Sie galten als Fels in der Brandung. Nun reißen Deindustrialisierung, Wirtschaftsschwäche, Skandale, Fehlspekulationen und Betrug Risse ins Genossenschaftsmodell. Zweifelhafte Kredite etwa für Bordelle und Immobilienwetten belasten manche „Bank vor Ort“.
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Sie galten als Inbegriff von Stabilität, Nähe und regionaler Verantwortung – jetzt erschüttern Verluste, Skandale und dubiose Geschäfte das Fundament der Genossenschaftsbanken. 700 Institute mit 15 Millionen Mitgliedern bilden seit Jahrzehnten eine Säule des deutschen Kreditwesens. Doch der einstige Garant für Bodenständigkeit steht unter Druck: Im System der Raiffeisen- und Volksbanken geraten kleinere Banken zusehend ins Wanken und Ausfälle häufen sich.
„Der letzte sichere Hafen bekommt Risse. Jetzt wackelt ausgerechnet das Rückgrat des deutschen Bankensystems. 2026 wird wirtschaftlich episch“, schreibt aktuell der bekannte Wirtschafts-Blogger Emanuel Böminghaus auf X zum Thema Genossenschaftsbanken. Es mag übertrieben sein. Aber zunehmend belastet die schwächelnde Konjunktur das Kerngeschäft. Besonders der Mittelstand, traditionell wichtigster Kunde, bremst bei Investitionen. Nur noch 63 Prozent der Unternehmen wollen laut einer Verbandsumfrage innerhalb der kommenden sechs Monate investieren. Die Pleitewelle im Mittelstand belastet auch die kreditgebenden Banken. Die Folge der Inverstitionszurückhaltung: Das Kreditvolumen schrumpft – und manche Institute suchen riskante Auswege, etwa über spekulative Investments, berichtet das Nachrichtenmagazin Focus.
Prominentestes Beispiel ist die Volksbank Dortmund-Nordwest: Sie verlor 280 Millionen Euro durch Fehlinvestitionen in Immobilien. Das Eigenkapital reichte nicht, der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) musste mit 134 Millionen Euro einspringen. Auch die Volksbank Düsseldorf-Neuss geriet in Turbulenzen – diesmal durch internen Betrug: Eine Mitarbeiterin soll etwa 100 Millionen Euro veruntreut haben. Der BVR-Sicherungsfonds, geschaffen zur „vorsorglichen Stabilisierung“, musste erneut eingreifen. Dieser Sicherungsfonds wird von allen Mitgliedsbanken getragen; Ausfälle belasten damit reihum. In der konsolidierten Jahresbilanz der genossenschaftlichen Finanzgruppe führten die Stützungsaktionen bereits 2024 zu einem Anstieg der Risikovorsorge um fast das Dreifache auf 4,87 Milliarden Euro. Das Vorsteuerergebnis sank dadurch um ein Viertel auf 10,8 Milliarden Euro. Bislang kann das eigene Netz also die Verluste auffangen. Doch es geht reihum.
Kauf von Bordellen, Kreditvergaben im Profi-Fußball
Noch drastischer zeigt sich die Krise im Fall der VR-Bank Bad Salzungen. Einst eine stabile Regionalbank, verspekulierte sie sich in abenteuerlichen Geschäften – vom Kauf und der Vermietung von Bordellhäusern in Oberhausen bis zu riskanten Kreditvergaben im Profifußball. Ermittlungen wegen Untreue und Misswirtschaft laufen seit Jahren. Ende 2023 griff die Finanzaufsicht hart durch: Der komplette Vorstand wurde abgesetzt, der Aufsichtsrat trat zurück. Zwei Sonderverwalter übernahmen die Kontrolle und entdeckten Verluste von insgesamt 280 Millionen Euro. Die Bank wurde zur Sanierung gezwungen – mit drastischem Stellenabbau und massiver Bilanzverkürzung.
In Bayern wiederum müssen Genossenschaftsbanken mehr als 100 Millionen Euro aufbringen, um den Beinahe-Kollaps der Agrargenossenschaft BayWa abzufedern, die sich mit globalen Investitionen in Windparks und Obstplantagen übernommen hat.
Branchenkenner sehen dahinter mehr als Einzelfälle. „Der Genossenschaftssektor leidet an struktureller Selbstzufriedenheit“, urteilt ein Berliner Finanzexperte. Frühwarnsysteme hätten versagt, zu stark vertraue man auf die Solidarität des Sicherungsfonds. Dieser funktioniere zwar, schaffe aber ein gefährliches Sicherheitsgefühl – ein klassischer Moral Hazard.
Der Bundesverband BVR reagiert inzwischen mit Reformplänen: stärkere Eingriffsrechte, erweiterte Kontrollmechanismen und verpflichtende Risikoanalysen. Doch ob das reicht, ist fraglich. Das einst unerschütterliche Vertrauen in die „Bank vor Ort“ könnte angeschlagen sein. Und während die Verantwortlichen über Reformen diskutieren, wächst unter Sparern und Mitgliedern die Angst, dass die Genossenschaftsbanken ihre Unschuld längst verloren haben. Was in Zeiten der laufenden Konjunktur weggesteckt werden konnte, bricht jetzt gnadenlos auf. Systemische Risiken entstehen, wenn beispielsweise rund um die Automobilstandorte die Arbeitslosigkeit steigt – und Immobilienkredite nicht mehr zurückbezahlt werden können.
Gerade die Volksbanken leiden dann unter dem, was man „Klumpenrisiko“ nennt: zu viele faule Kredite in einer Region. Die regionale Verwurzelung, bislang eine Stärke, kann für die Banken in den betroffenen Regionen gefährlich werden. Einst blühende Regionen wie Stuttgart, Ingolstadt, Wolfsburg, Braunschweig geraten in den Abwärtsstrudel. Dazu kommt das Heizungsgesetz, das schrittweise in größeren Städten Wirkung entfaltet: Es setzt Immobilienbesitzer unter massiven Druck – und in der Folge auch die Banken. Viele bislang „sichere“ Immobilien werden entwertet. Es ist längst eine giftige Mischung entstanden, die brutale Deindustrialisierung setzt sich über Arbeitslosigkeit und Immobilienkrise in die Bankbilanzen fort.

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Eigentlich sind die Genossenschaftsbanken in Deutschland oder auch Österreich eine absolute Erfolgsstory. Sie haben den ersten Weltkrieg überlebt, sie haben den zweiten Weltkrieg überlebt und sie haben auch die DDR überlebt im östlichen Teil des Landes. Dazu viele Wirtschaftskrisen, Finanzkrisen, Rezessionen und so weiter. Noch niemals ist jemals eine Genossenschaftsbank pleite gegangen. Letzteres wird vor allem durch die entsprechende Sicherungseinrichtung der Genossenschaftsbanken (ein Sicherungfonds und noch weitere mehr) und entsprechende interne Auffangsysteme wie Fusionen und ähnliches erreicht worden. Das bedeutet nicht, dass nicht schon etliche Genossenschaftsbanken zumindest theoretisch pleite gewesen sind. Man hat aber dann durch Fusionen oder viele andere… Mehr
Und dann spielen die Genossenschaftsbanken (zumindest ein Teil) kräftig beim Kampf gegen Rechts mit und kündigen von unliebsamen Kunden die Konten, insofern muss man wohl auch hier konstatieren, wie bestellt, so geliefert.
Kaum haben mehr als eine handvoll das Schäuble-Merkel-Ideal der schwäbischen Hausfrau verinnerlicht, schon wankt das Geschäftsmodell bedenklich.
Wie kann EINE Mitarbeiterin 100 Millionen veruntreuen?
Bislang dachte ich, das gäb’s nur im Film oder bei den großen Global Playern, wo 100 Millionen in der Portokasse liegen.
Aber bei der Volksbank Düsseldorf-Neuss?!
Wenn ich mich recht erinnere, sind doch auch die V/R Banken auf den woken Zug mit all seinen Segnungen aufgesprungen. Jetzt kommt diese ganze Klimaweltuntergangspanik mit einhergehender Industrievernichtung langsam aber sicher an ihre Grenzen und es wird sehr schmerzhaft werden. Mein Mitleid hält sich doch sehr in Grenzen. Ich denke das die Banken demnächst wieder ganz einfallsreich an der Preisschraube drehen werden, was dann immer mehr Kleinkunden vertreibt. So wird sich die Abwärtsspirale immer weiter drehen bis zur nächsten Krise, nur ist bis dahin auch die Wirtschaft in DE am Ende. Wo dann der Aufschwung herkommen soll, wie nach der… Mehr
Dazu fällt mir eine Anzeige in den BNN Badische Neueste Nachrichten- Bruchsaler Rundschau vom 27.12.25, Druckausgabe, ein: (Auszug) Volksbank Kraichgau So wird Genossenschaft in Kambodscha gelebt „Beyond Borders“: Austauschprogramm der Volksbank Kraichgau ermöglicht Mitarbeitenden(!is) spannende Einblicke. Abenteuer, Reisen und neue Kulturen entdecken– all das bietet das Auslandsprogramm „Beyond Borders“der Volksbank Kraichgau. Seit 2022 ermöglicht die Bank ihren Mitarbeitenden (!s), in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Genossenschafts-u. Raiffeisenverband und der Genossenschaftlichen Stiftung für Entwicklungszusammenarbeit (GESTE)einen Einblick in die Arbeit des DGRV in den Partnerländern und in die Thematik der genossenschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit.In diesem Jahr ging es für die Mitarbeiterin (keine „Mitarbeitende “ mehr?is) Fiona… Mehr
Im Grunde hört man etwa jedes zweite Jahr von einer Volks-Raiffeisenbank, die sich mehr oder weniger heftig elegant in die Kurve legt.
Lerneffekt der nächsten Vorstände in der Reihe = NULL, man überblickt solche Geschäfte doch ganz klar besser als der gescheiterte Kollege.
Das Thema könnte man 1:1 auf die Sparkassen übertragen, allerdings bin ich der festen Überzeugung das unser Bankenwesen inkl. VR Banken und Sparkassen unserem Land deutlich besser hilft als wenn sich eine handvoll Großbanken den Kuchen aufteilen würden.
VR Banken und Sparkassen sind definitiv ein Dorn im Auge der EU mit ihrer Regulierungswut, weil sie schwerer zu kontrollieren und unabhängiger in ihren Entscheidungen sind.
Ich hoffe unser Bankenwesen bleibt uns noch sehr lange erhalten.
„VR Banken und Sparkassen sind definitiv ein Dorn im Auge der EU mit ihrer Regulierungswut, weil sie schwerer zu kontrollieren und unabhängiger in ihren Entscheidungen sind.“
Von was träumen Sie sonst noch? Letztlich sorgen da spätestens die eigenen Verbände für entsprechende Eichung und Durchsetzung der EU-Regeln, wenn der Vorstand das nicht um seines Überlebens willen tut..
Ich muss vorausschicken, dass ich ein VR-Gewächs bin. Meine Frage ist aber, ist es richtig mit dem Finger auf die VR-Banken zu zeigen? Diese Banken haben Rechenzentrum geschaffen, modernst und effektiv, wovon andere nur träumen. Inzwischen nehmen auch immer mehr NICHT-VR-Banken die IT-Dienstleistungen der Atruvia AG in Anspruch. Wir waren den Sparkassen immer um Jahre voraus. Wie dem auch sei, wer von einer Krise bei den VR-Banken spricht, verkennt in meinen Augen die Lage. Solche Krisen suchen auch andere Banken heim. So kann man als Beispiel die Deutsche Bank unter Ackermann anführen, die Dresdner Bank, die mit der Commerzbank fusionierte,… Mehr
Soll das etwa eine Entschuldigung sein?
Zudem haben Sie bei Ihrem Rechtfertigungsversuch ein wichtiges Detail vergessen: Bei den privatrechtlich organisierten Banken gibt es für die Aktionäre, ganz im Gegensatz zu den Anteilseignern einer Genossenschaftsbank, keine Nachschußpflicht im Falle des Bankzusammenbruches.
Die Nachschußpflicht ist historisch. „Seit 2022 ist die Nachschusspflicht bei Volks- und Raiffeisenbanken in den Satzungen fast durchgängig gestrichen, wie der Bundesverband BVR bestätigt.“
Ist es nicht überhaupt ein Wunder, daß sich solche „Bankhäuser“ so lange halten konnten? Immerhin macht auch dort der digitale Fortschritt nicht halt und wer heute ein Konto hat, der macht ohnehin schon 3/4 des Service selber, wobei zuletzt die Gebühren trotzdem nur eine Richtung kannten, nämlich nach oben. Dennoch glaubten und glauben nicht wenige Schlipsträger, daß es immer so weiter geht mit den ruhigen, aber sehr gut bezahlten Jobs. Wenn aber bereits 280Millionen Euro eine Schieflage bedeuten, ist wohl gerade in diesem Wirtschaftszweig alles ziemlich auf Kante genäht, oder? Warum sollte ich deswegen beunruhigt sein, oder gar Mitleid haben?