Erneut zerbröseln die großen Versprechen von "Abschiebe-Offensiven": Die syrische Regierung hat Deutschland eindringlich gebeten, vorerst auf Rückführungen zu verzichten.
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Die weiterhin „fragile Lage“ im Land, das sich mehr als ein Jahrzehnt nach Beginn des Bürgerkriegs noch immer im Wiederaufbau befindet, wird von der Regierung in Damaskus nun erneut als Argument gegenüber den Asyl-Ländern wie Deutschland und Österreich benutzt: Eine schnelle Rückkehr tausender Menschen könnte die humanitäre Situation in Syrien zusätzlich verschärfen.
Der Direktor für konsularische Angelegenheiten im syrischen Außenministerium, Mohammed Yaqub al-Omar, appellierte an die deutschen Behörden, „Geduld zu zeigen“. Syrien benötige mehr Zeit, um die grundlegende Infrastruktur wiederherzustellen und sichere Lebensbedingungen zu schaffen, meinte er gegenüber Focus. Viele Städte und Regionen seien weiterhin von Zerstörungen geprägt. Wohnungen, Schulen, Straßen und Stromversorgung seien in zahlreichen Gebieten nur eingeschränkt vorhanden – deshalb sei es derzeit schwierig, größere Gruppen von Rückkehrern zu integrieren.
Nach Angaben der syrischen Regierung leben noch immer große Teile der Bevölkerung in provisorischen Unterkünften. Besonders im Norden des Landes befinden sich1,5 Millionen Menschen in Zeltlagern. Eine massenhafte Rückkehr aus Europa könnte dazu führen, dass viele Heimkehrer zunächst ebenfalls in solchen Lagern untergebracht werden müssten. Die syrische Übergangsregierung arbeitet nach eigenen Angaben daran, bessere Voraussetzungen zu schaffen, um Landsleute künftig wieder aufnehmen zu können, doch dieser Prozess werde Zeit in Anspruch nehmen.
Mehr als eine Million Syrer in Deutschland
In Deutschland leben derzeit mehr als eine Million Menschen mit syrischer Staatsangehörigkeit. Sie bilden die größte Gruppe von Schutzsuchenden im Land. Viele von ihnen sind seit den Jahren 2015 und 2016 gekommen, als der Krieg in Syrien besonders heftig war. Auch in Österreich ist die syrische Community eine bedeutende Gruppe an Zuwanderern: Dort leben etwa 100.000 Syrerinnen und Syrer. Beide Länder stehen seit längerem vor der Frage, wie mit der Perspektive einer Rückkehr umzugehen ist. Und: Je länger die syrischen Migranten in Deutschland oder Österreich leben, um so sicherer ist deren Einbürgerung – sie werden also vermutlich gar nicht abgeschoben werden, weil sie ja einen deutschen Pass erhalten (haben).
Zur Erinnerung: Union und SPD hatten sich in ihrem Koalitionsvertrag darauf verständigt, Abschiebungen nach Syrien wieder aufzunehmen – zunächst jedoch nur bei Straftätern und Personen, die als Gefährder eingestuft werden. Im Dezember 2025 wurde erstmals wieder ein syrischer Staatsbürger in Begleitung der Bundespolizei per Linienflug nach Damaskus gebracht. Seitdem kam es zu einzelnen weiteren Abschiebungen in vergleichbaren Fällen. Eine umfassende Rückführung nicht straffälliger Syrer steht jedoch nicht unmittelbar bevor.
Ähnlich ist die politische Situation in Österreich: Unter dem Druck der FPÖ und äußerst schlechten Umfragewerten kündigte Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) erst vor wenigen Tagen bei einer Rede vor Parteimitgliedern eine Abschiebe-Offensive an, bei der „finstere Gesellen“ außer Landes gebracht werden sollen. Die syrische Regierung will diese Personen aber offenbar auch nicht.
Die deutsche Bundesregierung hat der syrischen Übergangsregierung Wiederaufbauhilfen in Höhe von 40 Millionen Euro zugesagt. Diese Mittel sollen unter anderem in Infrastruktur, Wohnraum und grundlegende Versorgung fließen.
Die syrische Regierung betont, dass Deutschland und andere europäische Staaten während des Krieges eine wichtige Rolle bei der Aufnahme von Flüchtlingen gespielt haben. Dafür äußerten Vertreter in Damaskus wiederholt Dank – gleichzeitig bitten sie um Verständnis dafür, dass ein nachhaltiger Wiederaufbau noch mehr Zeit benötigt.

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