Das Kanzleramt wird zum Millionengrab

Der Ausbau des Bundeskanzleramtes könnte sich nochmals verteuern: von 600 Millionen auf bis zu 640 Millionen Euro. Der Personalstab explodiert.

IMAGO / Jochen Eckel
Vorstellung des neuen Bundeskanzleramtes im Januar 2019: dreimal so groß wie der Élysée-Palast, achtmal so groß wie das Weiße Haus

Tritt das Bundeskanzleramt in die Nachfolge des Berliner Flughafens? Laut einer Anfrage der AfD-Fraktion im Bundestag verteuert sich der Ausbau des Kanzleramts nochmals: Aktuell veranschlagt die Bundesregierung Kosten von 600 bis 640 Millionen Euro.

Ein kurzer Rückblick zur Kostenentwicklung. Anfang 2019 hatte Kanzleramtsminister Helge Braun die Erweiterung angekündigt, die bis 2028 fertiggestellt sein sollte. Damals ging die Regierung noch von 460 Millionen Euro aus. Im Juni 2021 revidierte die Bundesregierung nach einer Anfrage der Grünen die Zahl. Sie stieg auf 485 Millionen Euro. Schon damals ließ man sich ein Schlupfloch: Denn der Preisstand von 2019, auf den diese Schätzung beruhte, war nicht mehr aktuell. Bereits damals schienen auch 600 Millionen Euro Kosten möglich.

Unter Merkel wuchs der Personalstab beinahe auf’s Doppelte an

Nun also noch einmal 40 Millionen Euro mehr. Nach der bisherigen Geschichte bundesrepublikanischer Bauprojekte muss man vom Schlimmsten ausgehen. Eine genaue Rechnung behält sich die Bundesregierung weiterhin vor. „Eine verlässliche aktuelle Kostenberechnung wird mit Fertigstellung der Entwurfsunterlage-Bau (EW-Bau) Ende April 2022 vorliegen“, steht in der Antwort an die AfD-Fraktion.

Perfektes Timing
Das Bundeskanzleramt soll neu gebaut werden - für 19.000 Euro pro Quadratmeter
Die Bundesregierung unterstreicht den dringenden Bedarf. Es bräuchte Büroräume für 400 Mitarbeiter. Und hier liegt der Hase im Pfeffer begraben: Denn eigentlich war die alte Regierungszentrale auf rund 450 Mitarbeiter ausgelegt. Doch insbesondere in der Ära Merkel explodierte der Personalstab. Wegen Anmietungen für zusätzliche Fläche sind dem Steuerzahler daher seit 2006 Kosten von mehr als 30 Millionen Euro entstanden.

Während in den Schröder-Jahren von 2000 bis 2005 die Zahl der Mitarbeiter zwischen 449 und 490 Mitarbeitern lag, stellte die Bundeskanzlerin kontinuierlich neues Personal ein. Mit mittlerweile 873 hat das Kanzleramt Dimensionen erreicht, vor denen mancher französischer Königshof vor Neid erblasst wäre. Apropos: Der Élysée-Palast hat rund 1.000 Mitarbeiter. Allerdings ist Frankreich eine zentralistisch geführte Präsidialrepublik, während Deutschland eine repräsentativ-parlamentarische Bundesrepublik ist. Zumindest auf dem Papier. Auch das sagt einiges über das Regierungsbewusstsein der Ex-Kanzlerin aus.

Das neue Bundeskanzleramt: 900 Mitarbeiter auf 25.000 Quadratmetern Betonwüste

Ob es unter Olaf Scholz und der Ampel besser wird? Die Veränderung im letzten Jahr lässt darauf jedenfalls nicht schließen. Von Januar 2021 (818) zum Januar 2022 (873) stellte das Kanzleramt 55 neue Kollegen ein. Besserung ist also keine in Sicht. Statt Abbau und Konsolidierung kommt also nur ein Neubau infrage: mit 400 Büros, eigener Kindertagesstätte, Kantine, neuen Konferenzräumen, einer zweiten Fußgängerbrücke über die Spree und neuem Hubschrauberlandeplatz. Und das alles nach Corona und mitten in der Energie- und Inflationskrise. Wobei: Letztere könnte eine Einladung sein, die Millionenschraube noch etwas anzudrehen.

Wir werden alle ärmer, Auffangmöglichkeiten sind keine da, aber Berlin leistet sich ein Monstrum, das bei seiner Vollendung dreimal so groß wie der Élysée-Palast und achtmal so groß wie das Weiße Haus wäre. Der Bundesrechnungshof mahnt seit Vorstellung der Pläne die Kosten an, es gelte „eine wirtschaftliche Lösung zur Deckung eines nachgewiesenen Bedarfs“ vorzulegen. Doch derlei profane Wünsche dürften in der selbstgebauten Betonwelt von rund 25.000 Quadratmetern ungehört verhallen.

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Kommentare ( 59 )

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Andreas aus E.
2 Monate her

Als CO2-Kompensation für das ganze Beton werden dann sicher einige hundert Hektar Naturwald zu Windkraftanlagenparks umstrukturiert.

Amerikaner
2 Monate her

Diese ganze Architektur, insbesondere des Bundeskanzleramtes, ist Sinnbild für die Orientierungslosigkeit des Staats. Wahllos aneinandergefügte Geometrie, die nichts aussagt und nichts ist. Einfach nur beliebig Glas und Beton an die Spree gestellt, ohne Plan, ohne Mission, ohne Aussage, ein Zweckbau ohne Zweck.

Andreas aus E.
2 Monate her
Antworten an  Amerikaner

So schlecht war die Idee der Klimadioten dann doch nicht, das Gelände in einen Kartoffelacker zu verwandeln, kleinen Anfang hatten die immerhin geschafft, leider nicht das gesamte Grundstück.

Mocha
2 Monate her

Wo ist da der Sparwille? Ich soll frieren für den Frieden und diese P….r hauen die Kohle raus als gäbe es kein morgen. Weniger stumme Abgeordnete, weniger Berater und Mitarbeiter wäre die Lösung.

schwarzseher
2 Monate her

Bundesselbstbedienungsamt wäre die passendere Bezeichnung

Iso
2 Monate her

Wenn es wenigstens hübsch wäre, was sie da bauen, könnte ich es verstehen. Aber es sieht aus wie eine schlichte Plattenbausiedlung und beeindruckt niemanden.

Teiresias
2 Monate her

Wir sehen im neuen Kanzlerbunker die Zentralisierung von Macht, die nicht (mehr?) vom Volke ausgeht. Merkels Top-Down-Alternativlospolitik wird in Beton manifestiert.

Mit der Marginalisierung von Parlament und Justiz steigt der Platzbedarf im Kanzleramt, an dessen Wachstum wir die Schrumpfung der Gewaltenteiung ablesen können.

Im Prinzip wird das Kanzleramt zum Politbüro und Zentralkomitee in einem.

Dieter Dassendorf
2 Monate her

Dafür kann es nur eine logische Erklärung geben: Je weniger kompetent die Mitarbeiter, desto mehr davon muss man einstellen.

alter weisser Mann
2 Monate her

Die 1 Milliarde Baukosten wird sicher geknackt und es wird später fertig und dann auch wieder zu klein sein.

Renz
2 Monate her
Antworten an  alter weisser Mann

Und dann werden sie feststellen, dass man noch eine Startbahn für die Bonzen braucht. Die wird dann über die Spree gebaut.

Janno
2 Monate her

Das Kanzleramt ist ja nur die Spitze eines dekadenten Eisberges. Der Bund ist DER Preistreiber am Gewerbeimmobilienmarkt in Berlin. Wo er nicht in A-Lagen gerade alte Paläste (ehem. Deutsche Bank fürs Gesundheitsministerium, 170-300Mio.) oder hippe Neubauten ( Møller fürs Umweltministerium, 146 Mio.) selber baut, mietet er zu Höchstpreisen in der Innenstadt. Weil seit 10 Jahren die Erweiterung eines Bundestagsbaus stockt, sind die Kosten von 190 Mio. auf 322 Mio. gestiegen. Weil der Platz aber immer noch fehlt und man gleichzeitig immer mehr Kostgänger unterbringen muss, lässt man für 70. Mio. ein Behelf bauen. Nachdem vor 7 Jahren das Schloss Bellevue… Mehr

GWR
2 Monate her

Mit stellt sich die Frage, warum das Kanzleramt eine so hohe Anzahl an Mitarbeitern braucht?
Kann es sein, dass die Hälfte davon es nicht schafft, das gewünschte Chaos zu „verbrechen“. Die über 400 Mitarbeiter haben schon nichts auf die Reihe bekommen. Glaubt irgendjemand, dass 900 Mitarbeiter eine bessere Performance liefern?
Das Kanzleramt ist scheinbar eine riesige Geldverbrennungsmaschine. Was vernünftiges kommt da ohnehin nicht raus.

Die Wahrheit
2 Monate her
Antworten an  GWR

Das Kanzleramt? Und was ist mit Jugendämtern, Finanzämtern, Stadtverwaltungen und.. und… und… Mit einer ordentlichen Digitalisierung könnten wir 90% aller Staatsbediensteten entlassen. Wie hoch ist das Einsparpotentioal 1000 Milliarden oder noch mehr? Keine Ahnung.

Janno
2 Monate her
Antworten an  Die Wahrheit

Sie sagen es. Nur wird diese Kaste sich niemals entmachten lassen. Sie wächst sogar noch und übt größte Aktivität auf junge Leute aus. Die Hydra nährt sich selbst.