Obdachlose Literatur: Räume für Tellkamp-Lesung gekündigt

In Dresden kündigte ein Verein kurzfristig die Räume für eine schon zugesagte Lesung Uwe Tellkamps aus dessen noch unveröffentlichtem Roman. Begründung: das Buch gefährde die „Neutralität“ des Vereins.

imago images / Andreas Weihs

Am 9. Januar sollte Uwe Tellkamp eigentlich aus seinem neuen, noch unveröffentlichten Roman im Dresdner Lingnerschloss lesen. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Zeitschrift Tumult. Das literarische Ereignis wird nicht stattfinden, jedenfalls nicht am 9. Januar und nicht am vorgesehenen Ort. Sechs Tage vorher erhielt Tumult-Herausgeber Frank Böckelmann ein Schreiben vom stellvertretenden Vorsitzenden des Fördervereins Lingnerschloss mit der Kündigung des am 20. Dezember 2019 zugesagten Raums. Bemerkenswert fällt die Begründung aus. „Hiermit teilen wir Ihnen mit, dass die von Ihnen beabsichtigte Vortragsreihe in unseren Räumen nicht stattfinden kann“, so der Verein: „Nach unserer Überzeugung und dem Neutralitätsgebot des Fördervereins Lingnerschloss ist Ihre beabsichtigte Vortragsreihe für unsere Einrichtung nicht geeignet.“
Es mute „merkwürdig an, dass belletristische Werke unter ein ‚Neutralitätsgebot’ fallen könnten“, kommentierte Böckelmann die plötzliche Kündigung.

Bei Tellkamp handelt es sich um einen der bekanntesten deutschen Gegenwartsautoren; für einen Auszug aus seinem späteren Roman „Der Turm“ erhielt er den Bachmann-Preis, für den bei Suhrkamp erschienen Roman den Deutschen Buchpreis. Als er 2018 in einem öffentlichen Streitgespräch mit dem Autor Durs Grünbein die Migrationspolitik der Bundesregierung kritisierte, wurde Tellkamp zwar mit Etiketten wie ‚umstritten’ und ‚rechts’ versehen. Besonders auf sein Wort von „Gesinnungskorridoren“, die sich in Deutschland verengen, reagierten etliche Journalisten mit Erregung und Ablehnung. Meist versahen sie den Begriff „Gesinnungskorridor“ mit dem Zusatz „angeblich“. Sein Verlag distanzierte sich nach der Diskussionsveranstaltung mit Grünbein von Tellkamp. Aber eine schon geplante Lesung des Autors war bisher noch nicht verhindert worden.

In seinem Schreiben erklärte der Lingnerschloss-Verein nicht, in welcher Weise der noch unveröffentlichte neue Roman Tellkamps – eine Fortsetzung des Turms – seine Neutralität gefährde, und wie er sich eine vereinskonforme Neutralität von Literatur vorstellt. Merkwürdig scheint auch, dass seinen Mitgliedern diese Gefährdung erst sechs Tage vor der Lesung auffiel.

Mit der Absage durch den Lingnerschloss-Verein gegenüber Tumult findet auch eine zweite geplante Veranstaltung nicht statt: Am 13. Februar wollte der Althistoriker Egon Flaig dort aus seinem neuen Buch „Was nottut. Plädoyer für einen aufgeklärten Konservatismus“ lesen. Einen Ersatz für die gekündigten Räume gibt es bisher noch nicht.

Tellkamps Roman „Der Turm“ erzählt von einer bildungsbürgerlichen Insel in der DDR, die im Stadtviertel Weißer Hirsch dem Druck von außen widersteht. Das Buch trägt den Untertitel „Geschichte aus einem versunkenen Land“. Es handelt von Figuren in einem Staat kurz vor dessen Zusammenbruch, gleichzeitig ist der „Turm“ ein Dresden-Roman, eine Art historisches Panorama der Stadt.

Die Fortsetzung dieser Heimatliteratur wird jetzt, wie es aussieht, in Dresden obdachlos.

„Was soll man sagen?“, kommentierte Tellkamp den Vorgang: „Es gibt keine Gesinnungskorridore. Nur enge Wände.“

Erscheinen soll der neue Roman des Autors im Herbst 2020. „Davon gehe ich aus“, sagte Tellkamp im August 2019 in einem Interview mit dem Magazin „Tichys Einblick“.

Demnächst wird sich also jeder Interessierte ein Bild machen können – so oder so.

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Kommentare ( 145 )

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Dr. Michael Kubina
1 Jahr her

Das sagt der Verein Lingnerschloss dazu: „Der Verein Freunde der Vierteljahresschrift TUMULT e. V. hatte am 19.12.2019 eine Anfrage an den Förderverein Lingnerschloss gerichtet, ob Räume für eine Veranstaltungsreihe zur Verfügung stehen. Diese Anfrage erfolgte nach Absage einer anderen Dresdner Spielstätte. Ein Vertrag zwischen Förderverein und dem Verein Freunde der Vierteljahresschrift TUMULT e. V. bestand zu keiner Zeit. Der Förderverein Lingnerschloss schätzt ein, dass die Schriften des Tumult e.V. unserer Verpflichtung zu politischer bzw. religiöser Neutralität widersprechen und hat aus diesem Grund die Veranstaltungsreihe abgesagt. Energisch möchten wir dem Eindruck widersprechen, dass sich die Absage gegen den Auftritt Uwe Tellkamps… Mehr

fannyte
1 Jahr her
Antworten an  Dr. Michael Kubina

Was soll diese „Korinthenkackerei“? : In diesem Falle schliesst das Eine das Andere nicht aus,
oder ?

Babylon
1 Jahr her
Antworten an  Dr. Michael Kubina

Der Förderverein Lingnerschloss liebt also das „Weichgespülte“ in seinen Worten das „Neutrale“ und scheut Kontroversen, zumal solcher politischer Art. Das ist sein Recht. Trotzdem scheint er mit seinen Veranstaltungen auch politisch Einfluss nehmen zu wollen, allerdings nur in eine bestimmte Richtung. Insofern kann wiederum von „Neutralität“ keine Rede sein. „TUMULT e.V.“ scheint nun wie der Name schon sagt, eher das Gegenteil von Weichgepültem zu sein, sonder ist haarig und kratzt. Fazit , die Verantwortlichen vom Lingnerschloss, tragen ihre angebliche politische Neutralität nur als Fassade und als Schutzschild vor sich her, um gesellschaftliche Kontroversen nicht zu diskutieren, sondern um sie zu… Mehr

taliscas
1 Jahr her

Ob rechte oder linke Faschisten, Deutsche sind immer willige Vollstrecker.

Laurenz
1 Jahr her

Man meint fast, Erich Mielke sei wieder in Amt und Würden.

Anne W
1 Jahr her

Erst vor kurzem, als es begann wegen harmlosen, aber kritischen Äußerungen zu Dingen, die „Linken“ nie passen, Uwe Tellkamp zu diskreditieren und zu diffamieren, las ich seinen Erfolgsroman „Der Turm“. Und war beeindruckt mit welcher Offenheit, Menschenfreundlichkeit und Distanz er die letzten Tage der DDR in den gutbürgerlichen, priviligierten Kreisen beschrieben hat. Grandios. Ein großer Schriftsteller aus Sachsen wird nun zu einem Opfer wegen des stattfindenden linken Meinungsterrors. Dabei ist dieser Autor gewiss nicht „rechts“ – sondern beobachtet, kann denken und traut sich noch, dieses so mitzuteilen. Unglaublich! Egal – worum es gehen mag – ich werde den neuen Roman… Mehr

Preussin
1 Jahr her

Ich hätte nicht gedacht, dass ich in meinem Alter noch die Anfänge einer Gesinnungsdiktatur erleben muss! Kopf hoch Herr Tellkamp! Sehen Sie es als Auszeichnung! Vielen großen Schriftstellern und Künstlern erging es ähnlich und die kommenden Generationen werden Sie umso mehr ehren und wahrnehmen.
Und: Wer will schon zu dem dümmlichen Mainstream gehören, der dieses Land wie eine Seuche befallen hat ?

revoxb77
1 Jahr her
Antworten an  Preussin

Sehr richtig.

Jo_01
1 Jahr her

Tellkamp ist einer der wenigen Aufrechten in der Literatenszene und einer, der selbst denkt und – eben weil aus Dresden, d.h. dem Osten stammend – der den Wert der Freiheit noch zu schätzen weiß.
Aber wir leben bereits in der DDR 2.0 – einem Parteienstaat von Merkel&Habecks Gnaden und glaubt mir, liebe Mitforisten: es ist erst der Beginn der Diktatur. Das Desaster hat gerade erst begonnen…

Brettenbacher
1 Jahr her

Wenn es tatsächlich stimmt, daß Tellkamp mal im Freiburger Stadtteil Vauban gewohnt hat, dann kennt er schon die Qualen, etwas atmen zu müssen, was er nicht atmen kann.
Und ihn graut vor dem Exil.

Klaus Funke
1 Jahr her

Tellkamp hat Recht. Enge Wände. Ein Buchpreisträger wird behandelt wie ein dahergelaufenes Risiko. Wo gab es das schon? Seit wann erfordert Belletristik ein Neutralitägtsgebot? Wo leben wir denn? Ja, wo leben wir – Merkelstaat, DDR 2.0. Tellkamp sollte den Lingnerschloss-Verwaltern eine dicke Rechnung schicken. Schadenseersatz. Der Rechtsstaat muss mit Rechtsmitteln „bekämpft“ werden. Das Lingnerschloß ist kein Privatbesitz. Er gehört der Stadt. Die ist auch die Rechtsadresse. Und die steckt, das wette ich, dahinter. Vielleicht hat man sich sogar „höheren Ortes“ Beistand geholt. Wer weiß. Bei der Absage des „Piano-Salons“ ist es dasselbe. Die Sache hat System.

B. Schwab
1 Jahr her

Deswegen hat der tolle „Förderverein“ soeben eine Spende von 0,01€ von mir bekommen. Mit dem Hinweis: „kleine Spende für kleine Geister“…

Mozartin
1 Jahr her

Das Lingnerschloss ist nicht irgendein Schloss, es ist das mittlere der Elbschlösser.
Habe von Tellkamp nichts gelesen, eigentlich eine Voraussetzung etwas zu diesem Vorfall zu schreiben.
Ich habe aber Ignation Silone gelesen und der soll etwas gesagt haben in der Art, dass die neuerlichen „Herren“ sagen würden, sie seien der Anti-faschismus.
Das muss überhaupt nicht eintreten und ich vertraue meiner SPD, dass ein politisches Klima auch ein kontroverses, aber respektvolles bleibt.
Aber mich befremdet das schon.
Vielleicht gibt es eine weitere und ausführlichere Erklärung des Vereins.
Oder ich muss ihn einfach mal lesen.

Jo_01
1 Jahr her
Antworten an  Mozartin

…“meiner SPD“ 🙂 Brauchen Sie vielleicht Hilfe ?
P.S. „Der Turm“ von Tellkamp wurde sogar als Zweiteiler für das Fernsehen verfilmt. Das Buch ist aber – wie so oft – besser.

revoxb77
1 Jahr her
Antworten an  Jo_01

Das Possessivpronomen ist wirklich aufschlussreich.

Babylon
1 Jahr her
Antworten an  Mozartin


Mich wundert , dass Sie als kulturbeflissener Zeitgenosse „Der Turm“ bisher noch nicht gelesen haben. Holen Sie es nach, es lohnt sich. Dieser Roman ist ein bedeutender Beitrag zur neueren Zeitgeschichte. Verfilmung von Literatur, mag sie noch so gelungen sein, kann die Lektüre niemals ersetzen.