Söder bringt sich (nicht) in Kanzler-Stellung

Markus Söder im Sommerinterview. Schon wieder. Der einzige deutsche Politiker, der von beiden öffentlich-rechtlichen Sendern hofiert wird, darf erneut im saftigen Eigenlob vor sich hin köcheln. Sich etwas zu demonstrativ als Kanzler ausschließen. Und bei der geringsten Kritik reagiert er dünnhäutig.

picture alliance / dts-Agentur

Je weniger Markus Söder über das Kanzleramt und mögliche eigene Ambitionen spricht, desto hellhöriger werden seine Zuhörer. Im Sommerinterview der ARD macht Moderatorin Anne Engelke es dem bayerischen Ministerpräsidenten zunächst leicht. Er darf wie üblich schwadronieren und sich und sein Bayern nach alter Söder-Sitte im allerbesten Licht darstellen. Ob er es denn bereue, dass er sich bei der Kanzler-Nachfolgefrage selbst aus dem Rennen genommen habe? Söder: „Ach Quatsch!“

Er lobt die Rentenreform, die „einen sehr langfristigen Rentenfrieden vorbereitet hat“ und redet über den Weißwurstäquator hinaus allen Deutschen ins Gewissen: „Wir werden nicht mit weniger Arbeit in Deutschland erfolgreich sein.“ Es sei doch völlig klar, „dass weniger Arbeiten und früher in Rente auf Dauer nicht funktionieren wird“.

In den Einspielern kommt es allerdings zum Teil dicke für den Leberkäs-Landesvater. Stefan Bratzel vom Center for Automotive Research wird mit der Diagnose zitiert, wir spürten gerade „die größte Transformation, die die Autoindustrie erlebt hat“. Seine drastische Prognose: Es sei klar, dass nicht alle deutschen Autofirmen überleben könnten. Die jüngste Horrormeldung wird dazugestellt. Sogar BMW, die Marke, die die Krise bisher angeblich am besten gemeistert haben soll, will satte 8000 Stellen streichen.

Söder sieht das erstaunlich gelassen. Die beiden bayerischen Automarken Audi und BMW würden die Krise schon zu meistern wissen: „Ich glaube, beide werden überleben.“ Man brauche aber nun „dringend von der Europäischen Kommission die Freigabe für den Hightech-Verbrenner“, denn um internationale Märkte erfolgreich zu beliefern, könne man nicht allein auf Elektromobilität setzen, wie VW es getan habe. Söder: „Für die Märkte wie die USA brauchst Du weiterhin Verbrenner.“

Auch für die Verbraucher sieht Söder keinen Grund zur Panik. Dass die Benzinpreise trotz des gefallenen Rohölpreises noch immer auf ihrem hohen Niveau verbleiben, wird von Engelke und Söder weder kritisiert noch überhaupt erwähnt. Verbrennerfahren sei halt teuer“, sagt die Moderatorin, aber ob denn ein neuer Tankrabatt die Situation entschärfen könnte? Söder findet, man solle „das zunächst mal abwarten“. Ein wenig würde ja schon durch die Pendlerpauschale abgefedert. Das sei im übrigen sein Vorschlag und sein Verdienst gewesen.

Eher in einem Nebensatz übt er dann aber doch Kritik am System der exorbitanten Energiesteuern. Man müsse, so Söder, „mal schauen, ob die hohe Co2-Bepreisung so bleiben kann“.

Ein Einspieler führt vor, wie sehr die CSU in Bayern „Macht abgeben“ musste, wie Engelke es formuliert. Der Ex-Landrat Martin Neumeyer etwa steht vor den Scherben des CSU-Images. Das Wahlergebnis fiel von von 66 auf 33 Prozent. Auch Söder als Parteichef erzielte nur noch 83 Prozent, ein Minus von 13 Prozent. „Ja, es ist a Watschn gewesen“, sagt der Landrat. Von der ARD befragte Bürger werfen Söder vor, er mache „viel große Klappe“ und dummes Zeug, etwa Bäume umarmen. Nur noch 49 Prozent statt 94 Prozent der Bayern seien zufrieden mit Söders Arbeit, so der Einspieler.

Söder ist sauer. Das Filmchen sei aber „übel zusammengestellt“. Ja, die Wahlergebnisse seiner Partei seien nicht gut, und „das tut weh“. Aber es sei doch noch immer so, „dass wir mit Abstand am stärksten dastehen“. Alle anderen Parteien hätten gegenüber der AfD noch mehr verloren. Söder: „Die AfD hat sehr stark zugelegt und die CSU ist gleichgeblieben,“

Engelke konfrontiert Söder mit einem alten Zitat des Partei-Übervaters Franz Josef Strauß, wonach es rechts von der CSU eigentlich „nur die Wand“ geben dürfe. Söder bezweifelt, dass das Zitat korrekt ist: „Hat er das so gesagt?“ Strauß habe demokratische Kräfte gemeint. Und klar sei doch: „Die AfD entwickelt sich radikaler radikaler, radikaler. Das kann nicht dazu führen dass man selber diesen Weg beschreitet.“

Dass aber die AfD nun auch in Bayern in den Umfragen stetig weiter an Zulauf gewinnt, macht ihn offenbar richtig wütend. „Das ist nationaler Trend“, wiegelt er ab, und sobald die Moderatorin ihn unterbricht, schurigelt er sie, sie solle ihn doch bitte endlich einmal aussprechen lassen. Die Nerven liegen offenbar blank.

Bayern sei „mit Abstand das sicherste, das stärkste und das innovativste Land“, lobpreiset der Landesvater. Schade sei: „Das berühmte Stadtbild von dem viele reden, hat sich noch nicht so stark verändert.“ Aber das werde sicher bald besser, denn die vielen Rückführungen würden ja erst später Wirkung zeigen.

Noch einmal gibt’s „a Watschn“ für den Bayern. In einem weiteren Einspieler wird er als geläuterter, nervtötender Food-Blogger dargestellt, der jetzt auf seriös macht. Manchen CSU-Mitgliedern sei er dennoch „zu platt zu anbiedernd“. Und ein FAZ-Redakteur mahnt vor zu vielen Image-Wechseln. Söder müsse sich der Gefahr bewusst werden, „dass er, wenn er nicht aufpasst, so langsam an die Grenzen stößt. An die Grenzen seiner Amtszeiterwartung.“

Söder unterzuckert jetzt merklich. Mit letzten Kalorien-Kräften hält er dagegen: Er sei schließlich ein „Manager für das Land“ und ein „Stabilisator für die Demokratie“. Größer geht’s heute offenbar nicht mehr.

Doch auch vor diesem Hintergrund sieht er keinen möglichen Wechsel von München nach Berlin. Die Kanzlerfrage stelle sich gar nicht, denn „bei uns in Deutschland wird unendlich viel gequatscht.“ Man solle sich lieber „auf die Arbeit konzentrieren und weniger spekulieren im Hintergrund.“

Er wiegelt ab. Sehr stark. Zu stark? Es ist der Moment, an dem der Zuhörer für gewöhnlich besonders hellhörig wird.

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