Die Deutsche Bahn saniert ihr marodes Netz – und legt dabei Teile der Industrie lahm. Stahlkonzerne drosseln Hochöfen, der Chemie fehlen Rohstoffe, Autohersteller weichen auf die Straße aus. Die Kosten des Baustellen-Chaos gehen in die Milliarden.
picture alliance/dpa | Klaus-Dietmar Gabbert
Das Baustellen-Chaos bei der Deutschen Bahn ist längst mehr als ein Ärgernis für Reisende. Umleitungen, Streckensperrungen und Störungen im Güterverkehr richten in zentralen deutschen Industriezweigen Milliardenschäden an. Betroffen sind vor allem die Stahl-, Chemie- und Automobilindustrie, berichtet die Welt am Sonntag.
Besonders dramatisch ist die Lage in der Stahlbranche. Für sie ist die Schiene kein beliebiger Transportweg, sondern die zentrale Lebensader. Nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl werden fast 50 Prozent der Transportmengen per Zug befördert: Rohstoffe wie Erz, Schrott und Kohle ebenso wie fertige Stahlprodukte. Wenn diese Transporte ausfallen oder sich verspäten, bleibt es nicht bei unpünktlichen Lieferungen. Die Bahn-Baustellen gefährden unmittelbar die Stahlproduktion. „Wir haben unsere Hochofenproduktion drosseln müssen“, erklärte ein Sprecher des Branchenriesen Salzgitter. Damit trifft das Bahn-Chaos einen der energie- und kapitalintensivsten Produktionsprozesse der deutschen Industrie. TE berichtete.
Ähnlich kritisch ist die Situation beim Weltmarktführer Arcelor Mittal. „Die Situation an unserem Standort Eisenhüttenstadt hat eine kritische Zuspitzung erreicht“, sagte ein Sprecher der deutschen Landesgesellschaft. Die dortigen Erzreserven lägen „weit unter den notwendigen Sicherheitsreserven“.
Die Bahn saniert also ihr Netz – und zwingt währenddessen Stahlkonzerne dazu, ihre Produktion herunterzufahren. Die Modernisierung der Infrastruktur verursacht schon während der Bauarbeiten massive wirtschaftliche Schäden.
Autoindustrie verlagert Transporte zurück auf die Straße
Auch die deutschen Autohersteller kämpfen mit schrumpfenden Transportkapazitäten auf der Schiene. Eine Sprecherin des Verbands der Automobilindustrie bestätigte, dass weniger Kapazitäten zur Verfügung stehen. Seit 2022 verlagere die Branche deshalb immer mehr Transporte zurück auf die Straße.
Das Ergebnis ist ein infrastruktureller Rückschritt: Güter, die eigentlich auf der Schiene transportiert werden könnten und sollten, landen wieder auf Lastwagen. Die Straße muss auffangen, was die Bahn wegen ihres Baustellen- und Koordinierungschaos nicht mehr zuverlässig leisten kann. Die Unzuverlässigkeit der Bahn konterkariert damit das politische Ziel, mehr Güterverkehr auf die Schiene zu verlagern. Die Unternehmen müssen auch zusätzliche Kosten tragen, während Straßen und Autobahnen mit weiterem Schwerlastverkehr belastet werden.
Chemieproduktion durch verspätete Transporte gefährdet
Zu den wichtigsten Bahnkunden gehört außerdem die Chemieindustrie. Nach Angaben des Verbands der Chemischen Industrie werden jährlich knapp 25 Millionen Tonnen chemische Erzeugnisse mit Zügen durch Deutschland transportiert. Darunter befinden sich zahlreiche Gefahrgüter, aber auch unverzichtbare Rohstoffe zur Versorgung der Produktionsstandorte.
Die Probleme auf der Schiene schlagen auf die Produktionsabläufe durch. Rohstoffe treffen verspätet ein, fertige Produkte können nicht rechtzeitig abtransportiert werden. Da die Lagerkapazitäten an den Chemiestandorten begrenzt sind, können solche Störungen die Produktion beeinträchtigen. Gleichzeitig steigen die Kosten stetig.
„Die Bahn muss dringend nachsteuern“, fordert VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup. Vor allem bei Planung, Koordination und Priorisierung sieht der Verband dringenden Handlungsbedarf. Der Güterverkehr müsse auf den Umleitungsstrecken Vorrang erhalten. Personenzüge könnten durch Busse ersetzt werden – Schienenersatzverkehr sei dort möglich und üblich. Für Güterzüge gibt es dagegen keinen praktikablen Ersatzverkehr. Erz, Kohle, chemische Rohstoffe oder fertige Industrieprodukte lassen sich nicht kurzfristig in einen bereitgestellten Ersatzbus verladen.
Das deutsche Schienennetz muss saniert werden. Doch eine Sanierung, die zentrale Industriebetriebe von ihren Rohstoffen abschneidet, Hochöfen zum Herunterfahren zwingt und Gütertransporte zurück auf die Straße treibt, ist ein weiteres Beispiel dafür, wie der Verfall der Infrastruktur und die Unfähigkeit zu verlässlicher Planung den Wirtschaftsstandort Deutschland beschädigen.
Bleibt die Versorgung über die Schiene unzuverlässig, wird aus dem Baustellen-Chaos langfristig eine Standortfrage. Industrieproduktion findet auf Dauer dort statt, wo Rohstoffe, Vorprodukte und fertige Waren verlässlich transportiert werden können.


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Danke für das völlig Abtrennen Niederbayerns vom Bahnverkehr an Frau Palla, Herrn Bernreiter und Herrn Schnieder … alles Totalausfälle
An alle Altparteienwähler, die sich mit ihrem „für mich hat’s noch gereicht“ für clever halten: Ihr habt auf Kosten der nächsten Generationen gelebt. Alles, was ihr vergammeln lassen habt, schadet nun doppelt. Schämt euch.
So ist das halt, wenn „die Wirtschaft“ ihre „Lagerhaltung“ auf Güterzüge und LKWs verlegt. Dann wird eben aus ‚just in time‘ auch mal ‚just in case‘. Aber lese ich auf diesen Seiten nicht, daß Konkurrenzdruck ausschließlich und immer gute Folgen hat ? Übrigens würde ein gründlicher Journalist hier der Frage nachgehen, in welchem Umfang die Klagen berechtigt sind und wo eigene Sünden auf den berühmten Bock abgeladen werden. Aber das macht Arbeit, o jeh. PS Und dieses ist jetzt wohlgemerkt nur 1 (ein) Aspekt der Bahnbaustellen: Früher wurde mehr bei laufendem Betrieb, „unter rollendem Rad“, saniert. Das war in der… Mehr
Es geht um Koordination und Planung was, wann, wo und parallel oder sequentiell mit anderen Tätigkeiten, zu passieren hat. Daran hapert es inzwischen gewaltig und ganz bestimmt nicht an der Recherche von TE-Journalisten 😉.
Wer hat denn behauptet, daß TE an der Situation schuld ist ? So wichtig ist TE nun auch wieder nicht ! Ich habe versucht, an nur einem einzigen Aspekt deutlich zu machen, daß hier wieder mit dem ganz großen Plattmacher „Analyse“ betrieben wird. Wenn in den oben von Ihnen genannten Aspekten gravierende und vor allem: vermeidbare Fehler gemacht wurden, dann muß man sie konkret benennen, nicht nur behaupten. Das wäre mal guter Journalismus zum Thema Eisenbahn. Vereinzelt findet man ihn auch bei TE. Man lese etwa den Artikel von H. Douglas zum digitalen Ausfall des Bahnfunknetzes. Die Frage ist: interessiert… Mehr
Ein PS: Ich wiederhole meine Hauptkritik am Artikel: Wäre es nicht Journalismus gewesen, der Frage nachzugehen, ob und inwieweit die Klagen der Industrie berechtigt sind und wann hier eigenes Versagen auf einen anderen, der sich momentan sehr anbietet, abgeschoben wird ?
Nicht einmal eine Frage, ein Ansatz ist lesbar. Es paßt ja so gut.
Wie sagen manche Journalisten ?
Eine gute Revherche kann die beste Story verderben !
Sollte die Bahn nach vollmundiger Aussagen der Unions- oder SPD Kanzler in den letzten Jahrzehnten nicht Mal mehr Güter befördern – übrigens auf den Hauptstrecken elektrisch? War wohl nix, auch bei der Bahn wurde alles vernichtet.
Die Deindustrialisierung läuft auf Hochtouren.
Es ist wohlfeil, auf die Bahn einzudreschen. Alle tun es. TE auch. Aber egal, was die Bahn macht und wie sie es macht, sie kann es nur falsch machen. Würde sie den Gütertransport bevorzugen, käme sofort die alleinerziehende Altenpflegerin Irma A. aus S. ins Fernsehen, die wegen Ersatzverkehr nicht mehr zum Schichtdienst kommt.
Man kann nur immer wieder daran erinnern. Die Bahn hat mal leidlich gut finktioniert. Dann kam jemand auf die Idee, lasst uns den Laden an die Börse bringen und kräftig Kohle damit machen. Mehdorn, übernehmen sie! Und es wurde gekürzt und gespart und zusammengestrichen, bis nichts mehr funktionierte. Hunderte Tochtergesellschaften, um Gelder hin und her zu schieben, Tarifverträge zu unterlaufen und Kündigungsschutzvereinbarungen auszuhebeln. Inzwischen reicht ein Schnupfen bei zwei Stellwerkern, und der Zugverkehr in Süddeutschland liegt für Tage lahm. Ein bisschen Unsinn wie Stuttgart 31 noch dazu, und fertig ist auch die ökonomosche Katastrophe. Wie gut der oberste Sanierer der… Mehr
In der Industrie gibt es den Grundsatz „Total Productive Maintenance“ – die Infrastruktur/Produktionsanlagen müssen vorbeugend so gepflegt und gewartet werden, dass sie nie die laufende Produktion behindern. Der Aufwand kommt in der Summe erheblich billiger als die Kosten, die durch plötzliches Versagen von Infrastruktur/Produktionsanlagen entstehen. Unseren gottvollen Politikern ist dieser Grundsatz völlig egal. Wie in dem Artikel sehr richtig geschrieben, zahlt den Schaden ja schließlich die Wirtschaft bzw. der einzelne Bürger. Schaden vom deutschen Volk abwenden? Ist unseren Politikern doch egal! In dieser Hinsicht sehe ich zwischen den Kartellparteien keinen Unterschied mehr. Vielleicht probieren wir es doch einmal mit einer… Mehr
Früher wäre ein solches billigpopulistisches Schreibwerk bei TE nicht erschienen. Ein bisschen Bahn-Bashing, ein bisschen Hochmut, fertig ist der Content. Billiger ist nur Berlin-Bashing. Die BILD ist früher so verfahren. Keine Rentenerhöhung? SKANDAL, auf Seite 1. BILD kämpft für Dich, mit dem Nackedei auf Seite 3. Ich hoffe aufrichtig, dass das hier nicht auch noch kommt. Das verschlissene Schienennetz in Deutschland muss saniert werden, gleichzeitig müssen die Wartungsintervalle wieder verdichtet werden. Das führt zu temporären Sperrungen. Die Schienen erneuern sich nicht magisch. Vor zehn Jahren, wäre es nach TE gegangen, wäre die Bahn ohnehin stillgelegt werden, alle fahren Auto, ich… Mehr
> Das Baustellen-Chaos bei der Deutschen Bahn ist längst mehr als ein Ärgernis für Reisende.
Nicht nur DB – heute hat im Homeland NRW National Express sämtliche RE-Züge von 13 bis 19 einfach so stillgelegt – davor fuhren die überfüllt nur mit halber Traktion.
Hitzefrei?