Die französische Migrationsgesellschaft, eine ungeschminkte Bilanz

Frankreich erklärt Herkunft und Religion statistisch für irrelevant. Die Wirklichkeit hält sich nicht an die republikanische Doktrin. Nicolas Pouvreau-Montis Bilanz zeigt, wie sich soziale Abhängigkeit und kulturelle Abgrenzung verfestigen – häufig gerade in der zweiten Generation.

picture alliance / SIPA | Nael Chahine/MEI

Über die Folgen nicht oder nur schwach kontrollierter Migration offen zu diskutieren, ist eine gefährliche Angelegenheit. Sehr leicht gerät man in den Verdacht, Rassist oder Schlimmeres zu sein, wenn man auf negative Aspekte aufmerksam macht. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für Frankreich, dort vielleicht sogar noch stärker.

Der französische Staat darf offiziell eigentlich gar keine Statistiken erstellen, die bei Staatsbürgern nach ethnischer Identität oder religiösem Bekenntnis differenzieren. Theoretisch sind solche Faktoren irrelevant, weil die reine Staatsbürgerschaft alles überlagert und neutralisiert. So lautet jedenfalls die republikanische Staatsdoktrin.

Der französische Autor Nicolas Pouvreau-Monti, früher Mitarbeiter des Pariser Innenministeriums, hat sich dieser Aufgabe dennoch angenommen. Seine Befunde hat er in einem Buch vorgelegt, das im April dieses Jahres erschienen ist. Pouvreau-Monti präsentiert Statistiken und vermeidet wilde Polemiken. Das Bild, das er zeichnet, ist dennoch deprimierend.

Zunächst ist festzustellen, dass in Frankreich – und hier sind die Befunde für Deutschland recht ähnlich – die Arbeitsmarktbeteiligung von Migranten aus Afrika, dem Mittleren und Nahen Osten oder aus Pakistan und Afghanistan deutlich niedriger ist als bei der einheimischen Bevölkerung sowie bei europäischen und ostasiatischen Einwanderern.

Ausschlaggebend dafür ist nicht zuletzt der Umstand, dass Frauen aus diesen Herkunftsmilieus dem Arbeitsmarkt oft bewusst fernbleiben. In Frankreich ist dieser Effekt bei Frauen türkischer Herkunft besonders stark ausgeprägt.

Hinzu kommt eine relativ hohe Jugendarbeitslosigkeit. Sie liegt bei Jugendlichen migrantischer Herkunft in Frankreich bei etwa 24 Prozent. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass die starke Regulierung des französischen Arbeitsmarktes Jugendlichen mit geringen Qualifikationen den Einstieg erschwert.

Ein relativ hoher Mindestlohn und ein scharfer Kündigungsschutz wirken als zusätzliche Hürden. Von einer Mitschuld an diesen Zuständen kann man die Politik daher nicht freisprechen, auch wenn Pouvreau-Monti diesen Punkt nicht erwähnt.
Zu berücksichtigen ist ebenso, dass das Schulsystem durch die Masseneinwanderung der vergangenen Jahrzehnte in den Vorstädten vielfach überfordert ist. Viele Kinder von Einwanderern aus Afrika und anderen Regionen außerhalb Europas verlassen die Schule ohne höhere Qualifikation oder sogar ohne Abschluss.

Dass in diesem Milieu auch die Kriminalität gedeiht, überrascht nicht. Belegen lässt sich das durch den ganz überproportional hohen Anteil von Migranten aus Afrika und einigen anderen Regionen an der Bevölkerung der Gefängnisse. Genauere Zahlen zur Kriminalität findet man in Frankreich allerdings nur schwer, weil der Staat in seinen Statistiken in der Regel nicht nach ethnischer Identität unterscheiden darf. Allenfalls kann auf eine fehlende französische Staatsbürgerschaft hingewiesen werden.

Nicht-europäische Einwanderer sind zudem ganz überproportional im Niedriglohnsektor beschäftigt, etwa im Baugewerbe, in der Logistik oder bei Sicherheitsdiensten. Für Chinesen und Vietnamesen gilt dies freilich nicht in gleicher Weise.

Anlass zur Sorge gibt vor allem, dass sich dieses Phänomen bei der zweiten Generation, die bereits in Frankreich aufgewachsen ist, eher noch verstärkt. Die Hoffnung, die Probleme würden durch zunehmende Integration im Laufe der Zeit von selbst in den Hintergrund treten, erscheint damit schwer begründbar. Vergleichbare Befunde finden sich auch in anderen europäischen Ländern. Für die Niederlande hat etwa Jan van de Beek entsprechende Studien vorgelegt.

Dadurch entstehen für den Staat enorme fiskalische Belastungen, da Einwanderer und ihre Nachkommen deutlich stärker als andere Bevölkerungsgruppen auf Sozialleistungen angewiesen sind. Folgt man Pouvreau-Monti, beanspruchen Migranten aus Afrika im Durchschnitt fast dreimal so viele Sozialleistungen pro Haushalt wie die einheimische Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Angesichts der Überschuldung des französischen Staates ist das ein bedenkliches Resultat.
Eine Ursache liegt in der höheren Zahl von Kindern pro Familie. Dieser Faktor erklärt auch, warum so viele Migranten und ihre Nachkommen in Sozialwohnungen leben. In Frankreich ist deren Anteil ohnehin vergleichsweise hoch. Rund 16 Prozent aller Wohnungen sind staatlich subventionierte Unterkünfte, deutlich mehr als in vielen anderen europäischen Ländern.

Umso bemerkenswerter sind die Zahlen, die Pouvreau-Monti vorlegt. Knapp 60 Prozent der Migranten aus der afrikanischen Sahelzone leben in einer Sozialwohnung, bei Algeriern sind es 50 Prozent. Während der Anteil bei den Algeriern in der zweiten Generation leicht zurückgeht, steigt er bei Familien aus der Sahelzone sogar auf 63 Prozent an (S. 126–127).

Eine Ursache ist sicherlich die relative Armut dieser Familien, eine weitere ihr Kinderreichtum. Überproportional viele Mütter gelten außerdem als alleinerziehend. Faktisch handelt es sich in nicht wenigen Fällen um Zweit-, Dritt- oder Viertfrauen einer polygamen Ehe, die als solche in Frankreich nicht anerkannt wird.

Hinzu kommt, dass einheimische weiße Familien sich aus den Sozialwohnungen zurückziehen, weil sie dort zunehmend zu einer Minderheit werden. Das oft gepriesene Zusammenleben, das „vivre ensemble“, funktioniert angesichts unterschiedlicher Wertvorstellungen und sozialer Konventionen vielfach nicht. Sozialgeographen wie Christophe Guilluy haben schon vor Jahren auf dieses Phänomen hingewiesen.

Kultureller Wandel durch Migration

Damit kommt man zu einem weiteren kontroversen Thema: Verändert Migration ein Land kulturell, und wie ist diese Veränderung zu bewerten? Viele Befürworter einer Politik der offenen Grenzen bestreiten einen solchen Wandel energisch.

Fest steht, dass Einwanderer aus Afrika oder dem Mittleren Osten deutlich religiöser sind als die bisherige Bevölkerung. Das gilt namentlich für Muslime. Rund 30 Prozent aller Muslime in Frankreich erklären, ihr Glaube sei ein ganz zentrales Element ihrer Identität. Bei den einheimischen Katholiken sind es nur sechs Prozent (S. 194).

Glaube kann sich in verschiedenen Formen äußern. Dass Muslime häufiger beten als Katholiken, wird man kaum kritisieren wollen. Schwieriger wird es beim Frauenbild. Eine subtil oder auch offensiv in der Öffentlichkeit präsentierte weibliche Erotik ist gerade in Frankreich seit jeher ein zentraler Bestandteil der nationalen Kultur. Mit dem Frauenbild eines konservativen Islam, der schon das Fehlen eines Kopftuches als schamlos empfindet, ist das kaum vereinbar.

Bemerkenswert ist, dass in Frankreich geborene junge muslimische Frauen viel häufiger ein Kopftuch tragen als ihre Mütter. Bei den unter 25-Jährigen liegt der Anteil bei etwa 45 Prozent. Nur eine kleine Minderheit der jüngeren Muslime wünscht sich eine Modernisierung des Islam. Ihr Anteil beträgt ungefähr zwölf Prozent. In der älteren Generation waren es noch rund 40 Prozent. Diejenigen, die sich ganz vom Islam abgewandt haben, werden bei diesen Zahlen allerdings nicht mitgezählt.
Bei Migranten aus muslimischen Ländern lässt sich zum Teil eine Abnahme der religiösen Bindung im Laufe der Generationen feststellen. Das gilt jedenfalls für einen Teil der Einwanderer aus dem Maghreb. Die große Mehrheit bleibt der Religion der Väter jedoch treu. Bei Nordafrikanern sind es etwa zwei Drittel.

Die Eltern geben diese Religion bewusst an ihre Kinder weiter. In der jüngeren Generation gewinnen dabei teilweise Auslegungen an Bedeutung, die mit dem Leben in einer liberalen und pluralistischen Gesellschaft nur schwer vereinbar sind. Das betrifft vor allem die Anerkennung gleicher Rechte für Menschen, die nicht dem Islam angehören.

Die westliche Kultur erscheint Gläubigen, die mit ihrer Minderheitsposition in einer säkularisierten Gesellschaft hadern, zunehmend als dekadent und bedrohlich. Sie konstruieren für sich bewusst eine kulturelle Identität, die sich von derjenigen der Mehrheitsgesellschaft abgrenzt. Das Verhältnis zur neuen Heimat wird als permanenter kultureller Konflikt wahrgenommen. Diese Entwicklung macht sich in zahlreichen Alltagskonflikten bemerkbar.

Weder Frankreich noch andere europäische Länder haben darauf eine überzeugende Antwort gefunden. Der französische Laizismus bekommt diese Probleme ebenso wenig in den Griff wie die staatliche Privilegierung organisierter Religionen in Deutschland.

Ähnliches gilt für ein weiteres Phänomen. Die Gesellschaften, aus denen viele Migranten stammen, sind häufig sogenannte „Low Trust Societies“. In Ländern wie Mali oder Burkina Faso kann man vielfach weder der Polizei noch der Justiz vertrauen. Auch die politischen Institutionen genießen kaum Vertrauen. Wer dort über die Runden kommen will, muss einem einflussreichen Klientelnetzwerk angehören. Man benötigt mächtige Patrone, die Schutz versprechen und dafür Loyalität verlangen. Eine solche Kultur des Klientelismus, zum Teil verstärkt durch clanartige Strukturen in großen Familienverbänden, verschwindet in der neuen Heimat offenbar nicht.

Durch die häufige Ghettobildung in den Vorstädten kann sie sich sogar noch verstärken und zunehmend die Gesellschaft des Aufnahmelandes prägen. Wo Vergünstigungen und Berechtigungen überwiegend durch Patronage oder gegen geldwerte Gegenleistungen vergeben werden, sind die Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum und effiziente politische Entscheidungen selten günstig. Das kennt man aus Süditalien und vergleichbaren Gesellschaften.

Es besteht die Gefahr, dass Migranten eine spezifische Kultur des Misstrauens gegenüber allen Fremden importieren, die nicht zum eigenen Clan oder zur eigenen ethnischen Gruppe gehören. Dazu kann eine aus den Herkunftsländern übernommene Tradition der Korruption kommen. Pouvreau-Monti beruft sich dabei unter anderem auf eine Studie des Freiburger Wirtschaftswissenschaftlers Tim Krieger und seiner Mitstreiter aus dem Jahr 2015 (S. 207).

Liberale Eliten und Gerichte blockieren Einschränkungen der Migration

Angesichts dieser Entwicklungen wäre es naheliegend, Migration stärker zu beschränken und zu steuern. Das ist in Frankreich ähnlich schwierig wie in Deutschland.

Zum Teil liegt dies an den besonderen Beziehungen Frankreichs zu seinen früheren Kolonien in Afrika. Aus schlechtem Gewissen oder in der Hoffnung, den eigenen Einfluss auf dem Kontinent zu bewahren, hat Frankreich vielen Staaten großzügige Bedingungen für die Aufnahme ihrer Bürger eingeräumt. Dazu gehören Studienvisa, Arbeitsgenehmigungen und der Familiennachzug.

Ganz besonders gilt dies für Algerien. Mit dem Land schloss Frankreich bereits 1968 ein außerordentlich großzügiges Abkommen, das bis heute in Kraft ist. Zudem greifen die französischen Gerichte häufig in die Migrationspolitik ein. Besonders der Conseil constitutionnel hat wiederholt Verschärfungen durch den Gesetzgeber oder die Behörden torpediert. Das ist kein rein deutsches Phänomen.

Bemerkenswert war ein Urteil des Verfassungsgerichtes von 2018. Es untersagte dem Staat trotz einer anderslautenden Gesetzeslage, Personen zu bestrafen, die illegalen Migranten beim Grenzübertritt oder innerhalb Frankreichs helfen. Das Gericht befand, entsprechende Strafen verstießen gegen das in der Verfassung verankerte Prinzip der Brüderlichkeit. Mit einer solchen Verfassungsinterpretation lässt sich nahezu jede politische Entscheidung begründen.

Richter und Politiker scheinen sich selten klarzumachen, wie solche Urteile und eine ultraliberale Migrationspolitik große Teile der Bevölkerung dem Staat entfremden. Diese Entfremdung wächst weiter, wenn sogenannte Experten den Bürgern erklären, Migration sei kein ernsthaftes Problem und werde das Land sowie seine Sozialsysteme wirtschaftlich stärken.

Auch in Deutschland gibt es solche Experten in reichlicher Zahl. Man denke etwa an Marcel Fratzscher, einen Ökonomen aus dem Umfeld der SPD. Dass die Lage irgendwann politisch explodiert, wird man vermutlich schon bei den kommenden Wahlen in Frankreich beobachten können. Mag sein, dass auch die „Populisten“ kein fertiges Rezept besitzen, um die durch ungebremste Migration entstandenen Probleme zu lösen. Den Staat, den ihre Wähler zunehmend als Gegner wahrnehmen, können sie jedoch lahmlegen. Darüber sollte man nachdenken.

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