Die Süddeutsche Zeitung sieht Deutschland vor einem Investitionswunder. Eine Umfrage der Deutschen Bank soll belegen, dass der Heimatstandort im internationalen Ranking ganz weit oben steht. Mit der Realität hat das nichts zu tun. Die Umfrage bestätigt nur, dass persönliche Interessen Wünsche wecken und die Wahrnehmung verzerren.
IMAGO / HMB-Media
Steht die deutsche Wirtschaft möglicherweise vor einem Comeback? Nach Ansicht der Süddeutschen Zeitung ist dies ganz zweifellos der Fall. Sie feierte am Montag in einem Beitrag das ungeheure Interesse ausländischer Investoren an einem Engagement in Deutschland. Das klang dann so: „Das Kapital steht vor der Tür, Europa muss handeln.“
Man traut sich kaum zu fragen, von welchem Kapital hier die Rede ist. Handelt es sich um die üblichen Subventionsjäger der grünen Fördermittelmaschine? Oder sind es Investoren, die in den steuerfinanzierten Rüstungssektor drängen? Ganz gleich: Es überrascht zu erfahren, dass ausgerechnet der toxischste Wirtschaftsstandort der EU angesichts jahrelanger Kapitalflucht nun im Beliebtheitsranking der Investoren die Pole Position innehaben sollte.
Doch woher stammt die Euphorie bei der Süddeutschen? Tatsächlich bezieht sich die Redaktion auf eine Studie der Deutschen Bank, das sogenannte Global Sentiment Survey on Europe 2026, das in seiner Konklusion ausgerechnet die EU, den Hort von Regulierung und Abgaben und Energiewahnsinn, als den attraktivsten Investitionsstandort der Welt beschreibt. Ja, Sie haben richtig gehört: der Welt! Wenn schon die deutsche Realität nicht zum Träumen einlädt, dann sollte man wenigstens ein Umfrage-Design so wählen, dass unterm Strich ein weiter Interpretationsspielraum besteht, der regierungsnaher Presse eine Jubelmeldung über die Wirtschaftslage geradezu aufdrängt.
Vieles in der Umfrage der Deutschen Bank wirkt konstruiert. Und wer den Hintergründen der Studie auf die Schliche kommt, erkennt in ihr weniger einen Beleg für die Wettbewerbsfähigkeit des Kontinents als eine psychologische Studie über die Wahrnehmung der Realität jener Betriebschefs, die in Europa ohnehin bereits investiert und von einem Erfolg am Standort abhängig sind.
Die Deutsche Bank ließ im Juli und August 1.200 Unternehmensführer und Entscheidungsträger aus Unternehmen in 13 außereuropäischen Märkten befragen. 67 Prozent dieser Unternehmen waren bereits in Europa investiert, die übrigen planten einen Markteintritt innerhalb der kommenden fünf Jahre. Es handelt sich also nicht um eine repräsentative Befragung aller weltweit tätigen Unternehmen. Wer Europa vollständig meidet, Investitionen abzieht oder den Kontinent als Standort nicht mehr prüft, kommt in dieser Stichprobe nicht vor.
Die Studie präsentiert den klassischen Selektionsbias. Es werden überwiegend Betriebe befragt, die Europa bereits als relevanten Wirtschaftsraum in ihr Geschäftsmodell integriert haben. Es geht nicht um globale Fragen der Standortpräferenz, sondern um die Stimmungslage bereits in Europa investierter Unternehmen.
Die Zahlen sind zudem weniger euphorisch, als die Schlagzeile nahelegt. 35 Prozent der Befragten nennen Europa als attraktivste Investitionsregion. Dahinter folgen Asien-Pazifik ohne China mit 24 Prozent und Nordamerika mit 19 Prozent. 81 Prozent sagen, Europa habe in den vergangenen drei Jahren an Bedeutung gewonnen, und 71 Prozent halten den Kontinent für wirtschaftlich resilient.
Eine Überraschung erwartet den Leser der Studie bei der Frage, welche europäischen Standorte konkret als die wirklich wichtigen Zielmärkte identifiziert werden. Deutschland liegt hier mit sagenhaften 56 Prozent einsam an der Spitze. Die Befragten zählen das Land neben Großbritannien mit 47 Prozent und Frankreich mit 35 Prozent zu den drei wichtigsten Standorten des Kontinents.
Damit ist klar: Deutschland ist selbstverständlich noch kein vergessener Standort, das Land ist noch kapitalstark, ganz gleich, wie katastrophal sich die politische Lage in diesen Tagen in Deutschland zeigt. Doch der wichtigste Standort überhaupt? Strömt nicht jedes Jahr ein Milliardenkapital aus Deutschland ab, flüchten nicht Unternehmen der Automobilindustrie nach Ungarn, nach Polen oder Tschechien? Was ist mit den Zehntausenden jungen klugen Köpfen, die das Land verlassen? Das sind Fakten, die in der Umfrage der Deutschen Bank völlig ausgeblendet werden.
Nach einer Berechnung des Instituts der Deutschen Wirtschaft stehen 29 Prozent der in Deutschland hervorgebrachten transnationalen Patente inzwischen unter ausländischer Kontrolle. Deutsche Erfindungen, deutsche Ingenieurskunst schieben andernorts die Wirtschaft an – die Heimat zerbröselt intellektuell, wie ihre Infrastruktur und mit ihr die Großprojekte, die ohne Ingenieurswissen zum Scheitern verurteilt sind und zudem jeden Kostenrahmen sprengen, wenn sie überhaupt zustande kommen.
Die Umfrage der Deutschen Bank beleuchtet leider nicht die Motive der Investoren im Detail. Ein Unternehmen kann Deutschland wegen seiner Größe, seiner industriellen Strukturen, der noch vorhandenen Kaufkraft und der Lieferketten als strategisch wichtigen Markt ansehen und gleichzeitig neue Produktionskapazitäten an anderen Standorten errichten.
Diesen Gedanken vergessen die Macher der Studie. Nach Marktattraktivität oder Standortqualität wurde explizit nicht gefragt. Es ist eher eine oberflächliche Betrachtung der physischen Präsenz von Unternehmen und nicht von Produktionskapazitäten oder Investitionen in Forschung und Entwicklung.
Unfreiwillig komisch wird die Studie der Deutschen Bank, wenn sie kontradiktorisch argumentiert. So heißt es: Von den Unternehmen, die bereits in Europa investiert sind, halten 45 Prozent Europa für die attraktivste Investitionsregion der Welt. Bei jenen Unternehmen, die bislang noch nicht investiert haben, dennoch einen Einstieg nach Europa planen, teilen gerade einmal 15 Prozent diese Aussage. Für die Deutsche Bank ist dies ein, wie es heißt, ausgeprägter Erfahrungseffekt.
Man könnte es auch so sehen: Sie sind betriebsblind, nachdem sie sich mit dem Subventionsapparat verflochten haben und in vielen Fällen erleben durften, dass die zum Teil groteske Regulierungsdichte am Standort EU vor allen Dingen den großen Unternehmen dabei behilflich ist, den lästigen Wettbewerb mit dem Mittelstand aus dem Felde zu schlagen.
Noch interessanter wird es bei der Frage, in welchen Feldern diese Betriebe tatsächlich tätig sind. Gerade einmal 19 Prozent der bereits in Europa angeblich aktiven Betriebe sind tatsächlich in der Produktion engagiert. 92 Prozent der Befragten gaben an, Europa werde in den kommenden drei bis fünf Jahren für Produktion, Forschung und Entwicklung sowie stabile Lieferketten für ihre Betriebe wichtig sein.
Eine Wette auf die Zukunft? Oder jede Wette, dass 90 Prozent dieser Betriebe sich niemals als produzierendes Gewerbe am Standort Europa engagieren werden?
Nicht einmal die Hälfte der Betriebe sieht Europa als interessanten Standort, wenn es um die Arbeitskosten, Steuern, Energiekosten und die Geschwindigkeit von Genehmigungsverfahren geht.
Unterm Strich präsentierte die Deutsche Bank eine Umfrage, der es schon allein deswegen an ökonomischer Tiefe mangelt, da sie die 99 Prozent der kleinen und mittleren Betriebe ausklammert, die unseren Standort ausmachen. Was nutzt eine Betrachtung, ohne auf diejenigen einzugehen, die zwischen Regulierung, Strom- und Energiekosten und immer höheren Abgaben aufgerieben werden? Durch Deutschland und Europa rollt eine Insolvenzwelle, die jedes Quartal Hunderttausende Jobs vernichtet.
Weshalb fragt niemand in seinen Umfragen nach den Faktoren, die nötig wären, um eine neue Gründerkultur zu initiieren? Wie kann es gelingen, die Marktwirtschaft wiederzubeleben und das Joch der Staatswirtschaft abzuwerfen? Allerdings sind dies wohl Fragen, die in den korporatistischen Führungsebenen der deutschen Wirtschaft keine Rolle mehr spielen.


Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein
Ist doch ganz klar: Die Banker leben von den Provisionen der Kapitalanleger hier in Deutschland genau j e t z t. Pessimismus ist geschäftsschädigend. Was sollen sie sonst tun?