Zum Geburtstag von „Raumschiff Enterprise“: Unendlicher Spaß in unendlichen Weiten

Vor 60 Jahren machte die „Enterprise“ ihren Jungfernflug im Fernsehen. Die Serie glaubte an Technik und an den Fortschritt der Menschheit. Bis heute fliegen Nachfolger des Raumschiffs. Nur die Ideen bewegen sich nicht mehr.

picture alliance / Mary Evans/AF Archive | AF Archive

„The Man Trap“, so hieß die allererste Folge der Serie „Star Trek“. Da fangen die Probleme schon an. Es sind zunächst einmal Sprachprobleme. Bei einem TV-Programm, das maßgeblich von Außerirdischen handelt, ist das vielleicht gar nicht einmal so überraschend.

„Star Trek“ heißt wörtlich übersetzt etwa „Sternenreise“. Den Autoren der deutschen Synchronisation war das offenbar nicht sexy genug. Jedenfalls nannten sie das Produkt „Raumschiff Enterprise“, was dem unvoreingenommenen Beobachter als nicht unbedingt attraktiver erscheinen dürfte. Auch die allererste Folge wurde mitnichten wörtlich übersetzt, dann hätte sie „Die Menschenfalle“ geheißen. Stattdessen nannte man sie in Deutschland „Das Letzte seiner Art“. Nun ja.

Der Sender NBC startete die neue Serie am 8. September 1966. Nur drei Staffeln später war schon wieder Schluss. Das Raumschiff Enterprise und seine Besatzung hatten beim Publikum versagt – zunächst. Denn kurz danach begannen sie, zwar nicht die Galaxie, aber die Welt zu erobern.

Unendlich viele Wiederholungen, ähnlich viele Kinofilme und ein Kometenschwarm an Fortsetzungen haben den vermeintlichen TV-Ladenhüter in eine der mächtigsten Erzählmaschinen der Popkultur verwandelt. Heute hütet der Rechte-Inhaber Paramount elf Serien, 14 Filme und mehr als 900 Episoden. Das irdische Raumschiff wurde zum Milliardenuniversum.

Zukunft ohne Weltuntergang

Gene Roddenberry entwarf etwas, das sich heute kaum noch jemand vorstellen kann: eine Zukunft, die besser ist als die Gegenwart.

Er zeichnete eine Menschheit ohne Armut und ohne nationale Kriege. Die Wissenschaft war bei ihm kein Verdachtsfall, Fortschritt war kein Schimpfwort, und das Weltall war keine Müllhalde.

Die Enterprise flog nicht vor der Apokalypse davon. Sie flog der Erkenntnis entgegen.

Auf ihrer Brücke saßen eine schwarze Kommunikationsoffizierin, ein asiatischer Steuermann, ein schottischer Ingenieur, ein russischer Navigator und ein Außerirdischer mit spitzen Ohren. Das war mitten im Kalten Krieg für die USA kaum zu verkraften.

Doch Hollywood war schon damals ein Ort mit doppeltem Boden. Auf der Brücke herrschte zwar Multikulti, aber draußen lauerte ständig das Fremde. Hinter jedem Planeten konnte eine Invasionsmacht, ein Parasit oder ein sonstwie Größenwahnsinniger warten. Die Botschaft lautete: Alle Menschen können Brüder werden – aber nicht mit allen anderen Kreaturen.

Die Phaser bleiben besser geladen.

In den besten Folgen wurde diese Angst allerdings zerlegt. In „Horta rettet ihre Kinder“ erscheint ein Wesen zunächst als mörderisches Monster. Schließlich erkennt Spock: Die Menschen haben unwissentlich seine Eier zerstört. Der Feind ist eine Mutter, die ihren Nachwuchs verteidigt. Aus Vernichtung wird Verständigung. Das war Star Trek in Reinform.

Amerika mit Warp-Antrieb

So international die Besatzung aussah: Ihr Weltbild war durch und durch amerikanisch. Die Enterprise war der Planwagen des Weltraumzeitalters.

Und die Außerirdischen trugen irdische Masken. Die Klingonen waren die Sowjets des Alls; Produzent Gene Coon erklärte ausdrücklich, man spiele sie „wie die Russen“. Die Romulaner verkörperten eher das verschlossene kommunistische China. Die Ferengi wurden zur grotesken Fratze des Kapitalismus. Ihre großen Ohren, ihre Geldgier und ihre Händlerexistenz lösten den durchaus naheliegenden Vorwurf aus, hier würden antisemitische Stereotype bedient. Die Borg wiederum verkörperten den amerikanischen Albtraum vom totalitären Kollektiv: kein Eigentum, kein Individuum, kein Widerspruch. Manche lasen auch darin China.

Immerhin ließ Star Trek seine Feindbilder oszillieren. In „The Next Generation“ war mit Lieutenant Worf plötzlich ein Klingone Sicherheitsoffizier. In „Der Überläufer“ halfen klingonische Kriegsschiffe der Enterprise aus einem romulanischen Hinterhalt. Der Feind von gestern konnte zum Verbündeten von heute werden. Im All war Außenpolitik beweglicher als auf der Erde.

Kopf, Herz und Faust

Das eigentliche Triebwerk der Serie bestand nicht aus Antimaterie, sondern aus drei Männern.

Mr. Spock war die Ratio: „Faszinierend.“ Dr. McCoy war das Gefühl: „Ich bin Arzt, kein …“ Captain Kirk war Wille, Mut und Selbstbehauptung: „Feuer.“ Spock analysierte, McCoy fühlte, Kirk entschied.

In „Griff in die Geschichte“ wird dieses Dreieck nahezu brutal sichtbar. Spock erkennt, dass Edith Keeler sterben muss, damit Hitler den Krieg verliert. McCoy will sie retten. Kirk hält ihn zurück. Verstand, Mitgefühl und Entscheidung prallen in wenigen Sekunden aufeinander. Der Mensch braucht alle drei.

Einkaufsliste der Zukunft

Star Trek von Gene Roddenberrys und Star Wars von George Lucas sind beides Science-Fiction-Geschichten. Doch da hören alle Gemeinsamkeiten auch schon auf.

Star Wars vertraut auf „die Macht“. Die Grundlage ist Mystik. Star Trek vertraut auf Warp-Antrieb, Computer und Ingenieur Scotty. Die Grundlage ist Technik.

Die Kommunikatoren nahmen die späteren Klapphandys vorweg. PADDs sahen aus wie Tablets. Sprachcomputer, Videokonferenzen, automatische Übersetzer, mobile Diagnosegeräte und 3-D-Drucker gab es auf der Enterprise im Fernsehen – und zwar Jahrzehnte, bevor es sie in der richtigen Welt gab.

Star Trek war ein Schaufenster in die Zukunft, aber das wusste damals noch niemand.

Ein Raumschiff im Kreisverkehr

Irgendwann kamen dann die Kinofilme, die Fortsetzungen und die Spin-Offs: „The Next Generation“, „Deep Space Nine“, „Voyager“ und „Enterprise“. Es folgten Neustarts, Vorgeschichten, Nachgeschichten, Wiederbelebungen und Auskopplungen. Alte Figuren kehrten zurück, alte Gegner wurden neu geschminkt, alte Raumschiffe digital poliert. Das hat nichts besser gemacht.

Die Serie, die einst fragte, was hinter dem nächsten Stern liegt, fragt heute vor allem, was sich gewinnbringend zweitverwerten lässt. „Strange New Worlds“ fliegt sogar zurück zur Enterprise vor den Zeiten von Captain Kirk.

Die Zukunft lebt inzwischen von ihrer Vergangenheit.

Damit ist das Schicksal von Star Trek ein Gleichnis unserer Zeit: Die Technik rast vorwärts, doch die Kultur hängt in einer Endlosschleife fest. Das Schiff erreicht Lichtgeschwindigkeit, die Ideen treten auf der Stelle.

Aber ein alter Traum ist besser als gar keiner. Also gilt der Abschiedsgruß aller Vulkanier: „Lebe lang und in Frieden.“ Auch das, schon wieder, ist eine Erfindung der Übersetzer. Im Original heißt es: „Live long and prosper.“ Das bedeutet:

„Lebe lang und erfolgreich.“

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Kommentare ( 1 )

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Jerry
1 Stunde her

Schade, dass das nur Science Fiction ist. Mir fallen diverse Personen ein, die ich gerne in ferne Galaxien, also in die unendlichen Weiten des Weltalls, schiessen würde.