Von Tabus umstellt

Viele Ansichten sind abstrus, und man möchte mit ihren Urhebern nichts zu tun haben. Seltsam aber, wenn ein Schriftstellerverband sie von der Messe ausschließen will. Ansonsten: Lesenswertes.

© Hannelore Foerster/Getty Images

Auch dieses Mal hat die Frank­furter Buchmesse ihren kleinen Aufreger, der sich allerdings zu einem großen, ja einem zum Prinzip hochgeschaukelten auswuchs, denn er betrifft das hohe Gut der Meinungsfrei­heit.

Ausgerechnet der Schriftstellerver­band PEN­Zentrum Deutschland, der unter Punkt vier seiner Charta schreibt, dass sich seine Mitglieder verpflichten, „jeder Art der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung (…) entgegenzutre­ten“, fordert die Absage eines Auftritts der als rechtsnational eingeordneten Stiftung Europa Terra Nostra (hinter der wohl einige NPD­-Vorstandsmitglie­der stehen). Zudem möchte er einige „rechtsradikal“ genannte Verlage von der Buchmesse ausgeschlossen sehen, weil diese, jetzt bitte festhalten, die Mei­nungsfreiheit bedrohten – und zwar durch die Literatur, die sie verlegen. Der PEN als Säuberungskommando, man fürchtet um seinen Verstand!

Wie jedes Jahr freue ich mich auf den Trubel, auf Freunde, die ich das Jahr über nicht sehe und die sich alle brav auf Joachim Unselds Party treffen, natür­lich nur um mich zu treffen, bei bewähr­ten vegetarischen Gerichten und exzel­lentem Wein und möglicherweise dem einen oder anderen Joint, der selbstver­ständlich draußen gepafft wird.

Meine Buchmessenwoche
Macron und Merkel, Houellebecq und die Blondinen
Frankreich ist der diesjährige Ehren­gast der Buchmesse und präsentiert sich unter dem etwas einfallslosen Mot­to „Frankfurt auf Französisch“. Abseits dieses Fehlgriffs der Kulturbürokratie lässt sich indes konstatieren, dass aus Frankreich derzeit die spannendste und anregendste Literatur kommt – darun­ter sicher auch vieles, was die PENner nervös machen dürfte, man denke nur an Michel Houellebecqs „Soumission“ oder an den „Großen Austausch“ von Renaud Camus oder an Jean Raspailles, den großen Alten des „Heerlager der Heiligen“, wie es in den letzten Jahren aber auch von der anderen Seite Feuer gab, man denke nur an Stéphane Hes­sels „Empört euch“, die Fibel der Street­fighter und Globalisierungsgegner. Mir scheint das französische intel­lektuelle Leben weniger von Tabus um­stellt. Es denkt sich bei den Nachbarn freier und radikaler als hierzulande. Ein echtes Land der Aufklärung.

Worauf ich mich persönlich freue, ist das Wiedersehen mit Irene Dische, die nach langer Pause ihren neuen Roman „Schwarz und Weiß“ vorstellt, eine Liebesgeschichte durch drei Jahrzehnte, und auf Jan Fleischhauers bitterbösen Abgesang auf eine Liebe, ein Sachbuch mit dem vielsagenden Titel „Alles ist besser als noch ein Tag mit dir“.

Ein Ereignis ist ganz sicher die Mes­sepremiere der Buchreihe „Tichys Ein­blick“, um auch einmal pro domo zu schreiben − ermutigend, wie eine küh­ne verlegerische Initiative auch hier die immer ängstlicher gehüteten Mei­nungskorridore erfrischend erweitert.

Ansonsten werde ich auch in Zukunft auf diesen Seiten aus den Tausenden von Neuerscheinungen genau die drei vorstellen, die mich zur Stunde begeis­tern – für Verrisse ist der Platz einfach zu schade!

Ulrich Schacht: Notre Dame

Rike heißt sie, und sie ist schmal und hat große Augen und ist neugierig und halb so alt wie Thorben Berg. Sie treffen sich im Sturm der Geschichte, um einen ganz anderen Sturm auszulösen, kurz nach dem Mauerfall, noch steht die alte Ordnung als Kulisse. Nach einem Biermann-Konzert hat sie ihn angesprochen in diesem Leipziger Studentenklub, noch ausgeschmückt mit all den Picasso-Tauben und Che-Guevara-Postern, der FDJ-Friedensfolklore, aber die Bar ist mit ihren Cognac- und Whiskysorten bereits bestückt wie jede andere, zum Beispiel in Hamburg, woher Berg angereist ist, als Reporter, um die „Atmosphäre“ der Freiheit zu erleben.
Mit seinem Presseausweis hatte er sich drei Stunden zuvor an den Wartenden vorbeigemogelt. Er schaut den Tanzenden im Stroboskoplicht zu. Schaut „auf die zerfetzten Gesichter, fragmentierten Körper“, die sich zu Teilen eines Bildes formen, „in dem ein elastisches Ganzes ununterbrochen zerstört und wieder verquirlt wurde“, und er spürt, dass sich in dieser Zerstörung „Freiheit“ austobt, und denkt sich: „Wirkliche Freiheit – war sie zuletzt nicht doch unendlich mehr als bloßer Wille? Natur also, reine Natur?! Dem Menschen geschenkt, nicht erfunden von ihm.“

Philosophische Tiefenbohrung

Ziemlich schnell ist dem Leser klar, dass hier kein gewöhnlicher Reporter zuschaut, sondern ein Dichter, der philosophische Tiefenbohrungen nicht scheut, und so fragt ihn denn auch Rike, ob er „wirklich schreibt“. Nicht die übliche Zeitungsware, sondern Dichtung. Berg lässt sich ihre Adresse geben und schickt ihr einen seiner Lyrikbände. Ein paar Tage später erhält er einen Brief von ihr. „Ich lese eher seltener Gedichte“, steht da, „aber Deine habe ich ziemlich verschlungen. Vielleicht ist das nur heute so?! weil das, was Du da geschrieben hast, genau heute richtig für mich ist …“

So fängt das an. Und bald umschlingen sie sich in einem Hotelzimmerbett, und wie in einer seltenen Mischung aus ganz bestimmten chemischen Elementen zu einer ganz bestimmten Zeit schießt da plötzlich eine Flamme hoch, und die weiteren 400 Seiten sind im Grunde widerwillige Löscharbeiten, denn diese Liebe ist anziehende Verrücktheit und eine Feuersbrunst, die verheerend wirkt, sowohl für Berg als auch für die junge Rike. Denn Berg ist verheiratet und hat eine sechsjährige Tochter, und Rike, halb so alt wie er, hat nur ihre Neugier, ihre Zärtlichkeit, ihre Lust – und ihr endloses Schwanken und ihre große Weltunerfahrenheit.

Beobachtungslust

Berg, der Dichter. Der Name könnte nicht besser gewählt sein, Berg ist ein Held, ein Dissident, er saß im Zuchthaus, bis er freigekauft wurde in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, auch seine Mutter saß ein, weil sie mit einem sowjetischen Offzier liiert war, er wurde im Zuchthaus geboren. So weit ist das alles nicht Dichtung, sondern Wahrheit, denn der Autor Ulrich Schacht erlebte genau dieses Schicksal.

Bisher ist Ulrich Schacht als Essayist und Lyriker hervorgetreten sowie als Mitherausgeber der „Selbstbewussten Nation“ um Botho Strauß’ umstrittenen „Bocksgesang“-Essay. „Notre Dame“ ist sein Debüt als Romanautor, und zwar eines, der die Bobachtungs-Lust und die Wort-Lust und die Gedankentiefe des Lyrikers nie vergessen lässt. Das hier ist insofern ein Actionroman, als es die Action zweier Herzen ist, ein Lolita-Feuer, ein Mignon-Roman, der den Älteren um seinen Verstand bringt.

Berg kann durchaus brachial sein. Als Rike nach einem Konzert nicht wie verabredet bei ihm im Hotel auftaucht, sondern bei Freunden übernachtet, macht er sich auf, um sie in der dunklen WG aufzuspüren. Ein Raum mit Schlafenden, gleichmäßiges Atmen. Ihn beschleicht das „Gefühl, in eine Höhle träumender Wesen einzudringen, die vollkommen ahnungslos von fremden Augen beobachtet wurden“.
Irgendwann viel später wird sie sagen: „Wenn man einen anderen so ausschließlich begehrt, tötet man ihn dann nicht, und sich vielleicht sogar mit?“
Er schreibt ihr von den Färöer-Inseln, es sind Briefe voller Beschwörungen und Selbstbeschwörungen. Er will in ihre Seele, indem er die eigene klingen lässt, er erlebt für zwei.

Da er, der Revolutionsheld, überallhin eingeladen wird, besteht die Chance, ihr die Welt zu zeigen; sie fahren nach Paris, sie fahren nach Schottland, sie sind glücklich, und immer wieder stürzt dieses fragile Zusammensein ab in die Verzweiflung des Nichtgelingens.

Sie verbringen Silvester zusammen in Berlin, auf Einladung des Staatsministers, der seine Behörde in dieser Nacht auflöst und die Staatsgeschenke verlost, ja, die Posse ist immer nahe bei der Tragödie, der Sturm der Geschichte wirbelt alles und alle durcheinander, und schließlich findet Berg, allein in Paris, so etwas wie Erlösung. Ja, Ulrich Schacht greift mutig aus ins Religiöse, und schließlich sind es die weit geöffneten Flügeltüren von Notre Dame, die ihn und sein blutendes Herz aufnehmen.
Vor der Kulisse eines Geschichtssturms hat Ulrich Schacht einen Gefühlssturm in Szene gesetzt, schonungslos ernst und gleichzeitig wortzaubernd und wirbelnd, eine Amour fou, die die Wucht hat, den Protagonisten zu vernichten. Ein Bravourstück.

Rafael Seligmann: Deutsch meschugge

Mit seinem Schelmenroman über den unaufhaltsamen Aufstieg des Paul Levite, eines ehemaligen Drückers und Hallodris, Erotomanen und Lebensgenussmenschen, ist Rafael Seligmann zur Bundestagswahl eine hinreißende Satire auf unser quälendes Wahltheater gelungen.

Wir schreiben das Jahr 2019, und die Deutsch-Nationale Mehrheitspartei hat mit 27 Prozent ihr vorheriges Wahlergebnis verdreifacht. Zwar ist die ewige Kanzlerin Hedwig Kleinert mit ihren 32 Prozent wieder stärkste Kraft, aber Paul Levite, der den tumben Altnazi Urban Hansen von der Spitze seiner Partei weggeputscht hat, erweist sich als biegsamer und hochintelligenter Schachspieler der Macht. Es gelingt ihm, die Linksradikalen zu einer Koalition zu bewegen und zusätzlich noch einige Konservative aus der Regierungspartei zu lösen, um die Kanzlermehrheit zu erringen. Noch sträubt sich der Bundespräsident, doch Levite mobilisiert die Straße. Vor 1,4 Millionen Leuten spricht er an der Siegessäule in Berlin. „Er hatte gewonnen … Die Deutschen schätzten ihn, den fetten Juden, mehr als ihr Staatsoberhaupt.“

Levite wird Kanzler, und der Schürzenjäger besetzt sein Kabinett durchaus mit Frauen, die er um sich haben will. Schließlich wird ein Terroranschlag in Istanbul zum Pulverfass, dessen Explosion den Dritten Weltkrieg auslösen könnte. Der Schluss soll hier nicht verraten werden, doch er ist menschenklug und lächelnd, und das Lächeln bleibt nach seinem letzten Satz: „Ein deutscher Bürger bin ich und ein Jud obendrein. Da muss man meschugge werden.“

Al Gromer Khan: Kurt und Bongo und die Hippies

Unter den Jubiläen, die wir in diesem Jahr feiern (40 Jahre Deutscher Herbst, 100 Jahre russische Oktoberrevolution) ist dieses wohl das schönste: 50 Jahre Summer of Love, Miniröcke, Räucherkerzen, und die Beatles singen in einer Liveschaltung der BBC weltumspannend in über hundert Länder „All You Need Is Love“. Tatsächlich kreuzen die Beatles samt Maharishi immer mal wieder den Weg von Kurt und dem Jamaikaner Bongo und dem indischen Toby, die in einer WG in Soho leben, besonders an jenem Nachmittag, als sie LSD schmeißen und Carol, die sie heimlich aus ihrem Delikatessenladen versorgt, diesen Esel organisiert hat, den sie den Beatles schenken will.

Ansonsten sind sie ständig klamm und nehmen sich vor, das Finanzamt zu überfallen, „weil da das ganze Geld ist“. Allerdings vertun sie sich in der U-Bahn-Station und stehen plötzlich vor einem Frauengefängnis. Ein brechend komischer Hippie-Roman, so knallbunt, dass man die Joints regelrecht mitatmet. Wohl selten ist Swinging London 1967 so lebenslustig beschrieben worden, wie es Al Gromer Khan in dieser Aussteigerstory tut, in der man nebenher eine ganze Menge über das Sitar-Spielen und die indische Musik erfährt.

Kein Wunder. Al Gromer Khan ist heute einer der bemerkenswertesten Komponisten indischer Meditationsmusik. Und er hat genug Lebenserfahrung, um diesen drei 19-Jährigen, die sich und die Welt ausprobieren, jede Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, denn er weiß: Es gibt nichts Wichtigeres im Leben, als dem Flug der Seele zu folgen.

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Kommentare ( 2 )

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Ja, lest die neue französische Literatur – aber sie wird Euch nicht ruhig schlafen lassen! Für den alten weißen Mann empfehle ich: Viscontis Meisterwerk „Der Fremde“ mit dem genialen Marcello Mastroianni auf youtube anzuschauen, Danach Albert Camus Buch. Dazu eine gute Flasche Pino Noir und ein paar „Disque bleu“ falls es die noch gibt.

…auch der Gang zum Stand des ach so bösen Antaios-Verlages hätte sich gelohnt – allein schon wegen der Werke Rolf Peter Sieferles…