Sal-Da-Vinci-Code – zu viel Italianità, zu viel Napoli, zu viel Gefühl: Die Linke flippt aus

Manchmal erzählt ein Schlager mehr über ein Land als ein ganzer Stapel politischer Leitartikel. Der Sieg von Sal Da Vinci beim Sanremo-Festival im März ist so ein Moment. Seit Wochen läuft „Per sempre sì“ in allen Sprachen und Variationen von Südamerika bis Japan.

picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Martin Meissner
Sal Da Vinci singt "Per Sempre Si", Wien, Österreich, 12.05.2026

Eigentlich ist „Per sempre sì“ nur eine sentimentale Liebeserklärung – musikalisch irgendwo zwischen Hochzeitskapelle, Adriaküste und einer Jukebox aus den fünfziger Jahren. Und doch wirkt dieser Triumph plötzlich wie ein kulturelles Erdbeben. Ein Ohrwurm ist es allemal, aber erst nach dem dritten Anhören.

Denn während die internationale Popwelt zwischen Algorithmus-Pop, Postgender-Ästhetik, Latex-Kostümen und synthetischer Gefühlsproduktion taumelt, singt da plötzlich einer aus Neapel schlicht: „Ich verspreche es dir vor Gott – für immer ja.“ Und ganz Italien singt mit? Nicht nur, seit Wochen wird Per sempre si in allen möglichen Sprachen und Variationen von Südamerika (dort vor allem) bis Japan, rauf und runter gedudelt.

Der Song – nicht ironisch. Nicht dekonstruiert. Nicht „camp“. Sondern ernsthaft, wie das Leben eben. Das allein reicht heute schon aus, um Teile der kulturellen Linken in Schnappatmung zu versetzen.

Zwischen Espresso, Ehering und Eurovision: Plötzlich ist Italien wieder Italien

Der Eurovision Song Contest 2026 besitzt in Italien ohnehin eine völlig andere Bedeutung als in Deutschland. Schon der Vorentscheid, das Sanremo-Festival, ist keine bloße Fernsehsendung, sondern ein nationales Ritual. Eine Mischung aus Oper, Fußball, Familienfest und politischem Thermometer.

Eine Woche lang diskutiert das ganze Land über Stimmen, Kleider, Frisuren, Bühnenbilder, Tränen, Skandale und Liebesgeschichten. Selbst jene Italiener, die behaupten, Sanremo zu hassen, verfolgen es heimlich. Wie eine nationale Sünde. Und diesmal gewann eben kein hypermoderner Kunstpop-Entwurf. Sondern ein Mann, der aussieht, als hätte er vor zwanzig Jahren irgendwo an der Amalfiküste in einem Familienrestaurant „Volare“ gesungen, während im Hintergrund die Zitronenbäume leuchteten.

Sal Da Vinci, geboren 1969 in New York als Salvatore Michael Sorrentino, Sohn des Entertainers Mario Da Vinci, ist kein Produkt der Streaming-Industrie. Er ist kein TikTok-Phänomen. Erst recht kein Casting-Roboter. Ja, auch kein Industrieavatar. Sal(vatore) Da Vinci ist so schnulzig, dass es schon wieder gut ist. Er ist etwas, das fast ausgestorben schien: ein italienischer Volkssänger.

Seit über vierzig Jahren lebt er mit seiner Frau Paola zusammen. Eine wahre Liebe, mit Höhen und Tiefen, viel Schmerz, aber eben keine eingekaufte Realityshow-Liebe. Keine Boulevard-Eskapaden, und keine Influencer-Romanze auf Zeit. Die Familie musste schwere Schicksalsschläge durchstehen: Krankheit der Kinder, finanzielle Krisen, Abstürze, Rückschläge.

Und genau deshalb wirkt dieses Lied glaubwürdig. Wenn Sal Da Vinci am Ende der Choreographie demonstrativ auf den Ehering zeigt, dann ist das keine ironische Performancekunst für Feuilleton-Seminare in Mailand. Dann meint er das tatsächlich ernst. Für zynische Beobachter und Akteure der Musikindustrie reiner Kitsch, aber die Leute in Italien nehmen es ihm ab. In Napoli sowieso.

Genau das macht viele wahnsinnig. Denn plötzlich steht dort auf der Bühne, was im heutigen linken Kulturbetrieb, mit dem vielen Radical Chic fast schon subversiv wirkt: Treue. Familie (ganz schlimm, für die LGBTQ+ Szene), ja und der feste (katholische) Glaube erst. Viel Heimat. Bekennender Patriotismus. Viel Gefühl. Klangvoll melodisch, ohne Aggression. Höchst verdächtig. Kurz gesagt: Italianità.

Die Linke hört rechten Kitsch – Europa hört Sehnsucht

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Progressive Kommentatoren sprachen von „gefährlicher Nostalgie“, von „reaktionären Rollenbildern“, von „patriarchalem Hochzeitskitsch“. Andere mokierten sich über die italienische Flagge, la Trikolore auf der Bühne oder die Braut im weißen Kleid. Man kennt das Muster inzwischen.

Sobald etwas populär wird, das nicht den ästhetischen Codes der urbanen Kulturredaktionen entspricht, beginnt sofort die soziologische Notfallanalyse. Dabei passiert hier etwas völlig anderes. Europa liebt diesen Mann. In Wien wird Sal Da Vinci gefeiert wie ein Volksheld. Die Zuschauer singen mit. Die Wettbüros sehen ihn weit vorne. Sein Song gehört zu den meistgestreamten ESC-Beiträgen überhaupt.

Warum? Weil Millionen Menschen genug haben von kalkulierter Provokation ohne Seele. Denn in einem Eurovision-Kosmos voller Plastik-Skandale, Dauerwokeness, greller Identitätsperformance und choreographierter Grenzüberschreitungen wirkt Sal Da Vinci plötzlich wie ein Mann aus einer anderen Zeit. Und genau deshalb modern.

Der italienische Publizist Mario Adinolfi brachte es brutal direkt auf den Punkt: Während der ESC oft nur noch aus dem „zeitgenössischen Mix aus Nuttenästhetik und Hinterngewackel“ bestehe, präsentiere Sal Da Vinci eine Frau im Hochzeitskleid, die italienische Fahne und die Geschichte eines Mannes, der mit 57 Jahren nach Jahrzehnten der Opfer endlich seinen Erfolg erlebe.

Das Entscheidende daran: Die europäischen Zuschauer verstehen sofort, worum es geht. Liebe. Opfer. Familie. Sehnsucht. Würde. Alles, was vielen Bürgern nicht fremd ist, zumindest aber immer noch erstrebenswert.  Dafür braucht man keine Gender-Studien. Napoli schlägt zurück – und plötzlich lieben alle den Süden. Natürlich ist Neapel dabei mehr als bloße Kulisse. Neapel ist Mythos, mit viel Theater, Chaos und Schmerz. Überlebenskunst sowieso.

Eine Stadt zwischen Maradona und Camorra, zwischen Vulkangestein und Operngesang, zwischen Espresso und Existenzkampf. Der Norden Italiens blickte jahrzehntelang herab auf die Süditaliener. I Terroni. Faulenzer und Erdfresser. Und doch haben gerade die Menschen des Südens etwas bewahrt, das dem saturierten Norden längst verloren gegangen ist: Emotionalität ohne Scham. Sal Da Vinci verkörpert genau das.

Diese leicht nasale Stimme.
Dieses neapolitanische Pathos.
Diese Lust an Drama, Gefühl und Melodie.

Es ist die Rückkehr einer Kultur, die nie geschniegelt sein wollte. Plötzlich entdecken selbst junge Italiener wieder den neomelodischen Pop aus Neapel – jenes Genre, das jahrzehntelang als kitschig, provinziell und peinlich galt. Jetzt steht genau dieser Stil auf Europas größter Bühne. Und gewinnt vielleicht. Denn die eigentliche Pointe dieser Geschichte lautet: Ausgerechnet das vermeintlich Altmodische wirkt plötzlich rebellisch. In einer Zeit permanenter Dekonstruktion wird schon ein Liebeslied zur kulturellen Kampfansage.

Der wahre Skandal ist nämlich, dass Sal Da Vinci nicht zynisch ist. Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis seines Erfolgs. Sal Da Vinci ist nicht cool. Im Gegenteil. Er wirkt antiquiert, aber authentisch. Er glaubt noch an das, was er singt. Das irritiert ein Milieu, das gelernt hat, jede Form von Pathos sofort ironisch zu brechen. Doch die einfachen Zuschauer in Italien, Österreich, Spanien oder Polen reagieren völlig anders. Sie erkennen darin Vertrautes. Eine Erinnerung an das alte Europa. An Familienfeste. An Hochzeiten. Und, an Mütter.

Während manche Kulturkritiker noch verzweifelt erklären wollen, warum dieser Erfolg angeblich problematisch sei, feiern die Menschen längst weiter.

37 Millionen Streams für „Per sempre sì“.
Über 500 Millionen Abrufe für „Rossetto e Caffè“.
Mit 57 Jahren. Nicht trotz seiner Italianità.
Sondern wegen ihr.

Und vielleicht steckt darin auch eine unbequeme Wahrheit für Europas Linke:
Die Menschen sehnen sich wieder nach Echtheit.
Nach Identität.
Nach Wärme.
Nach Geschichten ohne ideologisches Handbuch.

Dieser ESC in Wien könnte deshalb weit mehr werden als nur ein Musikwettbewerb. Er könnte zum Moment werden, in dem Europa merkt, dass seine kulturelle Seele noch lebt. Nicht in Brüssel. Nicht in irgendwelchen Diversity-Workshops. Sondern in einem neapolitanischen Liebeslied mit Ehering, Trikolore und zu viel Gefühl.

Am Ende möchte Sal Da Vinci am Samstagabend einfach nur singen – für Neapel, für Italien und für alle Liebenden. Vielleicht ist genau das heute revolutionär.


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Kommentare ( 3 )

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3 Comments
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Turnvater
1 Stunde her

Das allein reicht heute schon aus, um Teile der kulturellen Linken in Schnappatmung zu versetzen.“

Linke haben keine Kultur, sonst wären sie nicht links.

Tyson
1 Stunde her

Wunderbarer und weitsichtiger Text, danke!

Karl Renschu
1 Stunde her

Keiner gewinnt gegen die woke Jury. Nicht mal der Liebling der Herzen, der Vernunft und des Publikums.