Ferrari unter Strom: „Luce“ und das Ende eines Mythos

Ferrari stellt mit „Luce“ sein erstes vollelektrisches Serienmodell vor. Technisch ist der Stromer beeindruckend, doch viele Fans sehen in ihm keine Zukunft, sondern einen lautlosen Angriff auf den Mythos von Maranello. Wenn der Ferrari plötzlich summt wie ein Designer-Kühlschrank.

picture alliance / ipa-agency | Quirinale / Fotogramma
Präsentation von Ferrari "Luce", Rom, Italien, 26.05.2026

In Maranello bebt der Asphalt. Nicht wegen eines kreischenden Zwölfzylinders, sondern wegen bedrückender Stille. Ferrari hat mit der neuen „Luce“ sein erstes vollelektrisches Serienmodell vorgestellt: einen mattblauen, fünftürigen 1.050-PS-Stromgleiter mit 122-kWh-Batterie, 800-Volt-Architektur und dem Charisma eines sehr teuren Apple-Geräts auf Rädern.

Das Internet reagiert erwartbar hysterisch. Die einen feiern die „Zukunft“, die anderen basteln Memes. Auf X kursieren bereits Bilder eines Ferrari mit Verlängerungskabel vor einer Eisdiele in Mailand. Ein anderes Meme zeigt einen buddhistisch meditierenden Ferrari-Fahrer mit der Bildunterschrift: „Endlich hört man beim Fahren die eigenen Existenzängste.“

Und tatsächlich: Die neue „Luce“, also Licht, wirkt weniger wie ein romantisch-traditioneller Ferrari, sondern eher wie das Abschlussprojekt einer Elitehochschule für nachhaltiges Luxusdesign. Alles ist perfekt, glatt, effizient, emissionsarm und emotional dennoch umso steriler. Ferrari wollte Licht ins Klimadunkel bringen. Heraus kam für viele Fans und Liebhaber eher eine Kerze am Grabmal des Verbrennungsmotors.

Luca di Montezemolo – der letzte Aristokrat von Maranello

Doch dann sprach einer, bei dem in Italien selbst gestandene Industrielle kurz den Espresso abstellen: Luca Cordero di Montezemolo. Nunmehr 78 Jahre alt, elegant wie ein römischer Staatsmann alter Schule, geistig wach wie ein ambitionierter Vierzigjähriger und noch immer mit Benzin im Blut. Wenn Montezemolo redet, hören in Italien sogar jene zu, die sonst nur auf Aktienkurse starren.

Und der langjährige Ferrari-Chef fand für die elektrische „Luce“ nur eisigen Spott. Er warnte vor der „Zerstörung eines Mythos“. Mehr noch: Hoffentlich, sagte er sinngemäß, nehme man wenigstens das Cavallino, das springende Ross, vom Fahrzeug herunter. Das saß. An der Börse sackte die Ferrari-Aktie prompt ab. In Maranello dürfte man das Geräusch fallender Kurse inzwischen deutlicher gehört haben als den neuen Elektro-Ferrari selbst.

Montezemolo ist eben kein gewöhnlicher Ex-Manager. Er ist eine Institution. Ein piemontesischer Aristokrat aus altem Adel, erzogen im Pflichtgefühl gegenüber Stil, Verantwortung und Leistung. Er schloss sein Studium der Rechtswissenschaften an der Sapienza Università di Roma mit summa cum laude ab, organisierte die Fußball-WM 1990, sanierte einst Fiat en passant, baute Unternehmen um und führte Ferrari zu Weltruhm.

Vor allem aber verstand er etwas, das moderne Strategieberater nur noch in PowerPoint-Folien simulieren können: Mythos.

Enzo Ferrari selbst entdeckte Montezemolo einst durch eine Radiosendung. Während andere Anrufer Ferrari schlechtredeten, verteidigte der junge Jurastudent leidenschaftlich den Rennsport. Der alte „Commendatore“ hörte zu und holte ihn nach Maranello. Der Rest wurde italienische Industriegeschichte.

Mit Niki Lauda gewann Ferrari Mitte der siebziger Jahre Fahrer- und Konstrukteurstitel zurück. Ferrari war damals keine Marke. Ferrari war Religion mit Auspuffanlage. Michael Schumacher, mehrmaliger Formel-1-Weltmeister, entschied sich ganz bewusst dafür, für den Mythos Ferrari zu fahren.

Klima-Religion trifft auf italienische Seele

Nun also die „Luce“. Der Name allein klingt schon eher nach Wellnesshotel in Südtirol als nach Supersportwagen. „Licht“. Früher hießen Ferraris Testarossa, F40 oder Enzo. Namen wie emotionale Faustschläge auf den Tisch. Heute klingt das neue E-Spitzenmodell wie eine Designlampe aus Mailand.

Natürlich ist das Fahrzeug technisch beeindruckend. 530 Kilometer Reichweite. Über 60 neue Patente. Ladeleistung bis 350 kW. Ingenieurskunst auf höchstem Niveau. Niemand bestreitet das.
Aber genau darin liegt das Problem.

Ferrari, das wissen Fans, Sammler und Liebhaber, war nie bloß Technik. Ferrari war Theater. Drama. Mechanische Leidenschaft. Der heisere Kaltstart in einer Tiefgarage. Das Vibrieren des Lenkrads. Das Gefühl, dass hinter dem Motor ein leicht verrückter italienischer Ingenieur mit Zigarette und Temperament steckt.

Die „Luce“ dagegen wirkt wie ein Fahrzeug, das von ESG-Beratern, Klimaabteilungen und Unternehmensjuristen gemeinsam abgenommen wurde.

Sicher doch, die Welt verändert sich. Das Zeitalter nach Greta. Auch Ferrari muss sich verändern. Wirklich? Marken leben nicht allein von Innovation, sondern von Identität. Ein elektrischer Ferrari ist technisch möglich. Emotional aber bleibt er für viele ein Widerspruch wie alkoholfreier Grappa oder eine Oper ohne Stimme.

Luca di Montezemolo, heute auch als Berater und hochdotierter Redner gefragt, verstand genau das. Deshalb verehren ihn bis heute Millionen Italiener. Umfragen zufolge hätten ihn noch vor wenigen Jahren viele sogar lieber als Ministerpräsident gesehen. Nicht weil er laut war, sondern weil er italienische Exzellenz verkörperte: Eleganz ohne Protzerei, Autorität ohne Hysterie, Erfolg ohne Silicon-Valley-Geschwätz.

Er sagte einmal vor vielen Studenten an einer Universität, das Geheimnis großer Unternehmen seien zuerst die Menschen, dann das Produkt und erst danach die Kunden. Heute scheint es oft umgekehrt.

Die „Luce“ mag die Zukunft sein. Möglich. Vielleicht verkauft sie sich hervorragend. Vielleicht begeistert sie neue Käufer in Kalifornien, Shanghai und Dubai. Aber auch das meinte Montezemolo: der einzige Vorteil? Dieser Wagen werde von den Chinesen sicher nicht kopiert. Neue Käuferschichten, die ihr Gewissen mit einem seelenlosen Ferrari beruhigen?

Doch irgendwo in Maranello sitzt vermutlich noch immer ein alter Mechaniker, hört die lautlose Luxusmaschine vorbeigleiten und denkt sich dabei nur: eine bella macchina vielleicht. Aber ein echter Ferrari war früher ein ganz anderes Lebensgefühl.

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Kommentare ( 16 )

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Ombudsmann Wohlgemut
27 Minuten her

Na klar, F40 und Enzo klingen wie Faustschläge auf den Tisch…

Warum anderen, die lieber Elektro fahren und dem Sound eines V12 nicht allzu viel abgewinnen können, alles vermiesen? Was die einen als Seele oder Mythos sehen, muss nicht für andere zutreffen.
Es ist ja nicht wie bei vielen beliebten alten Serien, die durch Wokismus komplett zerstört wurden, da es das Original ja noch gibt.
Das Auto ist lediglich eine Angebotserweiterung, Ferrari will nicht auf Elektro umsteigen, dessen Anteil soll zukünftig lediglich 20% betragen.
Außerdem ist ein Ferrari kein Alltagsauto, muss also nicht einmal rational begründet sein.

Micci
28 Minuten her

Aber vielleicht ist das ja die geschickteste Unternehmensstrategie, die möglich ist?

Angenommen, die hätten ein aufregenden F40-Nachfolger als Verbrenner gebaut – quer durch die Medienlandschaften würde man nicht den neuen aufregenden Ferrari besprechen, sondern lauter „sowas tut man heutzutage nicht mehr“ – Artikel schreiben.
So kann Ferrari nun das neueste Verbrenner-Topmodell herausbringen mit der Begründung: wir haben ALLES gegeben, es elektrisch zu versuchen und es ist total schiefgegangen. es lag also nicht an uns, dass wir nun den handfesten Beweis haben: elektrisch geht nicht.

Skeptiker
33 Minuten her

Ich denke schon lange, dass ich – wenn ich mir einen Porsche leisten könnte (UND wollte) einen elektrischen bestimmt NICHT nehmen würde. Für einen Ferrari gilt das natürlich ebenso, vielleicht noch stärker.

Guzzi_Cali_2
38 Minuten her

Ich wage die Behauptung, daß diese optische Anmaßung ein ähnlicher Flop wird, wie dieser Jaguar-Kasten und die ganzen deutschen E-twasse wie Porsche Taican oder Mercedes EOS. Wenn sie wenigstens schön wären, aber es ist eben so wie Tofu-Wurst oder veganes Schnitzel – selbst wenn es aussieht „WIE“, ist es eben nicht „the real stuff“. Enzo Ferrari sagte mal „Bei einem Ferrari kauft man den Motor – die Karosserie ist gratis.“ Beim „Lutscher“ sind es vier Elektromotoren, wie von einer Waschmaschine. Und? Dazu kriegt man eine adäquate, grubenhässliche Karosserie.

Micci
39 Minuten her

Was wohl Enzo Ferrari dazu gesagt hätte?

Ich bin mir sicher:
er hätte überhaupt nichts gesagt, sondern dem Entscheidungsträger für diese Monstrosität wortlos eine reingehauen!

E.Frei
44 Minuten her

Sehr schade, ein Mythos weniger. Da hat jetzt offenbar der Druck des Zeitgeistes eines der letzten Refugien erreicht und zur Unterwerfung geführt.

Egge940
48 Minuten her

Zusammengefasst: Mimimi, ich will Brumm Brumm, dieses neue Elektrozeug finde ich doof.
Ganz im Ernst was soll das? Dieser Ferrari ist einfach ein weiteres Fahrzeug von Ferrari, keiner will die ganze Modellpalette elektrifizieren. Die Fans von Gestank und Lärm werden schon weiter auf ihre Kosten kommen.

Ich bin RECHTS
54 Minuten her

Für mich ist nicht verständlich, was an den qualmenden, stinkenden, Krach machenden Verbrennern so toll sein soll. Deutschland ist hier extrem rückständig und es ist ein Leichtes füe die Chinesen unsere Ewiggestrigen zu überholen. Deutschlands kreativste und innovativste Zeit war das Kaiserreich. Hier machten nicht nur Daimler, Benz, Diesel und Otto ihre Erfindungen. Das Kaiserreich war auch in Hinblick auf Elektromobilität ein absoluter Vorreiter. So fahren auf dem Königssee bereits seit 1909 (!!!) also seit 117 Jahren ausschließlich Elektroboote. Zu dieser Zeit waren die Eltern von Elon Musk noch nicht einmal geboren. Ich empfehle Deutschlsnf dringendst, sich nicht auf den… Mehr

Wilhelm Roepke
56 Minuten her

Ein Ferrari brauche ich zum Angeben oder zum ohrenbetäubenden Rasen. Mit diesem vernünftigen Gefährt kann man weder das eine noch das andere.

Zhenmei Zutun
58 Minuten her

Doch, ich bestreite vehement, dass das hohe Ingenieurskunst ist. Was soll denn daran schwierig sein, eine Batterie auf Rädern zu bauen?