In Zeiten von Übersetzungs-Apps sollen die Schulen keine zweite Fremdsprache mehr unterrichten. Das verkündet Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident. Er verkennt völlig den wahren Wert humanistischer Bildung.
picture alliance/dpa | Tom Weller
Die Berliner Polizei hat gerade zwei Sonderkommissionen im Bereich der Organisierten Kriminalität gebildet. Nein, Sie sind nicht im falschen Text, lieber Leser. Denn die eine SoKo heißt „Ferrum“, die andere heißt „Telum“.
Das ist Latein und steht für Eisen (ferrum) und für Waffe (telum).
Wenn es nach Winfried Kretschmann geht, wird so etwas schon bald nicht mehr vorkommen: weil niemand mehr die verwendeten Vokabeln versteht. Der scheidende grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg spricht sich in einem Interview mit der Wochenzeitung „Zeit“ gegen einen zweiten Fremdsprachenunterricht an den Schulen aus:
„Wenn das Handy Gespräche in fast jede Sprache der Welt in Echtzeit übersetzen kann – brauchen wir dann noch eine zweite Fremdsprache in der Schule als Pflichtfach?“
Auch die Beherrschung der Rechtschreibung hält der 75-Jährige, der in einem früheren Leben selbst einmal Lehrer war, für entbehrlich. Warum, so sagt er, sollte das für Schüler wichtig sein, „wenn das Schreibprogramm alles korrigiert“?
Im internationalen Vergleich schifft Deutschland bei den Bildungsstandards bekanntlich regelmäßig ab. Die Universitäten klagen über Abiturienten, die kaum lesen und schreiben können. Die Betriebe klagen über Lehrlinge, die noch nicht einmal die Grundrechenarten alltagstauglich beherrschen. Selbst ein angehender Hotelfachmann muss halt wissen, wie man ein Stück Torte am besten in zwölf oder in 16 Stücke aufteilt.
Zu verdanken hat unser Land der Dichter und Denker diesen erbärmlichen Zustand solchen selbsternannten Bildungsexperten wie Winfried Kretschmann.
Dessen Ideen entsprechen nicht nur der allgemeinen grünen Leistungsfeindlichkeit. Sie dokumentieren auch ein fundamentales Missverständnis des Wertes von klassischer, humanistischer Bildung.
Viel mehr als eine Fremdsprache
Latein, erstens, ist nicht halb so tot, wie allgemein angenommen wird: Extrem viele historische und philosophische Texte sind immer noch nicht übersetzt. Die Quellen versteht man überhaupt nur im Original. Ganze Wissenschaften sind ohne Latein (und ohne Altgriechisch) undenkbar: Geschichte und Philosophie, aber auch Medizin – fast alle Fachbegriffe dort sind in lateinischer Sprache.
Und wer jemals auch nur das kleine Latinum absolviert hat, der weiß: Allein dadurch kann man zumindest grob verstehen, was in französischen, italienischen und spanischen Zeitungen steht. Das liegt daran, dass die sogenannten romanischen Sprachen sämtlich aus dem Vulgärlatein des Römischen Reiches entstanden sind.
Dazu gehören vor allem Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Rumänisch und Spanisch. Sie sind grammatikalisch und lexikalisch verblüffend eng miteinander verwandt. Mehr als 900 Millionen Menschen weltweit haben eine romanische Muttersprache.
Mit Latein kommt man also auch heute noch ganz schön weit.
Man lernt Latein, zweitens, nicht für bizarre Unterhaltungen im Vatikan. Man lernt Latein, weil man darin die Wurzeln unserer Kultur, ja unserer Zivilisation entdeckt: Denken und Logik. (Dasselbe gilt für Altgriechisch.)
In Koblenz wird aus dem altsprachlichen Görres-Gymnasium zum neuen Schuljahr ein nicht altsprachliches Gymnasium gemacht. Das folgt einem Trend, den Figuren wie Winfried Kretschmann nach Kräften befeuern:
Während andere Weltregionen in alte Sprachen investieren und stolz auf die Grundlagen ihrer Kultur sind, wird bei uns mit Latein das abgeschafft, was ganz Europa jahrtausendelang verbunden hat.
Modischer Quatsch statt wissenschaftliche Substanz
In Wahrheit ist alles sogar noch viel schlimmer. Wir entledigen uns nämlich nicht nur der Kenntnis alter Sprachen, sondern gleich komplett der Kenntnis des Altertums.
Die Berliner Humboldt-Universität (HUB) will ihr Archäologisches Institut schließen, das unbestritten eines der angesehensten der Welt ist. Das Institut ist eines der ältesten überhaupt und das Herzstück der deutschen Archäologie, benannt nach dem Gründervater der Kunstgeschichte, Johann Joachim Winkelmann.
Keineswegs lebt das Institut aber von oder gar in der Vergangenheit. Im Gegenteil: Es ist international bekannt dafür, mit absolut modernen und zukunftsweisenden Technologien zu arbeiten – zum Beispiel im Bereich der sogenannten digitalen Archäologie. Dabei werden antike Stätten durch 3D-Scans und Gaming-Technologien digital dokumentiert und rekonstruiert.
Der Deutsche Gabriel Zuchtriegel ist Generaldirektor des archäologischen Parks von Pompeji, der vermutlich berühmtesten Ausgrabungsstätte der Welt. Er kann über die Schließungspläne der HUB nur den Kopf schütteln. „Das Digitale wird eine fundamentale Rolle dabei spielen, das Überleben von Erinnerungen und archäologischer Objekte zu schützen“, sagt er. Und nirgendwo sei man dabei so fortschrittlich wie am Winkelmann-Institut.
Normalerweise haben Studenten der Archäologie schlechte Berufsaussichten. Für die Winkelmann-Absolventen gilt das nicht, sie sind überall auf der Welt gefragt. Das alles zählt für die HUB nicht. Sie will das Institut jetzt schließen. „Mitte der 2030er-Jahre“ solle die Archäologie dann „neu aufgestellt“ werden. Zuchtriegel hält das für reine Beschwichtigung: „Zu behaupten, man wolle Neues schaffen, obwohl es das Neue schon gibt, ergibt keinen Sinn.“
Was selbst die bekannt anti-klassische DDR nicht geschafft hat, schafft jetzt der woke Zeitgeist, der weder mit der Antike noch gar mit der europäischen Klassik irgendetwas anfangen kann.
Am Winkelmann-Institut gibt es zwei Professoren und drei Wissenschaftliche Mitarbeiter. Das ist eine übersichtliche Menge an Personal und kein exorbitanter Kostenfaktor. Aber Geld hat die HUB sowieso genug.
Zum Beispiel, um das „Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien“ zu alimentieren. Dort arbeiten 64 Wissenschaftler mit. Fast alle sind Frauen, doch sicherheitshalber leistet sich die Einrichtung trotzdem auch noch eine eigene Frauenbeauftragte.
Zu den gelehrten Inhalten am üppig ausgestatten Zentrum gehört unter anderem das existenziell bedeutsame Wissen darüber, wie „dominante Feminismen vergeschlechtlichten Orientalismus reproduzieren“ – und zwar unter besonderer Berücksichtigung der „vielfältigen muslimischen und intersektionalen feministischen Praktiken für multidirektionale soziale Gerechtigkeit“.
Das Winkelmann-Institut, das seit 1810 weltweit führend in Forschung und Lehre der Klassischen Archäologie ist, wird geschlossen.
Volksverdummung statt Völkerverständigung
Es wird gerne vergessen: Latein war von der Antike bis zur frühen Neuzeit die gemeinsame europäische Sprache.
Von Palermo bis nach Stockholm gingen die Kinder, die überhaupt zur Schule gingen, auf Lateinschulen. Latein war elementar nicht nur für die Verständigung über Nationen hinweg, sondern auch für das gegenseitige Verständnis.
Archäologe Zuchtriegel macht völlig zurecht auf den direkten Zusammenhang zwischen Sprachkenntnissen, Kulturforschung und Völkerverständigung aufmerksam:
„Die Grundlage, wie man sich mit außereuropäischen Kulturen auseinandersetzt, wurde durch die Beschäftigung mit der Antike gelegt. Es wäre falsch, diese Wurzeln abzuschneiden und zu denken, der Baum bleibt trotzdem stehen. Das kann nicht funktionieren.“
Wir sollten uns mit unserer Geschichte, mit anderen Völkern und mit der Welt nicht nur über Smartphones beschäftigen – sondern selbst. Und zwar in so vielen Sprachen, wie wir im Laufe unseres begrenzten Lebens nur lernen können.
Qui potest in latine.


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Vom alten Maoisten nix anderes erwartet. Bildung? Latein? Dekant & bürgerlich, ab dafür! Lesen? Frag mal Mao: lest nicht soviele Bücher! Bestrafe einen, erziehe hundert. Da frug ich lieber meinen Opa: was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Gute Nacht Murkselland
Was soll man von jemanden wie Kretschmann erwarten, der selbst auf dem Gymnasium sitzenblieb und seine Studentenzeit am liebsten in kommunistischen Studentengruppen verbrachte.
„Wenn das Handy Gespräche in fast jede Sprache der Welt in Echtzeit übersetzen kann – brauchen wir dann noch eine zweite Fremdsprache in der Schule als Pflichtfach?“ Was bedeutet es, eine fremde Sprache zu lernen? Vokabeln und die Grammatik bilden nur die Grundlage. Darauf aufbauend lernt man eine fremde Kultur kennen, ihre Geschichte, Politik, Musik, Eßkultur, Lebensart, Menschen u.s.w. Man reist in die Partnerstadt, reist in das Land, nimmt an Schüler- oder Jugendgruppenaustauschen teil, hat dort Freunde u.s.w. u.s.w. So entsteht Bildung. Und so entsteht interkulturelle Kompetenz. Das Gegenteil vom provinziellen, grünen Biedermeier. Und noch eines: Rationales Denken ist Denken in… Mehr
Mein Gott, was soll man man von 33% der Schwaben und Badener halten, die diesen Mann mal gewählt haben. Geistige Verwirrung, Dummheit, suizidale Sehnsucht oder grenzenlose Naivität?
Bei aller Sympathie für den Inhalt des Beitrags, die Lanze für Latein, Fremdsprachen und deren kulturellen Zusammenhang, die Sinnhaftigkeit der Benennung von zwei Sonderkommissionen bei der Berliner Polizei, Ferrum/Telum, erschließt sich daraus nicht.
Halt Barbar! Von solchen Personen kann man nichts erwarten. Keine Bildung! Das erwartet man von Grünen auch nicht. Übrigens, Smartphone und Rechtschreibung, das ist ein Kapitel für sich. Mein Smartphone ist zu doof dafür. Wenn ich wirklich einmal Freunden und Verwandte über Whats Up eine kleine Mitteilung schreibe, merke ich oft erst, wenn ich es abgeschickt habe, dass mein Smartphone aus meinem Wort ein ganz anderes gemacht hat, weil er mein Wort nicht kennt. Das ist dann äußerst peinlich. Irgendwie schreiben bedeutet, dass man ungebildet ist und die Reaktionen sind dann entsprechend.
„Er verkennt völlig den wahren Wert humanistischer Bildung.“
Was soll auch schon ein Maoist von Humanismus und Humanität verstehen?
Er verkennt völlig den wahren Wert humanistischer Bildung…..sorry hahahahahahahahahahahaha! Gerade der starke humanismus wie wir ihn haben/hatten hat uns dahin gebracht wo wir heute sind – ganz weit nach unten. Da kann dann ein (1) feldhamster* ganze bauprojekte enorm teuer machen und oder gar verhindern. Was WIR bauchen ist weniger humanismus und ein mehr ICH (WIR) – mehr kapitalismus wagen. Unsere humanistische gutmütigkeit wird doch von anderen nur ausgenutzt – so zahlen wir mrd an euros an indien um diesem beim umweltschutz zu helfen wärend indien mrd auf mrd für militär und raumfahrt ausgibt. *Die Beziehung zwischen Humanismus – verstanden… Mehr
„Es wird gerne vergessen:
Latein war von der Antike bis zur frühen Neuzeit die gemeinsame europäische Sprache.“
Das ist sehr überzeugend.
Jahrtausendelang war auch Hirsebrei das Hauptnahrungsmittel in Europa bis in die Neuzeit.
Und nun?
Und nun?….stillstand! Das ist eine negative seite des konservatismus sprich an altem festhalten und bloß nix verändern. Dieser konservatismus hat uns ja auch dahin gebracht wo wir heute sind – nach ganz unten.
Herr Heiden, Ihre Replik auf Kretschmanns Ansinnen führt ins Leere, da Sie fälschlicherweise die Annahme hegen, dass unter anderem der Kommunist Kretschmann (https://www.sueddeutsche.de/politik/baden-wuerttemberg-das-k-in-kretschmann-1.2401302) aus Unwissenheit handele, das jedoch mitnichten zutrifft: Er strebt wie die alliierte (kommunistische) Nichtregierungsorganisation BRD (https://www.youtube.com/watch?v=UPJu7t5E9Mg — https://taz.de/Proteste-gegen-Pegida-und-Co/!5020381/) danach, eine sozialistische Knechtschaft zu errichten (https://www.epochtimes.de/politik/ausland/die-neue-weltordnung-ist-der-weltkommunismus-a2191312.html), das bedeutet, dass der Mensch jegliche biologische sowie kulturelle Identität verlieren soll, um ihn dadurch zu einem beherrschbaren Objekt zu formen, das allerdings mit (humanistischer) Bildung unmöglich wäre, sodass vor jenem Hintergrund selbige gegenwärtig vorsätzlich zerstört wird!
„kann“ dann auch Grammatik aus dem FF und hat die Vokabelgrundlagen, um leicht romanische Sprachen wie Italienisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch oder Rumänisch zu lernen.
Es sind nicht nur die romanischen Sprachen die sich von lateinischen Sprache ableiten. Dies gilt insbesonderen auch fuer die englische Sprache! Das halbe englische Vokabular leitet sich aus dem Lateinischen ab. Wer es nicht glaubt muss nur ein deutsch/englisches Woerterbuch zur Hand nehmen.
Dann versteht man auch warum die deutschen Politiker, und nicht nur die ehemaligen deutsche Aussenministerin, so hundsmiserabel englisch sprechen.