Genau hinsehen in der Rally

Ein bislang völlig unbekannter Hedgefondsmanager hat vergangene Woche Credit Suisse und Nomura, riesigen, globalen Bankkonzernen herbe Verluste eingebrockt.

© Getty Images

Je mehr über Bill Hwang und seine Firma Archegos ­Capital Management bekannt wird, desto mehr zeigt sich jedoch, dass hier zugunsten fetter Profite wohl ­einige Warnzeichen übersehen wurden. Hwang, ein Schüler des legendären Hedgefonds-Titans Julian Robertson von Tiger Management, war 2012 von der US-Börsenaufsicht SEC wegen Insiderhandel und Kursmanipulation angeklagt worden. Es gab ­einen Vergleich, bei dem Hwang zustimmte, nicht mehr in der Anlageberatung zu arbeiten. Daraufhin gründete er Archegos als Family Office, denn die sind in den USA von zahlreichen Transparenzpflichten befreit. Seine Investments wickelte er offenbar weitgehend über Derivate und Swapgeschäfte mit Banken ab und entzog sich auf diese Weise jeglicher Aufsicht durch Regulierungsbehörden. So ist nach wie vor nicht klar, auf welche Aktien er mit wie viel Geld spekulierte, gemunkelt wird von Positionen im mindestens zweistelligen Milliardenbereich in nur einer Handvoll Aktien, sechs- bis achtfach gehebelt. Darunter waren wohl die US-Entertainment-Werte Discovery und Viacom sowie verschiedene chinesische Titel wie der Bildungsanbieter GSX Techedu und die Videoplattform IQiyi. Über die Regulierung von Family Offices in den USA wird nach dem Vorfall zu reden sein, wie nicht nur US-Finanzministerin Yanet Jellen fordert.

Markant waren zuletzt die starken Kurszuwächse konjunktursensibler Werte im DAX. Automobilaktien, allen voran Volkswagen, trieben den Leitindex am Gründonnerstag auf ein neues Allzeit­hoch von 15 .104 Punkten. An zyklischen Aktien scheint es derzeit ein anhaltendes Kaufinteresse zu geben, dahinter steht die Hoffnung auf ein Ende der Pandemie. Darüber hinaus ist es gerade ziemlich knifflig, Gewinner und Verlierer auszumachen. Das Bild ist diffus: Vor allem die hoch bewerteten Techs reagieren empfindlich auf steigende Anleiherenditen, die zu Jahresanfang stark gestiegenen Energiewerte wurden zuletzt eher verkauft. Neuerdings sind selbst lange gemiedene defensive Titel wie die Telekom wieder im Aufwind. Was also tun?

Genau hinsehen!

In der Eurozone ist die Stimmung in der Industrie trotz der Pandemie so gut wie nie zuvor. Außerdem kam das billionenschwere Infrastrukturprogramm des US-Präsidenten Joe Biden sehr gut an den Märkten an. Mit Spannung werden außerdem die Ergebnisse der Beratungen zur Rohölproduktion der großen Exportländer erwartet. Die Opec werde ihre Fördermengenbremse ebenso verlängern wie das Mitglied Saudi-Arabien seine zusätzlichen freiwilligen Kürzungen, prognostizierte Neil Wilson, Chef-Analyst des Online-Brokers Markets.com.

Den Spitzenplatz im DAX sicherte sich Delivery Hero. Am Vorabend hatte die niederländische Beteiligungsgesellschaft Prosus, die vom südafrikanischen Naspers-Konzern kontrolliert wird, die Aufstockung des Delivery-Anteils auf fast 25 Prozent gemeldet. Damit würden bestehende und künftige Verwässerungseffekte im Zuge der Übernahme der südkoreanischen Woowa durch Delivery ausgeglichen, hieß es. Die Aktie des Essenslieferdienstes legte um mehr als vier Prozent zu. Gefolgt wurde sie von MTU und RWE. Als Schlusslicht ging Bayer ins lange Osterwochenende.

Vor dem verlängerten Osterwochenende blieben auch die Anleger am New Yorker Aktienmarkt guter Dinge. Getrieben von Konjunkturoptimismus griffen sie am Donnerstag vor allem bei Technologiewerten wieder mutig zu, während die zuletzt hochgekochten Sorgen vor anziehenden Marktzinsen nachließen. Die Rendite zehnjähriger US-Anleihen fiel unter die Marke von 1,7 Prozent.

Der Dow Jones Industrial startete mit einem Plus von 0,5 auf 33.153 Punkte in den April. Eine erneute Bestmarke konnte er damit zwar nicht setzen, er blieb aber auf Tuchfühlung zu den am Montag erreichten 33.259 Punkten. Der breiter gefasste S&P 500 hängte den Dow mit einem Anstieg um 1,2 Prozent auf 4.020 Zähler ab. Er schaffte es erstmals in seiner Geschichte über die Marke von 4.000 Punkten.

Unter den Technologiewerten ging die am Vortag begonnene Erholung mit Tempo weiter, nachdem sie in den vergangenen Wochen bei Anlegern etwas an Zuspruch verloren hatten. Der von dieser Branche geprägte Index NASDAQ 100 stieg um 1,8 Prozent auf 13.330 Punkte. Er erreichte den höchsten Stand seit Februar.

Als Haupttreiber gilt weiter die Hoffnung, dass die Impffortschritte einen Weg aus der Pandemie bahnen und die billionenschweren Fördermaßnahmen von US-Präsident Joe Biden dann zu einer konjunkturellen Erholung beitragen werden. Förderlich für diesen Optimismus waren am Donnerstag auch frische Konjunktursignale. Die am ISM-Index gemessene Stimmung in der US-Industrie war auf den höchsten Stand seit über 37 Jahren gestiegen.

Der NordLB-Analyst Tobias Basse wertete dies als klaren Hinweis auf ein kräftiges Anziehen der ökonomischen Aktivität in der US-Industrie. „Diese Nachricht passt gut zur generellen Erwartungshaltung einer in 2021 regelrecht boomenden Ökonomie der Vereinigten Staaten“, so der Experte. Gespannt wird nun auf den Arbeitsmarktbericht gewartet, der trotz Feiertags am Freitag veröffentlicht wird. Gehandelt wird in den USA erst wieder am Montag.

Die großen Gewinner im Dow kamen hauptsächlich aus dem besonders gefragten Technologiebereich. Aktien von Salesforce hatten mit einem Anstieg um 3,2 Prozent die Spitzenposition inne gefolgt von den Microsoft-Anteilen (Microsoft) mit einem Kursgewinn von 2,8 Prozent. Hier wirkte ein am Vortag vermeldeter Großauftrag vom US-Militär noch positiv nach.

Im Chipbereich, der auch dem Technologiesektor zugerechnet wird, rückte Micron Technology ins Blickfeld. Der Speicherchiphersteller gab aufgrund einer lebhaften Nachfrage einen optimistischen Umsatz- und Gewinnausblick ab. Die Aktien reagierten darauf mit einem Anstieg um 4,8 Prozent. Zahlreiche Branchenwerte folgten dem mit deutlichen Kursgewinnen..

Schwäche zeigten im Dow die 0,9 Prozent tieferen Aktien von Johnson & Johnson. Bei der Produktion des Corona-Impfstoffs des Pharmakonzerns gab es bei einer Charge ein Problem. In einer Produktionsstätte eines Partnerunternehmens habe ein Inhaltsstoff die Qualitätskontrolle nicht bestanden und sei daher nicht verwendet worden, teilte der Konzern mit.

China wirft westlichen Ländern im Streit um Menschenrechtsverletzungen „politische Manipulation“ vor. Der Konflikt dreht sich um den Baumwoll­anbau in der Provinz Xinjang, wo internierte Uiguren offenbar Zwangsarbeit leisten. Doch in China selbst läuft unterdessen eine Manipulation der anderen Art, die westliche Unternehmen empfindlich trifft: Der regierungsnahe kommunistische Jugendverband rief zum Boykott von Adidas, Nike und ­anderen Modemarken auf, die sich ­irgendwann einmal Menschenrechte im Baumwoll-Business angemahnt haben. Besonders betroffen ist der schwedische Modekonzern H & M: Seine China-Filialen sind von digitalen Karten-Apps verschwunden, seine Artikel lassen sich nicht mehr bei Taobao oder Tmall bestellen, selbst ein Taxi kann nicht mehr digital zu den Geschäften gerufen werden. Erste Vermieter haben H & M-Läden gekündigt. Man darf gespannt sein, wen der Zorn Chinas als nächsten trifft.

Wenige Tage, nachdem der türkische Präsident Erdogan zum dritten Mal in zwei Jahren den Zentralbankchef ausgetauscht und damit einen Einbruch der türkischen Lira und der Aktienkurse verursacht hat, schasst er auch dessen Stellvertreter. Unterdessen übt sich der neue oberste Währungshüter Sahap Kavcioglu in Schadensbegrenzung. Es sei keineswegs beschlossene Sache, dass er im April den Leitzins senken werde, erklärte er einem Interview mit dem Nachrichtendienst Bloomberg. Zudem stehe er hinter dem türkischen Inflationsziel von fünf Prozent. Die Märkte nehmen Kavcioglu seine Beteuerungen jedoch nicht ab: Die Talfahrt der Lira zum Euro setzt sich fort.


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Kommentare ( 3 )

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3 Comments
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RMPetersen
14 Tage her

Man darf gespannt sein, wen der Zorn Chinas als nächsten trifft.“
Das wird den „woken“ Unternehmensmanagern von Adidas Nike H&M etc doch die gute Haltung wert sein. Was ist schon der chinesische Markt??

Wolfbert
14 Tage her

Automotive, Maschinenbau, Industrieanlagen, Chemie … das hat mal den Industriestandort Deutschland ausgezeichnet.

Heute steht ein Pizza-Lieferdienst an der Spitze des deutschen Leitindex. Man macht sich Gedanken.

haasel
12 Tage her
Antworten an  Wolfbert

Wir werden unser selbstvernichtetes Tafelgold erst vermissen, wenn wir es wieder selbst brauchen!