Mit dem Zweiten fälscht man besser

Das ZDF zeigt zur besten Sendezeit ein KI-Fake-Video mit sichtbarem Wasserzeichen, warnt im selben Beitrag vor Fake-Videos, und wundert sich dann, dass die Mitarbeiter von "Relotius-Moment" sprechen. Aus einer internen Betriebsversammlung dringen nun Aufnahmen nach außen, die zeigen: Der Laden hat ein Problem. Und es heißt nicht nur Nicola Albrecht. Von Silvia Venturini

picture alliance/dpa | Christoph Soeder

Es gibt Momente im Journalismus, in denen sich Tragödie und Farce so elegant die Hand reichen, dass man als Beobachterin nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll. Der KI-Skandal beim ZDF ist ein solcher Moment.

Zur Erinnerung: Am 15. Februar 2026 kündigte Moderatorin Dunja Hayali im heute journal einen Beitrag über die US-Abschiebebehörde ICE an. Sie warnte das Publikum ausdrücklich davor, dass in den sozialen Netzwerken viele gefälschte Videos kursierten. „Nicht alle sind echt“, sagte sie mit dem ihr eigenen Gestus der Aufklärerin, „aber doch sehr viele.“

Wenige Sekunden später zeigte der Beitrag ein Video, in dem eine weinende Mutter von ICE-Beamten abgeführt wird, während verzweifelte Kinder an ihr zerren. Ein Bild, das zu Herzen gehen sollte.

Das Problem: Im Bild prangte das Wasserzeichen von Sora, dem Videogenerator von OpenAI. Der Clip war so offensichtlich gefälscht, dass man kein Experte sein musste, um es zu erkennen. Man musste nur hinschauen.

Nun könnte man sagen: Fehler passieren. Redaktionen arbeiten unter Zeitdruck. Dinge rutschen durch. Das wäre eine akzeptable Erklärung, wenn es sich um einen Sender handeln würde, der nicht seit Jahren mit dem Anspruch auftritt, die letzte Bastion der Wahrheit in einem Meer aus Desinformation zu sein.

Das ZDF hat sich als Faktenchecker positioniert, als Institution, die dem verwirrten Bürger erklärt, was echt ist und was nicht. Und dann zeigt man zur besten Sendezeit ein Fake-Video mit sichtbarem Wasserzeichen. Die Ironie schreibt sich von selbst.

Die Kunst der Krisenkommunikation

Doch der eigentliche Skandal begann erst danach. Die erste Reaktion des Senders sprach von einem „technischen Versehen“ bei der „Kennzeichnung“. Man habe vergessen, das KI-Video als solches zu markieren. Diese Erklärung hielt etwa so lange, wie ein Schneeball in der toskanischen Sommersonne.

Denn erstens: Warum sollte ein Nachrichtenbeitrag über reale Ereignisse überhaupt KI-generierte Bilder enthalten, die man dann „kennzeichnen“ müsste? Und zweitens: Wie Recherchen schnell zeigten, wurde zusätzlich ein vier Jahre altes Video aus Florida verwendet, das die Festnahme eines Jungen nach einer Amokdrohung zeigte, hier aber als aktueller ICE-Einsatz verkauft wurde. Fehlende Kennzeichnung? Eher kreative Neuinterpretation von Archivmaterial.

Erst am Dienstag rang sich der Sender zu einer öffentlichen Entschuldigung durch. Anne Gellinek, stellvertretende Chefredakteurin, trat vor die Kamera und sprach von „handwerklichen Fehlern“. Die Studioleiterin in New York, Nicola Albrecht, wurde von ihrem Posten abgezogen. Der Fall schien damit erledigt, ein Bauernopfer war gebracht.

Das Innenleben eines Senders

Dann kamen die Leaks.

Am Montag fand beim ZDF eine außerordentliche Online-Betriebsversammlung statt. 1.150 Mitarbeiter nahmen teil, ein bisher einmaliges Ereignis. Die Aufnahmen, die nun an die Öffentlichkeit drangen, zeichnen ein Bild, das aufschlussreicher ist als jede offizielle Pressemitteilung.

Chefredakteurin Bettina Schausten gestand ein, was der Sender zunächst verschwiegen hatte: Das KI-Video wurde „wissentlich“ eingebaut. Albrecht habe gewusst, dass es sich um KI-Material handelte, und sich gedacht: „Ach, das geht ja, wenn ich es kennzeichne.“ Nur dass sie es dann eben nicht kennzeichnete.

Schausten räumte auch ein, dass man der Öffentlichkeit nach dem Vorfall „nicht die Wahrheit gesagt“ habe. Die Tragweite sei intern zu spät erkannt worden.

Bemerkenswert war jedoch, was US-Korrespondent Elmar Theveßen aus Washington zuschaltete. Er verteidigte den Beitrag mit den Worten: „Kein einziges Wort an den Beiträgen von Nicola war falsch.“ Die Realität werde korrekt abgebildet.

Dass man zur Abbildung der Realität auf künstlich generierte Bilder zurückgriff, schien ihm kein Widerspruch.

Schausten musste einwenden: „Nur, dass eben dann auch die Realität abgebildet werden muss und nicht die Realität, wie sie sein könnte, durch KI.“

Man möchte diesen Satz einrahmen. Er fasst das Problem zusammen, das weit über einen einzelnen Beitrag hinausgeht.

Die undichten Stellen

Für Schausten war jedoch etwas anderes mindestens ebenso besorgniserregend wie der Skandal selbst: die Tatsache, dass Informationen nach außen drangen.

„Gewisse Plattformen“ würden „infam und böswillig“ über den Fall berichten, klagte sie. Und drohte: „Wenn das so weitergeht, dann können wir solche Veranstaltungen wie die hier nicht mehr machen.“

Theveßen sekundierte und warnte die Kollegen davor, sich das „Geraune von Nius“ zu eigen zu machen.

Es ist eine bemerkenswerte Prioritätensetzung: Ein öffentlich-rechtlicher Sender produziert einen manipulativen Beitrag, und das Problem sind jene, die darüber berichten. Nicht der Fehler ist das Ärgernis, sondern seine Enthüllung.

Doch die Leaks zeigen noch etwas anderes: Der interne Konsens bröckelt. WISO-Moderatorin Sarah Tacke berichtete, sie werde bei Außenterminen mittlerweile mit „Ach, Sie kommen vom KI-Fernsehen“ begrüßt. Sie sprach von einem „Klima der Angst“ in der Redaktion.

Bettina Warken, Leiterin von ZDF Reportage, fand noch deutlichere Worte: „Wir haben einen Relotius-Moment.“

Ein anderer Mitarbeiter wurde grundsätzlicher. Er fragte, ob das ZDF noch in der Lage sei, „in alle Richtungen des politischen Spektrums unvoreingenommen zu blicken“, oder ob man längst „Weltbild-Bestätigungs-Sendungen“ produziere.

Die kritische Masse

Wer die Medienlandschaft beobachtet, dem fällt auf, dass die Stimmen aus dem Inneren des Apparats lauter werden. Peter Hahne, Alexander Teske, Wolfgang Herles, Ole Skambraks, Achim Winter: eine wachsende Zahl ehemaliger Mitarbeiter, die von außen beschreiben, was sie intern erlebt haben. Und nun kommen die Leaks hinzu, die zeigen, dass auch innerhalb der Sender nicht alle mit der Richtung einverstanden sind.

Das ist vielleicht die eigentliche Nachricht hinter der Nachricht. Nicht, dass ein Sender einen Fehler gemacht hat. Sondern dass der Fehler eine Diskussion auslöst, die man offenbar lange unterdrückt hatte. Wenn die eigenen Mitarbeiter von „Relotius-Moment“ sprechen, wenn sie fragen, ob man noch unvoreingenommen berichtet, dann ist das schon längst kein Kommunikationsproblem mehr, sondern eine ausgewachsene Identitätskrise.

Ein Wort zum Schluss

Aus italienischer Perspektive betrachtet, trägt die Sache durchaus komische Züge. Ein Sender, der sein Publikum vor Fälschungen warnt und im selben Atemzug eine zeigt. Chefredakteure, die einräumen, gelogen zu haben, und im nächsten Satz die Berichterstatter der Lüge als „infam“ bezeichnen. Korrespondenten, die erklären, kein Wort sei falsch gewesen, während auf dem Bildschirm ein KI-Wasserzeichen prangte.

Es wäre Commedia dell’arte, wenn es nicht so teuer wäre. 8,7 Milliarden Euro kostet der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland jährlich. Immerhin: Während Europa im großen KI-Rennen gegen Amerika und China hoffnungslos zurückliegt, zeigt das ZDF, dass man auf dem alten Kontinent zumindest bei der Implementierung ganz vorne mit dabei ist. Man muss die Erfolge feiern, die man hat.

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Kommentare ( 23 )

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stebu
22 Minuten her

Wenn diese Haiali Konstruktion nicht den Tatbestand von „Haß und Hetze“ erfültt, was denn dann? Außerdem ist die liebe Dunja als ZDF Anker mit einem board member einer AG vergleichbar und müsste sich an die Treuepflicht halten. Aber ich vergaß die Weisungsgebundenheit der Staatsanwaltschaften. Es ist einfach nicht gewollt solche Zeitgenossen öffentlich zu entlarven und zu entmachten.

Wolfgang Schuckmann
30 Minuten her

Nachdem die Öffentlichkeit darüber informiert wurde, daß eine Berichterstattung des ZDF zur Ausländerpolitik der USA, als mit Ki- Software veränderten Inhalten, generiert ist, sagt mir mein Verstand, daß ich für diese Nachrichtenfälschung nicht zahlen muss. Es schließt sich von Anfang an aus, dass ein öffentlicher Rundfunksender, der unter dem Rundfunkstaatsvertrag arbeitet, eine solche Verfehlung nicht hingenommen werden kann. Auch wenn man sich entschuldigt hat, ist das illegal und muss bestraft werden, denn es ist schlicht Betrug nach dem STGB. Die Paragraphen gibt’s später. Ich fühle mich betrogen und werde eine Anzeige wegen Betruges erstatten. In meinem eigenen Berufsleben, wären solche… Mehr

Hieronymus Bosch
33 Minuten her

Man kann nur sagen: Mit dem ÖRR lügt man besse!

Manfred_Hbg
1 Stunde her

Zitat 1: „Bettina Warken, Leiterin von ZDF Reportage, fand noch deutlichere Worte: „Wir haben einen Relotius-Moment.“ “ > Mhh, wirklich nur, „einen“? – – – – – Zitat 2: „8,7 Milliarden Euro kostet der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland jährlich“ > Na ja, dieser Bettrag ließe sich doch eigentlich schnell und einfach halbieren. Nämlich: weg, mit einen der beiden ARD/ZDF Staatsfunksender! Wobei man hier dann auch die Frage, welcher der beiden Sender gehen sollte, ganz einfach wie bei den Wehrflichtigen lösen könnte: per Los-Entscheid! Denn großartig zu überlegen, welcher der beiden Sender dann besser wäre und deshalb bleiben sollte, braucht man… Mehr

Landgraf Hermann
1 Stunde her

„Wie viele tausend Mal haben Hayali und Anverwandte die AfD wider besseres Wissen als gesichert rechtsextrem bezeichnet, weil ein Herr Haldenwang der CDU zudienen wollte.“
Und wieviele Male haben sogenannte Politiker der Kartellparteien diese Bezeichnung wider besseres Wissen benutzt? Auch das ist krasse Hetze, Lüge und Verleumdung!!

Axel Fachtan
1 Stunde her

Z entrale
D eutsche
F älscherwerkstatt

Dafür zahlen die Deutschen jährlich Milliarden an Zwangsgebühren.
Für Parteienfunk. Für Lug und Trug.
Für teils linksextremistische Propaganda.
Zahl für Böhmermann
für Theveßen
für Hayali
für Himmler
Keiner von denen würde in einem privaten Medien durchkommen.
Ohne Zwangsgebühren wären die nix
außer Klobürsten, die sprechen können.

Bernd Bueter
1 Stunde her

Hass, Hetze, Lügen – unser Programm: ÖRR Der ÖRR ist längst freiwillig zum Kampfmittel links-krimineller Parteibanden (Polit-OK) geworden und hat sich vom Vertragsauftrag komplett verabschiedet. Das Programmangebot unzumutbar. Dazu ist der ÖRR im Kern nur eine Höchstversorgungsanstalt für Wenige (Parteibelohnungsposten) bezahlt durch Schutzgeldabpressung beim rechtlosen Bürger (Mafiasystem). …hat Reitschuster darauf hinweisen, dass man bei Betrachtung des aktuellen Programms von ARD und ZDF den Eindruck gewinnt, im Medienstaatsvertrag stehe geschrieben, dass das Hauptziel der ÖRR-Sender die Bekämpfung der AfD sei. Man könnte fast meinen, so Reitschuster, dass es außer Hass und Hetze gegen die AfD auf den zahlreichen Sendeplätzen der sogenannten „System-Sender“ rund um die Uhr nichts… Mehr

MeHere
2 Stunden her

Hihi .. das ZDF geht von einem (1x) Fehler aus .. täglich ist das Programm voll von Fehlern und schlimmer noch: Meinungen + Belehrungen + absichtliche Manipulation.
Ich denke der geistige Dünnpfiff wird aus der Politik abgenickt und Figuren wie Dunja oder Böhmerdings erhalten trotz journalistischer „Mittelmäßigkeit“ Rückendeckung aus den roten und grünen Parteien.
Damit ist die Unabhängigkeit des ÖRR auch erwiesenermaßen Geschichte.
Hajali, Himmler und Böhmermann sind ohnehin eine Zumutung.

Dundee
2 Stunden her

Wer jetzt noch zahlt ist selber schuld..

Werner Meier
2 Stunden her

Die Vorfälle in Hayalis Fälscherwerkstatt häufen sich; der Hammer kommt nun aber aus Köln. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) darf die AfD vorerst nicht als gesichert rechtsextremistisch einstufen und behandeln. Das Verwaltungsgericht Köln hat am Donnerstag entschieden, dass die Einstufung durch Haldenwang und seine Spiessgesellen inkorrekt war. Haldenwang hat zusammen mit den Fälschern von ARD/ZDF massiv in demokratische Prozesse eingegriffen und nicht nur die AfD sondern auch die Demokratie massiv beschädigt. Wie viele tausend Mal haben Hayali und Anverwandte die AfD wider besseres Wissen als gesichert rechtsextrem bezeichnet, weil ein Herr Haldenwang der CDU zudienen wollte. Durch antidemokratische Propaganda; Diffamierung und Verleumdung,… Mehr