Der digitale Euro: „Eine zentralwirtschaftliche Horrorvision“

Die Iran-Krise bringt die deutsche Wirtschaft ins Wanken. Die strukturellen Probleme, die sich aufgestaut haben, können nicht länger zurückgehalten werden. Gleichzeitig startet die Europäische Union den finalen Angriff auf Ihr Vermögen und Ihre Privatsphäre. – Sparer müssen sich jetzt überlegen, wie sie dieser Krise begegnen, erklärt Investor und Autor Prof. Max Otte.

Tichys Einblick: Willkommen zum heutigen TE-Gespräch mit Max Otte. Max Otte ist einer der profiliertesten Finanzanalytiker in Deutschland und Vermögensverwalter. Übermorgen erscheint sein neues Buch „Rettet unser Bargeld“. Aber reden wir zunächst über etwas anderes: Die Weltwirtschaft ist im Umbruch.
Die Krise in der Straße von Hormus hat Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft. In vielen asiatischen Ländern kommt es schon zu Energieknappheit. In Deutschland fehlen petrochemische Rohstoffe, der Benzinpreis und der Dieselpreis explodieren und die Wirtschaft wackelt. Wie gefährlich ist aus Ihrer Sicht diese Krise für uns als Konsumenten, als Produzenten und als Bürger schlechthin?

Max Otte: Ja gut, für Deutschland ging das nach vielen Jahren des Leidens ja immer irgendwie weiter. Wir hatten ja schon die Befürchtung, dass mit der Finanzkrise quasi die große Krise hereinbricht. Da können wir vielleicht später noch drüber sprechen. Aber es ging eigentlich seit diesen 18 Jahren irgendwie immer weiter: Trotz Massenmigration, trotz Energiewende, trotz Nord Stream 2.

Aber das könnte jetzt der letzte Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt, dass wir also breite Verarmung sehen und wirkliche Knappheit im Geldbeutel, dass die Industrie wirklich noch weiter einbricht. Wir werden es sehen, aber die Risiken sind schon sehr groß.

Kann es noch schlimmer gehen? Wir erleben ja bereits jetzt Massenentlastungen, Entlassungen, wenn wir bei VW hören 50.000 oder bei der Deutschen Bahn 20.000, nur um einige Stichworte zu nennen; das ist ja eine Hitliste des Horrors. Kann es sein, dass wir noch mehr klassische Industriearbeitsplätze verlieren? Und was kommt an ihrer Stelle?

Ja, selbstverständlich. Das deutsche Geschäftsmodell war Midtech. Das hat Michael Porter in ‚The Competitive Advantage of Nations‘ Anfang der 90er schon gesagt. Bei Hightech waren wir seit dem zweiten Weltkrieg in vielen Sektoren nicht mehr vorne dabei. Unter anderem natürlich, weil uns ein Teil der Hightech gestohlen wurde. Aber Midtech, also chemische Industrie, Verfahrenstechnik, Automobile, Maschinenbau, überall dort waren wir Weltspitze, auch Weltexporteur.

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Dafür braucht man natürlich billige Energie, die ist uns nach und nach abgedreht worden. Der letzte große Akt war da die Sprengung von Nord-Stream. Und wir sehen jetzt eigentlich im Prinzip nur den Beginn dieses totalen Exodus der deutschen Industrie. Es ist nicht erstaunlich, dass wir jetzt diese Horrorgeschichten haben. Im Gegenteil, ich möchte sagen, es ist sehr erstaunlich, dass unser Geschäftsmodell, unsere Industrie bis heute mit Blessuren aber irgendwie doch durchgehalten hat. Man hätte auch erwarten können, dass da weniger Resilienz ist, aber irgendwann ist dann mal das Ende. Und ich sehe das jetzt nicht als Ende dieser Massenentlassungen und des Abbaus der deutschen Industrie, ich sehe das eher als Beginn der finalen Phase des industriellen Niedergangs Deutschlands.

Nun reagiert ja die Politik mit einer interessanten Strategie. Es werden die Steuern erhöht, möglicherweise die Mehrwertsteuer. Dazu kommen natürlich viele Verteuerungen und höhere Besteuerungen, insbesondere von Familien. Renten sollen gekürzt werden für alle, die über so 2000 Euro im Monat verdienen. Das gilt ja jetzt schon als superreich. Mit anderen Worten: Nachfrageausfall. Ist das eigentlich eine kluge Politik jetzt die Bürger noch mehr zu belasten, wo sie ohnehin schon so stark belastet sind durch Arbeitslosigkeit und Preissteigerungen?

Da müsste man jetzt das analytische Fass sehr weit aufmachen. Es ist ja so, dass die Mittelschicht seit zwei bis drei Jahrzehnten massiv belastet wird und dass wir eine Umverteilung aus der Mitte heraus haben nach ganz oben. Wir haben also eine explodierende Zahl der Superreichen. Wir haben aber auch einen zunehmenden Subventionsstaat, Hartz IV, Massenmigration. Das zahlt im Wesentlichen die Mittelschicht. Die Mittelschicht zahlt nicht nur durch Steuern, sondern auch durch die Niedrigzinspolitik, die wir auch seit 20 Jahren haben.

Denn die Mittelschicht hat größtenteils ihr Guthaben auf Sparkonten oder in Lebensversicherungen, weniger am Kapitalmarkt. Und jetzt versucht der Staat, umzuverteilen. Also in einer Krise wie der jetzigen wird umverteilt, die Karten werden neu gemischt. Wie weit dann der Staat sich da einmischt, ist die Frage. Aber nehmen wir an, die extreme Verschuldung, die auch in den letzten 20 Jahren immer weiter gestiegen ist durch Covid, jetzt auch durch das Schuldenpaket in den USA, durch das Schuldenpaket, das Friedrich Merz noch vor seiner Wahl zum Bundeskanzler durchgebracht hat. Diese Schulden werden ja nie zurückgezahlt. Das heißt, irgendwann muss es sowieso einen Schnitt geben, eine administrierte Lösung.

Und wenn die Staatseinnahmen sinnvoll ausgegeben würden in Infrastruktur, in Rechtssicherheit, in Forschung und Entwicklung, dann könnte man darin sogar Impulse für die Wirtschaft sehen. Das passiert aber nicht, denn die Staatseinnahmen werden verkonsumiert. Sie gehen für Zinszahlungen drauf, sie gehen für Subventionen der Sozialhilfeempfänger drauf. Sie gehen für Waffenlieferungen in die Ukraine drauf. Also sicherlich keine gute Politik, um irgendwie die Kurve zu bekommen.

Sie sagen so mit nonchalanter Gelassenheit, Schulden, Staatsschulden werden eh nicht zurückgezahlt. Es müssen aber Zinsen bezahlt werden, auch auf Staatsschulden. Das ZDW Wirtschaftsforschungsinstitut schätzt, dass in den nächsten Jahren die Zinsen auf 150 Milliarden anschwellen. Es müssen auch alte Schulden höher verzinst werden, auch deswegen, weil Deutschland dabei ist, so heißt es, seinen Ruf als guter Schuldner zu verlieren und das bedeutet höhere Zinsen. Ist das so oder zu sehr verkürzt?

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Das ist sicherlich ein Szenario. Ich kann mir aber vorstellen, dass der Staat auch hier administrativ mit Verordnungen, mit Gesetzen, mit Zwangsmaßnahmen eingreift. Um diese Themen kümmere ich mich auch in dem neuen Buch ‚Rettet unser Bargeld‘. Also der digitale Euro zum Beispiel wäre eine gute Möglichkeit, eine schleichende Entschuldung einzuführen. Es ist ausdrücklich zum Beispiel im Gesetzentwurf nicht vorgesehen, dass der Euro ein Wertaufbewahrungsmittel ist. Also man kann zum Beispiel gleich einen Wertverlust einbauen, man hätte dann Schwundgeld. Also sind wir da mittlerweile recht innovativ, wenn es darum geht, Schulden abzubauen. Wir werden sehen, was passiert. Aber die Mittelschicht weiter zu belasten, weiter Zinsen zu zahlen und Staatskonsum und Sozialhilfeleistungen zu subventionieren, das ist sicherlich der falsche Weg.

Ich mir nicht ganz sicher bei Ihrer Rhetorik: Sie sagen Schulden abbauen. Das klingt zunächst mal vernünftig. Wir würden uns alle erhoffen, dass die Staatsschulden etwas zurückgehen. Aber heißt es, dieses Abbauen der Schulden würde erfolgen über eine Enteignung der Bürger, die zum Beispiel Staatsanleihen oder Bundesschatzbriefe haben? Oder wie muss man sich das vorstellen?

Ja, so wird man sich das letztlich vorstellen müssen. Diese Enteignung läuft ja in anderer Form schon lange. Selbst der Spiegel hat schon vor zehn Jahren gesagt, der deutsche Sparer ist völlig verrückt geworden. Er legt zu 0 Prozent an – oder 1 Prozent damals. Und gleichzeitig haben wir eine Inflation, die darüber liegt. Also die Enteignung läuft ja schon durch die sogenannte Finanzrepression, also Zinsen, die unterhalb der Inflationsrate liegen. Und in der Tat wird jemand, der sein Vermögen in Geldvermögen hat, in Lebensversicherungen, in Rentenforderungen, nicht das rausbekommt, was er einbezahlt hat. Das scheint mir ziemlich sicher.

Nun, der Mechanismus ist bekannt, aber Sie haben ja jetzt auf den digitalen Euro hingewiesen und als ich kurz in Ihr Buch hineingeschmökert habe, ich sehe es vor mir, dann warnen Sie ja davor, dass der digitale Euro ja ein Hebel sein könnte.

Ja, wenn ihr Geld im Prinzip digital gespeichert ist, sie sonst kaum noch Bargeld haben. Ich rechne nicht mit einem kompletten Bargeldverbot. Man wird einiges noch so als Alibi zulassen. Aber wenn es in den Wallets ist, wenn es unverzinst ist, wenn sie dann Ausgabelimits bekommen im Falle von Finanzkrisen, was wir in Griechenland zum Beispiel in der Euro-Krise gesehen haben, da konnten sie nur noch 60 Euro pro Tag an den Geldautomaten abheben. Das können sie dann mit dem digitalen Euro auch alles machen. Und so können sie auch alles strecken und so können sie quasi den Bürger weiter zur Kasse bitten. Das ist eine zwangswirtschaftliche, eine, möchte ich fast sagen, zentralwirtschaftliche Horrorvision, die leider nicht ganz von der Hand zu weisen ist. […].

Das vollständige Interview sehen Sie hier.

Max Otte. Rettet unser Bargeld. Digitaler Euro und Vermögensregister – schützen Sie Vermögen und Privatsphäre. Deutscher Wirtschaftsbuchverlag, 128 Seiten, 18,00 €


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Kommentare ( 2 )

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2 Comments
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roffmann
40 Minuten her

Immer wenn ich Anlagenberatung höre , denke ich an Manfred Krug und die Telekom Aktie , die alle reich gemacht hat.

Waldschrat
44 Minuten her

Die Hightech wurde uns nicht nur gestohlen, wir haben sie auch ohne Not verkommen lassen oder an das Ausland verscherbelt/verschenkt.