Christopher Nolans Odyssee spaltet das Internet wie kaum ein Film der letzten Jahre. Doch hinter dem Streit um schwarze Helenas und Wikingerschiffe steht eine größere Frage: Was wird aus Homers Epos, wenn eine Zivilisation im Spätstadium es sich zu eigen macht?
IMAGO / ZUMA Press Wire
„Singe mir, Muse, das Lied von dem listigen Helden, der weithin schweifte, nachdem er die heilige Festung von Troja vernichtet!“ (Homer, Odyssee [Ebener], 1, 1-2)
Wer nach dieser Eröffnung Homers sich die Neuverfilmung des Epos von Christopher Nolan zu Gemüte führt, gerät sogleich ins Stocken wie einstens Faust bei der Übersetzung der Bibel. Denn nach fast drei Stunden Film wird klar, dass Nolan sich schwer am Werk Homers versündigt: Weder singt der Film, noch ist sein Odysseus listig.
Das mag erst einmal wie an Medusas Haaren herbeigezogene Besserwisserei klingen, doch ist es essentiell für die Beantwortung der Frage, wie dieser vielleicht umstrittenste Film der letzten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, abschließend beurteilt werden soll.
Doch eins nach dem anderen. Unendlich viel ist bereits über diesen Film gesagt worden, sodass Gliederung Not tut. Wie schon die alten Griechen wussten, geschieht das am besten in drei Teilen. Und da es sich um eine Filmbesprechung handelt, bedient man sich dafür im cineastischen Olymp.
The Good, …
Die im Vorfeld geäußerten Sorgen, der Film könnte aufgrund befremdlicher Entscheidungen bei Casting und Ausstattung „schlecht“ sein, sind verfehlt. Christopher Nolan und sein Team (allen voran Stammkameramann Hoyte van Hoytema, der Nolans Filmen seit Interstellar ihren erkennbaren Look verleiht) wissen, wie man kompetent einen Film produziert. Zieht man dabei die Qualität der Vorlage in Betracht, musste man davon ausgehen, dass ein gewisses – hoch angesiedeltes – Mindestniveau auf jeden Fall erreicht wird.
Und so ist es auch. Wer ins Kino geht und keine besonders innige Beziehung zum Stoff der Odyssee hat, wird gut unterhalten. Die Abenteuer des Odysseus sind visuell wuchtig und eindringlich realisiert. Von der Höhle des Kyklopen über die riesigen Laistrygonen bis hin zur großen Abrechnung in Ithaka am Ende der Geschichte – es tut sich immer was. Die Odyssee erweist sich so als filmisch äußerst dankbarer Stoff, vor allem mit modernen Mitteln. Die verschiedenen Stationen der Irrfahrt sind allesamt „set pieces“, die mal kürzer, mal länger ausfallen, sodass nie Langeweile aufkommt.
Die Erwartungshaltung an einen Film von Christopher Nolan liegt aber höher. Schauspielerisch gibt es zwar keinen Totalausfall, auch wenn Robert Pattinsons Antinoos mit Fortdauer des Films immer mehr zur Karikatur eines schief lächelnden Bösewichts wird, aber auch nur wenige positive Ausnahmen. Am ehesten wäre noch Anne Hathaway als Penelope positiv hervorzuheben, doch gerade ihre Dialoge mit Telemachos leiden unter anachronistischen Konzessionen an den Zeitgeist, wenn sie aufmüpfig das Patriarchat bekrittelt oder ihren Sorgen über die Seevölker Ausdruck verleiht.
Matt Damon als Odysseus kann man hingegen getrost als Fehlbesetzung bezeichnen. Gewiss, den melancholisch vor sich hinbrummelnden Möchtegernheimkehrer beherrscht er mittlerweile aus dem Effeff, und das kommt der von Nolan beabsichtigten Interpretation der Figur schon ziemlich nahe. Doch in den wenigen Momenten, in denen das Schalkhafte des Odysseus zum Vorschein kommt, fehlt Damon merklich die Leichtigkeit, die es dafür bräuchte. Ganz zu schweigen davon, dass es schmerzt zu sehen, wie der angeblich legendärste Bogenschütze seines Zeitalters mit dem Bogen hantiert, als wäre er ein Fünfjähriger auf dem Spielplatz, der Cowboy und Indianer spielt.
So lebt der Film vor allem von drei Elementen: der Bildgewalt, der Vorlage und der Kompetenz, daraus ein natürlich fließendes Ganzes zu schneiden. Denn in vielerlei Hinsicht ist Die Odyssee Nolans vielleicht herkömmlichster Film. Längst vorbei die Zeit konzeptioneller Experimente wie in den frühen Werken Memento oder Inception, setzt Nolan auf eine relativ klassische Erzählstruktur, die einzig dadurch aufgebrochen wird, dass weite Teile der Irrfahrt als Rückblende während seines siebenjährigen Aufenthalts bei Kalypso erzählt werden.
Das macht den Film sehr zugänglich: Mit Nachos und Ein-Liter-Softdrink-Becher bewaffnet lässt sich der cineastische Blockbuster mühelos genießen. Und für den Fall, dass die Actionsequenzen doch nicht ganz den Ansprüchen genügen sollten, sorgt der dröhnende Soundtrack von Ludwig Göransson dafür, dass die Sinne gefügig gemacht werden.
Kritiker Nolans werfen diesem eine gewisse Pseudo-Intellektualität sowie mangelnde Emotionalität in seinen Filmen vor. Beide Einwände werden auch der Odyssee gemacht werden, wenn sich die Aufregung um die Veröffentlichung erst einmal gelegt hat. Es besteht die Gefahr, dass dieser Film, der nun teilweise über den grünen Klee gelobt wird, nur einen geringen Wiederschauwert haben wird. Zu deprimierend, zu abhängig vom Bombast der großen Leinwand, so könnten die Vorwürfe dann lauten. Ein Schicksal wie einst bei The Force Awakens, dem ersten neuen Star Wars-Film, scheint nicht ausgeschlossen, wenn sich langsam, aber sicher das Gefühl verfestigt, einem Hype aufgesessen zu sein, der nur wenig Substanz in sich trägt.
…the Bad, …
An dieser Stelle muss auf die Marketingkampagne des Films eingegangen werden, denn es handelt sich wohl um die größte, effizienteste und neuartigste Social-Media-Kampagne ihrer Art. Gewiss lässt sich nicht beweisen, welche Elemente bewusste Kalkulation und welche lediglich unerwartete Viralität waren, doch wäre es naiv zu glauben, dass Produktionen dieser Größenordnung und die sie vermarktenden Kräfte nicht gezielt bestimmte Reizpunkte setzen.
Von den ersten Trailern an wurde deutlich, dass es Diskrepanzen zwischen dem Anspruch der vermeintlichen Werktreue und der Realität gab. Agamemnons Kostüm erinnerte an einen Batman auf Steroiden, das Schiff des Odysseus ist ein Drachenboot der Wikinger und keine mediterrane Bireme, und dann waren da natürlich die Castingentscheidungen, allen voran die schwarze Helena und der transsexuelle Elliot Page, an denen sich der Zorn der Massen im Internet entlud.
Dazu muss man sagen: Solche Reaktionen sind anno 2026 alles andere als überraschend. Seit über einer Dekade (also länger, als Odysseus selbst für seine Heimkehr benötigte) erzürnen Filme mit forcierter Diversität die Gemüter des Filmvolks. Fast alle Produktionen, die darauf setzten, floppten massiv, und so stellte sich die Frage, warum ausgerechnet Christopher Nolan für sein bislang größtes Projekt diesen Weg einschlagen sollte, noch dazu zu einem Zeitpunkt, an dem der Höhepunkt der Wokeness schon überschritten schien.
Eine nicht unwahrscheinliche Erklärung dafür liefert die für die Oscars verantwortliche Academy, denn seit einigen Jahren gibt diese Richtlinien heraus, nach denen die zu prämierenden Filme bestimmte Diversitätsquoten erfüllen sollen. In einem Jahr, in dem bislang wenig hochkarätige Konkurrenz zu erwarten ist, könnte Nolan sich auf diesem Weg in die Pole-Position bringen, um bei der Verleihung im nächsten Jahr eine Rekordzahl an goldenen Statuen einzuheimsen. Wenn es eine Ambition gibt, die man einem Filmemacher wie Nolan zutrauen darf, dann wohl die, mit seiner Interpretation der Odyssee die Rückkehr des Königs von Peter Jackson vom Thron zu stoßen.
Dafür spricht auch, dass die auffälligsten Diversitätsentscheidungen der Trailer im Film selbst insgesamt nur wenig Raum einnehmen und einige der progressivsten Aussagen – wie Penelopes Kritik am Patriarchat – sich am Anfang und Ende des Films tummeln, fast so, als wollte man die Academy sofort darauf einstimmen, dass es hier fortschrittlich zugeht, und das am Ende auch nicht vergessen werden sollte. Denn der Film selbst – für diejenigen, die sich darüber sorgen – ist von offensichtlicher Wokeness relativ unberührt.
Wenn Schneewittchen oder Supergirl einen progressiven Anstrich erhalten, ist es leicht zu boykottieren – niemand erwartet ein filmisches Meisterwerk. Wenn aber ein bislang eher unpolitischer Regisseur wie Nolan, zudem einer der letzten, die allein aufgrund ihres Namens Kinosäle füllen, bei seinem größten Projekt solche Konzessionen macht, dann muss sich letztlich jeder selbst ein Bild davon formen, und genau diese Meinung beherrscht nun seit Tagen das Internet. Wer es nicht gesehen hat, kann nicht mitreden, denn er oder sie hat nicht verstanden, worum es im Film geht. Begünstigt wird das durch den intellektuellen Nimbus von Nolans Filmen, sodass schnell Theorien die Runde machten, Die Odyssee sei eigentlich ein subversives, ja sogar rechtes Meisterwerk, das alle Hater nicht richtig verstanden hätten.
Psychologisch war die Kampagne eine Meisterleistung. Selbst kritische Geister wurden des Hasses müde und gaben dem Film nun doch eine Chance. Es ist attraktiv, Nonkonformist zu sein und konträre Ansichten zu vertreten, zumal Nolan immer auch die Tür öffnet, diese an intellektuelle Überlegenheit zu knüpfen. Die Antwort auf die Rage wurde eine andere Form von Rage.
Dennoch muss man sagen, dass der Film die Sorgen der Kritiker nicht wirklich entzaubert hat. Lediglich die oberflächliche Deutung, die aus der Debatte eine Kulturkampfdiskussion oder gar eine Rassenfrage machen möchte, lässt sich leicht entkräften. Der von Nolan selbst beschworene „Geist der Odyssee“, der nicht zufällig an den vielzitierten „Geist des Konzils“ in der katholischen Kirche erinnert, bleibt hingegen ein zentraler Mangel des Films.
So verwandelte sich Ragebait in die wohl effektivste Marketingkampagne eines Films seit Langem: eine, die nicht nur hohe Einspielergebnisse mit sich bringt, sondern sogar zu einer Überbewertung des Films führt. Hätte es die Aufregung nicht gegeben, man hätte sich primär daran abgearbeitet, ob die Verfilmung dem Anspruch des legendären Originals Genüge tut. Nun genügt es bereits, nicht vollkommen woker Mist zu sein, um Lob für eine cineastische Meisterleistung zu ernten. Manche Rezensenten adeln den Film gar zu einem der besten aller Zeiten. Diese Überreaktion auf die ermüdende Internet-Wut wird noch sehr schlecht altern.
…and the Ugly.
Ist Nolans Odyssee eine werkgetreue Interpretation des Epos von Homer?
Nein.
Ist das legitim?
Ja.
Ist das ein Problem?
Ja.
Wie kann das sein?
Schiffe, Farbpaletten, Schauspieler … das alles ist letztlich nur Beiwerk. Viele Filmemacher vor Nolan haben den Stoff der Odyssee bereits neu interpretiert. O Brother, Where Art Thou? der Coen-Brüder, das die Handlung ziemlich exakt in die Mississippi-Region der 1930er verlagert, wurde vor der Veröffentlichung von Nolans Film oft als Beispiel herangezogen. Doch auch Ein Ticket für zwei mit Steve Martin und John Candy enthält Elemente der Irrfahrt, und 2001: Odyssee im Weltraum trägt die Inspiration gar im Namen.
Doch es ist ein Unterschied, ob man ein Werk schafft, das bewusst von einer Vorlage inspiriert ist, oder ob man eine werktreue Adaption anstrebt. Auch wenn einige Verteidiger des Films nun meinen, dieser sei gar nicht historisch, sondern vielmehr mythologisch zu verstehen, so geht diese Rechnung nicht auf.
Zwar beließ Nolan mythologische Wesen wie Polyphem und Skylla im Film, doch die im Original omnipräsenten Götter verbannte er vollständig aus der Erzählung – bis auf Athene, die wenig mehr als ein personifiziertes schlechtes Gewissen des Odysseus darstellt. Ansonsten ist die gesamte Ausstattung auf Realismus getrimmt, was durch die mehrfache Hinzufügung der Seevölker und die vollkommen anachronistische Selbstbezeichnung als „Zeitalter der Bronze“ in den Dialogen noch betont wird.
Nolan selbst behauptete in Interviews, dass er seinen Film durchaus im „Geist der Odyssee“ Homers versteht. Mit diesem Anspruch und einer quasi-historischen Inszenierung kann man ein Werk mit diesem Titel nur am Maßstab der Werktreue messen. Damit erschwert sich Nolan das Leben selbst. Hätte er – ähnlich wie einst Sean Connery als alternder Robin Hood in Robin und Marian – ein frei von der Odyssee inspiriertes Werk über einen alternden Odysseus und seine realistischen Erfahrungen gedreht, man hätte es problemlos durchgehen lassen. Dieser Film gibt aber vor, Die Odyssee zu sein, und dazu gehört mehr als nur die Handlung.
Neben der Abwesenheit der Götter ist der erste und auffallendste Fehler die Figur des Odysseus selbst. Nolans Odysseus ist ein gebrochener Kriegsveteran, ein John Rambo des Bronzezeitalters, der nur wenig gemein hat mit dem listigen und oftmals sogar hochmütigen Odysseus des Homer.
Nolan strich die Dialoge zwischen Odysseus und dem Kyklopen Polyphem und damit das berühmte Wortspiel über den „Niemand“. Bei Homer ist es die Hybris des Odysseus, die ihn nach der Blendung des Kyklopen dazu verleitet, sich ihm mit Namen zu offenbaren. Bei Nolan schießt er Polyphem auf der Flucht einfach und eher unvermittelt noch einen Pfeil nach – für einen genialen Taktiker und traumatisierten Kriegsveteranen eine bemerkenswert dumme Aktion.
Ebenso bleibt unverständlich, wie der ansonsten humorlose und gebückt wirkende Odysseus sich bei den Sirenen an den Mast binden lässt, um sich deren Gesang auszusetzen. In der Darstellung von Matt Damon wirken diese Szenen inkohärent, da ihnen die schelmische Seite der Figur komplett fehlt.
Und wie der von Kriegsgräueln gebeutelte Odysseus sich am Ende zu einem Massaker an den Freiern hinreißen lässt – bei dem, im Gegensatz zum Original, sein Sohn Telemachos und der Diener Eumaios eine nur äußerst untergeordnete Rolle spielen – entbehrt ebenfalls jeglicher internen Logik.
Nolan wollte ganz offensichtlich einen modernen Antikriegsfilm schaffen. In Interviews wurde deutlich, dass er die Odyssee in Verlängerung von Oppenheimer sieht, in dem die Schuldfrage ebenso zentral stand. Das kann man machen, es ist sogar eine gewissermaßen zeitgemäße Interpretation des Stoffes, denn es ist die Sprache unserer Zivilisation im Spätstadium. Umso konsequenter – wenngleich verfälschender im Vergleich zum Original – ist es auch, dass Odysseus sich zum Schluss mit Penelope inmitten des Umbruchs der Zeiten auf einen Roadtrip in den Westen begibt, während sein Sohn Telemachos nun das Königreich führen soll. Mom und Dad (um im Duktus des Nolanfilms zu bleiben) genießen den Ruhestand mit einer Kreuzfahrt, während der Sohn sich mit den anstürmenden Seevölkern herumschlagen darf. Dafür herzlichen Dank.
Es sind nebenbei genau solche Dinge, die wohl als Anlass genommen werden, im Film eine subversiv rechte Botschaft zu lesen. Doch Nolan ist kein Regisseur des unterschwellig Reaktionären, seine Botschaft ist vielmehr die seines Odysseus: Krieg ist schlecht, die Welt geht den Bach hinunter, irgendwas wird danach kommen, lass uns auf dem besten Schiff gen Westen segeln. Living the best boomer life.
Ein Letztes: Der Film erwähnt mehrmals „Lieder“, die über die Belagerung von Troja gesungen würden. Diese Erwähnungen tragen einen abschätzigen Ton in sich, denn sie insinuieren, dass das Trauma, das die Soldaten erlebt haben, nur in verherrlichter Form fortleben würde.
Das mag sogar stimmen, aber es ist eine distinktiv moderne (oder postmoderne? Wer weiß das schon …) Sichtweise. Der Zynismus, dass kein Kampf es mehr wert ist, geführt zu werden, mag für unsere Zeit nachvollziehbar und sogar richtig sein. Zivilisationen im Endstadium zeichnen sich fast immer dadurch aus, dass nicht mehr deutlich ist, wofür es noch zu kämpfen gäbe.
Das Epos in Liedform aber ist ein Erzeugnis kultureller Frühzeit. Kaum dass die archaische Epoche Griechenlands ihr Alphabet hatte, wurden bereits die Ilias und die Odyssee erschaffen. Auch das Rolandslied und das Nibelungenlied stehen am Anfang der abendländischen Hochkultur. Sie handeln womöglich von kollektiven Erinnerungen an dunklere Zeitalter, doch ihr Ton ist kein resignativer, sondern ein heldenhafter, einer von Überwindung und Aufstieg. Es ist der Frühling einer Kultur, nicht der tiefe Winter.
Und genau das einzufangen wäre die vielleicht wichtigste Aufgabe einer werkgetreuen Verfilmung der Odyssee gewesen. Filme müssen immer Details anpassen, wenn literarische Werke auf die Leinwand kommen. Die entscheidende Frage ist, ob der Geist des Werkes getroffen wird.
Nolan behauptet, er habe genau das getan. Doch er ist wohl zu gefangen in seiner eigenen, spätzivilisatorischen Lesart. So wurde aus einem Epos mit Strahlkraft die deprimierende Erzählung über einen gebrochenen, alten weißen Mann. Es wurde die Dekonstruktion der Odyssee.
Dass dieser Film dennoch Die Odyssee heißt, ist somit wohl seine größte Sünde. Denn in einer Zeit, in der kaum noch jemand liest, geschweige denn Homer, ist zu befürchten, dass Nolans Version für die kommenden Jahrzehnte zur primären Referenz wird, wenn es um die Odyssee geht. Und dann ist das Problem nicht die Frage, wann exakt die Lotusblüten von wem gegessen wurden, sondern ob überhaupt noch jemand verstehen wird, welch erhebendes Werk die Odyssee eigentlich ist.
Das Proöm der Odyssee ruft die Muse an: Singe mir. Nolans Odyssee singt nicht. Und das ist ihr eigentlicher Mangel.


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Danke David Boos für diese elaborierte und überzeugende Kritik, die mich abhält, meine Zeit zu verschwenden.
Nun, als Absolvent eines humanistischen Gymnasiums in Bayern mit Altgriechisch als dritter Fremdsprache kenne ich das Original zumindest halbwegs. Und ich sehe es so wie Herr Boos hier, Nolan hat die einmalige Chance vertan, einen großen Film gegen den Zeitgeist zu schaffen, der gerade deshalb ein Klassiker geworden wäre.
Das ist das Problem der Zeit von heute. In Ermangelung an Talentiertheit, Kreativität und Intellektualität, begibt man sich auf einen Ideenraubzug in die menschliche Kulturgeschichte. Und da die Mängel selbst für Halbgebildete nicht zu übersehen sind, wird mit Trash ein Hype aufgebaut, in der Hoffnung seinen Eklektizismus zu camouflieren und dem Zeitgeist (Oskar) zu dienen.
Die Rezension des Autor verleitet mich, Homer zu lesen aber gewiss nicht ins Kino zu gehen. Und dafür danke ich ihm.
Tue ich mir nicht an. Vielleicht kommt der Film mal im Fernsehen, wo er nix kostet, dann schaun mer vielleicht mal. Die Odyssee hatten wir noch in der Schule…
Schwarz-Weiß-Sehen hilft auch bei einem Farbfilm nicht weiter.
Das ist Teil des Problems. Der andere Teil ist: Es ist so überaus einfach, Nonkonformist zu sein. Es erfordert keinerlei intellektuellen Aufwand. Obendrein kann man die dann folgende „Interpretation“ anderen überlassen.
Mal sehen,was noch so kommt nach der schwarzrn Helena. Weißer Martin Luther King? Zwergenhafter Herkules? …
Statt ins Kino zu gehen, werde ich die Odyssee plus Trojanischem Krieg seit langer langer Zeit noch einmal lesen.
Dachte mir die Tage auf dem Flug nach London auf Einladung des ASC zu Premiere, wer in Deutschland wohl prädestiniert wäre, Nolans technisch filmisches Meisterwerk zu zerreißen? Herr Boos, Sie haben das phantastisch gemacht! Ich gehe davon aus, dass Sie wie ich, ein Humanistisches Gymnasium besucht haben, Altgriechisch gelernt haben, und auch musisch geprägt sind, wie ich von Ihnen weiß. Ich denke mal, dass Nolan filmisch technisch und bildnerisch begabt ist, aber sicherlich nicht auf einem Humanistischen Gymnasium war. Bevor ich nach Los Angeles zum Studium Kamera und Filmwirtschaft ging, hatte ich Siegfried Kracauer „Theorie des Films“ schon hinter mir,… Mehr
Im Gegensatz zu Ihnen, Herr Boos, brauche ich zumindest das Bemühen darum, etwas Authentizität in einen Film zu bringen, zumindest besser, als die Lusche Mel Gibson, in Braveheart. Als ich den Werbe-Einspieler mit der Rüstung des Agamemnon sah, die im Bronzezeitalter 100 KG gewogen hätte, dachte ich mir, solch ein Schrott ist Zeitverschwendung.
zu kurz gedacht, Herr Boos. Der Film und seine Figuren halten uns einen Spiegel vor. Nicht den Spiegel unserer Stärke. Sondern den unseres Gutseins. Und vielleicht liegt gerade darin ihre größte Provokation. Denn solange wir glauben, immer nur die Guten zu sein, müssen wir uns nie fragen, wozu wir selbst unter den richtigen Umständen fähig wären. Die Geschichte lehrt jedoch etwas anderes. Nicht das Böse hält sich für böse. Fast immer hält es sich für notwendig. Vielleicht ist genau das die dünne Schicht der Zivilisation: die Fähigkeit, trotz Angst, Wut und Überzeugung die eigene moralische Gewissheit immer wieder infrage zu… Mehr