Ausweis statt Anonymität: Die fragwürdige EU-Alternative zu X

Warum sollte man sich mit seinem E-Ausweis bei einer schwedischen Online-Plattform anmelden? Zum Beispiel, um der EU-Kommission zu gefallen und Elon Musk ein Schnippchen zu schlagen. Wollen viele das? Eher nein. Ohnehin klingt die Geschichte rund um W Social eher löchrig – und auch gar nicht so sicher.

picture alliance / Sipa USA | SOPA Images

W Social oder kurz W soll die neue, „in Europa entwickelte“ Alternative zu X, Mastodon, Bluesky und wie sie alle heißen, sein. Die gemeine Hof- und ÖRR-Presse ist natürlich voll des Lobes. „Nicht weniger als die digitale Unabhängigkeit von den US Tech-Giganten“ solle das bringen, tönt ZDF heute. W soll „Europa im digitalen Bereich unabhängiger machen“, meint der Südwestrundfunk. Der DLF diagnostiziert derweil gar ein „weltweites Interesse“ an der neuen Plattform – aber das dürfte Zukunftsmusik sein, oder sogar schlicht utopisch.

Die Nutzung der Seite erfordert eine Anmeldung durch den Chip eines elektronischen Ausweises. So will man sicherstellen, dass hinter jedem Konto ein Mensch steht – zugleich gibt es aber Bedenken hinsichtlich der Datensicherheit. Werden die individuellen Passdaten wirklich umgehend gelöscht, wie behauptet wird, oder sind sie am Ende dann doch wieder auffindbar und mit einem jeden Nutzer zu verbinden?

Am Mittwoch wurde die Plattform in einer Betaversion freigeschaltet. Auf der Homepage sieht man eine Lichterpunkte-Weltkarte, über die man erhaben mit dem Cursor-Mopp hinwegwischen kann. Darüber steht „Trust Your Feed“. Timelines sollen wieder vertrauenswürdig werden, so lautet die Botschaft. Beim Hinunterscrollen erheben sich dann mehrere werbende Tweets auf dieser neuen X-Variante, darunter solche von Sadiq Khan, Bürgermeister von London, der offenbar zu den früh entschlossenen W-Nutzern gehört und uns hier mit seiner Sicht auf Stadt und Welt vertraut macht.

Tochter eines Klima-Netzwerks

Anna Zeiter, die Geschäftsführerin von W und einst Chief Privacy Officer (Datenschutzbeauftragte) von eBay, meint in einer anderen Kurznachricht, dass Europa per se ein wunderbarer Ort sei und man dessen Demokratie, Souveränität, Umwelt usw. bewahren müsse. Man liest auch, wie einfach die „Migration“ von Bluesky zu W sei, so eine andere Dame. Daneben berichtet der Unternehmer Ingmar Rentzhog von seinen Erfahrungen mit Kern- und Fusionsreaktoren in Schweden. Außerdem will Rentzhog den Twitter-Vogel, den er als Kühlschrankmagneten aufbewahrt hat, wieder „in die Freiheit entlassen“.

Daneben ist W Social die neue EU-Plattform, das soziale Medium, das ein Superstaat gnädigerweise für uns einrichten und gegen alle Gefahren absichern will. Dass vieles an dieser Geschichte nicht stimmen kann, darauf war TE schon eingegangen. So ist Ingmar Rentzhog zunächst der Gründer und CEO von „We Don’t Have Time“, der „weltweit größten Medienplattform für Klima-Aktion“ (so Forbes). Und „We Don’t Have Time“ ist zugleich die Muttergesellschaft von W Social. Wie man sieht, versteckt Rentzhog das nicht, sondern wirbt offen für W Social als sein „Baby“. Laut der britischen Sun ist er ein „Öko-Krieger“, für einen französischen TV-Sender „Mark Zuckervert“ – also die grüne Version des Facebook-Gründers. Aber da gibt es noch größere Unterschiede.

Tippt man Rentzhogs Namen auf der englischsprachigen Wikipedia ein, wird man direkt auf die Seite von Greta Thunberg umgeleitet. Denn Rentzhog ist der Mann, der Thunberg bekannt gemacht hat, indem er mit einem Photographen vor ihrer Schule aufkreuzte und danach Bilder und Videos von Thunberg auf verschiedenen sozialen Medien (Facebook, Youtube) veröffentlichte. Rentzhog hat den Blick der Welt auf dieses Mädchen aus Stockholm gelenkt und ein Medienphänomen erschaffen. Er gilt als Gretas „Erfinder“ (Table.Media). Unklar ist, ob er später oder davor zum „trained Climate Reality Leader under Al Gore“ wurde.

Zwei Firmen, eine Adresse

Nun geht es aber weiter: Zur Identitätsbestätigung auf der neuen Plattform wird nämlich die Anwendung „W Identity“ der W Identity AB (schwedisch für AG) genutzt, die etwas ganz Verschiedenes von „W Social“ sein soll, welches wiederum von der W Social AB herausgegeben wird. Tatsächlich sitzen aber die beiden W-AGs an derselben Stockholmer Adresse (Malmgårdsvägen 63).

Auch das Personal (Aufsichtsratsvorsitzender, Geschäftsführerin, Revisor) überschneidet sich laut Berichten durchaus. Das sollen Nutzer aus der linken Digitalkolonie Bluesky herausgefunden haben. Auch dort verfolgt man also durchaus mit Argwohn, ob das „gute“ W Social wirklich alle seine Versprechen zur Datensicherheit einhält. Das Ergebnis: Vermutlich tut es das nicht.

Hinzu kommt dann noch die Trust Anchor Group AB von Tommy Andorff, die auch an der Identitätsbestätigung beteiligt ist. Andorff sitzt zugleich im Beirat der W Social AB, ist aber auch CEO der Firma für bargeldloses Bezahlen Neuro-Pay. Kritiker vermuten, dass die Daten über Trust Anchor doch auf fremde Server gelangen könnten. So viel zum Thema Datensicherheit, das der unterstützenden EU ja angeblich so wichtig ist.

Nur eine Briefkastenfirma?

Ein weiterer Aspekt ist, wie gesagt, die Unabhängigkeit von den meist US-amerikanischen Big-Tech-Unternehmen. „Europa muss unabhängiger werden“, sagt die Geschäftsführerin Anna Zeiter-Sindermann. Nur ist W laut Kennern nichts anderes als eine sogenannte „Fork“, eine Abgabelung der US-Plattform Bluesky. Das bedeutet, dass alle Bluesky-Nutzer auch mit allen W-Social-Nutzern interagieren können und umgekehrt. Man braucht also doch keinen elektronischen Ausweis vorzuzeigen, um im selben Netzwerk agieren zu können. Aber damit hat sich neben der ‚Passkontrolle‘ für alle auch die ‚europäische Unabhängigkeit‘ teilweise erledigt. Eine Kritik lautet: „Es ist keine Zauberei. Es ist AT Protocol mit Branding.“ Dieses AT-Protokoll ist die technische Grundlage von Bluesky.

Anscheinend sind auch fast alle anderen technischen Elemente US-amerikanischer Herkunft, Als Cloud ist der US-Anbieter Sentry eingebunden. Also ist W Social dann doch weniger eine EU-zuerst-Unternehmung.

Für den Wikipedia-Artikel „W Social“ wurde bereits die Löschung angeregt. Begründung: „gestern aufgegangen, heute schon ein Wikipedia-Artikel … Briefkastenfirma irgendwo in einer Privatwohnung in Stockholm, das kann nicht seriös sein. Klarerweise irrelevant.“ Diese Sicht mag man teilen oder nicht. Jedenfalls fragen sich auch andere Beobachter, ob es wirklich darum geht, eine funktionierende Online-Plattform aufzubauen.

Schweden-AG mit EU-Unterstützung

Im Beirat von W Social sitzt daneben mit Louisa Specht-Riemenschneider die scheidende deutsche Bundesdatenschutzbeauftragte, außerdem Elizabeth Denham, ihres Zeichens ehemalige UK Information Commissioner, und aus nicht ganz erfindlichen Gründen: Philipp Rösler. Weitere Personen aus der Privatwirtschaft kommen hinzu, die als „compliance-affin“ gelten. Das soll ein gutes Zeichen sein. Aber tatsächlich sieht es auch etwas nach einer Schweden-AG aus – mit Aufsichtsräten von Spotify und Ericsson und einigen schwedischen Ex-Ministern. Warum ausgerechnet ein solches Unternehmen, das daneben auch Werbung und Inhalte hinter Bezahlschranke angekündigt hat, für die EU förderungs- oder unterstützungswürdig sein soll, das fragen sich einige. Die einfache Antwort lautet: Es geht nicht um Fairness, Offenheit, Wettbewerb, sondern um das Hätscheln einer eigenen Agenda, die womöglich etwas oder viel mit der Ausweispflicht zu tun hat.

Am Mittwoch gab auch die EU-Kommission bekannt, dass sie sich an dem Projekt beteiligen will – allerdings nicht finanziell. Wie denn dann?, fragt man sich. Der Hauptanteilseigner „We Don’t Have Time“ hatte allerdings just im letzten Jahr EU-Mittel in unbekannter Höhe für verschiedene „Kommunikationsprojekte“ rund um den Global Covenant of Mayors (GCoM) und die COP30 Klimakonferenz bezogen (Euronews).

Aus privatem Crowdfunding soll die W-App dabei Millionen Euro eingenommen haben, bei denen allerdings Fachleute nicht verstehen, wozu man sie brauchte. Denn die Technologie des Ganzen gilt als vergleichsweise schlicht, im Grunde nur kopiert von Bluesky und mit zahllosen bestehenden US-Diensten aufgepreppt. Wofür brauchte man also das umfangreiche Crowdfunding?

Und merkwürdig sind auch weitere Details: Die Website hat nämlich kein Cookiebanner, das ja sonst durch das hochgradig sinnvolle EU-Recht zwingend vorgeschrieben ist. Und am Ende sendet man offenbar alle „Metadaten“ an die beteiligten US-Firmen.

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