Das ist ja nun mal eine echte Sensation, dass den Amerikanern Angela Merkel als nicht besonders risikobereit gilt (das Gegenteil erschiene mir viel gefährlicher), dass US-Diplomaten Horst Seehofer als „unberechenbar“ und Dirk Niebel als „schräge Wahl“ bezeichnen: Klingt irgendwie wie abgeschrieben. Welche Qual muss es für die 50 Kollegen vom „Spiegel“ gewesen sein, sich wochenlang durch den Datenmüll zu quälen, um wenigstens ein paar Bösartigkeiten herauszudestillieren? 

VON Roland Tichy | Sa, 4. Dezember 2010

Der Euro entpuppt sich als deprimierendes Experiment an Menschen und Wirtschaft: Er wurde gegen den Rat der Bundesbank eingeführt, die warnte, dass eine Währungsunion ohne eine gemeinsame Wirtschaftspolitik kaum werde funktionieren können. Jetzt zeigt sich: Der Euro hat nur verdeckt, dass sich die Volkswirtschaften, statt sich zu harmonisieren, ständig weiter auseinanderentwickeln: In Deutschland fuhren alle Regierungen seit Helmut Kohl einen letztlich neoliberalen Kurs; die Angebotsseite wurde gestärkt; Sozialleistungen begrenzt; die Haushalte halbwegs solide finanziert, der Arbeitsmarkt flexibilisiert.

VON Roland Tichy | Sa, 27. November 2010

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich Damon, den Dolch im Gewande – so hebt Friedrich Schillers große Ballade „ Die Bürgschaft “ an. Sie wird gelesen als Hohelied höchster Freundestreue. Hier die Internet-Variante: Damon, der Möchtegern-Tyrannenkiller, wird ertappt und zum Tod verurteilt. Er erhält noch schnell drei Tage Freigang, um seine Schwester zu verheiraten. Als Bürge geht sein Kumpel in den Knast. Damon kriegt die Schwester zwangsverheiratet, aber ist per Bahn unterwegs. Die ist verspätet, mit dem Ende des Freigangs aber wird der Freund kaltgemacht und Damon haut deshalb richtig rein. Er kommt gerade noch pünktlich, um den Kumpel zu befreien: „Mich, Henker“, ruft er, „erwürget! Da bin ich, für den er gebürget!“ 

VON Roland Tichy | Sa, 20. November 2010

Nach dem Schock der Finanzkrise ist die Weltöffentlichkeit aufgerüttelt: Dem drohenden „Weltwährungskrieg“ widmen sogar die Wirtschaftsweisen ein ratloses Kapitel in ihrem jüngsten Jahresgutachten. Es ist ein apokalyptisches Sprachbild. Tatsächlich hat die Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre auch zu währungspolitischen Auseinandersetzungen und zu Handelskriegen geführt. Die Welt wurde ärmer, und die sozialen Spannungen waren einer der Gründe, die ausgehend von Deutschland zum Zweiten Weltkrieg führten. Sind wir schon wieder so weit?

VON Roland Tichy | Sa, 13. November 2010

Es war ein Bestseller des Jahres 1995, und der Titel lautete lapidar: „Das Ende der Arbeit“. Dabei hatte der Soziologe Jeremy Rifkin zu Papier gebracht, was seit Anfang der Achtzigerjahre in Deutschland als politisches Programm galt: dass uns die Arbeit ausgeht und die immer knapper werdende Arbeit gleichmäßiger auf alle Schultern verteilt werden müsse. Der Deutsche Gewerkschaftsbund ließ die Massen für die 35-Stunden-Woche demonstrieren, der Arbeitsminister schickte die Arbeitnehmer schon als 50-Jährige in die Rente, und die Studienzeiten wurden verlängert; schon seit 1973 galt ein Anwerbestopp für Ausländer. Jedes Jahr wurde zum 1. Mai ein allgemeines Überstundenverbot gefordert.

VON Roland Tichy | Sa, 6. November 2010

Es ist Partystimmung, zumindest in den Börsensendungen, seit der Deutsche Aktienindex einen kleinen Bullensprung auf über 6600 Punkte getan hat. Nun wäre es ja auch verkehrt, solche Feiern durch apokalyptisches Krisengerede verderben zu wollen: Wirtschaftswachstum und Rückgang der Arbeitslosigkeit sind echte Lichtblicke (siehe Seite 22). Aber ein paar relativierende Fakten sollten schon berücksichtigt werden: Auf dem Arbeitsmarkt ist es weniger der wachsende Personalbedarf, der die Arbeitslosenzahl unter die magische Drei-Millionen-Grenze gedrückt hat. Viele der neuen Stellen sind befristet und so schlecht bezahlt, dass sie kaum zum Leben reichen. Das ist zwar besser als gar keine neuen Arbeitsplätze; aber so recht zum Jubeln auch nicht. Und: Unsere Bevölkerung schrumpft und wird älter, wir haben immer weniger junge Arbeitskräfte. Deutschland kann nicht mehr wachsen.

VON Roland Tichy | Fr, 29. Oktober 2010

Diesen Sommer hat uns die Bundesregierung noch Grille sein lassen. Wir durften in den Tag hineinleben wie das leichtlebige Insekt in Jean de La Fontaines Fabel. Der gesetzliche Zwang, vorzusorgen und unsere Häuser oder Wohnungen zu dämmen, bis kaum mehr ein Fürzchen Wärme durch Mauer, Dach und Fenster entweichen kann, wurde ausgesetzt. Vorerst. Dabei wird es nicht bleiben. Energieverordnungen und Bauvorschriften werden ständig verschärft, irgendwann wird doch die ganz große grüne Gesetzesklatsche niedersausen, um uns auf den Weg der Ameise zu zwingen, die im Sommer emsig vorsorgt für den kalten Winter. 

VON Roland Tichy | Sa, 23. Oktober 2010

Einen „Aufschrei“ richten Altersheime an die Politik – ohne Pflegekräfte aus dem Ausland droht der Pflegenotstand. Die kirchlichen Einrichtungen zitieren den Kirchenvater Augustinus. „Gott versprach Deiner Reue Vergebung, nicht aber Deiner Saumseligkeit einen neuen Tag“. Das war 1989. Seither ist wenig geschehen. 300.000 Mitarbeiter fehlen allein in privaten Pflegeheimen, klagten die Betreiber vergangene Woche und hoffen auf einen „Herbst der Entscheidung“, der endlich die Einwanderung liberalisieren soll.

VON Roland Tichy | Sa, 16. Oktober 2010

Was waren das noch für klare Fronten in den Siebzigern und Achtzigern: Da wurde um die ganz großen Fragen gerungen – Freiheit statt Sozialismus, um Wiederaufarbeitungsanlagen, um Atomraketen auf deutschem Boden.

VON Roland Tichy | Sa, 9. Oktober 2010

Mein persönliches Unwort des Jahres ist „Alternativlosigkeit“. Damit wurde uns der Bankenrettungsschirm (500 Milliarden Euro) serviert, kurz darauf die Griechenlandhilfe (deutscher Anteil 22 Milliarden) und der Euro-Rettungsschirm (deutscher Anteil bis 148 Milliarden). Seither wird die Alternativlosigkeit inflationiert: Für die Befürworter ist die Tieferlegung des Stuttgarter Bahnhofs alternativlos, für die Kernkraftwerksbetreiber die Laufzeitverlängerung, und für die Ökoszene sind es Windräder und Solarpanele. 

VON Roland Tichy | Sa, 2. Oktober 2010

Es wird ja heutzutage allerlei geschrieben über Quoten für Frauen in Führungspositionen, in Vorständen und Aufsichtsräten. Eine letzte Männerdomäne gilt es zu schleifen! 

VON Roland Tichy | Sa, 25. September 2010

Der politische Konservatismus kommt von conservare, erhalten. Es ist paradox, dass Konservative so gar nichts erhalten, sondern Deutschland am nachhaltigsten verändert haben. Konrad Adenauer steht für Wiederaufbau und Marktwirtschaft, Westbindung, Wiederbewaffnung, Atomprogramm, Rentenreform und Anwerbeprogramm für Gastarbeiter. Er integrierte zentrifugale Kräfte in Partei und Regierung und nahm so Katholiken und Protestanten, West- und Süddeutsche, Vertriebene ebenso wie Alteingesessene mit auf den wilden Ritt in die Moderne. Aber die rasante „Amerikanisierung“ des Lebensgefühls wurde erst durch das gefühlte Versprechen ermöglicht, „der Alte“ werde schon dafür sorgen, dass der Kaffee in der Tasse bleibt. 

VON Roland Tichy | Sa, 18. September 2010

Bundeskanzler Helmut Schmidt schlägt in der WirtschaftsWoche einen weiten Bogen über die Siebzigerjahre bis in die Gegenwart: Den Zusammenbruch des damaligen Währungssystems fester Wechselkurse benennt er als die eigentliche Ursache für die Finanzkrise, an deren Folgen wir noch immer laborieren.

VON Roland Tichy | Sa, 11. September 2010

Die Schlange bewegt sich vom Schlusslicht her: Berlin und Brandenburg weisen in vielen wirtschaftsrelevanten Bereichen die höchsten Zuwachsraten der deutschen Bundesländer aus – nachdem die Hauptstadt und ihr Umland lange die magerste wirtschaftliche Entwicklung zeigten. Zusammen sind sie unwiderstehlich. Glamour und Glanz Berlins amalgieren mit billigen Gewerbeflächen und Gewerbesteuern in Brandenburg zu einer Erfolgsmischung. Wer in Berlin was geworden ist, zieht nach Potsdam, um mit Blick auf die Havel und dem Rücken zu den Plattenbauten ein neues bürgerliches Arkadien zu pflegen. Es ist ein Erfolg, der der zunächst gescheiterten Länderreform neuen Schwung geben könnte. Und im Westen gibt es mit dem Saarland, mit Rheinland-Pfalz und Bremen noch weitere, die allein zu klein sind, um mit den Großen mithalten zu können.

VON Roland Tichy | Sa, 4. September 2010

Wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre, läge die Koalition aus Union und FDP rund zwölf Prozentpunkte hinter Rot-Grün, so die Meinungsforscher von Allensbach. Gerade bei Wählern, die sich selbst als konservativ bezeichnen, spürt man eine tief sitzende Unzufriedenheit. Es ist das kränkende Gefühl, von der CDU nicht mehr gewollt zu sein; ja sogar, dass die Stimmen dazu missbraucht würden, um der Bundeskanzlerin die Macht zu erhalten, bis sie ihre Zukunft bei den urbanen, emanzipierten Lebensstilgrünen in den Großstädten gefunden hat.

VON Roland Tichy | Sa, 28. August 2010

Die Auftragslage der deutschen Industrie bessert sich fast täglich, die Wirtschaft wächst wie schon lange nicht mehr – die Frage über den Wirtschaftsverlauf nach der Finanzkrise scheint beantwortet: Ein kräftiger Absturz, dann wieder aufwärts, bildhaft also ein scharfes V, so sieht der Konjunkturverlauf aus, der auch auf unserer Titelseite abgebildet ist. Alles deutet darauf hin, dass wir wieder an die gute Lage des Jahres 2008 anschließen könnten. Fast alles jedenfalls.

VON Roland Tichy | Sa, 21. August 2010

So schnell kann’s gehen: Während noch vor einem Jahr, ach was, einem Monat der wirtschaftliche Weltuntergang beschworen wurde, jammert jetzt die Industrie über Facharbeitermangel. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle denkt darüber nach, wie Deutschland für Zuwanderer attraktiver werden könnte. 

VON Roland Tichy | Sa, 14. August 2010

Kaum hat die veröffentlichte Erregung die Street-View-Autos gestoppt, mit denen Google unsere Straßen und Hausfassaden aufzeichnet und weltweit verfügbar macht – und schon denkt der große Datenbruder über fliegende Augen nach, die wie große, brummende Hummeln über unsere Hinterhöfe und Terrassen schwirren und damit auch den letzten schäbigen Rest unserer Privatheit auf alle Bildschirme der Welt zerren könnten. Fliegende Drohnen mit Kameras, so billig wie ein Dacia mit Klimaanlage, sind die Entwicklung eines jungen Unternehmens aus dem braven Siegerland. 

VON Roland Tichy | Sa, 7. August 2010

Wer will noch eine neue Steuer erfinden, eine Gebühr erhöhen, die Abgaben anziehen? Die vielarmige Krake Staat saugt die Bürger und Unternehmen in noch nie da gewesener Art aus. Beispiele gefällig? ARD und ZDF: Sie dürfen bald jeden Haushalt für seine schiere Existenz besteuern, auch wenn seine Bewohner blind und taub sind – kassiert wird immer.

VON Roland Tichy | Sa, 31. Juli 2010

In diesen Tagen überholt die Wirklichkeit in den Fabriken die Prognosen der volkswirtschaftlichen Abteilungen. Automobilzulieferer aus dem Fränkischen holen ihre Leute am Sonntag aus der Kirche in die Fabrik; Chemieunternehmen wundern sich, wozu ihre Spezialchemikalien eigentlich in so rauen Mengen gebraucht werden, den Reedern werden Container knapp, und geparkte Frachtflugzeuge rollen wieder auf die Startbahn. Mittlerweile werden auch wieder neue Jobs geschaffen. In Deutschland zeigt die Konjunktur so steil nach oben wie zuletzt der aufgezwirbelte Schnurrbart von Wilhelm Zwo.

VON Roland Tichy | Sa, 3. Juli 2010