Rauchzeichen aus dem grünen Paralleluniversum

Die Irankrise legt die Lebenslügen der deutschen Politik offen. Steigen infolge der Blockade der Straße von Hormus die Energiepreise weiter, gerät Deutschland massiv unter Druck. Die Grünen halten unbeirrt am Kurs einer beschleunigten Energiewende fest.

picture alliance / SvenSimon | Malte Ossowski

Die grüne Ideologie hat sich tief im deutschen Zeitgeist verankert. Wer die öffentliche Debatte in den Medien verfolgt und ihre moralinsatte, ökologistische Tendenz ernst nimmt, wird den Grünen zugestehen müssen, diesen Zeitgeist zu dominieren. Politisch finden sich ihre Forderungen jenseits der Brandmauer in der Agenda sämtlicher Parteien wieder; Bildungssystem und administrativer Korpus der Republik wirken durchtränkt vom Geist eines halluzinierten Transformationszwangs und einer Degrowth-Fantasie, die Verzicht zur Tugend erhebt.

Grüne Ideologie erscheint damit als klassisches Verfallssymptom einer an sich selbst übersatten Kultur, die dazu übergegangen ist, von ihrer Substanz zu leben, ohne ihr neue Werte hinzuzufügen. Es wird das Bild eines Landes wie aus einem Hippie-Film kultiviert.

Eine kleine, aber wortgewaltige Minderheit hält dennoch unbeirrt die Fahne der Vernunft in den Faulwind ökosozialistischer Dominanzattitüde und bleibt bei ihren Forderungen nach einer Rückkehr zur Ordnungspolitik und einem Comeback rationaler Energiepolitik.

Gleichzeitig wirft sie ein Licht auf den intellektuellen Zustand der deutschen Öffentlichkeit und Politik – und die Grünen arbeiten unter Hochdruck daran, diesen intellektuellen Dämmerzustand zu zementieren: Sie fordern eine Beschleunigung der grünen Transformation. Mitten in der schwersten Energiekrise unserer Zeit, im Angesicht des Scheiterns ihres Transformationstraums.

Die Antwort auf die eminente Energiekrise, die sich aus dem Iran-Konflikt ergibt, müsste vernünftigerweise anders lauten: sämtliche konventionellen, grundlastfähigen Quellen zu aktivieren, um die Energieversorgung von 84 Millionen Menschen sicherzustellen und kein soziales Chaos zu riskieren. Es wäre an der Zeit, auch den Dialog mit Russland wieder zu eröffnen. Der Krieg ist verloren; in Brüssel, Berlin und Paris hat man sich verzockt. Einen Systemsturz in Moskau wird es nicht geben. Energieflüsse und Rohstoffe wird man weiter zu Marktpreisen einkaufen müssen – allerdings aus einer geopolitisch deutlich schwächeren Position heraus.

Dumm gelaufen: Dumme Politik führt zu schlechten Ergebnissen

Und wo bleiben angesichts der Gasknappheit die Debatten über beschleunigte Genehmigungen und die generelle Erlaubnis für Fracking, über die Erschließung der erheblichen europäischen Gasvorkommen, die grundlastfähige Energie über Jahrzehnte sichern könnten? Stattdessen erstickt Deutschland in einer eigentümlichen Weinerlichkeit gegenüber einem vermeintlichen Schicksalsschlag, der das Land aus dem Golf von Hormus traf.

Die Welt blickt mit Entsetzen auf die naive deutsche Energiepolitik. Die Eliminierung der eigenen Kernenergie wird als der intellektuelle Tiefpunkt erlebt – die Passivität Berlins im Angesicht der Gaskrise als politischer Fatalismus gelesen.

So erscheint die Forderung der Grünen, die Transformationsagenda trotz – oder gerade wegen – der sichtbaren Verwerfungen weiter zu beschleunigen, beinahe folgerichtig für ein Land, das erkennbar Mühe hat, die Realität als das anzuerkennen, was sie ist: eine vorgegebene Handlungsmatrix, die rationales Verhalten erzwingt, wenn man nicht im Chaos enden will. Klar, der ökonomische Suizid ist stets eine denkbare Option. Und die Deutschen haben sich mehrheitlich für diesen Handlungsstrang entschieden, an dem sie nun baumeln.

Dem Spiegel liegt der Antrag der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen vor, der am Donnerstag in den Bundestag eingebracht werden soll.

Im Wesentlichen knüpft das Transformationspamphlet an den bereits im Januar veröffentlichten Zehn-Punkte-Plan der Partei an. Dieser sah massive Subventionen in die bekannten Transformationskanäle vor: den beschleunigten Ausbau der Windenergie, der Solarkraft sowie eine weitere Förderung über das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Wiederkehrende Forderungen der deutschen Streiter für den Green Deal, die dem Subventionsberg wohl fünf Milliarden Euro hinzufügen würden – eine gute Sache, sagt sich der Ökologist, da ja jetzt Energie so hoch im Kurs steht.

Darüber hinaus sollten Netzinfrastruktur und Speicherkapazitäten in großem Stil ausgebaut, die Elektrifizierung von Industrieprozessen vorangetrieben und staatliche Investitionsprogramme für klimaneutrale Technologien aufgelegt werden.

Vorgesehen waren zudem weitergehende Kaufanreize für E-Mobilität, Förderlinien für Wärmepumpen und Gebäudesanierungen sowie ein Transformationsfonds, der Unternehmen beim Umbau ihrer Produktionsketten unterstützen soll.

Das ist hinlänglich bekannte ökosozialistische Prosa: eine Mischung aus Fantasiewelt und Wunschdenken, getränkt von der Hoffnung, dass sich am Ende doch noch alles irgendwie zum Guten wende. Beschwörungsformeln, die Realität durch hohle Sprachspiele ersetzen.

1990 steuerte die in Deutschland so verhasste Kernenergie noch rund ein Viertel zum Strommix bei. Etwa zwei Drittel – rund 65 bis 70 Prozent – entfielen auf fossile Energieträger. Diese Struktur war Ausdruck eines Systems, das Versorgungssicherheit höher gewichtete als symbolische Politik.

Gerade die Kohle, die auch heute noch rund 20 Prozent zur Stromerzeugung beiträgt, soll nun ebenfalls dem Klimagott geopfert werden. Zusammen mit dem Erdgas liefern diese Energieträger weiterhin nahezu 40 Prozent des Stroms – jenen grundlastfähigen Anteil, auf den eine Industrienation zwingend angewiesen ist. Die vollkommen entgrenzte Klimapolitik hat diesen Sockel nicht nur massiv beschädigt, sondern zielt darauf ab, ihn weiter zu zerhämmern.

Wie gesagt: Der Bezugsfaden zur Realität wurde in der deutschen Politik mit Vorsatz durchtrennt. Gas und Kohle sind Energieträger, die sich auf den Weltmärkten beschaffen ließen, wenn man sich international als normaler Handelspartner präsentierte – ohne moralinsaures politisches Geschwätz und ohne belehrende Forderungen an jene Länder, von denen man abhängig ist.

Es ist erstaunlich, dass sich nach Jahrzehnten der Erfahrung mit ökosozialistischer Zentralplanung keinerlei Annäherung dieser isolierten politischen Funktionärswelt an die Lebenswirklichkeit vollzogen hat. Die Praxis hat die Theorie nicht korrigiert, sie hat sie lediglich rhetorisch aufgerüstet. Die immer gleichen Rezepte werden mit immer größerem moralischem Nachdruck vorgetragen.

Ob man im Geheimen spürt, dass jene, die diesen Utopismus finanzieren – der gewerbliche Mittelstand, Millionen Arbeitnehmer und Steuerzahler –, unter dieser Agenda buchstäblich ökonomisch in die Knie gehen; dass damit langfristig auch die Finanzierung des grünen Staats im Staate selbst auf immer wackligeren Beinen stehen wird? Das sind offenkundig keine Themen grüner Gewerkschaftsseminare oder jener parteiinternen Think Tanks, in denen die großen Transformationslinien entworfen werden.

Es steht zu befürchten, dass es der Grünen-Fraktion erneut gelingen wird, Teile dieser Katastrophenagenda in materielles Recht zu übersetzen, wie es ihr in der Vergangenheit immer wieder gelang. Auf das Klima-Update im Januar folgt nun der „Transformations-Turbo“, wie die Grünen ihre grüne Subventionsmaschine selbst nennen.

Vielleicht liegt darin eine paradoxe Hoffnung: dass eine massive Beschleunigung dieses Crash-Kurses auch die Krise selbst beschleunigt und sie endlich auf den Punkt bringt. Der Begriff Krise geht auf das altgriechische „krisis“ zurück und bedeutet Wendepunkt, Entscheidung. Einen solchen Wendepunkt, der uns auf den Pfad der Vernunft zurückführt und diese Entscheidung erzwingt, brauchen wir dringender denn je.


 

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Kommentare ( 52 )

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52 Comments
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Radikaler Demokrat
1 Monat her

Linke Ideologie wird IMMER an der Realität scheitern.
Das Problem, daß Ideologen das Scheitern weder erkennen noch einsehen, sondern immer daran festhalten, daß „mehr Geld“ das Problem löst, und wenn das nicht hilft, sind eben die Kritiker schuld, so daß man die Kritiker mit allen Mitteln loswerden muss, und wenn die – notfalls final – zum Schweigen gebracht wurden, ist alles andere schuld, weil es mit dem „Fortschritt“ nicht mithält, usw.
Das Ergebnis linker Ideologie ist IMMER Armut, Zerstörung und jede Menge Leichen.

humerd
1 Monat her

und wieder jammern die Autofahrer über die Preise an den Tankstellen. Der Deutschen liebste Beschäftigung: jammern, jammern und nochmals jammern. Vorher nachdenken ist zu anstrengend

Juergen P. Schneider
1 Monat her

Ein treffende Beschreibung der Bestrebungen der grünen Idiotensekte. Dass dieser Irrsinn im gesamten Altparteienkartell nach wie vor mehrheitsfähig ist und von der Deppen-Mehrheit im Land immer wieder gewählt wird, spricht für die Aussichtslosigkeit der Situation. Ein ganzes Land hat im ökosozialistischen Delirium den Verstand verloren. Leidtun können einem nur die Wähler der AfD, die sich an den Wahlurnen gegen das heraufziehende ökonomische Fiasko stemmen. Eine große Mehrheit beschwert sich über die desaströsen Zustände und wählt fortwährend diejenigen Parteien, die diese Zustände herbeigeführt haben. Dieses Land ist nicht mehr zu retten.

Minusmann
1 Monat her

Grüne Politik und Denke sind ein Fall für den Psychiater. Auch die schon lange als pathologisch anzusehende Obsession, noch das hinter letzte Kaff vollzustopfen mit Migranten aus vornehmlich islamischen Ländern, gehört dringend auf die Couch. Die permanenten Selbstbezichtigungen und Schuldgefühle, für das Elend der Welt verantwortlich zu sein, die Abwertung der eigenen Kultur und Herkunft und der damit verbundene Selbsthass tragen eindeutig masochistische Züge. Dazu kommt, wie im Artikel beschrieben, eine bizarre Realitätsverleugnung verbunden mit einer schon unverschämt zu nennenden Bigotterie, die grüne Besserverdiener Wasser predigen und Wein saufen lässt. Alles in allem ein ziemlich schlimmer Befund. Aber Irrsinn steht… Mehr

Blauracke
1 Monat her

In BW ist die Wahlprognose für die bei weit über 20 %. WAS ist dort im Trinkwasser?

Delegro
1 Monat her
Antworten an  Blauracke

Immer schon eine Hochburg der Grünen gewesen. Die ganzen hirnrissigen Projekte konnte man noch müde belächeln, da man ja mit einer starken Industrie über genügend Geld verfügt. Nicht Jugend forscht sondern Grün forscht eben! Jetzt dreht sich das Blatt. Die Landeseinnahmen schmilzen wie Schnee in der Sonne. Die wichtigen Industriezweige (Automobil, Maschinenbau, Chemie) wurden ökokapitalistischen Hirngespinsten geopfert. Die Kohle ist futsch. Und das wird auch der grün angehauchte Lastenfahrradfahrer aus BaWü am eigenen Leibe zu spüren bekommen. Weg ist der gut bezahlte Job in der Industrie. Nur die Staatsdiener wählen noch grün und die fetten Ökokapitalisten, die schon bis heute… Mehr

Nacktflitzer
1 Monat her

Man fasst sich jedes Mal an den Kopf: Wieso versteht ein Großteil der Bevölkerung das Konzept der Grundlast eigentlich nicht? Wieso ist es kein Grundwissen, daß man immer genauso viel Strom produzieren muß, wie gerade verbraucht wird und daß es keine ernstzunehmenden Stromspeicher auf lange Sicht gibt? Dieses Wissen muß den Leuten mal eingetrichtert werden, damit dieser Irrsinn der „Energiewende“ endet.

Phil
1 Monat her

Wenn ich mir diese cringen Vollpfosten nur ansehe, wundere ich mich über gar nichts mehr, was derzeit in Europa und insbesondere in Deutschland passiert.
Wir sollten es wie die jungen Chinesen machen, passiver Widerstand, Lying flat, let it rot.

moorwald
1 Monat her

Im persönlichen Leben geht es auch nicht ohne eine Mischung von Wissen, Glauben, Plausibilität, Illusionen.. Wir wissen meistens viel weniger, als wir annehmen. Damit kommen wir erstaunlich gut zurecht. Gefährlich wird es, weil folgenreich für die Menge, wenn Politik die Wirklichkeit und den Sinn für das Mögliche und Sinnvolle aus den Augen verliert. Das geschieht z.B. wenn einseitig und ohne Abwägung eine „wissenschaftliche“ Lehrmeinung zum Dogma erhoben wird. So geschehen im Fall „Corona“. Oder eben auch in Sachen „Klimarettung“. Die Grenze zum Wahn ist dann bald überschritten. Deutschland, dieser energiepolitische Geisterfahrer, wird nur unter großen Schmerzen und Umwälzungen den Weg… Mehr

Last edited 1 Monat her by moorwald
wegmitdenaltparteien
1 Monat her

Was dieses Land braucht, ist eine absolut ambitionierte und rigorose Entgrünefizierung.

der Albaner
1 Monat her

Man kann über Energiepolitik, Klimapolitik oder Industriepolitik streiten. Das gehört zur Demokratie. Auffällig finde ich an dem Artikel jedoch weniger die ökonomische Argumentation als die Dramaturgie. Was zunächst wie eine wirtschaftspolitische Analyse beginnt, endet schnell in einer kulturpsychologischen Diagnose: Eine ganze politische Richtung erscheint als Ausdruck einer „übersättigten“ oder „dekadenten“ Gesellschaft, die den Bezug zur Realität verloren habe. Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung. Aus einer politischen Auseinandersetzung über Strategien im Umgang mit Klimawandel und technologischer Transformation wird eine Art Zivilisationsdiagnose. Solche Diagnosen haben eine lange Tradition. Sie tauchen immer dann auf, wenn politische Konflikte nicht mehr als Streit über Lösungen… Mehr

Juergen P. Schneider
1 Monat her
Antworten an  der Albaner

Den Grünen wird ja nicht die Zugehörigkeit zur gemeinsamen Realität abgesprochen, sondern diese Politsekte nimmt diese gemeinsame Realität offenkundig nicht wahr. Es findet ja auch kein Umbau der Energieversorgung statt, sondern die Energieversorgung wird planmäßig ruiniert, ohne dass adäquater Ersatz geschaffen wird. Es ist eben kein Fortschritt, wenn man zur Stromerzeugung eine mittelalterliche Antriebstechnik favorisiert und sich damit vom Wetter abhängig macht. Um Träume zu verwirklichen, muss man erst aufwachen. Die grüne Idiotensekte hat sich aber entschlossen, weiter zu träumen. Sie schreiben, Demokratie funktioniere anders. Vielleicht sollten Sie einmal zur Kenntnis nehmen wie die Stromversorgung mit einem Wechselstromnetz funktioniert. Da… Mehr