Zuwanderung: Es mangelt nicht an Toleranz, sondern an Vernunft

Das Problem sind weder die große Zuwanderung noch die Demonstrationen dagegen, sondern der dilettantische Umgang der Politik mit beiden. Ein Beitrag von Najib Karim.

Ein Fremder dringt in eine Idylle ein und zerstört sie. Seine bloße Anwesenheit entlarvt die Idylle als Trugbild, weil sie die Anwesenden zwingt, sich mit verdrängten Wahrheiten auseinanderzusetzen. Die Kultur des Abendlandes kennt dieses Thema, das in vielen Variationen in Theaterstücken, Romanen und Filmen vorkommt. Beliebt ist auch das Motiv der Beziehung, die durch eine unbekannte dritte Person aus den Fugen gerät und bei den Beteiligten zu schmerzvollen Selbsterkenntnissen führt.

Vielleicht ist dieses Motiv das große Thema Europas und wir erleben auf der großen Bühne des Alltags eine neue Inszenierung mit uns selbst als Komparsen. Die Regie führt dabei das grausame Schicksal und wie Kleist bereits in seinem Werk „Der Findling“ beschrieb, plagt uns die Angst, dass die gute Tat, die wir dem fremden Hilfsbedürftigen angedeihen lassen, doch immer nur ein böses Ende für den Helfenden nehmen kann.

Heilige sind selten

Nun ist die abendländische Kultur sehr reich und es gibt auch die christlich inspirierten Heiligengeschichten von jenen Menschen, die zur glückseligen Erkenntnis gelangten, indem sie sich für andere opferten. Die Heiligen, die die Distanz zu den Leidenden aufhoben und wie Jesus am Kreuz das Leid der anderen ertrugen, damit jene es leichter hatten. Wie jeder aufmerksame Tourist in Bayern schnell lernt, sind Heilige zwar in jedem Dorf, aber dennoch selten.

Beinahe biblisch sind hingegen die Geschichten aus dem Nahen Osten. Da fliehen Christen auf einen Berg und warten auf ihre Errettung vor Mord, Plünderung und Sklaverei und die Menschen nehmen Anteil an ihren Qualen. Größer als das Mitleid ist nur die Wut und die Verachtung für die Peiniger. Andere Peiniger zerfetzen mit Fassbomben muslimische Greise und Kinder in den blühenden Städten und auch hier wächst die Wut von uns Zuschauern und wir sagen „Da muss man was machen!“ und wir geben uns gegenseitig Likes auf Facebook für diese Meinung. Nur reichte unsere Wut auf die Peiniger nicht aus, etwas gegen diese zu unternehmen, und unser Mitleid für die Geschundenen reichte nicht aus, sie zu erretten.

So nimmt dann das abendländische Drama unserer Epoche seinen Lauf in drei Akten. Am Vormittag haben wir im ersten Akt noch dem weitentfernten Grauen durch unsere Fenster zugeschaut, die Flammen am Horizont gesehen und gelernt, dass diese in Kobane, Aleppo oder in Nordafrika loderten, doch am Nachmittag, wurde uns der Rauch zu viel. Er trieb uns im zweiten Akt Tränen in die Augen und wir schlossen die Fenster; aus den Augen, aus dem Sinn. Am Abend dann klopften die ersten Flüchtlinge an den geschlossenen Fensterladen und anstelle der Flammen und des Rauches aus der Ferne sahen wir plötzlich Menschen in Not an unserer Türschwelle und es erwachten die Heiligen in uns. Nachdem wir dann das erste Wunder vollbrachten und die Hilfsbedürftigen aufnahmen und trösteten, passierte, was in solchen Situationen immer passiert: eine Pilgerstätte entstand und seitdem reißt der Strom derer, die an das Wunder von Europa glauben, nicht mehr ab. Die Nacht lässt uns jetzt nicht mehr schlafen.

Die Chance, sich selbst zu retten

Dabei ist es ist kein schlechtes Wunder. In einer Ära, die durch die globale Finanzkrise geprägt war von Gier, von Verschwendung, Maß- und Verantwortungslosigkeit, bot die Besinnung auf Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und das Glück anderer eine einmalige Chance, sich selbst zu retten. Jede Zivilisation bedarf der Überzeugungen, die über den bloßen Egoismus hinausgehen, die gelebt werden und so andere inspirieren, an die Sinnhaftigkeit der eigenen Zivilisation zu glauben.

Deshalb hatten auch Unternehmen früher Visionen und Leitbilder, die darüber hinaus gingen, einen größtmöglichen Profit zu erzielen. Im Jahre 2015 ist die Frage erlaubt: Was ist unser Sinn für Deutschland und Europa? Was kann man nach einer Fußball-WM noch erreichen? Mehr als alle anderen haben die Deutschen dies erkannt. Zur Überraschung der Welt haben die Deutschen erst ihre Herzen, dann ihre Brieftaschen und zum Schluß auch ihre Grenzen geöffnet. Das kam nicht überall gut an. Im Vereinigten Königreich z.B. fragen die Menschen ihre Regierung, wie es sein kann, dass diese hartherziger ist als eine deutsche Kanzlerin, und der Groll des britischen Premierministers ist der Kanzlerin deswegen gewiss. Man bekommt eine Ahnung, weshalb Heilige so oft in der europäischen Geschichte zuerst auf dem Scheiterhaufen landeten, bevor sie heilig gesprochen wurden. Jeder Heilige lässt die anderen um ihn herum schlecht dastehen.

Nun wird es an dieser Stelle Zeit für ein Geständnis. Ich glaube nicht an Heilige. Ich glaube an rationale Lösungen und während ich mich über die Menschlichkeit, über die Hilfsbereitschaft und Solidarität mit allen Flüchtlingen, Armen und Verfolgten freue, besorgt mich der naive Umgang der Politik mit der Situation viel mehr als der Hass extremer Rechter und Nationalisten, der wie ein Naturgesetz in Folge der Situation zu erwarten war. Wenn es einen Hinweis auf den Untergang des Abendlandes gibt, dann sind es weder die Flüchtlingswanderungen, noch die Demonstrationen dagegen, sondern der diletantische Umgang der Politik mit beiden.

Dabei ist die Situation ziemlich einfach. Es gibt nur drei Möglichkeiten, mit Flucht umzugehen. Man beseitigt die Fluchtursache, man verhindert die Flucht oder man hilft den Flüchtlingen. Eine asylgebende Unterkunftssachleistungssau, die alles gleichzeitig schafft, gibt es nicht. Wer in diesem Zusammenhang von Einwanderungsprogrammen redet, hat absolut nichts verstanden. Einwanderungsprogramme sind Antworten auf wirtschaftliche Wünsche des Gastgeberlandes, sie sind keine Antwort auf Fluchtbewegungen.

Einwanderungsprogramme helfen nicht gegen Fluchtbewegungen

Die Vorstellung, dass man durch ein Einwanderungs-Programm Qualifizierter die Flüchtlingsströme reduzieren könnte, ist, man muss es sagen, so naiv, dass sie als Lösung für die Fluchtsituation nur in Programmen von Randparteien auftaucht. Wer sich nicht für die Einwanderung qualifiziert, wird es trotzdem versuchen: auf einem lecken Boot über das Mittelmeer oder zu Fuß durch die Türkei und die Balkanroute. Auch die Einwanderungsprogramme der USA haben Millionen nicht-qualifizierte Lateinamerikaner nicht davon abgehalten, illegal einzuwandern. Etwas zu verbieten bedeutet eben nicht, es auch zu verhindern, und eine Tür offen zulassen, die von einem Türsteher bewacht wird, bedeutet eben nicht, dass die Abgewiesenen nicht versuchen werden, durch ein Fenster hineinzugelangen.

Man kann die Menschen an der Flucht hindern: Mauern an den Grenzen hochziehen und dann zuschauen, wie die Menschen dahinter erfrieren, verhungern, sich gegenseitig abschlachten oder abgeschlachtet werden. Was wäre noch Schlimmeres passiert, wenn Tansania und das damalige Zaire beim Genozid in Ruanda gesagt hätten, „Millionen von Flüchtlinge sind zu viel. Beim Völkermord habt ihr eben Pech gehabt, wir sind nicht die Retter Afrikas.“? Es gibt Situationen, in denen einigen Menschen die Menschlichkeit wichtiger ist als die Nation. In Europa beobachten wir aber etwas anderes. Hier öffnen Nationen die Grenzen für die Flüchtlinge, aber unter der Voraussetzung, dass diese weiter wandern. Griechenland schickt sie nach Österreich, Italien schickt sie nach Deutschland und so geht es immer weiter. Es ist eine Humanität, die man gerne auf Kosten anderer betreibt.

Dazwischen gesellen sich die Flüchtlinge vom Balkan, die ebenfalls wie heiße Kartoffeln rumgereicht werden. Wirklich zum Vorwurf kann man es den Grenzländern nicht machen. Ohnehin ärmer als ihre Nachbarn sollen sie aus humanitären Gründen alle aufnehmen und dann die Lasten alleine stemmen. Das leuchtet ihnen nicht ein, wenn man gleichzeitig von der gemeinsamen europäischen Verantwortung redet. Die reicheren Länder wiederum bezahlen ihren selbstbestimmten Anteil, wundern sich aber, warum kaum etwas von dem Geld bei den Flüchtlingen ankommt, stattdessen aber lokale Bürgermeister sich einen Dritt-Mercedes zulegen können. Es ist auch fahrlässig anzunehmen, dass man einen Dominoeffekt nur bei einer Eurokrise, aber nicht bei einer Flüchtlingskrise zu befürchten hätte. Lässt man Länder wie Griechenland oder die Türkei mit der Flüchtlingskrise alleine, wird man sehr bald auch griechische und türkische Armutsflüchtlinge bei sich haben.

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