Für die europäischen Staaten ist diese Entwicklung absolut beunruhigend: Noch immer befahren keine beladenen Mega-Tanker die Straße von Hormus, wie die Echtzeit-Daten von marinetraffic.com belegen – die Meerenge bleibt also auch nach den Waffenstillstands-Aussagen blockiert.
picture alliance / Anadolu | Shadi J. H. Alassar
Aktuell hat die iranische Nachrichtenagentur Fars berichtet, der Iran habe den Schiffsverkehr durch die wichtige Meerenge aus Protest über die israelischen Angriffe im Libanon wieder eingestellt. Nach Angaben von Fars passierten nur zwei Öltanker die Straße von Hormus seit Beginn der Waffenruhe.
Die Situation für alle Industriestaaten verschärft sich nun dramatisch: Die aktuelle Ölkrise infolge des Krieges im Nahen Osten und der weitgehenden Blockade der Straße von Hormus entfaltet ihre volle Wucht nämlich mit Verzögerung – weil Öl mit Schiffen transportiert wird, die langsam über die Weltmeere ziehen. Diese Verzögerung ist der Grund, warum viele die Versorgungssituation in den kommenden Monaten noch falsch einschätzen, warnen die Analysten von Armstrong Economics auf X.
Vor Ausbruch des Krieges der USA und Israels gegen den Iran flossen täglich 20,7 bis 20,9 Millionen Barrel Rohöl, Kondensat und Erdölprodukte durch die Straße von Hormus – darunter etwa 14,7 Millionen Barrel Rohöl und Kondensat sowie 6,1 Millionen Barrel Produkte. Die Internationale Energieagentur (IEA) spricht inzwischen von der „größten Versorgungsstörung in der Geschichte des globalen Ölmarktes“. Die Durchflussmengen sind auf ein Rinnsal geschrumpft, Golf-Staaten haben ihre Förderung um mindestens 10 Millionen Barrel pro Tag gedrosselt, und nahezu 20 Millionen Barrel tägliche Exporte sind ausgefallen.
Der unsichtbare Puffer: Öl, das schon unterwegs war
Was das System derzeit noch abfedert, sind die Tankerladungen, die vor der vollständigen Blockade beladen wurden. Reuters berichtete, dass allein der Iran nach den Angriffen vom 28. Februar etwa 13,7 Millionen Barrel Rohöl exportierte. Diese bereits auf See befindlichen Ladungen wirken als temporärer Puffer.
Die IEA wies zudem darauf hin, dass die beobachteten globalen Ölvorräte im Januar bei 8,21 Milliarden Barrel lagen – davon etwa 25 Prozent „Öl auf dem Wasser“, also 2,05 Milliarden Barrel in Transit oder schwimmender Lagerung. Von diesem schwimmenden Vorrat lebt die Welt derzeit. Doch diese Überbrückung endet irgendwann.
Warum der Schmerz erst später ankommt
Tankerschiffe teleportieren nicht: Eine Ladung aus dem Persischen Golf nach Japan braucht normalerweise 20 bis 30 Tage. Nach Europa über den Suezkanal etwa 19 Tage. Müssen die Schiffe nun um das Kap der Guten Hoffnung herumfahren, verlängert sich die Route vom Persischen Golf nach Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen auf fast 35 Tage. Auch Produktladungen aus dem US-Golf nach Japan (etwa nach China) haben derzeit zusätzliche Verzögerungen – je nachdem, ob sie Panama, Suez oder das Kap nutzen.
Genau diese Transportverzögerung schönt die Realität: Die letzten „normalen“ Lieferungen werden derzeit noch verbraucht. Sobald diese Puffer aufgebraucht sind, wird der echte Mangel spürbar – an den Tankstellen, in der Industrie und in den Haushalten.
Der Markt spricht bereits Klartext: Während die Brent-Futures nur einen Teil der Geschichte erzählen, zeigt der physische Markt bereits Panik. Europäische und asiatische Raffinerien zahlen für sofort lieferbares Rohöl teilweise 150 Dollar pro Barrel. North Sea Forties erreichte kürzlich 146,09 Dollar. Dated Brent notiert fast 20 Dollar über den Juni-Futures. Europäisches Kerosin (Jet Fuel) liegt bei 226,40 Dollar pro Barrel, Diesel bei etwa 203,59 Dollar.
Das ist die brutale Logik eines plötzlichen Ersatzbedarfs: Raffinerien müssen fehlende Golf-Barrel durch teurere Alternativen aus der Nordsee, Westafrika, Brasilien oder den USA ersetzen. Alle bieten gleichzeitig auf das selbe knappe Ersatzangebot – und treiben die Preise in die Höhe.
Die Verzögerung durch die Schifffahrt bedeutet: Der wahre Schock steht noch bevor. Sobald die letzten noch vor der Nahostkrise beladenen Tanker entladen sind und die Umwege um das Kap der Guten Hoffnung zur neuen Normalität werden, wird der Versorgungsmangel unübersehbar.
Globale Inflation, höhere Transportkosten, Produktionsausfälle in der Industrie und steigende Preise für Heizöl, Diesel, Benzin und Flugkerosin sind dann nicht mehr nur eine Prognose, sondern Alltag. Die IEA warnt bereits vor den schwerwiegendsten Folgen seit Jahrzehnten. Wer heute nur auf die Zapfsäulen-Preise schaut und glaubt, das Schlimmste sei vorbei, ignoriert die langsame Fahrt der Tanker über die Weltmeere: Die Krise ist nicht vorbei, sie hat eben erst begonnen, ihre volle Wucht zu entfalten.


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Ölmangel? Der Krieg hätte halt nicht angefangen werden dürfen. Haben die US-Think-Tanks versagt oder ist es strategische Absicht?
Na, war wohl nix mit Regime-Change usw. Immerhin werden die Zeitgenossen allmählich ruhiger, die immer nur alles großartig finden, was der perverse miltärisch-industrielle Apparat der USA im Verein mit den internationalen Plutokraten (Geheimorganisation Epstein) auf der Welt seit Jahrzehnten anstellt. Hoffe ja immer noch, dass sich Donald T. wieder einmal als Entfesselungskünstler erweist und irgendwie aus der Nummer herauskommt…
Der Iran hat die Öffnung der Hormuz Straße ausgesetzt, nachdem Israel gestern das größte Massenbombardement auf Beirut seit Beginn seiner Invasion in den Libanon ausführte. Die kriegerischen Handlungen Israels im Libanon war aber nach expliziten Aussagen des pakistanischen Vermittlers und des Irans Bestandteil des Waffenstillstands. Israel zeigte jedoch den Mittelfinger, da seine territoriale Expansion in den Südlibanon noch nicht gesichert ist. Trump widersprach daraufhin den Angaben des pakistanischen Vermittlers (!) sowie Irans und Vance sprach von einem „Mißverständnis“. Es ist offensichtlich, wer bestimmt, wann die USA welchen Krieg im Nahen Osten wie beginnen und beenden. Die USA sind es jedenfalls… Mehr
Beirut liegt knapp 2000 km vom Iran entfernt. Was hat der Iran also mit dem Libanon überhaupt zu schaffen? Ausser dass dort die schiitischen Hisbollah-Buddies nicht nur der libanesischen Regierung selbst zu schaffen machen, sondern munter weiter den Norden von Israel terrorisieren dürfen sollen? Schon während des Gaza-Krieges, der auch viele Kilometer entfernt war, wurden ca 100 000 Israelis aus ihren Häusern im Norden Israels durch die ständigen Raketenangriffe der Hisbollah vertrieben, und konnten über 9 Monate lang nicht in ihre Wohnungen zurückkehren. Aber solche lästigen Details gehen Ihnen natürlich am Allerwertesten vorbei. Auch vollig gleichgültig scheint Ihnen zu sein,… Mehr
Natürlich, bleibt die Blockade. Die Iraner werden höchstwahrscheinlich eine zeitlang Gebühren kassieren, damit die Schäden repariert, saniert und neu gebaut werden kann. Die sind doch nicht blöd!. Wer der US-Oligarchie mit ihren installierten Sprechpuppen- Schauspielern vertraut verliert nicht nur seine Gesundheit und das Leben (PREP-Act, „Operation Warp Speed‘), sondern seine Souveränität, das Heimatland und im Endeffekt seine Nation.
Nach ersten Berechnungen hat Klingbeil im März eine halbe Milliarde mehr an Steuergeldern durch die hohen Benzinpreise eingenommen? Warum regt sich hier keiner darüber auf?
Zwecklos, die von Hass zerfressenen Israelfeinde mit Fakten und Argumenten von der Falschheit ihrer Behauptungen zu überzeugen zu versuchen. Ich mache mir da keine Illusionen.
Für alle übrigen aber empfehle ich dieses Video mit den Erklärungen eines libanesischen Aktivisten, der für die übergroße Mehrheit seiner Landsleute spricht. Sie wollen einfach nur in Frieden leben und nicht durch die aus Teheran finanzierte und gesteuerte Hesbollah immer wieder in blutige Auseinandersetzungen gezerrt werden.
https://www.youtube.com/watch?v=H19zkw_tiYo
Sie tun gut daran, sich keine Illusionen zu machen. Die Hirne der notorischen Israelhasser sind derart verstrahlt, da ist nichts mehr zu machen. Selbst nicht, wenn denen – wie in Ihrem verlinkten Video – jemand aus dem Libanon selbst erklärt, worin sie sich einfach irren.
Sie WOLLEN es in ihrer Selbstgerechtigkeit nicht hören, damit sie nicht zur Besinnung kommen und umdenken müssen.
„Raffinerien müssen fehlende Golf-Barrel durch teurere Alternativen aus (…) den USA ersetzen.“
Die größten Erdölvorkommen: Venezuela, Saudi- Arabien, Iran. Die größten Fördermengen: USA, Saudi-Arabien, Russland.
Reiner Zufall aber, dass der Ukrainekrieg russisches Öl verhindert, Venezuela in US-amerikanischer Hand ist und durch den Irankrieg iranisches und saudisches Öl blockiert wird (und deren Förderkapazitäten auf Jahre zerstört sind).
Es ist ein Vernichtungskrieg auf wirtschaftlicher Ebene. Gegen Europa und China.
Wenn die andere Seite den Konflikt eskaliert, läüft Trump wie ein tapsiger Bär durch die Manege und brüllt. Anfangs sind die Zuschauer erschrocken, später lachen sie darüber! Wie die Mullahs im Iran!
Ich dachte immer für apokalytische Propagandaartikel wären die Hauptstrommedien zuständig. Aber sowas verkauft sich natürlich besser als nüchterne Analysen. Dieser inflationäre Gebrauch von Begriffen wie „Krise“ und „Schock“ für völlig normale Lebensabläufe nervt nur noch ungemein. „Europäische und asiatische Raffinerien zahlen für sofort lieferbares Rohöl teilweise 150 Dollar pro Barrel.“ Das ist ja wirklich dramatisch! Inflationsbereinigt ist das allerdings immer noch weniger als 2011 und liegt lediglich über dem Preis vom 1981. Da werden sich dann ja spätestens ab nächster Woche Milliarden von Menschen in endlosen Hungertrecks über die Kontinente schleppen. Globale Inflation und steigende Preise waren übrigens noch nie… Mehr
Erst wenn die Straße von Hormus durch Bodentruppen aus den USA und Europa zuverlässig bewacht wird, werden die Öltanker wieder fahren können, vorher nicht.
Die USA sind darauf wenig angewiesen, Europa aber sehr, s
Welches Interesse hätten die USA dann an einer „Bewachung“? Außer den entsprechenden „Versicherungsgebühren“ und der Möglichkeit, auch diesen Öltransportweg zu beherrschen (siehe Venezuela )?
Die Straße von Hormus gehört zur Architektur des IMEC, der u.a. von Kushner vorangetrieben wird. Die Sicherheit der Passage ist für Investoren wichtig.
Ausserdem werden die Chinesen dann möglicherweise vorsichtiger mit ihren Taiwan-Ambitionen, wenn die Amerikaner beweisen, dass sie sowas auch gegen Widerstand und Kosten bereit sind durchzusetzen.
Wenn Taiwan fällt, entsteht ein so riesiges Gap in der Chip-Versorgung der Welt, dagegen wäre eine „Ölkrise“ wegen Hormuz eine lustige Gartenparty.