Haben Sie sich schon mal gefragt, warum es so viel Bürokratie gibt? Dann haben Sie noch nicht verstanden, dass Bürokraten automatisch immer noch mehr Bürokraten zur Folge haben. Bis es nur noch Bürokraten gibt. Dann stören auch keine Bürger mehr.
picture alliance/dpa | Bernd Weissbrod
Bürokratieabbau ist ein Zauberwort. Keine Politikerrede, kein Talkshowauftritt, keine Absichtserklärung kommt heute ohne dieses wunderschöne und elegante Wort aus. Achten Sie einmal darauf, wie selbstverständlich, wie gekonnt beiläufig es die Protagonisten der “Chatting Class” fallen lassen. Wer in diesen, ausschließlich auf sich selbst bezogenen Kreisen, ernst genommen werden will, muss im nonchalanten Umgang mit diesem Wort vertraut sein.
Aber was meinen diese Leute, wenn sie von Bürokratieabbau sprechen. Ein Fehler wäre, es wörtlich, im Sinne von weniger, zu verstehen. Denn genauso wenig wie Reform nicht Verbesserung, sondern Verschärfung der Verschlechterung bedeutet, Solidarität nicht zusammenhalten, sondern wenige Rechte für Viele, dafür mehr für Wenige und Gerechtigkeit ein hübscheres Wort für Neid ist, bedeutet Abbau nicht weniger, sondern mehr.
Versuchen Sie mal einen anderen Blickwinkel. Betrachten Sie doch die Welt aus dem Blickwinkel eines Bürokraten. Monate, Jahre fruchtvoller und ergebnisreicher Arbeit in der Beschäftigung mit Verfahren, Vorschriften und Ausführungsbestimmungen. Dann, nach gründlichem Austausch mit Kollegen in vielen Konferenzen und Calls, werden dazu Formulare ausgearbeitet. Diese Formulare müssen umfangreich sein und sich selbst widersprechen. Sie müssen unverständlich sein und jede noch so kleine und zunächst unbedeutend scheinende Absurdität berücksichtigen. Der Antragsteller muss durch besondere Verfahren irritiert werden. Beispielsweise kann man auf anfängliche Punkte zurückverweisen, wenn nach zehn Seiten eine Frage mit ja oder nein zu beantworten war. Und nicht zu vergessen, all das muss in eine Sprache gefasst werden, die außer Bürokraten niemand versteht.
Danach, wenn diese ausgefüllten Formulare zurück kommen, geht die Arbeit aber erst richtig los. Trotz aller Mühen und eingebauten Fallen, sind nicht alle Formulare falsch ausgefüllt. Wie reagiert man nun auf korrekt ausgefüllte Anträge? Richtig, hier muss nachgefragt werden. Dabei muss sorgfältig darauf geachtet werden, Dinge, die vorher klar waren, so zu erklären, dass selbst jene, die vorher noch alles verstanden hatten, jetzt so verwirrt werden, dass sie nun garantiert Fehler in ihren Anträgen haben.
Antragsteller stören also den Ablauf einer Behörde gewaltig. Dem kann nur begegnet werden, wenn immer mehr Menschen das Geldverdienen auf eigene Verantwortung erschwert wird. Diese Menschen können dann auch Bürokraten werden. Denn der Bedarf der Bürokratie wächst Gott sei Dank durch die Bürokratie selbst.
Der paradiesische und erstrebenswerte Endzustand muss daher sein, dass es nur noch Bürokraten gibt. Keine störenden und den bürokratischen Ablauf behindernden Antragsteller mehr. Nur noch Bürokraten, die ungestört im regen Austausch mit Gleichgesinnten Verordnungen, Formulare und Vorschriften in die Welt bringen können. – Die lästigen Wahlen mit eigenwilligen Wählern ersetzen dann Bürokratieversammlungen.
Das meinen Politiker, wenn sie von Bürokratieabbau sprechen.
Sie fragen, wer das alles bezahlen soll? Aus Ihnen wird nie ein Bürokrat.


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Bürokratieabbau wird ja durch Bürokraten gemacht unmd das bedeutet man brtaucht dazu zuerst ein Bürokratie“monster“ wie die Bürokratie abgebauit wertden soll
Ca. 5,4 Millionen Beschäftigte (Stand 2024), was etwa 12 % aller Erwerbstätigen entspricht sind im öffentlichen Dienst als Beamter oder Angestellte tätig.
Wer an einen Bürokratie abbau denkt, ist schon ziemlich naiv ❗
Mit der Quote kultureller Vielfalt wandert natürlich auch eine gewisse Vielfalt des Nicht-mehr-ganz-so-unbestechlich-Seins in die Büroetagen ein.
In Reisehandbüchern für ferne Länder findet man teilweise hierfür den Begriff Bakschisch.
Es widert mich geradezu an, wenn ich unsere Politiker über Digitalisierung schwafeln höre. Als allererstes müsste man mal Regeln vereinfachen, die Abläufe/Prozesse optimieren, und dann erst kann man sie digitalisieren. Die Idee, manuelle/papierne Prozesse einfach ins Digitale zu übersetzen, ist einfach nur idiotisch. Auf so eine Idee kann nur jemand kommen, der noch nie wertschöpfend gearbeitet hat – also Verwaltungsbeamte und Karriere-Politiker. Aber genau mit denen ist der Bundestag gut gefüllt.
Die Regierung und alle nachgelagerten Staatsgeldabhängigen können natürlich nicht verstehen – weil seit mehr als 20 Jahren selbst für den bürokratischen Aufwuchs gesorgt – dass das ins bestehende System unter dem Vorwand eines fiktiven Bürokratieabbaus gepumpte Geld wie bisher versickert.
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Chef zur Sekretärin:
„Natürlich können die alten Akten alle weg, Frau Müller.
Aber vorher machen Sie bitte von allen noch eine Kopie.“