Die robuste US-Wirtschaft zwingt die Fed zur ersten Zinserhöhung seit mehr als drei Jahren. Während Technologiewerte die Wall Street stützen, drücken Inflation, Ölpreise und die VW-Gewinnwarnung den DAX ins Minus.
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Die Amerikaner kaufen weiter ein, Unternehmen investieren kräftig, und der Arbeitsmarkt hält sich besser als noch vor einigen Wochen befürchtet. Die US-Einzelhandelsumsätze legten im August sogar um 1,2 Prozent gegenüber dem Vormonat zu. Eigentlich wünschen sich Anleger eine starke Wirtschaft. Eigentlich. Das Problem dabei: Wenn die Wirtschaft so munter weiterläuft und gleichzeitig das Öl teuer bleibt, wird es mit der Inflation schwierig.
Also zog die US-Notenbank am Mittwoch die Konsequenz. Zum ersten Mal seit mehr als drei Jahren erhöhte sie den Leitzins – um 0,25 Prozentpunkte auf eine Spanne von 3,75 bis vier Prozent. Und wer gehofft hatte, damit sei das Thema erledigt, bekam gleich noch einen kleinen Dämpfer: Fed-Chef Kevin Warsh verwies auf die Gefahr einer weiterhin zu hohen Preissteigerungsrate. Die Projektionen der Notenbanker lassen mindestens eine weitere Erhöhung in diesem Jahr möglich erscheinen.
Die Börse fand das zunächst wenig lustig. Der Dow verlor am Mittwoch 1,2 Prozent, der S&P 500 sackte um 0,4 Prozent. Zehnjährige US-Staatsanleihen rentierten zeitweise wieder oberhalb von fünf Prozent. Das ist eine Marke, bei der Aktien plötzlich Konkurrenz bekommen. Am Donnerstag sah die Welt schon wieder freundlicher aus. Der Ölpreis gab nach, die Anleiherenditen kamen etwas zurück und prompt griffen Anleger wieder zu. Der S&P 500 gewann 1,1 Prozent, der Nasdaq 1,6 Prozent. Börse kann manchmal erstaunlich unkompliziert sein: Öl runter, Zinsen runter, Aktien rauf. Auch der DAX berappelte sich. Er schloss am Donnerstag bei 25.717 Punkten. Auch in Tokio herrschte zum Wochenschluss gute Stimmung. Die Bank of Japan hat den Leitzins um 25 Basispunkte auf 1,25 Prozent angehoben – den höchsten Stand seit 1995. Die Märkte nahmen den Schritt am Freitag gelassen und stiegen erneut.
Vor allem die Einstimmigkeit der Fed hat die Märkte beeindruckt. Die US-Notenbank signalisiert damit Geschlossenheit und zeigt, dass sie konsequent gegen die Inflation vorgehen will. Die New Yorker Börsen gingen dann am Freitag auch mehrheitlich wenig bewegt aus dem Handel. Als Kursstütze nach dem starken Vortag erwiesen sich die zuletzt sinkenden Ölpreise. Dass die Renditen für US-Anleihen nach der jüngsten Pause wieder anzogen, beeindruckte die Anleger nicht. Auch der große Verfall an den Terminbörsen hatte keinen erkennbaren Einfluss auf die Aktienkurse.
Der Dow Jones Industrial verlor letztlich 0,2 Prozent auf 51.683 Punkte. Angesichts der deutlichen Kursabschläge vor der gestrigen Erholung beläuft sich der Wochenverlust für den Leitindex auf 1,7 Prozent. Der marktbreite S&P 500 stieg sogar um knapp 0,2 Prozent auf 7.650 Punkte. Für den technologielastigen Nasdaq 100 ging es sogar um 0,7 Prozent auf 29.644 Punkte nach oben, womit er die anderen Indizes einmal mehr übertrumpfte. Vor allem dank des starken Donnerstags schraubte er sein Wochenplus damit auf 0,9 Prozent hinauf.
Einmal mehr gefragt waren in New York die Aktien von Halbleiterunternehmen. Sandisk, Lam Research und Seagate Technology verzeichneten Kursgewinne von bis zu elf Prozent. Aussagen von Nvidia-Chef Jensen Huang, der im kommenden Jahr mit einer Verdopplung des Chipabsatzes rechnet, halfen der guten Branchenstimmung. Die Nvidia-Aktien selbst hinkten der guten Entwicklung mit plus 1,3 Prozent aber weiter hinterher.
Die zuletzt schon erholten Krypo-Aktien wie Strategy und Coinbase zogen um weitere 16,4 beziehungsweise 11,7 Prozent an. Sie profitierten davon, dass die US-Börsenaufsicht SEC grünes Licht für eine verlängerte Ausnahme gegeben hat, die den Handel mit tokenisierten Aktien erlaubt. Dabei handelt es sich um digitale Abbilder klassischer Wertpapiere auf einer Blockchain.
Netflix-Titel büßten hingegen 4,7 Prozent ein. Analyst Seven Cahall von der Bank Wells Fargo stufte die Aktien wegen seiner Skepsis gegenüber der Content-Strategie des Streamingriesen ab. Er sieht die Gefahr, dass beliebte Eigenproduktionen verloren gehen, sollte Netflix in Konkurrenz zu Youtube zu einer umfassenderen Content-Plattform umgestaltet werden. Im Stahlsektor ging es für Nucor und Steel Dynamics um 6,3 beziehungsweise 4,1 Prozent bergab. In beiden Fällen reagieren die Anleger enttäuscht auf die Zielsetzungen der Unternehmen für das dritte Quartal.
Zuvor war der Dax am sogenannten großen Verfallstag, dem sogenannten Hexensabbat dagegen eingeknickt. An diesem Freitag liefen wie einmal im Quartal Futures und Optionen auf Aktienindizes aus, was immer wieder für größere Kursschwankungen sorgt. Wegen der angespannten Lage im Nahen Osten und der Öl- und Gasversorgung blieben die Anleger vorsichtig. Der Dax schloss 1,6 Prozent tiefer bei 25.304 Punkten. Auf Wochensicht ergibt sich damit für den deutschen Leitindex ein Minus von gut ein Prozent. Der MDax der mittelgroßen Unternehmen sank am Freitag um knapp 1,2 Prozent auf 31.084 Zähler.
Als spezifischen Belastungsfaktor für den Dax nannte Analyst Andreas Lipkow vom Handelshaus CMC Markets aktuelle deutsche Inflationsdaten. Der Anstieg der Erzeugerpreise beschleunigte sich im August stärker als erwartet. Damit verdichteten sich die Hinweise auf einen wieder zunehmenden Preisdruck in Deutschland.
Am Dax-Ende knickten die Vorzugsaktien von Volkswagen um 5,6 Prozent ein, nachdem der Autobauer seine Gewinnprognose deutlich gesenkt hatte. Als Gründe nannte das Management eine Abschreibung auf den Firmenwert der Sportwagentochter Porsche AG in Milliardenhöhe, schwache China-Geschäfte und den teuren Konzernumbau. Im Sog büßten die ebenfalls im Dax gelisteten Papiere der Branchenkollegen BMW und Mercedes-Benz bis zu 4,8 Prozent ein. Im MDax verloren Porsche 3,3 Prozent,
Die Aktien von Infineon standen mit einem Kursplus von 2,7 Prozent an der Dax-Spitze. Die Investmentbank Oddo BHF hatte die Aktien des Halbleiterkonzerns hochgestuft. Mittlerweile ließen sich die Aussichten auf eine hervorragende Geschäftsdynamik des Unternehmens im Jahr 2027 kaum noch ignorieren, betonte Analyst Stephane Houri.
Auch andere Werte aus dem Halbleitersektor setzten ihre Erholung fort, nachdem Anfang der Woche noch die Sorge dominiert hatte, dass der KI-Ausbau überhandnähme und Sicherheitsrisiken mit sich bringe. Zuletzt gab es aber beruhigende Stimmen, dass dies eher mehr Rechenleistung erforderlich macht als weniger. Dies wirkte sich am Freitag dann auch stützend auf die Aktien der deutschen Chip-Branchenausrüster Jenoptik, Suss Microtec sowie Aixtron aus. Besonders deutlich legten zu Wochenschluss die Siltronic-Papiere mit plus 10,5 Prozent auf knapp 77 Euro zu. Sie profitierten davon, dass die Schweizer Großbank UBS ihnen mit einem 120-Euro-Ziel noch viel Potenzial zutraut, obwohl der Kurs in diesem Jahr schon um mehr als die Hälfte zugelegt hat.
Der Blick nach vorn
Nach Fed, Öl und Geopolitik darf sich kommende Woche auch Deutschland wieder ein bisschen wichtigmachen.
Am Donnerstag veröffentlicht das ifo Institut seinen Geschäftsklimaindex für September. Zuletzt hatte sich die Stimmung der deutschen Unternehmen etwas aufgehellt. Nun wird interessant, ob der höhere Ölpreis und die geopolitische Unsicherheit diesen kleinen Hoffnungsschimmer gleich wieder einkassieren.
Fast gleichzeitig legen die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute ihre neue Gemeinschaftsdiagnose vor. Damit bekommen wir eine frische Einschätzung dazu, wie viel Wachstum Deutschland in diesem und im kommenden Jahr überhaupt zuzutrauen ist.
Aus den USA kommen weitere Daten zum Immobilienmarkt. Nach den Zahlen von Lennar in dieser Woche lohnt sich das Hinsehen. Der Hausbauer meldete neun Prozent weniger Neubestellungen und drei Prozent weniger ausgelieferte Häuser. Hohe Hypothekenzinsen hinterlassen eben Spuren.
Und über allem stehen weiter Öl und Anleiherenditen. Investoren müssen auf der Hut bleiben.
Ganz verschwunden ist der Störenfried Öl nicht. Die Lage rund um die Straße von Hormus bleibt angespannt. Zur Erinnerung: Vor dem Krieg lag Brent Ende Februar bei ungefähr 72 Dollar. Das ist ein Unterschied, den man irgendwann nicht nur an der Tankstelle merkt.


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