Coronakrise: Wann beginnt die Suche nach den „Schuldigen“?

Bei Katastrophen finden die Leute schnell „Verantwortliche“, die Fehler in der Bekämpfung des Unglücks gemacht haben. Da in solchen Situationen immer Fehler gemacht werden, ist es auch nicht schwer, „Schuldige“ zu finden. So wird das auch bei der Corona-Krise sein. Wer wird diesmal als Sündenbock auserkoren?

imago Images/Lichtgut

Es ist fast schon ein Gesetz: Bei Krisen, Naturkatastrophen und Epidemien beginnen die Menschen früher oder später mit der Suche nach den „Schuldigen“ und es findet eine Politisierung des Ereignisses statt. Meist werden Krisen anfangs nicht sehr ernst genommen. Irgendwann bricht Panik aus, aber die Menschen sind zunächst vor allem damit beschäftigt, die unmittelbaren Folgen einer Katastrophe in den Griff zu bekommen – so wie derzeit bei der Coronakrise.

Doch dann beginnt stets die Suche nach Schuldigen. Offenbar ist es ein tief sitzendes Bedürfnis der Massen, einzelne Personen oder Personengruppen zu identifizieren, denen sie die Schuld geben können. Wenn man keine Personengruppe ausfindig machen kann, die direkt verantwortlich für die Katastrophe ist (Erdbeben, Epidemie, Hochwasser etc.), dann finden die Menschen schnell „Verantwortliche“, die Fehler in der Bekämpfung des Unglücks gemacht haben. Da in solchen Situationen immer Fehler gemacht werden, ist es auch nicht schwer, „Schuldige“ zu finden. So wird das auch bei der Corona-Krise sein. Wer wird diesmal als Sündenbock auserkoren werden?

Historisches

In Europa wurden im Mittelalter und der Frühen Neuzeit etwa 40.000 bis 60.000 Menschen, vor allem Frauen, Opfer der Hexenverfolgung. Hexen wurden für die Ausbreitung von Seuchen, für Missernten, Naturkatastrophen und viele weitere negative Ereignisse verantwortlich gemacht, die die Menschen sich nicht erklären konnten. Auch Juden wurden häufig beschuldigt – so hieß es, Juden hätten Brunnen vergiftet.

Manchmal wurden Katastrophen auch als Strafe für sündiges Treiben gewertet. So erließ die Stadt Florenz 1542 nach einem Erdbeben strenge Regeln gegen Sodomie und Blasphemie. Eine moderne Abwandlung dieses Denkens ist die Klimareligion: Bei Hochwasser, Hitze oder Stürmen, ja, bei jedem extremen Naturereignis, heißt es heute, „Mutter Natur“ schlage zurück, weil wir sie schlecht behandelt hätten. In der linken Kultsendung „Titel, Thesen, Temperamente“ erklärte am letzten Sonntag eine Philosophin, es sei auch eine Chance, dass wegen Corona die „Welt stillsteht“, weil wir durch die Entschleunigung die Gelegenheit hätten, darüber nachzudenken, wie wir die Welt umbauen müssten.

In der Finanzkrise 2008 mussten „gierige Banker“ als Sündenböcke herhalten. Die Ursachen waren so komplex, dass die meisten Menschen sie nicht verstehen konnten. In solchen Situationen werden Sündenböcke gesucht. Reiche oder ganz allgemein der Kapitalismus sind heute beliebte Zielscheiben für das Sündenbockdenken. Entweder man macht sie direkt verantwortlich für schlimme Entwicklungen oder man zeigt sich empört, dass in Krisensituationen (z.B. bei einem Erdbeben) Angehörige unterer Schichten stärker betroffen sind als Bessersituierte.

Politisierung der Coronakrise

Die Politisierung der Coronakrise begann damit, dass die Linke die Privatisierung von Krankenhäusern anprangerte. Die Parteivorsitzende Katja Kipping forderte schon Ende Januar, wegen der Coronakrise sofort die Privatisierung von Krankenhäusern zu stoppen.

Im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen wurde das „hemmungslose Profitstreben“ von privaten Kliniken schon mal vorab als Ursache dafür identifiziert, wenn Coronakranke nicht angemessen behandelt werden könnten (bevor es einen einzigen Fall gab, der eine solche Deutung nahe legte).

Sündenbock-Denken

In Deutschland ist das „Reichen-Sündenbockdenken“ besonders ausgeprägt. Bei einer Umfrage der Institute Allensbach und Ipsos MORI wurde den Befragten in vier Ländern folgende Aussage vorgelegt: „Superreiche, die immer mehr Macht wollen, sind schuld an vielen Problemen auf der Welt, z.B. an Finanzkrisen oder humanitären Krisen.“ In Deutschland war die Zustimmung zu dieser Aussage mit 50 Prozent doppelt so hoch wie in Großbritannien und den USA (21 bzw. 25 Prozent). Das lässt vermuten, dass sich die Aggressionen gegen Reiche und die Bereitschaft der Politik, gegen diese vorzugehen, in einer akuten Krise in Deutschland eher mobilisieren ließen als in den angelsächsischen Ländern.

Die Attributions-Theorie in der Psychologie betont, dass Menschen dazu neigen, komplexe Ereignisse, die sich einer einfachen Erklärung entziehen, damit zu erklären, dass bestimmte Gruppen als Schuldige identifiziert werden. Der amerikanische Psychologe Peter Glick argumentiert, dass oft gerade solche Gruppen als Sündenböcke fungieren, denen die unheimliche Macht zugeschrieben werde, die negativen Ereignisse bewusst verursacht zu haben. Dies seien oftmals gerade nicht wehrlose Minoritäten. „Minderheiten mit hohem Status oder mit Macht (z. B. durch ihren sozioökonomischen Erfolg), die als Konkurrenz zur dominanten Gruppe gesehen werden, sind neidischen Vorurteilen ausgesetzt: sie werden wegen ihres Erfolges bewundert und zugleich abgelehnt; sie werden stereotypisiert als hochkompetent, aber ihnen werden feindselige Motive unterstellt. Weil beneideten Gruppen unterstellt wird, sie hätten die Macht und die Intention, anderen Schaden zuzufügen, sind die gefährdet, dass man sie beschuldigt, Frustrationen auf Gruppenebene verursacht zu haben.“

Verschwörungsspinner

Typisch seien in diesem Zusammenhang Verschwörungstheorien, in denen diese Gruppen allmächtig erschienen. Anhänger von Verschwörungstheorien haben natürlich auch zur Coronakrise vielfältige Theorien aufgestellt. Ich nenne solche Leute jedoch lieber „Verschwörungsspinner“ als „Verschwörungstheoretiker“, da das Wort „Theorie“ hier selten angemessen ist. Großes Unheil hat in der Geschichte die These der „jüdischen Weltverschwörung“ angerichtet. Verschwörungsspinner erkennt man daran, dass sie einerseits besonders einfältig sind, sich aber andererseits für die einzigen richtig gut informierten Leute halten. Sie fühlen sich auch direkt angesprochen, wenn von ihnen die Rede ist und man erkennt sie leicht daran, dass sie einem als erstes erklären, der Begriff „Verschwörungstheorie“ selbst sei schon Ergebnis einer Verschwörung (z.B. des CIA).

Menschen verstehen komplexe Ursachen selten

Die Folgen für die angeprangerten Gruppen könnten fatal sein: „Wenn eine zum Sündenbock gemachte Gruppe als mächtig und zugleich böswillig angesehen wird, lassen sich sogar die extremsten Handlungen gegen sie (z. B. Mord) als Selbstverteidigung rationalisieren“, so Glick. Er betont, dass gerade in Krisensituationen Sündenböcke gesucht würden, weil die Mehrheit die komplexen Ursachen nicht verstehe: „Bei ihrer kollektiven Suche nach plausiblen Erklärungen und Handlungsoptionen können Menschen zu falschen und (für diejenigen mit besseren oder differenzierteren Informationen) objektiv lächerlichen Schlussfolgerungen gelangen, um eine unschuldige Gruppe zum Sündenbock zu machen. Zu falschen Zuschreibungen kann es kommen, weil die Informationen und die kognitiven Fähigkeiten der Menschen, sie zu verarbeiten, begrenzt sind, insbesondere wenn es um große Probleme in komplexen, modernen Gesellschaften geht…. Bewegungen, die Sündenböcke benennen, sind für ihre Anhänger attraktiv, weil sie einfache, kulturell plausible Erklärungen und Lösungen für negative Ereignisse anbieten.“

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Kommentare ( 98 )

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98 Kommentare auf "Coronakrise: Wann beginnt die Suche nach den „Schuldigen“?"

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Nun ja, andere Länder zeigen uns, was man tun kann, um die Krise einzudämmen und auszuhungern. Daran werden sich unsere Verantwortlichen messen lassen müssen. Da geht es dann um Fragen warum Flüge nach China noch offen sind, um für infizierten Nachschub zu sorgen, warum der Lockdown so spät kam, nachdem sogar Italien bereits gehandelt hatte. Warum Schutz- und Desinfektionsmittel erst nach zwei Monaten anlaufender Corona Viren angechafft werden sollen, nachdem der Markt dann schon fast leergefegt war. Warum es so wenige Tests gibt. Und sicher noch vieles mehr. Schuld kann auch nur der sein, der dann hätte handeln können –… Mehr

Wieso sollte man erst nach Schuldigen SUCHEN?

Die Schuldigen stehen doch in Deutschland für alle Fälle und Gelegenheiten schon fest: Schuld ist die AfD. Immer. Überall. An allem.

würde mal den bundesanwalt fragen ob eine klage gegen unbekannt sinn hätte?
ne,mal im ernst,warum hat das dichtbesiedelste land in europa andere regularien als italien zb?. wir werden wie ein lauffeuer überrant egal ob vom coranaviros oder sonstwem und unsere politiker sülzen weiter vor sich hin. bei uns gegenüber ist eine berufskolleg mit über 2000 schülern,wie kann man das auflassen? das von merkel nur dummes zeug kommt,kennen wir ja.

Ein Verschulden trifft all jene, die in verantwortlicher Stelle weder vorgesorgt haben, was die nötige Ausrüstung betrifft, noch rechtzeitig die nötigen Anordnungen getroffen haben, um die rasche Ausbreitung zu verhindern. Spahn hat sich hingestellt und es gegen den Rat von Experten als unnötig bezeichnet, zurückgeholte China-Besucher unter Quarantäne zu stellen. Ihn und ähnlich leichtfertige Figuren, aber auch eine Merkel, die ewig so tat, als gehe sie das nichts an. Oder der Berliner Bürgermeister Müller, mit seinem rotrotgrünen Senat, der das bewährte Prinzip für sich entdeckt hat, erst dann Fußballspiele und ähnliches absagen zu wollen, wenn Brandenburg das auch macht und… Mehr
Meike Lobo am 09. März bei Twitter „Wirklich erschüttternd fand ich jetzt bei Corona auch die allgemeine Empörug darüber, dass alte Menschen sterben. Einer der natürlichsten und für die Population gesündestens Vorgänge der Welt, das Sterben alter Individuen, wird plötzlich zu einer Ungeheuerlichkeit. Eine halbe Stunde später diesen: Die Überbevölkerung der Welt ist übrigens die nächste Müllschwemme. Die Menschen in 100 Jahren werden sich fragen, wie wir es so weit haben kommen lassen. Wir wir nur alles daran gesetzt haben, dass immer alle überleben, obwohl heute schon die Kapazitätsgrenze absehbar war. “ Schließlich diesen: Drölfzig Follower verloren. Naja, die kommen… Mehr

Staatsfunk und MSM laufen sich hinsichtlich der Suche nach den Schuldigen – oder wenigstens den „Profiteuren“ – ja schon seit Tagen warm. Ich wage mal eine pöhse Prognose: Es werden die üblichen Verdächtigen sein…

Wenn Corona im Labor zusammengebaut wurde, was nicht auszuschliessen ist, bzgl des Zeitpunktes des Ausbuchs dieser Pandemie sogar wahrscheinlich ist, dann gibt es ganz real „Schuldige“.

– Zu „In Deutschland war die Zustimmung zu dieser Aussage mit 50 Prozent doppelt so hoch wie in Großbritannien und den USA (21 bzw. 25 Prozent).“:
Nur der Vollständigkeit halber: Wie ist die Einschätzung in den anderen Ländern des Kontinents? Wie Frankreich, Spanien, Polen, Ungarn, …?
– Zu „besonders einfältig“: Einfältig ist die breite Masse fast immer. Fast in jedem Land. Egal ob mit oder ohne Verschwörungstheorie. Kaum einer hat seine Meinung irgendwie durchdacht, sondern sie einfach irgendwoher übernommen. Seien es die Mainstream-Medien. Seien es irgendwelche Internetportale.

Weil Sie die Geschichte ansprechen: Natürlich ist es ein Effekt: Wenn es in einer Gesellschaft sehr viele mehr Tote gibt als üblich, spielen Menschenleben keine so große Rolle mehr, spielte es auch keine so große Rolle mehr ob jetzt einer mehr oder weniger stirbt. Das gilt bei tödlichen Seuchen. Das gilt im Krieg mit vielen Toten. Um es hart zu sagen: Wenn in einem Ort in kürzester Zeit ein paar Tausend Leute sterben, spielt es für den Ort auch keine große Rolle mehr, einen mehr umzubringen. Wenn die noch Lebenden sich dadurch etwas Erleichterung verschaffen. Das ist dann noch nicht… Mehr

Herr Zitelmann,
dann klären sie doch mal bitte schön die ,, Unbedarften“ über die sogenannten ,, komplexen Zusammenhänge“ auf.
Ausführlich, und für Nichtökonomen verständlich, bitte.
Es soll nämlich Menschen geben, die dem Kapital nicht über den Weg trauen, trotzdem nicht linksaussen verortet , geschweige denn Verschwörungs – ,, Spinner“ sind….