Sabotage an TAL-Pipeline gefährdete Kraftstoffversorgung in Süddeutschland

Ein Sabotageakt auf die Stromversorgung der TAL-Pipeline kappte Ende März tagelang die Rohölzufuhr nach Süddeutschland. Bayern und Baden-Württemberg kamen nur mit Reserven davon.

picture alliance/dpa | Armin Weigel
Tanks und Industrieanlagen der Raffinerie Bayernoil

Ende März hat ein Sabotageakt in Italien offengelegt, wie dünn die Sicherheitsdecke über der Energieversorgung Süddeutschlands geworden ist. Betroffen war die Stromversorgung einer Pumpstation der Transalpinen Pipeline. Danach floss drei Tage lang kein Rohöl mehr über die TAL. Die Miro-Raffinerie in Karlsruhe musste aus ihren Beständen operieren. Auch Bayernoil in Bayern überbrückte den Ausfall nur noch aus Lagern vor Ort.

Der Vorgang ist brisanter, als es die beruhigenden Sätze der Betreiber nahelegen. Denn hier fiel nicht irgendeine Nebenstrecke aus. Getroffen wurde eine zentrale Versorgungsader für Baden-Württemberg und Bayern. Wenn ein Anschlag an einer Pumpstation in den italienischen Alpen ausreicht, um die Rohölzufuhr in Süddeutschland tagelang zu stoppen, dann ist das keine Randnotiz. Dann ist das ein Angriff auf die Belastbarkeit eines ganzen Industrieraums.

Nach Angaben von „Welt am Sonntag“ und „Business Insider“ bestätigten zwei voneinander unabhängige Quellen, dass es sich um Sabotage gehandelt habe. Deutsche Behörden wurden informiert. Das Bundeskriminalamt steht nach Angaben des Bundesinnenministeriums mit den italienischen Behörden in Kontakt. Ob ein politisch motivierter Anschlag auf kritische Infrastruktur vorliegt, ist Gegenstand der weiteren Ermittlungen.

Entscheidend ist aber schon jetzt etwas anderes. Die Versorgung an den Tankstellen brach zwar nicht zusammen. Miro erklärte, alle Produkte seien uneingeschränkt verfügbar gewesen. Doch diese Entwarnung trägt nur oberflächlich. Tatsächlich zehrt das System in einem solchen Moment von Reserven. Es lebt nicht aus Stabilität, sondern aus Vorräten. Wie lange diese im Ernstfall gereicht hätten, blieb offen.
Genau dort beginnt das Problem. Ein Land, das von verlässlicher Versorgung, Mobilität und industrieller Schlagkraft lebt, darf sich nicht damit beruhigen, dass es diesmal noch einmal gereicht hat. Drei Tage ohne Rohölzufuhr sind kein belangloser Zwischenfall. Drei Tage zeigen, wie schnell aus einem Anschlag auf einen technischen Knotenpunkt ein Risiko für Millionen wird.

Miro allein versorgt nach eigenen Angaben täglich zehn Millionen Menschen mit Kraftstoffen und Heizöl. Hinzu kommen Tausende Karlsruher Haushalte, die Fernwärme aus der Raffinerie beziehen. Statistisch decken die Produkte von Miro rund 45 Prozent des gesamten Primärenergiebedarfs in Baden-Württemberg. Wer diese Versorgungslinie trifft, trifft nicht bloß eine Anlage. Er trifft das Rückgrat eines ganzen Bundeslandes.

Der Fall zeigt damit vor allem eines: Die Bundesrepublik hängt an wenigen empfindlichen Punkten, deren Ausfall binnen kürzester Zeit in die Fläche durchschlägt. Fällt eine solche Leitung, wird sofort sichtbar, wie knapp kalkuliert und wie verletzlich die Versorgung in Wahrheit ist. Das gilt umso mehr in einem Land, das seine Infrastruktur seit Jahren verwaltet, statt sie kompromisslos zu sichern.
Auch politisch ist der Fall entlarvend. Sobald die Versorgung nicht sofort zusammenbricht, wird so getan, als sei die Lage beherrscht worden. Genau das ist die falsche Lehre. Beherrscht wurde hier gar nichts. Der Schaden blieb nur deshalb begrenzt, weil Lagerbestände noch vorhanden waren und die Reparatur schnell gelang. Das ist keine Stärke. Das ist ein glimpflicher Ausgang.

Die Sabotage an der TAL-Pipeline ist deshalb ein sehr deutlicher Warnschuss. Nicht, weil sofort leere Zapfsäulen zu sehen waren, sondern weil der Ausfall einer einzigen Pumpstation genügte, um die Raffinerien im Südwesten und in Bayern in den Notbetrieb zu zwingen. So sieht Verwundbarkeit aus.

Die Leitung läuft wieder, die Bestände werden wieder aufgebaut, der akute Engpass ist vorerst vorbei. Der politische und strategische Befund bleibt. Süddeutschlands Kraftstoffversorgung stand für Tage nur noch auf Reserve. Ein Industrieland, das sich bei einem Sabotageakt mit dem Hinweis beruhigt, es sei diesmal noch gutgegangen, hat das Ausmaß seiner eigenen Abhängigkeit nicht verstanden.

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