Die Repräsentanten „unserer Demokratie“ sonnten sich im Glanz Walhalls – oder besser: der Bayreuther Festspiele. Der grüne Hügel wurde mit Merkel-Pollern zur Festung aufgerüstet. Die Götter wissen, dass ihre Macht zu Ende geht - trotz Brandmauer.
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Sogar Michel Friedman war unter ihnen. Er hielt eine Festrede, die einer Form von Ablasshandel glich. Seine Gemeinde erhielt eine temporäre Linderung der Nazi-Schuld, während Friedman seinen grenzenlosen Narzissmus befriedigen konnte. Parallelen zu Wagners Werk drängen sich auf. Da wäre zum einen die Wunde des Amfortas aus dem „Parsifal“, die sich nie schließen wird. Die Vertreter „unserer Demokratie“ lassen sich ohne Weiteres mit den Göttern aus dem „Ring des Nibelungen“ identifizieren. Sie wissen, dass ihre Macht zu Ende geht. Da hilft auch keine Brandmauer mehr, denn die Realität in unserem Land lässt sich nicht ewig verdrängen. Ein Symbol dafür ist der Grüne Hügel in Bayreuth, auf dem jährlich die Festspiele stattfinden. In den letzten Jahren wurde er förmlich zu einer Festung ausgebaut. Selbst die kleinsten Eingänge des Parks sind mit Merkelpollern oder anderen Sicherheitsapparaturen ausgestattet. Beim Betreten des Bereichs beschleicht einen das Gefühl, einen Hochsicherheitsbereich für westliche Kultur zu betreten. Hinzu kommt, dass der dortige Geldautomat, der stets verfügbar war, im letzten Jahr gesprengt wurde und nicht wieder installiert werden soll. Über die Friedmann-Rede wurde bereits ausführlich berichtet Michel Friedman und die große Bayreuther Moralinszenierung). Im Folgenden soll es um die diesjährigen Neuinszenierungen gehen.
Ring des Nibelungen
In ihrer grenzenlosen Jagd nach Originalität wollte Katharina Wagner mit dem diesjährigen „Ring” die erste auf Basis von künstlicher Intelligenz realisierte Operninszenierung präsentieren. Allerdings wurde bewusst darauf verzichtet, von einer Inszenierung zu sprechen. Der Regisseur Marcus Lobbes, der sich selbst lieber Kurator nennt, sagte, er betrachte „diesen Ring tatsächlich eher als Forschungsprojekt denn als abgeschlossene Inszenierung“. Zu diesem Zweck wurde ein KI-System mit Fotos und Dokumenten von historischen Inszenierungen sowie von historischen Ereignissen aus der gleichen Epoche „gefüttert“. Die mithilfe der KI generierten Bilder wurden auf die Gaze-Vorhänge und das Bühnenbild projiziert und dabei kontinuierlich verändert.
Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Dieses Unterfangen endete in einem Fiasko. Selten hat sich das Publikum nach jedem Akt und insbesondere am Ende einer Aufführung so ablehnend geäußert. Durch die permanenten Änderungen der Bilder – insbesondere beim „Rheingold” und bei der „Walküre” – waren die Zuschauer schlichtweg überfordert. Ein Großteil der gezeigten Bilder war abstrakt und hatte keinen Bezug zur Oper. Ab und zu erschien ein wiedererkennbares Bild, etwa von Thomas Mann oder Zar Nikolaus II., doch wie dies Sinn stiften sollte, erschloss sich den Betrachtern nicht. Hinzu kam, dass die Bilder nicht besonders hochwertig waren. Die mit der Bilderschwemme einhergehende Überforderung erinnerte an die Zeit um das Jahr 2000, als bei Operninszenierungen stark auf Videoprojektionen gesetzt wurde. Bei der KI stellt sich natürlich die spannende Frage, ob die Software autonom künstlerisch relevante neue Aspekte hervorbringt. Die Zukunft wird zeigen, ob das Publikum dies als „Kunst” akzeptiert. Das diesjährige Projekt war jedenfalls ein Fehlschlag.
Die Besetzung des „Rings“ war überwiegend hervorragend. Sänger wie Michael Volle (Wotan), Gerhard Siegel (Mime) und Christa Mayer (Waltraute, Erda) zählen zur Spitze ihres Fachs. Kurios war der „Marathon“ von Klaus Florian Vogt, der ein ausgesprochener Publikumsliebling ist. Er übernahm nicht nur die beiden „Siegfriede“, sondern auch noch den „Siegmund“ in der „Walküre“ und den „Loge“ in „Rheingold“. Vogt konnte vor allem als Siegfried überzeugen. Dirigent Christian Thielemann unterstützte ihn bei den heiklen Stellen, in denen Siegfried gegen das gesamte Orchester ansingen muss (Schmiedelied), indem er das Orchester dort extrem zurücknahm. Auch als Siegmund konnte er glänzen, wenngleich es seinen Wälse-Rufen an der erforderlichen Durchschlagskraft mangelte. Als Loge konnte er mit seiner strahlenden, lyrisch gefärbten Stimme, die immer ein wenig an den Evangelisten in Bach-Oratorien erinnert, nur begrenzt auftrumpfen. Hier muss man beinahe von einer Fehlbesetzung sprechen. Loge wird typischerweise von einem Charaktertenor oder einem wandlungsfähigen Bariton übernommen. Erforderlich ist eine wendige, deklamatorisch scharfe Stimme, da Loge den zynischen Intellektuellen des Stücks repräsentiert. Darüber verfügt Vogt nicht.
Auch die Besetzung von Camilla Nylund als Brünnhilde war unglücklich. Zwar verfügt sie über einen schönen, lyrischen Sopran. Eine „Hochdramatische“ ist sie jedoch nicht. In kleineren Häusern kann das funktionieren, sofern das Orchester gut disponiert ist und die übrigen Sänger zu ihrer Stimme passen. Mit den stimmgewaltigen Elza van den Heever als Sieglinde und Christa Mayer als Waltraute geriet Nylunds Brünnhilde jedoch schnell in die Rolle des musikalischen Underdogs. Nach der „Götterdämmerung” erhielt sie eine Reihe von Buhrufen, was für diese Sängerin, die sich in den letzten Jahrzehnten sehr um Bayreuth verdient gemacht hat, wohl eine neue Erfahrung war.
Insgesamt war das Publikum den Sängern und dem Orchester gegenüber jedoch sehr wohlgesinnt, womit es vielleicht auch den Kontrast zu den Reaktionen gegenüber dem Regieteam unterstreichen wollte. Unter den Sängern ernteten Vogt und Volle den stärksten Applaus. Der Jubel für sie wurde nur noch von dem für Christian Thielemann übertroffen.
Rienzi
Katharina Wagner hat die Hinzufügung des „Rienzi“, eines Frühwerks von Richard Wagner, zu ihrem Prestigeprojekt gemacht und dafür unter anderem in Kauf genommen, auf eine Neuinszenierung des „Rings“ zu verzichten. Seit der Aufnahme von „Der fliegende Holländer“ im Jahr 1901 war der Kanon eigentlich abgeschlossen. Die Nichtberücksichtigung der drei frühen Opern entsprach dem Wunsch von Richard Wagner, den er gegenüber König Ludwig II. schriftlich festgehalten und sicher auch gegenüber seiner Erbverwalterin Cosima mündlich kommuniziert hat. Aus ihren Aufzeichnungen geht hervor, dass Wagner den „Rienzi“ in späteren Jahren als „Schreihals“ bezeichnete.
Der „Rienzi” gehört zur altmodischen Kategorie der Grand Opéra, die Giacomo Meyerbeer zu Beginn des 19. Jahrhunderts schuf. Sie folgt einem starren Muster. So muss sie unter anderem immer Massenchöre und ein Ballett enthalten. All das bietet Wagner im „Rienzi“ in einer erstickenden Üppigkeit. Die Brisanz des Stücks resultiert jedoch daraus, dass es angeblich Adolf Hitlers Lieblingsoper gewesen sein soll. Hitlers Jugendfreund August Kubizek berichtete von einem Besuch der „Rienzi“-Vorstellung in Linz. Später soll Hitler zu Winifred Wagner gesagt haben: „In jener Stunde begann es!“ Dies ist vermutlich Legendenbildung. Allerdings werden gelegentlich auch andere Opern als Lieblingsopern Hitlers genannt. Unleugbar ist jedoch, dass die Reichsparteitage mit der Rienzi-Ouvertüre eröffnet wurden.
Zweifellos enthält die Oper bereits einige geniale Stellen: neben der Ouvertüre und dem Gebet des Rienzi etwa die „Racheszene“ aus dem zweiten Akt. Letztere lässt die die entsprechende Szene aus der „Götterdämmerung“ bereits deutlich erahnen lässt. Auch die Chöre erreichen teilweise ein sehr hohes Niveau. Allerdings ist anderes eher mittelmäßig und aufgebläht. Die Musik ist zu sehr auf Wirkung ausgerichtet, um im Gegensatz zu seinen anderen Opern fehlt den Figuren eine Seele. Colonna und Orsini sind beispielsweise reine Puppen des Machterhalts und der Rachsucht.
Es war daher ein riskantes Unterfangen von Katharina Wagner, ausgerechnet diese Oper in Bayreuth auf die Bühne zu bringen. Um sich gegen Kritik zu immunisieren, überließ sie die Inszenierung und das Dirigat ausschließlich Frauen. Der Machtkampf zwischen Rienzi und den Adligen wurde als Wahlkampf inszeniert. Rienzi konnte 41 Prozent der Stimmen auf sich vereinen, was in etwa dem derzeitigen Prognosewert für die AfD in Sachsen-Anhalt entspricht. Dadurch wurde die Inszenierung zu einer Warnung vor dem Rechtsruck: Für eine Machtergreifung sei keine Stimmenmehrheit erforderlich; auch die NSDAP erreichte nie die absolute Mehrheit – so die nicht besonders subtile Botschaft der Regie.
Die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka bedienten sich einiger bewährter Standardtricks des modernen Regietheaters. So wurde Irene, Rienzis Schwester, eine inzestuöse Beziehung mit ihrem Bruder angedichtet, aus der ein später verstorbener Sohn hervorging. Adriano, der Sohn Colonnas und die einzige Hosenrolle im Repertoire Wagners, wurde kurzerhand zur genderfluiden Person stilisiert. Somit hat Irene sowohl eine Beziehung mit Rienzi als auch mit Adriano. Richtig interessant wurde es dadurch nicht.
Anders als bei den meisten anderen Aufführungen jüngeren Datums wurde das langweilige Ballett nicht gestrichen. Stattdessen nutzte man es, um sich über die Werke Wagners und das Bayreuther Publikum lustig zu machen. So ließ man beispielsweise einen Zug von verballhornten Wagner-Figuren an einer Replik des Festspielhauses vorbeiziehen, die sich auf der Bühne befand. Selbst die Festspielpausen wurden inszeniert. Eine Reihe von Smokingträgern und Frauen in Galakleidern eilte zu den Wurstständen und den Toiletten. Dabei hielten sich die Männer den Schritt. Ein wirklicher Schenkelklopfer! Linker Humor, bezogen auf die einzige Bevölkerungsgruppe, über die man gemäß links-grüner Deutungshoheit überhaupt noch Witze reißen darf.
Erstaunlicherweise wirkte die Musik des „Rienzi“ im Festspielhaus nicht so massiv, wie manche befürchtet hatten – zumal die musikalische Aufführung unter der Leitung von Nathalie Stutzmann von hoher Qualität war. Mit der Aufführung dieser Oper waren somit neben einer neuen Einstufung auch neue Erkenntnisse verbunden. Verdient diese frühe Oper aber einen dauerhaften Platz in Bayreuth? Eher nicht, denn ihre Schwächen überwiegen zu sehr.
Der Weg Katharina Wagners
Es ist mittlerweile 18 Jahre her, dass Katharina Wagner – anfangs gemeinsam mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier – die Leitung der Festspiele übernommen hat. Es war eine Zeit mit wenigen Erfolgen, aber vielen bitteren Fehlschlägen. Im Gegensatz zu ihrem Vater und ihrem Onkel, die gut fünf Jahrzehnte lang die Festspiele geprägt haben, fehlte ihr ein Konzept. Katharinas Handeln war von Sprunghaftigkeit gekennzeichnet. In ihrer Amtszeit wurde kein einziger Regisseur wiederverpflichtet. Für den letzten „Ring” wählte man mit Valentin Schwarz und Pietari Inkinen einen Regisseur, der noch nie zuvor Wagner inszeniert hatte, sowie einen Dirigenten, der fast völlig unbekannt war. Lediglich acht Zyklen dieses Rings wurden aufgeführt, normal wären 16 gewesen. Der künstlerische Reputationsverlust zieht somit immer auch einen finanziellen Schaden nach sich. Katharinas Bemühen um Originalität führte unter anderem zur aufwendigen Installation von Spezialbrillen, die es ermöglichten, den „Parsifal” in einer Augmented-Reality-Version zu sehen. Das sollte einmal die Zukunft sein. In diesem Jahr wurde diese Zukunft jedoch stillschweigend abgeschrieben (und mit ihr die Investitionen). Die Liste ließe sich noch um einige Posten ergänzen. All diese Fehlgriffe gefährden ihre Position jedoch in keiner Weise, denn sie hat sich mit den Kräften verbündet, die „unsere Demokratie“ ausmachen.
Durch den Kampf gegen „Rechts“ ist sie Teil der Bewegung geworden. Sowohl die ehemalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth als auch der aktuelle Kulturstaatsminister Wolfram Weimer scheinen sie zu unterstützen. Mit vielen kleineren und größeren Gesten demonstriert sie, dass sie mitmarschieren will. So ist offenbar nicht mehr allein die Qualifikation der Dirigenten entscheidend, sondern auch das Geschlecht. In der Sentenz „Seht da den Herzog von Brabant – zum Führer sei er euch ernannt“, die ganz am Ende des „Lohengrin“ gesprochen wird, legte sie fest, dass der Ausdruck „Führer“ durch „Schützer“ ersetzt werden muss. Was kommt als Nächstes? Wird in Bayreuth demnächst der Führerschein als unzulässig zur Dokumentation der Identität erklärt?
Man gewinnt den Eindruck, dass Katharina im Grunde Wagner-Festspiele ohne Wagner möchte. So lassen sich ihre eigenen Inszenierungen deuten, in denen sie ihren Urgroßvater mit einem Strap-on-Penis zeigt und Figuren wie den Hans Sachs, mit denen sich Wagner bis zu einem gewissen Grad identifizierte, dämonisiert. Ihre Darstellung der Verstrickung der Familie Wagner mit der NS-Herrschaft wird sie gewiss weiterhin stringent und symbolträchtig fortsetzen, zumal sie mit Michel Friedman einen Verbündeten gefunden hat. Dazu zählt auch ihr Einsatz im Kampf gegen „Rechts“.
Vielleicht sind wir im Bayreuther Drama an der Stelle angelangt, an der normalerweise eine mahnende Erdgöttin erscheinen würde. Was wird geschehen, wenn eine zukünftige Generation genau wissen will, warum man sich der unkontrollierten Einwanderung nicht widersetzt hat, warum Normalbürger als Rechtsradikale diffamiert wurden, warum die wirtschaftlichen Grundlagen durch eine ideologisch motivierte Energiewende zerstört wurden und warum die für die Demokratie so grundlegende Meinungsfreiheit durch den ÖRR, staatsnahe Medien und NGOs immer weiter eingeschränkt wurde? Auch die Leitung der Festspiele würde dann befragt und zur Verantwortung gezogen werden. Wäre es nicht ironisch, wenn sie sich dann auf der falschen Seite fände, nachdem sie sich dieses Mal so sicher auf der richtigen wähnte?



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