Wie Parteien auf Wahlplakaten das Volk anreden

Deutschland steht vor Bundestagswahlen, und das ist öffentlich am sichtbarsten in den Wahlplakaten: Sie sollen die politische Botschaft einer Partei kurz und griffig in einem Slogan zusammenfassen. Diese Botschaft, die oft zusammen mit dem Bild des Spitzen- oder Wahlkreiskandidaten präsentiert wird, richtet sich an das Wahlvolk, konkret: 60,4 Millionen wahlberechtigte Deutsche. Aber wie redet man dieses Volk an?

IMAGO / MiS
SPD-Wahlplakat in Türkheim im Unterallgäu

Das moderne Deutsch kennt zwei pronominale Anredeformen: Du bzw. (für mehrere Personen) Ihr und Sie. Wer mit jemanden zum ersten Mal kommuniziert, muss sich – außer bei Kurzkontakten, wo man die Anrede vermeiden kann – für eine Form entscheiden. Geduzt werden allgemein Kinder und Verwandte (Familien-Du); tendenziell Freunde (Freundschafts-Du) und Angehörige derselben Gruppe (Gruppen-Du): Studenten, Arbeitskollegen, Vereins- und Parteimitglieder , Disco-Besucher usw. Ansonsten ist, insbesondere bei größerem Altersunterschied, das Sie die Regel. Einseitiges Duzen unter Erwachsenen gilt als beleidigend.

In den letzten fünfzig Jahren, genauer seit der Studentenbewegung von 1968, hat sich die Duz-Zone stark ausgeweitet: Zunächst gingen die Studenten – die vorher zweihundert Jahre lang einander siezten – zum „solidarischen“ Du über; dann folgten andere Gruppen, seit den 1990er Jahren auch die Wirtschaft (Firmen-Du) und die sozialen Medien. Ein Du zwischen zwei Erwachsenen, die nicht verwandt sind, bedeutet also meist nicht mehr, dass es sich um „Duzfreunde“ handelt: In politischen Parteien (SPD, GRÜNE), deren Mitglieder sich automatisch duzen, kann ein „Parteifreund“ durchaus zum „Duzfeind“ werden.

Das neue, erweiterte Du konnte allerdings das alte Sie nur zurückdrängen, nicht ersetzen. Wer sprachlich vor den 1970er Jahren sozialisiert wurde – 39 Prozent der Wahlberechtigten sind über 60 Jahre alt – kennt noch aus eigener Erfahrung die traditionelle Anrederegel, dass Du Nähe und Vertraulichkeit ausdrückt, Sie hingegen Höflichkeit und Respekt.

„Respekt für Dich“

Der Wahlkampfslogan 2021 der SPD verbindet einen konservativen Begriff mit einer – zumindest für konservative Wähler – unkonventionellen Anrede: Über einem Foto des Spitzenkandidaten Olaf Scholz steht (in Großbuchstaben) RESPEKT FÜR DICH. Diese – werbetechnisch vermutlich gewollte – sprachliche Dissonanz zwischen Anrede und Ansage fiel im Netz sofort auf und wurde zum Beispiel so kommentiert:

● „Respekt und dann Duzen. Die spinnen!“
● „Also ich kann mich nicht erinnern, Olaf das „DU“ angeboten zu haben. Trotzdem duzt er die Leute. Zeugt so etwas von Respekt“? Zum Lachen!“

Die Forderung nach mehr „Respekt“ gehört seit den 1990er Jahren zum Diskriminierungsdiskurs zahlreicher Gruppen (aktuell der „Black lives matter“- Bewegung). In Deutschland wird dabei immer wieder beanstandet, dass Mitglieder dieser Gruppen von Amtspersonen geduzt werden.
Inhaltlich konkretisiert die SPD den programmatischen RESPEKT als „Soziale Politik für Dich“, etwa bei der Erhöhung des Mindestlohnes auf 12 Euro pro Arbeitsstunde. Für andere Einkommensgruppen zahlt sich dieser versprochene Respekt finanziell allerdings nicht aus, im Gegenteil: Manche werden dafür höhere Steuern zahlen müssen. Respekt!

„Bereit, weil Ihr es seid“

Der – gereimte – Slogan der GRÜNEN redet die Wähler mit Ihr an. Es handelt sich um eine Gruppenanrede, die weniger direkt wirkt als ein individuelles Du, und deshalb kaum als „beleidigend“ oder „respektlos“ aufgefasst werden kann. Das Ihr bzw. der Imperativ Plural (Wählt!) betont – im Unterschied zum Plural-Sie – die Zusammengehörigkeit einer Gruppe und eignet sich deshalb als Appell zu gemeinsamen Handeln. Dieses appellative Ihr wurde in den Wahlslogans der Weimarer Republik (1919-1933) und der frühen Bundesrepublik gerne verwendet:

● Frauen! Wählt sozialdemokratisch! (1919; die SPD hatte das Frauenwahlrecht gefördert)
Wählt CSU! (1949)
● Wählt FDP, dann wählt Ihr Deutschland! (1953)

Die Wendung bereit sein bedeutet, Vorbereitungen für etwas abgeschlossen zu haben. Wozu sind die GRÜNEN „bereit“? Das Spitzenpersonal für die Regierung; die Wähler, das Ihr, für ein neues, grünes Zeitalter. Damit erinnert der Slogan an Bibelstellen, in denen die Jünger und frühen Anhänger Christi aufgefordert werden, sich auf seine Wiederkehr einzustellen:

● Darum seid bereit und stellt euch ganz und gar auf das Ziel eures Glaubens ein. (Petrus 1, 13; Bibelübersetzung „Hoffnung für alle“)
● Darum seid auch ihr bereit (lateinisch: estote parati)! Denn der Menschensohn [= Christus] kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint. (Matthäus 24, 44; Luther-Übersetzung)

Der Slogan der Grünen hat also einen bibelsprachlichen Hintergrund, und dazu passt auch die Anrede Ihr; denn in der Bibel, genauer: ihrer deutsche Übersetzung, kommt Sie nicht vor. Auch Gott wird geduzt.

„Deutschland gemeinsam machen“

Der Slogan der CDU enthält keine direkte Anrede, wendet sich aber indirekt an alle, die es betrifft (hier: die Wähler), so wie ein „Bitte zurückbleiben!“ auf Bahnhöfen oder Gebrauchsanweisungen für Nutzer: „Das Sauerkraut in einen Topf geben und bei mittlerer Hitze ca. 3 Min. erwärmen“. Dieser „imperativische Infinitiv“ funktioniert als Sparform, welche die grammatisch kompliziertere Formulierung mit Anredeformen überflüssig macht und das Du/Sie-Problem umgeht.

Beim Brustbild des Spitzenkandidaten Armin Laschet wird der Slogan leicht abgewandelt zu „Gemeinsam für ein modernes Deutschland“. Hier stellt sich kein Anredeproblem, weil es sich um eine verblose Äußerung handelt. Inhaltlich wurde der Slogan übrigens schon 1969 von der SPD verwendet: „Wir schaffen das moderne Deutschland“.

Die Schlüsselbegriffe der beiden CDU-Slogans sind „gemeinsam“ und „Deutschland“. Das Wort gemeinsam appelliert an ein Wir-Gefühl, aber wen meint „wir“? Die „Deutschen“ können es nicht sein; denn im politischen Diskurs von CDU, SPD und GRÜNEN kommen sie praktisch nicht mehr vor. Ein Sprachbeobachter von einem anderen Stern käme nach der Lektüre der Parteiprogramme zu dem Ergebnis, dass die Staatsbürger Deutschlands heute Menschen heißen bzw. Menschen in Deutschland. „Deutsche“ gibt es zwar noch, aber nur im Ausland oder als historische Erinnerung. Vor einem halben Jahrhundert war dies ganz anders: Damals, 1972, gewann die SPD unter dem Bundeskanzler Willy Brandt mit dem Slogan

Deutsche
wir können stolz sein auf unser Land

die Bundestagswahl und erzielte mit 45,8 Prozent ihr bestes Ergebnis.
Ob die „Menschen in Deutschland“ ein gemeinsames Wir-Gefühl entwickelt haben, ist fraglich. Auch die CDU scheint sich nicht sicher zu sein, denn sie hat Varianten ihres Slogans schon früher bei Bundestagswahlen verwendet: „Gemeinsam für Deutschland“ (2002), „Gemeinsam für unser Land“ (2009), „Gemeinsam erfolgreich. Für Deutschland“ (2013), „Erfolgreich für Deutschland“ (2017).

*******

Der Altmeister der Wahlkampf-Forschung, Peter Radunski (Wahlkämpfe. Moderne Wahlkampfführung als politische Kommunikation, 1980) stellte für die Wirksamkeit eines Wahlslogans drei Kriterien auf: 1) sprachliche Verständlichkeit und Einprägsamkeit, 2) Glaubwürdigkeit (der Slogan muss zum Spitzenkandidaten und der Partei passen), 3) Relevanz (er muss ein für die Wähler wichtiges Thema ansprechen). Ob und wie die vorgestellten Slogans diese – auch heute noch gültigen – Kriterien erfüllen, mögen die Leser und Wähler beurteilen.

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Kommentare ( 26 )

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Th. Nehrenheim
18 Tage her

„Bereit, weil Ihr es seid“ – Ich ahne, dass das aus irgendwelchen Welten der Spielkälber kommt, also aus einem Computerspiel.
Die Wählergruppe als Deutsche anzusprechen, wäre ja auch seit der Änderung der Definition „Deutscher“ und bei Mehrstaatsbürgerschaften falsch. Es dürfen – auch bei der Bundestagswahl – etliche Menschen wählen, die man und die sich auch nicht als Deutsche bezeichnen würden.

Fuerstibuersti
19 Tage her

Natürlich kann man trefflich über die Wahlplakate diskutieren und allerlei hineininterpretieren, aber man sollte sich trotzdem immer bewusst machen, dass sie nichts weiter sind als Werbung. Und Werbung hat frei von jeglicher Moral das Ziel, den Absatz eines Produkts so effektiv wie möglich zu fördern. Die einzige juristische Leitplanke ist meines Wissens nach das Verbot von vergleichender Werbung – also die Konkurrenz namentlich zu erwähnen und als Mist zu bezeichnen . Ansonsten kann gelogen werden, dass sich die Balken biegen. Ich sehe Werbung nicht grundsätzlich als etwas schlechtes. Zum einen kann sie unfreiwillig für große Erheiterung sorgen. Und zum anderen… Mehr

old man from black forrest
20 Tage her

Habe den Eindruck, die Parteien reden mittlerweile ihr Wahlvolk genauso an, wie sie es einschätzen: Trottel und Vollpfosten. Vor meinem Fenster (mit grandiosem Schwarzwaldblick) hängt ein Grünen-Plakat an der Laterne: „Für mehr Grün im Schwarzwald“ die abgebildete Kandidatin ist auch noch grün im Gesicht – so, als wenn ihr übel wäre . Das ist noch nicht mal als Wortspiel lustig – einfach nur infantil. Aber die Grünen-Wähler hier finden es toll.

Berlindiesel
20 Tage her

Beim Slogan der Grünen halte ich es für übertrieben, ihn auf biblische Deutungsmuster herunterzubrechen. Generell ist er mit ziemlicher Sicherheit in einer der grünaffinen Werbeagenturen in Hamburg oder Berlin erdacht worden. Das bedeuet, dass sind alles so Leute im Alter von 25 bis 35 Jahren. Also die ersten Generation der digital sozialisierten Deutschen, als Kinder ev. noch ohne Internet und Mobiltelefon aufgewachsen, aber spätestens seit ihren Teeniejahren in dieser Welt lebend. Mit dem Internet schwappte eine erneute und mit großer Wucht daherkommende Welle der Anglizismen oder Verenglischung des Deutschen herein, zumal die meisten modernen Begriffe der digitalen Welt, zumindest in… Mehr

Nihil Nemo
20 Tage her

Der Duz-Scholz wird auf dem fiesen Plakat richtigerweise inszeniert, wie ein brutaler Diktator im Film, z. B. „1984“, „V for Vendetta“. Ungewollt scheint da durch, was wir bekommen, wenn wir diesen Apparatschik zum Knzlr bekommen und ihm neben den eigenen SPD-Genossen noch die SED und Schnatterinchens bunte Klimascharia-Truppe im Nacken sitzt. Merkel kichert schon und ich gehe jetzt flennen.

littlepaullittle
20 Tage her

Das ist ein Druckfehler bei den GRUENEN:
Es heisst eigentlich:
„BREIT, weil ihr es seid!“

Bewusstseinsveraendernde Drogen …. oder ganz simpel i.S. der Propaganda:
„Getretener Quark wird BREIT, nicht stark.“

nachgefragt
20 Tage her

Das mit dem Wir und Wir-Gefühl ist eigentlich ganz einfach: Es motiviert dann, wenn es um eine klar definierte Gruppe geht, zu der man sich zugehörig fühlt. Es geht nicht darum zu sagen, dass andere Gruppen schlecht sind, sondern dass es „toll“ ist, zu dieser Gruppe zu gehören, dass man Teil dieser Gruppe sein will und dass das Werte mit sich bringt. Diese Gruppe kann aber nicht beliebig sein. Entweder man ist Teil der Gruppe oder nicht. Einfach jeden zu der Gruppe dazu zählen, der mal vorbeischaut, ihm Mitsprache einräumen, macht die Gruppe unattraktiv, denn eine Mitgliedschaft hat keinen Wert… Mehr

Innere Unruhe
20 Tage her
Antworten an  nachgefragt

Richtig. Aus Verlegenheit nicht abgeschobene Personen, geduldete Abgelehnte sollten nie Teil Deutschlands werden.
So sollte man es halten.
Staatsangehörigkeit sollte nicht Bestandsteil der humanitären Hilfe werden. Auch nach Jahren nicht.
Wenn DE nichts mit dem Verlust von Staatsangehörigkeiten mancher Personen zu tun hat, sollte es den deutschen Pass nicht als Ersatz anbieten. Verlorene Dokumente und Pässe für die Kinder sind Familienthemen und Angelegenheiten zwischen den jeweiligen Personen und Staaten. DE sollte sich hier raushalten.
Reguläre Einreise sollte Voraussetzung für die Bewerbung für die Staatsangehörigkeit sein.

Ananda
20 Tage her

Egal ob ungefragtes Du oder Sie. Solange Scholz unsere Währung, unser Eigentum, unsere Grundrechte und unser Land verschenkt, fragt man sich wo dieser Typ „Respekt“ vor einem hat.

Hannibal Murkle
20 Tage her

„Respekt“ von der Klimaindustrie-Werbepartei:

„… Grabverweigerer ist für alte Menschen ein ausgesprochen hasserfüllter Begriff, den man vielleicht bei sog. „Eugenikern“ erwarten würde, aber tatsächlich zitiere ich hier eine Anhängerin der Grünen bei Twitter, die es offensichtlich nicht leiden kann, dass sich Menschen mit anderen Sichtweisen eines langen Lebens erfreuen. …“

https://www.welt.de/kultur/stuetzen-der-gesellschaft/plus233589392/Don-Alphonso-Soll-man-falsch-waehlende-Nachkommen-enterben.html

„… Grüne Vorfeldorganisationen stiften Jugendliche an, alte Menschen emotional zu erpressen …“

Wenn man keine Argumente hat…

Andreas aus E.
20 Tage her

„Wozu sind die GRÜNEN „bereit“?“ In den Slogan „Bereit, weil Ihr es seid“ haben sich gleich zwei Fehler eingeschlichen. Der erste Fehler ist das großgeschriebene „Ihr“, natürlich muß das klein, „ihr“, geschrieben werden. Es handelt es sich bei einem Plakat schließlich nicht um einen Brief. Den zweiten Fehler werden sogar Anhänger der „Grünen“ leicht erkennen – da ist ein „e“ zu viel, dafür ist der Satz völlig verunglückt. „Breit, wie auch ihr es seid“ soll es wohl heißen und an die Berufskiffer der Wählerschaft dieser Sekte appellieren. Zum Geduze: Man kann ja fast schon mit Rührung dankbar zur Kenntnis nehmen,… Mehr

Last edited 20 Tage her by Andreas aus E.
Th. Nehrenheim
18 Tage her
Antworten an  Andreas aus E.

Nein. „Ihr“ darf man hier groß schreiben. Das ist orthographisch schon richtig, wenn es als Anrede gedacht ist.