Noch ein Riesen-Börsengang – geopolitische Spannungen nehmen zu – bei VW kommt es zum Schwur

Noch ein Riesen-Börsengang hält die KI-Euphorie am Leben: des Chipherstellers SK Hynix. Es ist der zweitgrößte nach dem von SpaceX vor einigen Wochen. Für VW dürfte die kommende Woche zur Woche der Entscheidung werden. Und für Verbraucher gibt es eine gute Nachricht: Schokolade wird wieder preiswerter.

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Nach Monaten voller Rekorde und KI-Euphorie kehrt langsam etwas zurück, das man Investoren häufig unterstellt, das an der Börse aber manchmal zu kurz kommt: Nüchternheit. Nicht jede Nachricht löst noch ein Kursfeuerwerk aus. Und nicht jedes Unternehmen, das das Kürzel „KI“ in eine Pressemitteilung schreibt, wird automatisch gefeiert. Anleger schauen wieder genauer hin. Das macht die Märkte zwar anfälliger für Enttäuschungen, langfristig aber gesünder.

Vor diesem Hintergrund sorgte für die spannendste Geschichte der Woche ein Unternehmen, das vielen Privatanlegern in Europa kaum bekannt ist: der südkoreanische Speicherchiphersteller SK Hynix. Dessen gelungener US-Börsenstart prägte das Geschehen am letzten Handelstag der Woche. Das Unternehmen nahm 26,5 Milliarden Dollar ein. Damit ist dies die zweitgrößte Emission aller Zeiten nach dem Rekordbörsengang von Elon Musks SpaceX vor einigen Wochen (85,7 Milliarden Dollar). Aus Bankenkreisen wurde bekannt, dass die Emission siebenfach überzeichnet gewesen sei. Die Papiere des Branchenschwergewichts gingen mit einem ersten Kurs von 170 US-Dollar in den Handel und stiegen bis auf 177 Dollar. Das waren fast 20 Prozent mehr als der Ausgabepreis von 149 Dollar je Aktie. Zum Schluss betrug der Aufschlag auf den Emissionspreis 13 Prozent. Die Platzierung galt als Lackmustest für die Bereitschaft von Investoren, weiterhin auf die Wachstumschancen rund um Künstliche Intelligenz zu setzen. „Der Börsengang des Chip-Herstellers SK Hynix bestärkt die Zuversicht, dass der Investmentzyklus im Segment Künstliche Intelligenz intakt ist“, hatte Stratege Jim Reid von der Deutschen Bank im Vorfeld des Ereignisses geschrieben. Weniger gut erging es den Aktien von SpaceX. Kurz vor Handelsschluss rutschten die Papiere mit gut 145 Dollar auf den niedrigsten Stand seit dem Börsengang am 12. Juni.

Der Leitindex Dow Jones Industrial schloss am Freitag mit 0,3 Prozent im Plus bei 52.637 Punkten. Für die Börsenwoche steht allerdings ein moderates Minus zu Buche. Damit bleibt der Dow aber in Schlagdistanz zum Rekordhoch vom Dienstag bei 53.289 Zählern.

Der marktbreite S&P 500 legte am Freitag um 0,4 Prozent auf 7.575 Zähler zu. Der technologielastige Nasdaq 100 stieg um gut 0,3 Prozent auf 29.825 Punkte. Das starke Börsendebüt von SK Hynix trieb auch Aktien aus der Halbleiterbranche wie Nvidia, Sandisk, Applied Materials AMD an.

Entscheidender Schrittmacher für die Aktienmärkte war zuletzt der Ölpreis in Abhängigkeit vom Konfliktgeschehen im Nahen Osten. Auch am Energiemarkt tat sich am Freitag aber wenig. Die Internationale Energieagentur warnte, ein erneuter Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen den USA und dem Iran könne die Bemühungen zum Wiederaufbau der erschöpften weltweiten Ölvorräte im weiteren Verlauf dieses Jahres gefährden. Dass beide Konfliktparteien trotz der jüngsten militärischen Eskalation Verhandlungsbereitschaft signalisierten, beruhigte die Anleger ein wenig.

Bei den Einzelwerten fielen Meta mit einem Kursplus von sechs Prozent auf. Als Antreiber für die Titel des Social-Media-Riesen erwies sich ein positiver Bericht der Tech-Analysefirma SemiAnalysis über das KI-Computing-Geschäft von Meta. Vorläufige Ergebnisse einer EU-Untersuchung, denen zufolge die Meta-Plattformen Instagram und Facebook zu große Suchtgefahren für Kinder und Jugendliche bergen, ließen die Anleger kalt.

Die Aktien von Delta Air Lines verloren knapp zwei Prozent. Sie hatten allerdings in den vergangenen Wochen kräftig zugelegt. Die Fluggesellschaft trotzte mit einem besser als erwartet ausgefallenen Quartalsgewinn den in diesem Zeitraum deutlich gestiegenen Kerosinpreisen. Zudem griff sie ihre vorübergehend ausgesetzte Jahresprognose für diese wichtige Ergebniskennziffer wieder auf.

Nach der leichten Vortageserholung hatte sich auch der deutsche Aktienmarkt verhalten präsentiert. Der Dax gab um 0,2 Prozent auf 25.067 Punkte nach. Damit ergibt sich für den Leitindex ein Wochenverlust von 2,8 Prozent. Der MDax, der Index der mittelgroßen Werte, stieg am Freitag um 0,3 Prozent auf 31.919 Zähler. Am letzten Handelstag der Woche habe sich neue Zuversicht in die Nachfrage nach KI-Aktien mit einer skeptischen Haltung gegenüber der geopolitischen Großwetterlage gemischt, schrieb Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank. Die Anleger hierzulande können sich mit der fragilen Lage im Nahen Osten arrangieren, solange – wie jetzt auch wieder – am Ende des Tages der Gesprächsfaden nicht vollends reißt.

Der durch US-Glyphosatklagen von hohen Schulden belastete Pharma- und Agrarchemiekonzern Bayer verschafft sich durch einen Milliardendeal mit der Beteiligungsgesellschaft Apollo mehr finanziellen Spielraum. Apollo erhält eine Minderheitsbeteiligung an einer neuen Gesellschaft, in die Bayer sein Geschäft mit Langzeit-Verhütungsmitteln einbringt. Die Bayer-Anteilscheine fielen dennoch um mehr als ein Prozent.

Das Sparpaket von Volkswagen-Chef Oliver Blume ist bei der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag einem Medienbericht zufolge abgelehnt worden. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ unter Berufung auf Konzernkreise berichtete, stimmten die Vertreter der Arbeitnehmer und des Landes Niedersachsen gegen das Paket. Volkswagen will unter anderem auch seine Modellpalette deutlich zusammenstreichen. Die Zahl der Modelle im Konzern solle schrittweise um bis zu 50 Prozent schrumpfen, die Anzahl möglicher Ausstattungsoptionen um bis zu 75 Prozent sinken, kündigte der Konzern nach einer Aufsichtsratssitzung in Wolfsburg an. Die VW-Vorzugsaktien büßten fast ein Prozent ein.

Für die Papiere von Salzgitter ging es an der MDax-Spitze um 6,4 Prozent auf gut 51 Euro aufwärts. Die US-Bank JPMorgan hatte die Einstufung der Papiere um zwei Stufen angehoben und das Kursziel von 31,40 auf 65,00 Euro mehr als verdoppelt. Analyst Dominic O’Kane wird optimistisch für die europäische Stahlbranche. Die Abwehrmaßnahmen der Politik zeigten Wirkung und die Gewinnentwicklung der Unternehmen werde Fahrt aufnehmen, schrieb er. Für das zweite Halbjahr geht der Experte von steigenden Stahlpreisen in Europa aus.

Die Aktien von Dürr verloren im Nebenwerteindex SDax 2,4 Prozent auf gut 17 Euro. Analystin Yasmin Steilen von der Privatbank Berenberg hatte die bisherige Kaufempfehlung für die Titel des Anlagenbauers einkassiert und das Kursziel von 40 auf 21 Euro nahezu halbiert. Dürr benötige „frischen Lack“, schrieb sie in Anspielung auf das Geschäft mit Lackieranlagen. Die Abhängigkeit des Unternehmens von den Ausgaben der Autobranche, die ihrerseits schwierige Zeiten durchlebt, sieht sie kritisch.

Die erste Juli-Hälfte markiert traditionell den Auftakt der Quartalsberichtssaison in den USA. Nach einem ersten Halbjahr voller geopolitischer Krisen und KI-Schlagzeilen beginnt nun die Phase, in der Unternehmen liefern müssen. Visionen haben die Börsen weit nach oben getragen. Jetzt sind Gewinne gefragt. Und genau das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieser Woche: Die Märkte lassen sich wieder stärker von Fundamentaldaten leiten als von großen Versprechen und überrissenen Erwartungen. Für langfristige Anleger ist das keine schlechte Entwicklung – denn am Ende setzen sich an der Börse meist die Unternehmen durch, die nicht nur gute Geschichten erzählen, sondern auch gute Geschäfte machen.

Um Fundamentaldaten geht es auch bei VW. Dass der Volkswagen-Konzern sparen muss, ist schon lange bekannt. Wie die anderen deutschen Autobauer ist auch VW mit mehreren Problemen gleichzeitig konfrontiert: dem drohenden Verbrenner-Aus in der EU, den US-Zöllen und der Billigkonkurrenz aus China im E-Auto-Bereich. Im Jahr 2025 hat sich der operative Gewinn von Volkswagen beinahe halbiert. Am Donnerstag war der Aufsichtsrat von VW zur Krisensitzung zusammengetreten, auf der Konzernchef Oliver Blume seine Strategie vorstellte. Offensichtlich konnte er sich nicht durchsetzen, aber seine Pläne seien noch nicht vom Tisch, hieß es im Umfeld des Gremiums. Bis zu 100.000 Stellen könnten wegfallen, vier Werke in Deutschland sollen schließen, ein Konzernumbau droht. Das sind die Eckdaten, die Ende Juni über eine Umstrukturierung des deutschen Autokonzerns Volkswagen durch einen Bericht des „Manager Magazins“ an die Öffentlichkeit durchgesickert waren. Träfen die Zahlen zu, wäre es der radikalste Umbau in der Geschichte der deutschen Automobilindustrie. Die kommende Woche wird wohl zur Woche der Entscheidung für VW.

Zum Schluss noch eine gute Nachricht für Schleckermäuler: Seit Anfang des Jahres hat sich der Kakaopreis etwa halbiert, seit seinem Hochpunkt vor 18 Monaten sogar mehr als gedrittelt. Er liegt damit wieder auf einem langfristig üblichen Niveau. Das merkt man auch beim Einkaufen: Einzelne Schokoladenprodukte sind zuletzt wieder deutlich günstiger geworden. Der Preisrückgang dürfte ein wichtiger Grund dafür sein, warum auch der weltgrößte Schokoladenproduzent, die an der Zürcher Börse notierte Barry Callebaut AG, im zweiten Quartal wieder mehr Ware verkaufte und den Investoren deutliche Entspannungssignale bei Umsatz und Gewinn sendete. Wie dauerhaft die Erholung ist, muss sich aber zeigen. Marktteilnehmer befürchten, dass das Wetterphänomen El Niño in den Kakaoanbauländern rund um den Äquator für schlechte Ernten sorgen könnte und der Preis für Kakaobohnen dann wieder steigt.

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