Bei Anne Will bilden die Üblichen die bekannten Trennlinien bei der Russland-Politik ab

Von der Leyen: EU-Europa braucht Energie-Unabhängigkeit. Röttgen: Russland will Osteuropa wieder zum Vasallen machen. Wagenknecht: Deutschland hat mehr gemeinsame Interessen mit Russland als mit den USA, der Westen hat Russlands Verhalten durch Demütigung provoziert.

Screebprint ARD / Anne Will

„Politik muss mit der Wahrnehmung der Realitäten beginnen“. Diese Weisheit gilt auch für politische Talk-Runden wie „Anne Will“. Manche Themen erlauben kein unverbindliches Geplauder auf den weichen Sesseln des „es könnte, es sollte, es müsste“ auf der Basis gemeinsamer ideologischer Haltungen im Sinne des Zeitgeistes.

Nachrichtenlage ist: Europa steht dreißig Jahre nach Ende des kalten Krieges wieder an der Schwelle eines Aggressionskrieges zwischen zwei europäischen Staaten – Russland und der Ukraine. Im Moment scheint es tatsächlich so, als ob das Testen der jeweiligen Nervenstärke ihren Höhepunkt erreicht.

Die Gäste von „Anne Will“: der SPD-Parteivorsitzende, Lars Klingbeil, das außenpolitische Schwergewicht der CDU, Norbert Röttgen, die Politikwissenschaftlerin des renommierten US-Thinktanks „Brookings Institution“, Constanze Stelzenmüller, die Spitzenpolitikerin der Linken, Sahra Wagenknecht – und last but not least die Chefin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, zugeschaltet aus Brüssel.

Schon vor Beginn der Sendung war klar, dass Wagenknecht als Außenseiterposition geladen war. Russland sei vom Westen, und ganz vorn natürlich die USA, in den vergangenen Jahrzehnten nur gedemütigt und in seinen Sicherheitsinteressen missachtet worden. Mit der Ausweitung der NATO habe man die jetzige Situation erst heraufbeschworen. Deutschland habe mehr gemeinsame Interessen mit Russland als den USA. Ein Rückzug der Amerikaner aus Europa sei wünschenswert. Zuvor hatte sie auf die amerikanische Stationierung von Raketen und Einrichtungen von Militärbasen in Osteuropa hingewiesen.

Der "große Kanton" will auch Schweiz sein
Deutschland als Weltkind in der Mitten, weder West noch Ost
Ein hartes Kontra kam von Norbert Röttgen. Nicht nur, dass die NATO niemanden bedrohe, sondern vielmehr verfolge Putin das Ziel der Wiederherstellung der russischen Einflusszone in Ost- und Mitteleuropa. Die dortigen Staaten sollten wieder zu Vasallen degradiert werden. Russland fühle sich nur durch das Vorrücken der Demokratie bedroht. Der Kreml sei getrieben von der Angst, dass die Idee der Freiheit auf seinen Herrschaftsbereich übergreifen könnte. Ähnlich argumentierten auch Stelzenmüller und – nur Nuancen abgeschwächt – der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil. Allerdings wich der Vorsitzende der größten Regierungspartei auch bei Will einer klaren Antwort auf die mögliche Zukunft des Nord Stream 2-Projektes aus, um jedoch gleich hinzuzufügen, es bleibe dabei, dass alles auf dem Tisch läge.

Wesentlich konzedierter trat der EU Nummer 2, Ursula von der Leyen, auf. Die Gefahr einer Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen sah sie nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa. Dies sei, so von der Leyen, auch ohne Nord Stream 2 und Ukraine-Krise bereits jetzt der Fall. Europa müsse seine Versorgung dringend und schnell breiter aufstellen. Eine echte News hatte sie auch mitgebracht: Für den Fall, dass Russland seine Gaslieferungen kurzfristig einstelle, sei ein dichtes Netz geknüpft, um die Versorgung auch Deutschlands bis zum Ende des Winters ohne Unterbrechung sicherzustellen. Dies aber sei eine Notfall-Lösung. Sofort werde man in diesem Fall durch weitgehende Maßnahmen die gesamte Versorgungsstruktur umstellen. Dabei spiele natürlich auch Flüssiggas aus den USA eine wichtige Rolle. Aber auch das nicht auf Dauer. Das Ziel sei letztlich die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern und deren Ersatz durch grünen Wasserstoff und vor allem regenerative Energien.

So unfreiwillig zynisch das klingt, aber fast scheint es so, als ob erst die Gefahr eines Krieges den Westen zum energiepolitischen Aufwachen brachte und zu längst fälligen Korrekturen getrieben habe.

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Kommentare ( 98 )

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Deucide
7 Monate her

Röttgen- – auf allen Kanälen nonstop , in wessen Namen eigentlich, was ist der, Minister, Parteichef, US-Präsident ? Nicht mal Washingtagon oder die Transatlantik-Clique insgesamt redet so dermaßen fanatisch-extremistisch anti-Russisch, pro-Radikalsanktionen , mit dieser eskalations-,kriegstreibenden Framerei gegen Rußland wie dieser.. „Politiker“ .. Das alles noch als Deutscher ? ! Und die Journos, Nudgos lassen ihn fanatisieren und demagonisieren unwidersprochen, sondern machen mit fanatisch-fleißig bei der ekelhaften Dämonisierung Rußlands..

the ministry of silly walks
7 Monate her

Julikrise im Februar – der Westen quatscht, droht, moralisiert, phantasiert sich in den Krieg. Hoffen wir, dass Putin vernünftig bleibt. Obwohl – seine Nachfolger würden ihn kritisieren. Sleepy Joe und der unsichtbare Olaf – da weht der Mantel der Geschichte. Er kann die Hälfte der Ukraine heim ins Reich holen, ohne militärische Reaktion der NATO befürchten zu müssen – nicht (nur) weil sie nicht wollte, sondern weil sie dazu nicht in der Lage ist. Annalena hat versprochen, dass die Deutschen bereit sind, für die Ukraine (Korruptionsindex, Pressefreiheit, menschliche Entwicklung, Demokratie – alles im letzten Drittel des weltweiten Ranking) einen hohen… Mehr

Last edited 7 Monate her by the ministry of silly walks
Gottfried
7 Monate her

Man muss sich die Beiträge von Frau von der Leyen genau anhören, immer in Ichform. So als ob sie alleine für die EU entscheidet. Großes Interesse an der Demokratie hat sie anscheinend nicht. Das hat sie sich wohl bei Frau Merkel abgeschaut.

Theophil
7 Monate her

Wenn ein Problem nicht lösbar erscheint, sollte man noch einmal an den Ausgangspunkt zurück. Das ist der maßgeblich von amerikanischen „Influenzern“ unterstützte Maidan-Putsch: Mit heuchlerischen unhaltbaren Versprechen lockte man die Ukraine ins „westliche Lager“. Die große Verliererin ist die Ukraine selbst: die Krim wohl auf immer verloren, der Donbas eine schwärende Wunde, Verarmung durch Kappung der wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland, sodass man zum Almosenempfänger des „Westens“ herabgesunken ist. Ein weiterer Verlierer ist Deutschland, dem man glauben machen will, es könne allein mit Windmühlen und ein bisschen schmutzigem Flüssiggas aus USA Industrienation bleiben. Russland hat durch die Sanktionen eher profitiert; zieht… Mehr

Schweigender Gast
7 Monate her

„So unfreiwillig zynisch das klingt, aber fast scheint es so, als ob erst die Gefahr eines Krieges den Westen zum energiepolitischen Aufwachen brachte und zu längst fälligen Korrekturen getrieben habe.“
Herr Gafron sollte sich nach seinem gewonnenen Russland-Feldzug in seiner Infanterie-Uniform als Klimaaktivist auf die Straße kleben. Dort kann er seinen Krieg weiterführen.

Babylon
7 Monate her

Tja, grüner Wasserstoff vielleicht in 5-10 Jahren. Momentan ist ohne russisches Gas nichts zu machen. Die Rede ist immer von Nordstream II und dessen Ende im Fall der Fälle. Und Nordstream I? Bisher hat sich Russland und davor die Sowjetunion immer an Lieferverträge gehalten. Eine Garantie dafür, dass es diesesmal so sein wird, auch wenn die superharten angedrohten Sanktionen kommen? Ein „technischer Defekt“ und schon dürften ein paar Dinge völlig anders aussehen als vorher und zwar nicht in irgendeiner Zukunft sondern jetzt. Da gilt auch für die Pipelines duch die Ukraine und Polen Richtung Westen.

November Man
7 Monate her

In der Lügenpresse nennt man die mutige und kluge Frau Wagenknecht heute eine „passionierte Provokateurin“. Schon alleine diese Behauptung ist eine glatte Lüge. Amerikas Ziel nach dem zweiten Weltkrieg bis heute, war es schon immer, eine freundschaftliche und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Europäern und vor allem zwischen Deutschland und Russland mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern. Schauen sie sich bitte Talk im Hangar 7 vom letzten Donnerstag 17.02.2022 an, da wurde das von dem bekannten amerikanischen Publizisten Andrew Denison, wohl eher aus Versehen, laut und verständlich ausgesprochen. Ein sensationell gute, unabhängige Sendung mit tiefen Einblicken in die Fakten… Mehr

Dr. Rehmstack
7 Monate her

So, so, jetzt ist also der grüne Wasserstoff als die Lösung der Energiewende auch bei Frau von der Laien angekommen. Als man sie plante und uns das Abschalten von Kernkraft- und Kohlekraftwerken als problemlos verkaufte und vollständig auf erneuerbare Energien vertrauen wollte, war von grünem Wasserstoff noch keine Rede. Den entdeckte man erst, als es auch dem Letzten klar wurde, dass die Rechnung nicht aufgeht und irgendein Ersatz für die leichtfertig vernichteten Kraftwerke gefunden werden musste, weil man den Überschussstrom aus den Windmühlen nicht speichern konnte. Der grüne Wasserstoff mit all seinen chemisch und physikalisch problematischen Charakteristika war also niemals… Mehr

November Man
7 Monate her
Antworten an  Dr. Rehmstack

 Für die Herstellung von Wasserstoff braucht man Unmengen an Strom. Strom den wir bald nicht mehr haben.
Es ist deshalb nur schwer zu verstehen, warum man aus Strom auch noch zusätzlich Wasserstoff machen möchte. Da kann man doch gleich den Strom direkt nutzen.
Grüne und ihre Ideologien, man fasst es kaum noch.

Fragen hilft
7 Monate her
Antworten an  Dr. Rehmstack

Auch hierbei schweben leicht im Raum die Gedanken und hart werden sich bei der Ausführung sie Sachen stoßen.

F.Peter
7 Monate her

Da sind drei Atlantiker in der Runde, ein zugeschalteter Nichtwisser einer Regierungspartei und eine Einzige, die sich die Mühe macht, ein Gesamtbild der Situation zu beschreiben. Und während Wagenknecht redet schaut ein Röttgen als hätte er die Ahnung alleine und die Will, als ob sie nicht weiß, was sie will! Wieder einmal Propaganda vom Feinsten und eine absolut fehlende Ausgewogenheit! lVielleicht bin ich was die Energieversorgung unseres Landes angeht, nicht so auf dem neuesten Stand? Wo aber sind denn die Alternativen zum Gas aus Russland, die „FlintenUschi“ erwähnt? Norwegen hat schon verlauten lassen, dass es nicht mehr liefern kann und… Mehr

Tacitus
7 Monate her

Ich mache hier nun einen ganz konkreten Vorschlag, wie man die ÖR-Gebühren schnell reduzieren könnte: Die Sendung von Anne Will absetzen. Ich schreibe kostenlos ein Drehbuch für die ‚Sendung‘, das man dann online herunterladen kann. Die Gäste werden als Avatare künstlich erzeugt. Da die Inhalte der ‚Sendung‘ ohnehin im Voraus leicht zu ergründen sind, traue ich mir das uneingeschränkt zu. Sie fragen mich evtl., warum ich das kostenlos machen würde? Kostenbezogen: dieser leichte Journalismus fordert meinen Intellekt überhaupt nicht. Das mache ich, um mich zu entspannen. Ergebnisbezogen: der ‚Journalimus’ von Anne Will produziert keine soliden Ergebnisse. Insofern könnte ich Alles… Mehr

Last edited 7 Monate her by Tacitus