Gehypte Identitätskrise mit pinkem Vorschlaghammer

Seit Wochen hat Mattel alles daran gesetzt, den Kinofilm rund um „Barbie“, das blonde Püppchen, dessen erste Ausgabe 1959 auf den Markt gebracht wurde, bonbonbunt zu bewerben. Am Donnerstag startete der Film nun in den deutschen Kinos. Es wurde eine kunterbunte Belehrung des Zuschauers. Von Susannah Winter

IMAGO / Picturelux

Auch ich hatte als Mädchen mehrere blonde, überschlanke Barbies im Kinderzimmer, die ich bürstete und in Glitzerkleidchen steckte, bis mir langweilig wurde und ich mich anderen Spielzeugen zuwandte. Eine kurze Phase, weder lehrreich noch schädlich.

Je nach Zeitgeist wurde das starre Püppchen von den Menschen entweder bewundert, dann wieder gehasst oder geliebt. Das alles mit Vorliebe von Feministen, die in der Puppe die Ursache für unterwürfige Frauen mit Essstörung und Hang zum Heimchen am Herd ausmachen wollten; in Barbie doch eher die Ärztin, Karrierefrau, Astronautin, dann aber doch „female empowerment“ sahen.

Zum Glück folgen Kinderfantasien so gar nicht den Vorgaben und Ideologien der Erwachsenen, sondern nehmen ihre eigenen Wege.

Die Handlung des Films lässt sich in wenigen Sätzen abhandeln und spielt tatsächlich eine eher untergeordnete Rolle. Barbie gerät in eine tiefe Sinn- und Identitätskrise, schließlich ist „Identität“ dieser Tage Verkaufsschlager. Dies löst einen Riss in Barbieland aus, der nur dadurch geheilt werden kann, indem Barbie einem traurigen Mädchen, selbst Mutter einer Tochter, hilft. Zwischendurch müssen die Heldinnen nur noch das Patriarchat besiegen. Dieses knappe Gerüst dient als Vehikel für eine endlose Aneinanderreihung von Geschlechterkampfklischees.

Der Zuschauer taucht ein in „Barbieland“, eine pinke Landschaft des Grauens. Hier leben alle Barbies in friedlicher, dauerlächelnder Seligkeit der Diversität unter einer schwarzen Präsidentin, inmitten von vollschlanken und dünnen Barbies, Barbies mit Kopftuch und Barbies im Rollstuhl – und alle feiern nächtlich „Girl’s night“, bewundern einander für Schönheit und Intelligenz. Warum alles so friedlich und harmonisch ist? Ganz klar: Die Kens sind unterwürfige, permanent der Lächerlichkeit preisgegebene Figuren; nur dazu geschaffen, um Barbie zu verehren.

Als Barbie plötzlich schwermütige Gedanken einerseits und Cellulite andererseits entwickelt, und ihre Füße nach dem Ausziehen der Schuhe nicht in High-Heel-Pose verbleiben, sondern den Boden berühren, droht der gruselig heiter-pinken Welt der Kollaps. Barbie gerät wörtlich auf den Boden der Realität. Spätestens dieser wenig subtile pinke, pseudo-philosophische Vorschlaghammer macht dem Zuschauer klar, worum es geht und die restlichen 100 Minuten noch gehen wird.

Deshalb darf Barbie in Matrix-Manier Schuhe auswählen. High Heels dafür, wenn Barbie in Barbieland bleiben und Probleme ignorieren will, Birkenstock für Erkenntnis und Realität. Da wären wir auch bereits bei der so ziemlich amüsantesten Szene des Films.

Hatte ich bisher noch gehofft, der Film würde versöhnliche, vielleicht sogar leicht satirische Töne finden, die ins Matriarchat gekehrte Persiflage eines Patriarchats aufzulösen, war mit dem Ausflug in die angeblich „reale Welt“ klar, dass sich hier nur ein weiterer Film dem Zeitgeist anbiedert, ohne Pointe oder Versöhnlichkeit.

Die „reale Welt“, die Mattel und Greta Gerwig hier ausgemacht haben wollen und in die Barbie mit Ken reist, beginnt mit Bildern von klischeehaften Machos. Man sieht Muskeln, Polizisten, Pferde, wirklich jedes Klischee von Männlichkeit. „Männer, Männer, Männer“, staunt Ken, der von dieser Welt sofort fasziniert ist und aufblüht, darf er in der feministischen Barbieland-Utopie doch nichts weiter sein als Witzfigur, die nur „Beach“ kann. Synonym für „nichts“. „Nicht mal beim Denken kann ich helfen“, bemerkt er dann auch wenig später und geht die Welt erkunden, in der „das Patriarchat herrscht“.

Barbie findet die Tochter des Mädchens, dem sie helfen soll. Auch hier nichts Neues. Der omnipräsente Typ zornige junge Frau konfrontiert Barbie mit dem eigenen verwerflichen Verhalten. Sie sei nichts als sexualisierter Kapitalismus, unrealistisches Körperideal, zunichte gemachter Feminismus. „Du Faschistin!“ tönt es und ich sitze ob des neuen Klischees von Weiblichkeit seufzend im Kinosessel.

Ken kehrt noch vor Barbie ins Barbieland zurück, wo er das Patriarchat einführt, das zur endgültigen Übernahme Barbielands nur noch einer Verfassungsabstimmung bedarf. Dies gelingt ihm durch Gehirnwäsche der intelligenteren Frauen, die ihre Berufe und Präsidentschaften aufgeben, um den Kens der Barbiewelt Mango-Bier zu reichen. Die drei Heldinnen kehren zurück und besiegen das drohende Patriarchat, indem sie Männer eifersüchtig machen und zu dem treiben, was Männer aus Filmemachersicht sowieso am besten können: einen Krieg gegeneinander führen. Über diesen Krieg vergessen die Kens die Abstimmung. Das matriarchale Utopia Barbieland ist gerettet.

Kleine Versuche der Versöhnung, die in der tatsächlich realen Welt dringend nötig wären, um den Geschlechtergraben nicht noch weiter zu vertiefen, scheitern am einseitigen Weltbild der Filmemacher. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Unrechtsgesellschaft unterdrückter Kens und der eigenen Doppelmoral findet nicht statt. Wo Frauen herrschen, herrscht das Gute. Der Film zeigt Frauen per se als empathische, existenzialistische Überlegungen anstellende, das strahlend Gute und Güte repräsentierende Wesen. Darunter, nicht daneben, steht der Mann, ganz Neandertaler und machtversessen, wahlweise weinerlich und inkompetent. Keine Satire, kein Humor, keine Zwischentöne, die das feministische Getöse wettmachen würden. Man möge sich derartige Bilder mit umgekehrter Rollenverteilung vorstellen – schneller wäre wohl kein Film gecancelt.

Für Hartgesottene einige ausgewählte Dialoge:

  • Ken erfragt, ob er als Mann auch ohne Abschluss einen hochdotierten Job erhalten könne. Man(n) verneint. „Reicht es nicht, ein Mann zu sein?“ – „Nein.“ – „Dann macht ihr das mit dem Patriarchat nicht gut“ – „Wir machen es gut, wir verstecken es nur besser“.
  • Auch schön: „Ich bin ein Mann ohne Macht, macht mich das zu einer Frau?“
  • Eine Frau der realen Welt zu Barbie: „Einen Ken hatte ich nie.“ – „Das kommt daher, dass Ken total überflüssig ist“.

Ich war nicht überrascht. Barbie musste schon immer für mehr als nur für Kinderfantasien herhalten. Aus dem bonbonbunten Marketingknüller wurde vorrangig eine Belehrung des Publikums über angeblich politisch korrekte Rollenbilder mit verschärft radikalen Tendenzen. Die Chance, Gesellschaftskritik zu sein, wurde verspielt, weil eigene Geschlechterklischees an keiner Stelle in Frage gestellt werden. Viel mehr als das darf man dieser Tage von Filmen, die „Identität und Geschlecht“ zum Mittelpunkt machen, offensichtlich nicht mehr erwarten. Anders wurde mir nur beim Anblick der 6- bis 12-jährigen Mädchen, die zur Musik des Abspanns vor der Kinoleinwand tanzten. Ich hoffe, dass diese einseitige und stellenweise abwertende Weltsicht auf Männer und Frauen nicht alles ist, womit sie aufwachsen müssen.

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Kommentare ( 17 )

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17 Comments
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Deutscher
11 Monate her

Das alles mit Vorliebe von Feministen, die in der Puppe die Ursache für unterwürfige Frauen mit Essstörung und Hang zum Heimchen am Herd ausmachen wollten…

Als Kind liebte ich meine Modelleisenbahn, bin heute aber trotzdem überzeugter Verkehrsindividualist.

A rose is a rose...
11 Monate her

Ja, natürlich hatten wir Mädels Barbies. Aber ihr Aussehen und Verhalten war offensichtlich genausowenig real wie das von Popeye, Tom und Jerry oder Dornröschen. Gleichzeitig wuchsen wir mit lila Latzhosen und dem Credo auf: „Wir sind alle erstmal Menschen. Und dementsprechend gibt es keine Grenzen, die sich nur aufgrund des Geschlechts ergeben.“ Bildung und Leistungsbereitschaft waren selbstverständlich Vorraussetzung für das Erreichen von beruflichen und materiellen Zielen – warum sollte es auch anders sein? Probleme entstanden erst, als die Politik beschloss, sich diesen Entwicklungen entgegenzustellen und durch Veränderungen der gesellschaftlichen und rechtlichen Basis, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Weniger sinnfreie Verbote, dazu eine… Mehr

Marcel Seiler
11 Monate her

Meine Freundin und ich haben den Film gesehen, weil ich durch die Rezensionen neugierig geworden war. – Die hier veröffentliche Rezension ist absolut zutreffend.

Ich war trotzdem, im Gegensatz zu meiner Freundin, nur mild verärgert: Musik und Tanzszenen waren gut. Margot Robbies Barbie eine absolute Augenweide für jeden Mann. Auch bei männerfeindlichen Äußerungen ausgesprochen reizend.

Das ist der Trick des heutigen Feminismus: Die Männer mit traditionellsten Mitteln anziehen. Ihnen, wenn Vertrauen aufgebaut ist, voll in die Fr..e hauen. Schließlich behaupten, es sei ungentlemenlike, sich gegen die unterdrückte Frau zu wehren. – Dieser Film ist Zeitgeist. Er wird ein kommerzieller Erfolg.

Last edited 11 Monate her by Marcel Seiler
Ferengi
11 Monate her

Und wer, wenn ich fragen darf, schaut sich derartigen Stuss überhaupt noch an? Die in letzter Zeit im Kino angelaufenen Filme strotzen – bis auf wenige Ausnahmen – ja nur so von „political correctness“, „Diversität“ (auch sexueller) und „Black Lives Matter“, bei manchem hat man gar den Eindruck, es gäbe keine weißen Menschen mehr (trifft vor allem auf deutsche Werbefilmchen zu) und dem belehrenden Zeigefinger. Ich verweigere mich dieser Transformation und kann nur hoffen, dass der Spruch „go woke, go broke“ sich in zunehmender Anzahl bemerkbar machen wird.

luxlimbus
11 Monate her

Das angebetete Eigenbild der westlichen Welt, gleicht, durch sein Freistellungsmerkmal: der institutionalisierte Racheengel der meintlich, wie vermeintlich Entrechteten zu sein (= Political Correctness), dem Drama um den König Midas. Dessen, anfangs beneidete, außergewöhnliche Gabe erweist sich, weil nicht beendbar, nur den Hellsichtigsten Beobachtern seiner Zeit als fatal. Und so kann auch hier und heute, die Filmheldin zwar der Kinder-, nicht aber, unser aller woken Welt entrinnen.
Danke – für diese außergewöhnliche Besprechung liebe Autorin! Es wäre auch zu kühn und vermessen gewesen, von einem allseits bejubelten Warner-Produkt, einen neuen Zungenschlag, einen Lichtblick, erwartet haben zu wollen. 

Waldorf
11 Monate her

Es geht anscheinend um die üblichen Befindlichkeiten einer kleinen Teilgruppe „der“ Frauen, allerdings der medial dominanten kleinen Teilgruppe. Diese ist eher jung, urban und irgendwie profan „akademisch“ und steht am deutlichsten mit sich selbst auf Kriegsfuß. Mit der eigenen Weiblichkeit, einer gewünschten und zugleich verhassten „Beziehung“ oder Partnerwahl, dem vorhandenen oder auch nicht Kinderwunsch, garniert mit 1000 Stereotypen, Klischees, Rollenmuster, Erwartungen, Projektionen usw Sicher ist „Frau“ sich nur darüber, irgendwie „Wunderkind“ und zu höherem berufen zu sein, weil man Frau ist und irgendwelche Zettelchen erreicht hat, die angeblich zu irgendwas qualifizieren. Der Bachelor in Dingens berechtigt demnach dazu, für sich… Mehr

beko
11 Monate her

Ich weiß nicht wo ich diesen Film oder besser dieses bunte Machwerk, einordnen sollte?! Unter allgemeinem Hollywood-Blödsinn, also normaler US-Filmpropaganda unter dem Dogma der „Werteimpfung“? Einordnung unter:“ So rosa könnte unsere Wertegemeinschaft in Zukunft aussehen – wo ist Mann (hier als Ken bezeichnet) und wer ist Frau (hier als Barby bezeichnet)“? Oder ordne ich es unter die, von einer psychopathischen Minderheit geplante, Selbstabschaffung des Menschen durch den Menschen ein? Auch unter, des Menschen Wille macht die Birne weich, wäre möglich?! Ich denke ich würde doch, „schön bunt aber bekloppt“ wählen und den Film anschließend aus meinem Gedächtnis streichen?! Bemerkenswert, dass… Mehr

Hieronymus Bosch
11 Monate her

An diesem Film sieht man: die Welt wird immer dümmer und infantiler!

Hieronymus Bosch
11 Monate her

Man hat ja im Kino schon einiges Idiotisches gesehen! Aber dieser Film steht so ziemlich an der Spitze!

LetzterEuropaer
11 Monate her

Allein ein Vergleich heutiger Kinderserien mit solchen von vor 20 oder 30 Jahren zeigt, was eigentlich schiefläuft und wie sehr die Kinder im wahrsten Sinne des Wortes verzogen werden. Früher enthielt beinahe jede Folge am Ende eine universelle, moralische Botschaft, z.b. dass es nur schlecht sein kann, wenn man etwas klaut, lügt oder eine andere Person grundlos schlägt. Egal wie abgedreht, humoristisch und kindlich der ganze Plott und die Dialoge auch waren, die Botschaft wurde am Ende immer übermittelt. Heutzutage muss alles laut, schrill, unfreundlich und teilweise einfach nur asozial sein. Kinder werden in Serien zu kleinen, kreischenden Tyrannen. Die… Mehr