Frankreich und Spanien ziehen mit beeindruckender Souveränität ins WM-Halbfinale ein. Die Équipe überzeugt als eingeschworene Einheit, Spanien mit spielerischer Klasse – und einem Joker, der erneut eiskalt zuschlägt.
picture alliance / Anadolu | Jose Hernandez
Die WM geht nun langsam in ihre letzten Züge, und sie hat ihre ersten großen Botschaften verschickt: Frankreich und Spanien sind nicht einfach nur weiter – sie marschieren. Während andere Mannschaften noch nach der richtigen Gebrauchsanweisung für dieses Turnier suchen, wirken diese beiden Teams, als hätten sie den Bauplan schon vor Monaten blind einstudiert. Manche Spötter behaupteten sogar, die DFB-Elf habe alles dafür getan, Frankreich möglichst elegant aus dem Weg zu gehen.
Frankreich jedenfalls zeigte gegen Marokko, warum diese Mannschaft der Albtraum jedes Trainers ist. Kylian Mbappé wurde gefoult, gejagt und bearbeitet, als hätte man versucht, eine Hochgeschwindigkeitslokomotive mit einer Fahrradkette zu stoppen. Selbst sein Elfmeter war ungewöhnlich zahm – ein Schuss, den der marokkanische Torwart vermutlich auch mit dem Sitzpolster hätte entschärfen können.
Doch dann kam die Erinnerung daran, dass Mbappé eben Mbappé ist. Ein kurzer Moment, ein Kunstschuss aus dem Stand, und plötzlich sah die Verteidigung aus wie eine schlecht sortierte Schrankwand. Beim 2:0 durch Dembélé war er ebenfalls beteiligt. Danach rannte die französische Mannschaft gemeinsam zur Bank und feierte mit den Ersatzspielern. Dieses Bild war vielleicht der wichtigste Treffer des Abends: Frankreich wirkt nicht wie eine Ansammlung von Stars, sondern wie eine Mannschaft.
Abseits des Rasens
Abseits des Rasens zeigte sich allerdings wieder die komplizierte französische Realität in der Heimat. Während in den Stadien gefeiert wurde, brannten nach der Übertragung in einigen französischen Städten Mülltonnen und Straßen. Fußball ist manchmal ein Spiegel, und manche Spiegel zeigen nicht nur schöne Bilder. Frankreich ringt seit Jahren mit der Frage, was Zusammengehörigkeit eigentlich bedeutet. Die Sprache verbindet Millionen Menschen, löst aber nicht automatisch alle gesellschaftlichen Spannungen.
Dabei gäbe es auf dem Platz ein wunderbares Gegenbild: Mbappé und Hakimi. Einst Teamkollegen bei Paris Saint-Germain, heute Gegner auf höchster Bühne, aber weiterhin Freunde. Zwei Fußballer, die zeigen, dass Herkunft, Konkurrenz und Respekt kein Widerspruch sein müssen.
Ein Kenner der Szene meinte mit einem Augenzwinkern, Frankreich könnte bei dieser WM vermutlich zwei Mannschaften melden, und beide hätten Chancen auf das Halbfinale. Nach den bisherigen Auftritten klingt diese Übertreibung fast wie eine nüchterne Analyse.
Und dann wäre da noch Spanien, „la bestia roja“, die rote Bestie, plötzlich nur allzu menschlich. Eine Mannschaft, die den Ball behandelt, als wäre er ein wertvolles Familienerbstück. 649 Minuten ohne Gegentor – bis De Ketelaere diese spanische Festung per Kopf erschütterte. Jede Serie endet irgendwann. Selbst die schönsten.
Fast ein vorgezogenes Finale
Gegen Belgien zeigte Spanien wieder seine ganze Klasse. Lamine Yamal, der junge Superstar mit dem Marktwert eines kleinen Unternehmens, produzierte Chancen in Serienfertigung. Manchmal allerdings wirkte er, als spiele er mehr für die Galerie als für seine Mitspieler. Ein Künstlerproblem: Wer zu sehr auf den perfekten Pinselstrich wartet, vergisst gelegentlich das einfache Bild. Aber Spanien gewinnt. Und solange die Ergebnisse stimmen, darf ein Wunderkind auch einmal etwas zu verspielt sein.
Fabián Ruiz hatte nach seinem 1:0 ohnehin schon den perfekten WM-Moment: Ball im Netz, Jubel und vermutlich die schönste persönliche Widmung des Turniers – den Ball kurz unter dem Trikot versteckt als Gruß an seine schwangere Partnerin. Die endgültige Erlösung von der Verlängerung folgte dann tatsächlich mit dem 2:1 kurz vor Schluss, wieder einmal durch Miguel Merino. Ein Abstauber? Ja, und ein „echter Killer“, wie der spanische Reporter dem Joker entgegen schleuderte. Belgien trocknete die Tränen, doch irgendwie schien die Luft bereits raus zu sein.
Die WM hat nun zwei Mannschaften im Halbfinale, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Frankreich, die athletische Hochgeschwindigkeitsmaschine, und Spanien, die elegante Fußballwerkstatt. Ein TGV gegen eine Uhrmacherwerkstatt – nur, dass beide wissen, wie man einen Wettbewerb gewinnt. Spanien gegen Frankreich ist deshalb nicht nur ein Halbfinale. Es ist fast schon ein vorgezogenes Finale.
Und immerhin: Ein Deutscher ist noch dabei. Mit England gegen Norwegen: Taktikfuchs Thomas Tuchel. Lionel Messi bekommt es derweil mit der Schweiz zu tun. Ach ja, der Fußball kann manchmal herrlich antideutsch sein. Und genau dann ist er am schönsten.


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