100% voll belaubt“ definiert ist, aber sie wussten natürlich, wie „geschädigt“ aussieht oder sich ankündigt. Sie gingen also nach ihrer beruflichen Erfahrung zu Werke. Das Ergebnis 1982 mit nur 8% „geschädigt“ wurde gleich heftig als „beschönigend“ kritisiert. Das verunsicherte die Einschätzer und langsam sprach sich rum, dass so 25% „stark geschädigt“ und nochmals 30% geschädigt „normal“ sein würden, jedenfalls ein Wert, mit dem man nicht auffällt und man sich nicht rechtfertigen muss. Das ist ein typisches Verhalten für öffentlich Bedienstete. Die zweite „Waldschadenserhebung“ 1983 ergab dann schon 34% kranke („geschädigte“) Bäume und die dritte 1984 ergab die gewünschten Soll-Werte: 56% „geschädigt“ (23% „stark geschädigt“ und 33% „Warnstufe“), ohne dass sich Wälder gegenüber der ersten Erhebung 1982 mit nur 8% „geschädigt“ tatsächlich verändert hätten. Seit 1984 haben sich diese Einstufungen kaum geändert, sie geben einen Normalzustand wider.
Die Wirkung dieser Gängelung zu „aufmerksameren Schätzungen“ 1982 und 1983 war nun die, dass alle von einer gemessenen, rasanten Zunahme der Schäden, von 8% in 1982 auf 56% in 1984, sprachen, statt von „statistischen Nachjustierungen“ [12]. Der Öffentlichkeit und der Politik wurde das von „Experten“, Scharlatanen und Opportunisten als Beweis für die explosionsarte Zunahme der Schäden verkauft. Eine bleibende Schande für die Forstwissenschaften, die sich nicht gegen solche fanatische Eiferer wehrten, Stellung und Fördermittel riskierend. Nach der herbeigezauberten Zunahme wäre der Wald tatsächlich in 10 Jahren von einer „Säuresteppe“ abgelöst worden. 23% „stark geschädigt“ (Definition: mehr als 25% geringerer Nadel- und Blattbehang) wurde nun allgemein und völlig grotesk als „kurzfristig sterbend wegen saurem Regen, bzw. dem Waldsterben“ interpretiert. Die ersten beiden Waldschadensschätzungen 1982 und 1983 werden heute zumeist mit der vorgeschobenen Begründung „wandelnde Erhebungs-Methodik“ verschwiegen[13]. Die Methodik war tatsächlich verschieden, aber die Frage nach dem Merkmal „geschädigt“ war gleich, ebenso die Befragten. Die statistische Lebensdauer identischer Glühbirnenserien kann z.B. nicht deswegen schlechter sein, weil sich die Untersuchungsmethodik verändert. Welche statistische Methode, welches Ergebnis, hätten’s denn gerne? Einige Naturschutzaktivisten unter den Förstern erkannten ihre Ermessenspielräume bei dieser Schätzerei und nutzten die hysterische Stimmung, um mit einer „100%-geschädigt“- Schätzung nochmals mehr Stimmung zu machen. So entstand 1984 die „Der Schwarzwald stirbt“–Kampagne [14]
Das „Waldsterben“ wurde zur Vorlage für viele Ökokampagnen
Wald-Ministerin Künast wollte 2003 das für die deutsche Wissenschaft peinliche Waldsterben vergebens für beendet erklären. Sie erntete eine Lektion in grüner Dogmatik [15]. Die ungeplante, hysterische, aber aus Sicht der NGOs sehr erfolgreiche Entwicklung des „Waldsterbens“ ist zur Blaupause für Ökokampagnen geworden. Motto ist, wie mal die taz einen Artikel zum Waldsterben überschrieb: „Hysterie hilft“ [16]. PR-Profis wie das Kampagnennetzwerk „Campact“ in Verden testen ihre Kampagneideen wie Waschmittelkonzerne die Produktchancen für ein neues Waschpulver [17].
Erfolgreiche Kampagnen folgen dem Rezept:
1) Geeignetes Problem finden oder erfinden und Skandal-Marktchancen austesten,
2) Moralgeschichte dazu erzählen,
3) maßlos um einen kleinen Alibikern herum übertreiben,
4) emotionalisieren mit Bildern,
5) die Anhängerschaft in den Medien „einbetten“,
6) die Öffentliche Meinung verändern.
Das Waldsterben hat diese Schritte noch ohne professionelle Lenkung chaotisch durchlaufen. Nach dem erkannten Muster perfekt geplant war dann schon 1987 die Greenpeace-Kampagne um die Versenkung der Tankboje „Brent-Spar“ [18]. Das Waldsterben zog um diese Zeit schon nicht mehr so gut, die Fünfjahesfrist der Prognose von Prof. Ulrich zum rettungslosen Tod großer Waldgebiete löste sich langsam in der guten Waldluft auf, man brauchte einen neuen Hype.
Meeressterben statt Waldsterben: Greenpeace-Kampagne um die „Brent Spar“ 1987
Greenpeace hatte 1985 ihr vom französischen Geheimdienst beschädigtes Schiff „Rainbow Warrior I“ vor die Küste Neuseelands geschleppt und versenkt. Es ist heute ein Taucherziel, ein künstliches Riff, ein gewolltes Hindernis für die Fischerei [19]. Die Engländer legen vor Gibraltar planvoll ein künstliches Riff mit Schiffswracks an. Die englische Regierung unter Premier John Major erlaubte 1987 dem Ölkonzern Shell die Versenkung einer ausgedienten Tankboje („Spar“) auf dem Ölfeld „Brent“ zwischen Schottland und Norwegen im tiefen Nordatlantik und Shell gab das auch bekannt. Greenpeace sah darin Marktchancen für eine Kampagne nach dem Muster „rettet die Meere“ oder „kein Gift in unser Meer“, vor allem im waldsterbenskonditionierten Deutschland. Wenn das Waldsterben keine passenden Leichenbilder liefern kann, erfinden wir ein Meeressterben (Kampagne Schritt 1). Die Moralgeschichte drumrum war das Entsorgen von erfundenen „Giftmüll“ durch böse Kapitalisten (Schritt 2). Die maßlose Übertreibung (Schritt 3) bestand in der „Rettung unserer Nordsee“, im der Umwandlung der Tankboje in eine „Ölplattform“, im Aufbauschen von lächerlich geringen Ölresten in der Boje zur Gefahr für das Meer.



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