Viel weiße Salbe, viele Plattitüden, null Selbstkritik

Die 2022er Ansprache fügt sich ein in das vertraute Anspruchsniveau der 16 Merkel-Neujahrsansprachen, der ersten Scholz-Ansprache 2021 und der sechs Steinmeier-Weihnachtsansprachen. Dabei wäre gerade das Krisen- und Kriegsjahr 2022 Anlass genug gewesen, einige Dinge mal etwas kritischer, zumindest ehrlicher zu reflektieren.

IMAGO / Political-Moments
Bundeskanzler Olaf Scholz, 21.12.2022

Kein TE-Leser möge davon abgehalten werden, sich zwischen einem zweifachen Genuss von „Dinner for One“ die aktuelle Neujahrsansprache von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) am Bildschirm oder im Originaltext zu gönnen. Wir haben sie uns „gegönnt“ und stellen im Sinne des „Dinner-for-One“-Mottos „Same procedure as every year“ fest: Die 2022er Ansprache fügt sich nahtlos ein in das vertraute Anspruchsniveau der 16 Merkel-Neujahrsansprachen, einer ersten Scholz-Ansprache 2021 und der sechs Steinmeier-Weihnachtsansprachen. Dabei wäre gerade das Krisen- und Kriegsjahr 2022 Anlass genug gewesen, einige Dinge mal etwas kritischer, zumindest ehrlicher zu reflektieren.

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Scholz überstreicht alles mit weißer Placebo-Salbe, überzuckert alles mit Phrasen und Plattitüden: „harte Probe“, „fühlen mit“, „für einander da“, „starkes Land“, „Tatkraft“, „unterhakt“, „An dieser Geschichte haben Sie alle mitgeschrieben – überall in unserem Land.“ Übrigens: Das Wort „Plattitüde“ kommt von „platt/flach/Fladen“. Schade, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, „Plattitüden“ in „Wortfladen“ zu übersetzen.

Manches, was Scholz an Deutschland und an seiner Regierung lobt, ist aber nicht von dieser Welt. Zum Beispiel, wenn er sagt: „Tapfer verteidigen die Ukrainerinnen und Ukrainer ihre Heimat – auch dank unserer Hilfe. Und wir werden die Ukraine weiter unterstützen.“ Wie bitte!? Der erste Teil des Satzes stimmt, der zweite nicht. Kaum ein Land der EU und der Nato ziert sich seit 300 Tagen in so erbärmlicher Weise, der Ukraine auch militärisch zu helfen, wie Deutschland. Oder wenn Scholz die „Soldatinnen und Soldaten“ dafür lobt, dass sie trainieren, „um unser Land, unsere Freunde und Alliierten gegen alle Bedrohungen zu verteidigen“. Auch hier ein „Wie bitte?“: Die Bundeswehr ist ja nicht einmal materiell in der Lage, Nato-Verpflichtungen einzugehen. Wenn sie etwa 2023 erstmals Rahmennation des Spezialkräftehauptquartiers der VJTF (Very High Readiness Joint Task Force) und damit Speerspitze der „NATO Response Force“ sein soll. Oder wenn Scholz sagt: „Die Europäische Union und die NATO stehen nicht gespalten da, wie in manch früherer Krise. Sondern so geeint wie lange nicht.“ Naja, großes Vertrauen setzt man von dort nicht in die Deutschen, auch nicht, was das Thema Energiesicherheit, Migration usw. betrifft.

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Interessant ist, welche Themen Scholz nur „en passant“ oder auch nur anekdotisch streift und welche Themen bzw. Begriffe er gänzlich auslässt. „Klima“ kommt 1-mal vor, Gas 7-mal, Russland 1-mal, Putin 2-mal, Zeitenwende 2-mal, Energie 2-mal … Gar nicht kommen folgende Themen und Begriffe vor: Demokratie, Meinungsfreiheit, Freiheit allgemein, Migration, Inflation, Schulden, China, USA, Corona, auslaufende G7-Präsidentschaft, Bildung, Wissenschaft. Auch nach wenigstens versteckten Hinweisen, dass das Scholz’sche Kabinett eine Dilettantentruppe ist, hält man vergeblich Ausschau. Das heißt für 2023: Die Ressortchefs bringen entweder weiter nichts auf die Reihe (Christine Lambrecht) oder sie betreiben ungebremst einen brutalen Umbau des Landes (Nancy Faeser und Lisa Paus) oder sie häufen Schulden über Schulden auf (Christian Lindner) oder sie betreiben „feministische“ Politik im luftleeren bzw. ideologieschwangeren Raum (Annalena Baerbock).

Klar, nicht alles kann man in eine Neujahrsansprache hineinpacken. Aber symptomatisch ist es doch, welche Themen Scholz umschifft. Dafür bemüht sich Scholz wahrlich redlich, halbwegs geschlechterneutral zu sprechen. Irgendein „woker“ pseudo-linguistischer Genderist hat ihm wohl eingeredet, dass der Gender-Glottisschlag in „Bürger*innen“ oder „Bürger:innen“ zwar nicht so gut ankommt, man aber geschlechterneutral wirkt, wenn man abwechselnd mal den maskulinen und mal den femininen Plural verwendet. Wie wir wissen, hat Scholz ohnehin Probleme „Bürgerinnen und Bürger“ auszusprechen, denn meistens kommt nur „Bürger und Bürger“ herüber. Aber hier dreht Scholz echt auf, wenn er von folgenden Berufsgruppen spricht: „unsere Ingenieurinnen und Facharbeiter“, Facharbeiterinnen und Techniker“, „Schornsteinfegerinnen und Installateure“.

Die gängige Presse scheint dennoch beeindruckt von der Scholz-Ansprache, wenn sie titelt: „Ein starkes Land“ (ARD), „Ein schweres Jahr geht zu Ende“ (ZDF), „Ein Land, das sich unterhakt“ (ZEIT), „Zusammenhalt ist unser größtes Pfund“ (BILD), „Olaf Scholz bittet weiter darum, Energie zu sparen“ (WELT) „Scholz ermuntert zu Zuversicht“ (dpa und zahlreiche Regionalzeitungen).

TE-Leser sollten sich die Ansprache aber doch in Gänze antun. Sie ist symptomatisch für die Art und Weise, wie dieses Land nebulös und dilettantisch regiert wird. Jetzt (12 Uhr) schon im Livestream oder im Text.


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Kommentare ( 54 )

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Silverager
30 Tage her

Werter Herr Kraus, Ihrer Aufforderung, mir die Ansprache dieses Menschen selbst anzutun, kann ich leider nicht Folge leisten.
Ich bekäme davon sofort Herzrasen.

Boudicca
30 Tage her

Das Kanzlernde kann anscheinend, entgegen aller Annahme doch lesen. Wahrscheinlich hat er so, an den richtigen Stellen lächelnd, seine Rede, zu seiner Zufriedenheit, mit Hilfe eines Teleprompter, bis zum Ende bewältigt, ohne sich an den Text erinnern zu müssen.

Evero
30 Tage her

Diese Ansprachen sind von Eliten für Untertanen. Sie haben nichts mit der Alltagswirklichkeit zu tun.
Die sind alle nach dem Motto: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.“ Aber Deutschland steigt kontinuierlich ab. Kuchen ist aus!

Last edited 30 Tage her by Evero
Rasparis
30 Tage her

Nächstes Jahr Scholzens Wort-Risotto bitte auf „Klimaneutralität“‘umstellen. Dann fällt die „Rede“ aus, eine „win-win“-Situation nicht nur für das „Klima“, sondern auch für das soziale Klima in der „Bevölkerung“, die den Verbal-Immissionen dieses Mannes ausgesetzt ist. Danke.

Kassandra
30 Tage her
Antworten an  Rasparis

Die vom letzten Jahr strotzte von Corona und empfahl das Impfen. Lohnt sich im Nachhinein, noch mal zu lesen. Auch darauf hin, ob da ansonsten nur ein klitzekleiner echter Maßnahmenplan daraus zu gestalten wäre. Außer hinsichtlich der Injektionen.

Waldorf
30 Tage her

Danke Herr Kraus, dass Sie sich das angehört haben und ein gesundes und erfolgreiches Jahr für Sie und das ganze TE-Team! Allerdings werde ich der Empfehlung nicht folgen, mir den 2. Merkel 2.0 Schrott unseres Bundes-Vorturner in Gänze anzuhören. Warum auch? Ein Plattitüden-Tsunami entbehrt jeder Spannung, jedem Informationswert, ist damit nur Wortsenf und Zeitverschwendung. Adressat dürfte sowieso nur die Hofpresse gewesen sein, die ihre Standardbewertungen fürs Archiv extrahieren sollten und sicher auch gemacht haben. Auch diese dürften reine Zeitverschwendung darstellen, da sie auch nur für die Rundablage produziert wurden. Ich glaube nicht, dass noch irgendein Haltungsjournalist ernsthaft erwartet, dass sich… Mehr

Nun ja
30 Tage her

Statt Warfen hätte Deutschland Diplomaten schicken müssen. Diesen Krieg mit einem möglichst optimalen Ergebnis für die Bevölkerung der Ukraine zu beenden, bedarf eines starken und neutralen Mittlers. Das hätte Deutschlands Rolle sein müssen. Die paar Panzer die wir liefern hätten können, hätten den Krieg nur für eine kurze Zeit verlängert. Die Ukraine geht gerade unter und das ist auch die Schuld derer, die meinten, die Ukraine in die Lage versetzen zu können, eine militärische Lösung zu suchen. Dafür Minsk 1 und 2 als Vehikel zu nutzen, um Zeit für die Aufrüstung der Ukraine zu gewinnen, hat der westlichen Diplomatie eine… Mehr

Nibelung
30 Tage her

Wer sich von Sozialisten bei festlichen Anlässen gerne maltretieren läßt, der soll sich darin ergehen, ob es ihm persönlich was bringt ist eine andere Frage, denn die haben die Eigenheit etwas zu verkaufen, was sie nicht besitzen und dann wird es kritisch, wenn man auf die Zukunft schaut. Immer wenn die roten Garden das neue Paradies anpreisen, sollte man ganz besonders vorsichtig sein, denn aus der geschichtlichen Erfahrung heraus ist das meist im Chaos geendet, was nun erneut wiederkommt, wenn man diesen falschen Fünfzigern vertraut und uns dabei ins Elend führen, nach vielen Jahren prosperierender Entwicklungen, hinein in den Untergang,… Mehr

89-erlebt
30 Tage her

Ich fühle mich schon länger ( nicht erst seit Scholzens Heuchelei ) in die Zeit von Honecker & Co zurückversetzt. Partei Polit Ideologen lügen dem Volk die Hucke voll, machen sich die eigenen Taschen rand voll und schwafeln was von Solidarität und Welten Rettung. Olaf der Vergesserliche hat bei seinen vielen Besuchen bei Egon Krenz viel gelernt, was er offensichtlich nicht vergessen hat. Venceremos

verblichene Rose
30 Tage her
Antworten an  89-erlebt

Nun, jeder macht das was er kann!
Und Scholz verkörpert es!
Das ist übrigens bei sehr vielen von uns verpönt, denn nicht jeder Könner macht das, was er machen sollte!
PS: angesichts dieser Kanzlerattrappe haben wir bereits gewonnen!
Mithin bewegen wir uns in einer Kulisse. Und in der muss man ja nicht immer mitspielen wollen!
Soll heissen, dass mein Leben ein ganz anderer Austragungsort ist.

Evero
30 Tage her
Antworten an  89-erlebt

Diese Reden sind leere Hüllen, „Wortfladen“, wie Herr Kraus richtig bemerkte.
Da ist n i c h t s Authentisches. Das ist Stoff von Scholzens verbeamteten Märchendichtern, abgestimmt mit allen NGOs und mitwirkenden Regierungen dieser Welt. Non-Sense.
Wenn der Scholz die Rede frei von der Leber weg halten würde, würde sich das schon anders anhören.

ceterum censeo
30 Tage her
Antworten an  89-erlebt

Nur wussten die DDR-Bürger diesen Unsinn entsprechend zu deuten. Die dummen Wessis gehen dem Onkel Olaf-Gewurbel allerdings auf den Leim. Der Nanny-Staat hat als Ergebnis, dass selbstdenkende, kritische Bürger ersetzt werden durch willfährige Lemminge. Läuft…

Hannibal Murkle
30 Tage her

@„ „Die Europäische Union und die NATO stehen nicht gespalten da, wie in manch früherer Krise. Sondern so geeint wie lange nicht.“ Naja, großes Vertrauen setzt man von dort nicht in die Deutschen, auch nicht, was das Thema Energiesicherheit, Migration usw. betrifft.“

Die „Wirtschaftswoche“ berichtet, dass Russland Nordstream reparieren will und überlegt, wer von den Freunden und Verbündeten es gewesen sein konnte. Und wenn es ein NATO-Land war – Pipelines sprengen, ist es kein Zeichen einer Spaltung?

Markus Machnet
30 Tage her
Antworten an  Hannibal Murkle

Vielleicht mal das Video anschauen als unser Olli bei sleapy Joe zu Besuch war und felsenfest behauptete daß es Northstream 2 nicht geben würde wenn die Russen in der Ukraine einmarschierten. Auf die Frage einer Journalistin wie das funktionieren soll da das Projekt unter der Hoheit der Deutschen betrieben werden würde. Seine Antwort mit einem diabolischen Grinsen: „Glauben sie mir wir schaffen das.“ Ich denke damit ist alles gesagt. Wobei man sich manchmal nicht einmal selbst die Hände schmutzig machen muss …

Ante
30 Tage her

Die Mehrheit der Wähler wollte diesen Kanzler. Sie hat ihn bekommen. Niemand muss sich wundern. Es wurde geliefert wie bestellt. 2022 war ein besch… Jahr, für mich das besch… von mir erlebte Jahr überhaupt, 2023 wird vermutlich nicht besser. Mein Erwartungswert ist brutal negativ. Der deutsche Nationalstaat ist spätestens seit 2015 Geschichte. Bleiben wird nur BUNT-SCHLAND.