Börsenwoche: Aufkommende Inflationsängste, KI-Euphorie klingt ab

Die Lage in Nahost ist wesentlich für die Entwicklung des Ölpreises und damit für die Inflationsaussichten. Vor diesem Hintergrund richtet sich der Blick an den Finanzmärkten auf die EZB-Sitzung am kommenden Donnerstag. Der Börsengang von SpaceX könnte zum ersten großen Stresstest für die KI-Rally werden.

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Der deutsche Leitindex Dax könnte auch in der neuen Woche den geopolitischen Sorgen und der Inflationsangst trotzen, hoffte noch am Freitagvormittag Analystin Claudia Windt von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Als Kursstütze erweise sich der Helaba-Expertin zufolge nach wie vor die Fantasie rund um Künstliche Intelligenz, auch wenn die Rally zumindest im Halbleiterbereich zuletzt ins Stocken geraten ist. Zudem sorge die fortwährende Unsicherheit über den Kriegsverlauf im Iran an den Finanzmärkten immer weniger für eine Zunahme der Risikoaversion. Etwas skeptischer zeigte sich Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank: „Die geopolitischen Unwägbarkeiten bleiben relevant.“ Immer wieder aufkeimendem Optimismus über Fortschritte in den US-Iran-Gesprächen stehe die Unsicherheit über den brüchigen Waffenstillstand zwischen Israel und dem Libanon gegenüber.

Die Lage im Nahen Osten ist derzeit wesentlich für die Entwicklung des Ölpreises und damit für die Inflationsaussichten. Sollte die für den weltweiten Handel wichtige Straße von Hormus weiter de facto durch den Iran blockiert werden, dürfte der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Referenzsorte Brent aus der Nordsee dauerhaft hoch bleiben. Dies birgt die Gefahr eines Kosten-Schubs für die gesamte Wirtschaft, denn höhere Aufwendungen für Transport, Produktion und Energie können das allgemeine Preisniveau immer mehr in die Höhe treiben und so letztlich die Kaufkraft der Verbraucher bremsen.

Vor diesem Hintergrund richtet sich Kater zufolge der Blick an den Finanzmärkten insbesondere auf die am Donnerstag anstehende Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB). So sicher eine Anhebung der Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte auch scheine, so hoch bleibe die Unsicherheit über den künftigen geldpolitischen Kurs. „Wenn die Europäische Zentralbank kommunikativ unterstreicht, dass sich die Rohölspur weiter durch die Inflationsprognosen zieht, bliebt die Tür für eine geldpolitisch straffere Zinslandschaft offen“, schrieb Kater.

Neben der Zinsentscheidung dürften die neuen Projektionen der EZB und die Aussagen der Notenbank-Präsidentin Christine Lagarde im Fokus stehen, hieß es von Commerzbank-Analyst Pascal Reichert. Nachdem mehrere Sprecher bereits angedeutet hätten, dass das bei der März-Sitzung präsentierte „adverse“ Szenario die aktuelle Lage am besten wiederzugeben scheint, könnte die Europäische Zentralbank unter Umständen neben ihren Inflations- und Wachstumsprojektionen auch ihre Szenarien-Analyse noch einmal überarbeiten. Diese dürften den Märkten bei der Orientierung helfen.

Bereits am Mittwoch richtet sich die Aufmerksamkeit auf die US-Verbraucherpreisdaten für Mai. Neben den Preisen von Energie und Nahrungsmitteln dürfte sich der Iran-Krieg vor allem bei Flugpreisen niedergeschlagen haben, schrieb Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen. Insgesamt würden die Inflationszahlen sicherlich die Debatte am Leben erhalten, ob die US-Notenbank wegen der Inflationsrisiken die Leitzinsen anhebt, resümierte Solveen. Für eine geldpolitische Straffung zumindest gen Jahresende sprach zuletzt der deutlich stärker als erwartete Anstieg der Beschäftigtenzahl in den USA. Der nächste Zinsentscheid der Fed wird für den 17. Juni erwartet.

Die kommende Woche steht ganz im Zeichen des erwarteten Rekord-Börsengangs (IPO) von Elon Musks Weltraumfirma SpaceX. Da der Multimilliardär auch seine KI-Firma xAI in das Unternehmen integriert hat und der IPO weltweit mit großen Erwartungen verbunden ist, könnte das Ereignis zum ersten großen Stresstest für die KI-Rally werden. „Die Platzierung könnte zum Gradmesser werden, wie viel Risikokapital nach Jahren der KI- und Technologierally noch mobilisiert werden kann,“ sagte Analyst Timo Emden. Anleger könnten in den kommenden Handelstagen Risikokapital umschichten und zusätzliche Liquidität zurückhalten.

In einem von Vorsicht geprägten Umfeld geriet der deutsche Aktienmarkt am Freitag erst einmal unter Druck geraten. Der US-Arbeitsmarktbericht für Mai war sehr solide ausgefallen, was Spekulationen befeuerte, dass die US-Notenbank bereits in diesem Jahr ihre Leitzinsen erhöhen könnte. Dies würde Anleihen im Vergleich zu Aktien attraktiver machen. Vor diesem Hintergrund schloss der Leitindex Dax ein Dreiviertelprozent im Minus auf 24.759 Punkten. Auf Wochensicht ergab sich damit ein Verlust von 1,4 Prozent. Die 25.000-Punkte-Marke bleibt gleichwohl im Blick, obwohl sie sich zunehmend als Widerstand erweist. Der MDax mit den mittelgroßen Börsenunternehmen sank am Freitag um gut ein Prozent auf 32.467 Zähler.

Die KI-Rally an den Börsen wird derweil zunehmend ausgebremst. Auf dem deutschen Parkett gaben deshalb die Chipwerte am Freitag nochmals nach. Infineon weiteten ihren Vortagesverlust um gut neun Prozent aus. Aixtron verloren im MDax fast fünf Prozent. Auch im Nebenwerteindex SDax lagen Halbleiterwerte mit hohen Abschlägen hinten. Wacker Chemie setzte zusätzlich eine Verkaufsempfehlung der US-Bank Citigroup zu, die Papiere sanken am MDax-Ende um fast sechs Prozent. Der Markt überschätze wohl die Chancen im Halbleitergeschäft, hieß es.

Kursgewinne von knapp zwei Prozent für die Titel des Portalbetreibers Scout24 stützten derweil die positive Tendenz der letzten Wochen. Am Vortag hatte Analyst Adam Berlin von der US-Bank Goldman Sachs mit einer Kaufempfehlung auf zweistelliges Gewinnwachstum und steigende Margen gesetzt. Die Aktien von Flatexdegiro gewannen fast drei Prozent. In einer Branchenanalyse der Berenberg Bank war der Online-Broker sehr gut weggekommen. Das Unternehmen biete bis 2028 die stärksten Gewinnaussichten im Sektor bei der niedrigsten Aktienbewertung, schrieb Experte Christoph Greulich.

Auf europäischer Ebene kam der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 auf ein Minus von 0,7 Prozent auf 6.062 Punkte. Der Londoner FTSE 100 und der Züricher SMI hingegen legten etwas zu. In New York gab der Dow Jones Industrial zum europäischen Börsenschluss um 0,6 Prozent nach.

Die am Mittwoch schon eingeleitete Gewinnmitnahmen-Welle bei den heißgelaufenen US-Tech-Aktien nahm später ein lange nicht gesehenes Ausmaß an. Befeuert wurde die Bewegung vom bereits erwähnten robusten Jobbericht, der die Spekulationen bestärkte, dass die US-Notenbank Fed demnächst ihren Leitzins erhöhen werde. Der von Technologie geprägte Auswahlindex Nasdaq 100 verbuchte am Freitag mit einem Abschlag von 4,8 Prozent den größten Tagesverlust seit April 2025, als die Märkte gerade den Schock über die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump verarbeiten mussten. Er durchbrach die sowohl die 30.000er- als auch die 29.000-Marke nach unten und erreichte den tiefsten Stand seit mehr als zwei Wochen. Aus dem Handel ging der Nasdaq-Index bei 28.958 Punkten. Relativ stark mit nach unten gezogen wurde auch der marktbreite S&P 500, der gut 2,6 Prozent auf 7.384 Punkte verlor. Wie schon zuletzt schlug sich der Dow Jones Industrial besser, der eher Standardwerte abbildet. Er konnte sich der Marktlage mit einem Minus von knapp 1,4 Prozent auf 50.867 Punkte aber auch nicht entziehen. Die Wochenbilanz des Dow ist moderat negativ, während der Nasdaq 100 4,5 Prozent verlor.

Laut Analyst Stephen Innes findet aktuell an den US-Börsen eine Bewertungskorrektur statt. Diese geschehe aber vor dem Hintergrund robusten Wachstums, einer starken Beschäftigungslage und anhaltend hoher KI-Investitionen. „Diese Bedingungen sind historisch gesehen eine deutlich bessere Grundlage für den nächsten Aufschwung als eine Korrektur aufgrund einer wirtschaftlichen Eintrübung“, so Innes.

Chipwerte sanken am Freitag erneut am stärksten. Die zuletzt besonders heiß gelaufenen Aktien der Chipkonzerne ARM, Marvell, Micron und AMD fielen wie schon am Vortag mit besonders deutlichen Verlusten auf, die bis zu 17 Prozent groß waren. Auch Nvidia entkamen dem Abwärtsstrudel mit einem Minus von 6,2 Prozent nicht.

Am Freitag gab es im Technologiebereich auch bei IT-, Internet- und Softwareaktien für Anleger kaum etwas zu holen. Unter den „Magnificent 7“, die sich am Vortag noch mehrheitlich robust entwickelt hatten, befand sich nun kein einziger Gewinner mehr. Tesla war mit einem Kursrutsch um 6,6 Prozent das Schlusslicht unter den sieben Tech-Riesen. Alphabet zeigte sich mit einem Prozent Minus noch am robustesten.

Meta gehörte am Freitag mit minus 5,5 Prozent auch zu den Verlierern. Bei dem Social-Media-Konzern kam im Tagesverlauf ein Bericht der „Financial Times“ als Belastung hinzu, wonach das Unternehmen über eine umfangreiche Kapitalerhöhung nachdenkt. Meta plane mit einem Volumen von mehreren zehn Milliarden Dollar, um die Investitionen in Technologien der Künstlichen Intelligenz (KI) zu erhöhen.

Anleger wichen am Freitag unter anderem auf Aktien aus dem Konsumbereich aus: Die führenden Werte im Dow waren Procter & Gamble und Coca-Cola, aber auch Johnson & Johnson und McDonald’s gehörten mit mehr als zwei Prozent zur Spitzengruppe. Gefragt waren also Branchen, die als defensiv in unruhigen Börsenzeiten gelten.

Unter den Nebenwerten zählten die Fast-Food-Kette Chipotle Mexican Grill mit einem Plus von gut vier Prozent am Aktienmarkt zu den positiven Ausnahmen. Hier half eine Hochstufung auf „Overweight“ von JPMorgan. Analyst John Ivankoe sieht ab sofort für die Aktien mehr Chancen als Risiken. Die Aktien hatten zuletzt den tiefsten Stand seit Anfang 2023 erreicht.

Die Anteile des Sportartikelkonzerns Lululemon verloren nach der Senkung von Geschäftszielen 8,6 Prozent. Sie waren kurz unter 110 Dollar auf das niedrigste Niveau seit Mai 2018 abgerutscht. Laut Lorraine Hutchinson von der Bank of America wirft eine Umsatzabschwächung Ende April und Anfang Mai Fragen bezüglich der Zielsetzungen für das zweite Halbjahr auf.

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Kuno.2
20 Minuten her

Das mit der Inflation ist natürlich Unsinn. Nach Lehrbuch der Ökonomie ist in einer Rezession die Deflation vorherrschend. Die aktuellen Preissteigerungen sind temporär und ohnehin politisch veranlasst. Oder ist der Krieg in Nahost einfach so ausgebrochen?