Auf den ökonomischen Verfall reagiert die Bundesregierung mit einer Flut von Kommissionen und Arbeitsgruppen. Nach der Vorstellung der erweiterten Klimaagenda präsentierte die Arbeitsgruppe Chemie einen Notfallplan für den leidenden Sektor. Die Unternehmen sollen beim Strompreis entlastet werden – geknüpft an die Bedingung, in grüne Projekte zu investieren, was auch immer das konkret bedeuten soll.
picture alliance / Flashpic | Jens Krick
Neben der Automobilindustrie hat keine andere Branche einen härteren Wirkungstreffer durch die Klima- und Energiepolitik erlitten als die Chemiewirtschaft. Durch massive Überregulierung geraten die deutschen Betriebe immer tiefer in das schwere Fahrwasser der grünen Transformation und kämpfen gegen die übermächtige Konkurrenz aus Asien und den Vereinigten Staaten – meist auf verlorenem Posten.
Dass nun selbst das deutsche Flaggschiff BASF, der weltweit größte Chemiekonzern, seine Investitionen zunehmend zum großen Konkurrenten China verlagert und sich damit wie so viele andere auch still und leise vom Wirtschaftsstandort Deutschland entfernt, scheint inzwischen auch in Berlin den einen oder anderen aufgeschreckt zu haben, der allzu lange auf die Vogelstrauß‑Taktik gesetzt und wohl gehofft hatte, die deutsche Wirtschaftsflaute sei lediglich ein vorübergehendes Phänomen.
Der deutschen Chemieindustrie geht es schlecht. Es geht ihr so schlecht, dass sie inzwischen mit einer Kapazitätsauslastung von nur noch etwa 70 Prozent operiert – ein Todesurteil für eine wachsende Zahl von Betrieben, die allein im vergangenen Jahr mehrere Zehntausend Arbeitsplätze abbauen mussten.
Die deutsche Chemieindustrie zählte einmal zu den Posterboys des Wirtschaftsstandorts – zu einer Zeit, da die Wirtschaftspolitik noch als Kunst ordnungspolitischer Rahmensetzungen galt und es in der Bundesrepublik gelang, Ideologen, Interventionisten und politische Karrieristen in Schach zu halten.
Am Donnerstag schließlich präsentierte das Wirtschaftsministerium bezeichnenderweise in Zusammenarbeit mit dem Umweltministerium einen Notfallplan. Die Chemieagenda 2045 mag zwar weit in die Zukunft verweisen, dient aber vor allen Dingen dem Ziel einer schnellen Entlastung der Betriebe, in erster Linie bei den überhöhten Energiekosten.
Man wolle die Chemieindustrie unmittelbar bei den Industriestrompreisen entlasten, so Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Die Ministerin verwies darauf, dass der reduzierte Industriestrompreis für energieintensive Unternehmen bereits im vergangenen Jahr von der Bundesregierung beschlossen wurde. Man fragt sich an dieser Stelle, wie so viel Zeit ins Land streichen kann, ohne dass sich auch nur das Geringste aus politischen Entscheidungen ergeben kann.
Doch wie üblich in dieser Zeit wird auch diese Subvention an bekannte Bedingungen geknüpft. Nur wer in grüne Projekte investiert, was auch immer dies im Einzelfalle bedeuten mag, wird in den Genuss des Industriestrompreises von 5 Cent pro Kilowattstunde kommen. Dieses subventionierte Konstrukt pendelt damit etwa 30 bis 40 Prozent unterhalb der aktuellen deutschen Strompreise.
Die drastische Senkung des Industriestrompreises gibt einen Hinweis darauf, wie enorm die Belastung der deutschen Industrie sein muss im Zuge der gescheiterten Energiewende, des Atomausstiegs sowie der sich auftürmenden Klimaregulierung. Auf die Idee, auf dieses machtpolitische Vehikel zu verzichten, kommt in Berlin selbstverständlich niemand. Die Bundesregierung verteidigt letzten Endes auch mit der Chemieagenda 2045 das politische Design des Green Deal, der ihr unwahrscheinliche Interventionsmacht verleiht.
Grundsätzlich handelt es sich also bei dem Vorschlag des Industriestrompreises um eine weitere Intervention, subventioniert vom Steuerzahler. Diese zwingende Entlastung folgt auf die massiven Kosten der Klimaregulierung. Sie folgt also auf eine weitere Intervention. Wir sehen hier die klassische Interventionsspirale. Diese wird in zunehmendem Maße auch diejenigen erfassen, die für Subventionen und Förderpolitik geradestehen müssen: die Steuerzahler. Genau dort endet ihre Bewegung in wachsender Arbeitslosigkeit, Produktivitätsverlust und Armut.
Im politischen Berlin mit seinem etatistischen Mediensektor ist diese simple Kausalität schlichtweg nicht vermittelbar. Dort besitzt niemand mehr ein Gespür für die Gefahr des Interventionismus, weil eben dort die Politik, grosso modo, ihre Institutionen, ihre Ideologie, ihr Kausaldenken und den Staat als Wirtschaftsakteur verstehen – als unverzichtbaren Schiedsrichter, Spielmacher und Torjäger in Personalunion.
Die Chemieagenda sieht neben der Subventionierung der Stromkosten auch eine marginale Entlastung der Betriebe im Rahmen des CO₂‑Handels (ETS) vor. Vor allem die Gewerkschaften drängten auf eine, wie sie es nannten, Verschnaufpause auf dem Weg zur emissionsfreien Produktion. IG BCE‑Chef Vassiliadis war der Wahrheit des grünen Spuks tatsächlich auf der Spur, ist aber offenkundig auf halbem Wege wieder abgedreht. Kritik an der grünen Umverteilungsmaschine kann eine Karriere beenden, ganz gleich, auf welcher Seite des Funktionärstisches man Platz nimmt.
Weder die Gewerkschaften, noch die Bundesregierung oder gar der Branchenverband VCI haben in der Tiefe begriffen, dass man nicht die Dosis des Klimaregulierungs‑Giftes senken muss, sondern das Gift grundsätzlich – vom ohnehin bereits extrem geschundenen Körper der Industrie – fernhalten muss, wenn man noch retten will, was noch zu retten ist.
Inzwischen müssen wir davon ausgehen, dass der Degrowth-Club Berlin auf klassisches Wirtschaftswachstum keinen besonders großen Wert mehr legt. Immerhin fand sich auf der Chemieagenda ein weiterer Klassiker: der Bürokratieabbau. Bei ihm handelt es sich um eine der politischen Nebelkerzen, die immer wieder gezündet wird, um zu zerstreuen, worum es im Kern geht, nämlich um die Subventionierung der Energiekosten und somit auch um die Zerstreuung des politischen Versagens.
Dass sich die versprochene Bürokratieerleichterung vor allem auf den Bereich der Umsetzung umwelt‑ und klimaneutraler Technologien und Produktionsformen bezieht, ist vor dem Hintergrund des niedergehenden Chemiesektors beinahe zynisch. Man kann die Betriebe einfach nicht in Frieden arbeiten lassen.
Die Klimapolitik ist längst zum großen politischen Machthebel geworden – ein Hebel, der inzwischen zerbrochen ist und nichts mehr bewegen kann. Der Green Deal treibt die Unternehmen in die Arme besserer Wirtschaftsstandorte. An Orte, an denen man Wertschöpfung, Investitionen und gut bezahlte Arbeitsplätze zu schätzen weiß.
Dass die Chemieagenda eine Art Co-Working-Produkt des Wirtschafts- und Umweltministeriums ist, spricht Bände. Schneider ist eine Art Prätorianer Brüssels im Berliner Regierungsviertel. Man hätte die politische Übung der Chemieagenda auch einfacher und vor allen Dingen billiger haben können, indem die Politik die Chemiebetriebe identifiziert, die sie zum Aufbau ihres Militärsektors dringend benötigt, um diese unmittelbar zu subventionieren. Das wäre wenigstens ehrlich gewesen.
Aber Transparenz zählt nicht zu den kuranten Währungen der Berliner Politik.

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Die günstigsten Energieen nicht zu nützen wird Wettbewerbsnachteil. Deutschland liegt hauptsächlich dank CDU/CSU bei der Nutzung der erneuerbaren Energien hinten. Diese hat durch sinnfreie Maßnahmen auch dafür gesorgt, dass die Energiewende so teuer wie möglich wird (unterirdische Stromtrassen, Verweigerung Zonen,…).
Die armen Tröpfe, die meinen es wäre gut autoritär regierten Staaten Geld für ihre fossilen Brennstoffe in den Rachen zu werfen, haben sich schon einmal umgeguckt, als Putin plötzlich die Leitung schloss und unsere Wirtschaft fast in den Abgrund warf. Das wollen manche hier weiter so haben. Wie dumm kann man nur sein.
Fragt sich nur wer hier der wahre Dumme ist. Ich tendiere da ja zu einem uneinholbaren Vorsprung ihrerseits 😉🤯🤦♂️.
Warum muss ich nur an den Spruch „Auch Alter schützt vor Torheit nicht“ denken 🙈🤡🥳.
„Die Unternehmen sollen beim Strompreis entlastet werden – geknüpft an die Bedingung, in grüne Projekte zu investieren“ Ich hätte da eine Idee, wie man diese Steuerung hinbekommen könnte. Man könnte die chemische Großindustrie in einer Art Trust zusammenfassen, dafür bräuchte man eine schönen Namen (IG Farben würde zBsp doch sehr schön klingen, Farben mögen doch heute alle, besonders als Regenbogen). Dann müßte man einen Planungsrahmen schaffen staatlicherseits, um das alles zu koordinieren. Als Planungsrahmen könnte man zBsp vier Jahre nehmen. Da Beauftragte ja so belibt sind, würde man dann einen Vierjahresplanbeauftragten ernennen und dazu vielleicht auch noch eine passende Behörde… Mehr
Jeder, der es sehen will, kann bemerken, dass D und die EU auf sozialistische Planwirtschaft zusteuern. Und das seit vielen Jahren. Vielleicht ist das auch der Einfluss Frankreichs? Subventionen an Stelle von Ursachenbehebung können das nicht vertuschen. Chemieagenda? Freier Markt und Vertrauen sind die Basis für Wirtschaft. Nicht Subventionen, die eh versiegen, wenn der Subventionierende pleite ist. Kein Unternehmen wird diese Agenda als feste Burg betrachten. Es ist ein Bau auf Sand. Mitnehmen und weiter den Umzug planen, würde ich mal vermuten.
Schon wahr, nur, es ist keine ’sozialistische Planwirtschaft‘, sondern Staatskapitalismus. Die Konsequenz aus Fürsorgestaat plus Fiat-Geldschöpfung.
@ Headenkamp, nun gibt es wirklich das Perpetuum Mobile. Sie haben es erkannt. Das Perpetuum Mobile des Irrsinns. Besser ist es wohl nicht beschreibbar.
Das Schlimmste an der grünen Transformationspolitik ist, daß sie absolut nichts am Klima ändert, aber Wirtschaft, Wohlstand und Umwelt nachhaltig zerstört. Zumindest die intelligenteren Politiker in Brüssel und Berlin dürften das sehr wohl wissen, machen jedoch stur weiter, weil es die Macht der herrschenden Politik in Brüssel und Berlin samt ihrer riesigen Bürokratien erhält und mehrt.
Darum geht es in Wirklichkeit: um Macht, Privilegien, Kontrolle und Herrschaft.
Wie man sieht, machen zumindest Großunternehmen willig mit bei dem bösen Spiel, wenn sie Milliardensubventionen erhalten.
Die Klimalüge und die gesamte darauf basierende Politik müssen endlich auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen werden.
Nicht ganz korrekt.
Der Wohlstand der grünen Kostgänger wird nicht zerstört sondern gemehrt.
Wer angesichts der aktuellen Kriege und damit verbundenen Öl- und Gaspreisexplosionen noch immer das Narrativ der „Klimaideologie“ bedient anstatt zu realisieren, wie abhängig und erpressbar gerade Deutschland bei Fossilen ist, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.
Mal abgesehen davon, dass diese „Blitz-Idee“ eh‘ viel zu spät kommt, sind 5 Ct Industriestrompreis pro Kwh eine Frechheit. Privat muss ich z.Zt. 34 Ct dafür aufwenden. Das soll gerecht sein?
Die grüne Politik muss beseitigt werden. Die Grünen müssen durch die ÖDP ersetzt werden. Anfang September gibt es in SA ein politisches Erdbeben.
Prof. Holzweißig (Dynamik-TU Dresden) sprach in einer Dissertationsverteidigung den Satz: “ Von einem Rindvieh kann man nur Rindfleisch erwarten“ . Wie wahr.
@DR.KoVo
Ja klar, aber dazu muss das Rindvieh erst mal geschlachtet werden.
Und da ist die Politik eifrig dabei.
Die Klimaideologie ist wohl der größte Betrug, also durch und durch kriminell und das größte Umverteilungsprojekt in der Geschichte. Da kann man nicht einfach von abrücken.