Umerziehung von oben

Woke Vorstellungen entfalten ihre Macht nicht, weil sie viel Rückhalt in der Bevölkerung genössen. Vielmehr handelt es sich um ein elitäres Projekt. Von Frank Furedi

picture alliance / SULUPRESS.DE | Marc Vorwerk

Einst waren Einstellungen und Praktiken, die mit der Politisierung der Identität und den traditionsfeindlichen Idealen der Gegenkultur verbunden waren, auf die Universitäten beschränkt. Bis vor kurzem war die Universität der wichtigste Ort für die Förderung einer woken Weltanschauung. Heute hat sich die Situation geändert. Die westlichen Regierungen sind damit beschäftigt, die Gender-Ideologie zu verankern und die Entkolonialisierung von allem zu fördern. Die Konzerne sind so woke geworden, dass ihre Personalverantwortlichen zu den eifrigsten Verfechtern von Diversität, Inklusion, Gleichstellung und Nachhaltigkeit geworden sind. Die Harvard Business Review verkündet immer wieder im Brustton der Überzeugung, wie gut es für die Wirtschaft sei, wenn man sich woke Werte zu eigen macht, und warnt ihre Leser, nicht dem Druck nachzugeben, der von den Kritikern des woken Kapitalismus ausgeht.

TE-Interview
Susanne Schröter über den neuen Kulturkampf
Es ist offensichtlich, dass es sich – unabhängig von den Ursprüngen der Bewegungen, die die Identitätspolitik und die Vorstellung, dass das „Persönliche politisch ist“ populär gemacht haben – nicht mehr um eine Bewegung von unten handelt. Während ich diesen Beitrag schreibe, erfahre ich, dass Charles III., der König von England, eine Studie über die historischen Verbindungen der königlichen Familie zur Sklaverei unterstützt hat. Es wurde berichtet, dass der König eine Entschädigung für den Sklavenhandel nicht ausschließt. Seine Entscheidung ist eindeutig keine Reaktion auf öffentlichen Druck. Millionen und Abermillionen von Menschen verlangen keineswegs, dass König Charles III. auf die Knie geht. Dass selbst ein vermeintlich sehr traditionalistischer Monarch sich der Sache der Entkolonialisierung annimmt, zeigt, dass selbst das alte Establishment woke geworden ist.

In der Tat sind woke Einstellungen – die viele fälschlicherweise für gegen das Establishment gerichtet halten – durch und durch feindselig gegenüber arbeitenden Menschen, besonders wenn sie weiße Haut haben. Anstatt die arbeitenden Menschen als ihre Verbündeten zu betrachten, werden sie als einfältiges Futter für Populisten abgetan, und heutzutage wird Populismus immer als gefährliche politische Pathologie hingestellt. Wie ich in einem anderen Beitrag festgestellt habe, glauben die Woken, dass der Rest der Gesellschaft auf einer niedrigeren Stufe lebt als sie selbst. Der Top-Down-Charakter des diskutierten Phänomens wird durch seine Verbreitung unter den Wirtschaftskapitänen des 21. Jahrhunderts deutlich. Die wirksamsten und mächtigsten Verfechter der Wokeness befinden sich derzeit unter den Konzernlenkern und dem kulturellen und technokratischen Establishment.

Die Elite glaubt sich im Besitz einer einzigartigen Weisheit

Die globalistische Elite, die sich auf den Treffen des Weltwirtschaftsforums in Davos versammelt, bildet sich ein, im Besitz einer einzigartigen Weisheit zu sein, das weiten Teilen der Gesellschaft fehlt. Sie hat eine Vision, die sich in ihrer Vorstellung vom „Great Reset“ niederschlägt. Der Great Reset wird oft als ein Projekt missverstanden, das sich ausschließlich der Modernisierung des Kapitalismus widmet. Die Befürworter des Great Reset verfolgen jedoch noch ein anderes Ziel. Sie wollen die Ansichten der Menschen ändern und sie umerziehen, damit sie sich an Normen halten, die sich von denen, nach denen sie leben, stark unterscheiden. Aus diesem Grund hat der Great Reset den modischen Anliegen der Identitätspolitik einen Ehrenplatz eingeräumt. The Great Reset stellt sich eine Welt nach der Pandemie vor, in der die LGBTQ+-Identitätspolitik die alten Ideologien ablöst. Es wird behauptet, dass „die Inklusion von LGBT+ das Geheimnis des Erfolgs der Städte nach der Pandemie“ sei. Bizarrer Weise wird eine „starke positive Korrelation zwischen LGBT+-Inklusion und wirtschaftlicher Widerstandsfähigkeit“ behauptet. Offensichtlich symbolisiert das Hissen der Regenbogenflagge jetzt die Identität des Davosmenschen. Das ist der Grund, warum sich selbst hartgesottene Konzernführer weltweit der Heilige Dreifaltigkeit von Hyper-Wokeness, technokratischer Sozialtechnik und Dekarbonisierung mit Eifer verschrieben haben.

Wie alle Initiativen, die von oben nach unten gesteuert werden, sind auch diejenigen, die sich auf die Politisierung der Identität beziehen, keine Reaktion auf eine öffentliche Nachfrage. Nehmen wir die zahlreichen Richtlinien zum Sprachgebrauch, die von öffentlichen und privaten Einrichtungen herausgegeben werden. Es sind keine normalen Menschen, die sich vorschreiben lassen wollen, welche Pronomen sie verwenden oder welche Wörter sie weglassen und welche sie übernehmen sollen. Auch stehen die Menschen nicht Schlange, um sich von selbsternannten Aufklärern belehren zu lassen. Dennoch sind sie, ob sie wollen oder nicht, zur Zielscheibe eines Projekts geworden, das darauf abzielt, ihre Denk- und Verhaltensweisen zu ändern. Dieses Projekt zielt in erster Linie darauf ab, die Bindung der Menschen an traditionelle Werte – Patriotismus, Pflicht, Solidarität in der Gemeinschaft, Mut, Liebe zur Familie und Religion – aufzubrechen. Dann will es die Menschen umerziehen, damit sie sich die neu erfundenen Normen zu eigen machen, die mit Sensibilisierung verbunden sind – Vielfalt, Inklusion, Urteilslosigkeit, Gleichstellung usw.

Die Praxis der Sensibilisierung ist unmittelbar in das Projekt der Umerziehung der Menschen eingebunden. Diese Praxis wird systematisch durch die Bildungs- und Kulturinstitutionen und die Medien gefördert. Die Werbeindustrie spielt eine wichtige Rolle bei der Diskreditierung und Verdrängung traditioneller Normen durch neu erfundene Normen. Ein Beispiel dafür ist das Marketing für den Nike-Sport-BH für Frauen, die Dylan Mulvaney zeigt, einen biologischen Mann, der sich als Frau identifiziert und die Pronomen „sie/ihr“ verwendet. Das Marketing ermutigt die Zuschauer, die Unterscheidung zwischen Männern und Frauen als künstlich zu betrachten, und vermittelt die Behauptung, dass ein Genderfluidität die neue Normalität ausmacht. Mulvaney ist die Schöpfung einer elitären Kultur, die mit Verachtung auf die Normen und Werte des einfachen Volkes herabbblickt. Dank der Ermutigung durch einflussreiche Personen ist Mulvaney zu einem wichtigen Influencer in den sozialen Medien geworden. Im Oktober 2022 wurde er von Präsident Biden interviewt und über das Engagement des Demokraten für die Trans-Ideologie informiert. US-Vizepräsidentin Kamala Harris schrieb einen Gratulationsbrief, um Mulvaney zum Erreichen des 365-Tage-Meilensteins seines „authentischen Lebens“ zu beglückwünschen.

Sprache diktiert das Denken

Dass Biden und Harris zu Mulvaneys Entourage gehören, ist bezeichnend. Es zeigt, dass das Woke-Sein für einen erheblichen Teil der politischen Eliten eine Form der Selbstidentität ausmacht, die sie verbindet. Ihre Entschlossenheit, in der Öffentlichkeit deutlich sichtbar zum Trans-Thema Stellung zu beziehen, beruht auf der Überzeugung, dass sie neue Normen brauchen, um die angeblich überholten der Vergangenheit ersetzen. Auf diese Weise erhoffen sie sich, ein Gefühl des Zusammenhalts und ein Elitebewusstsein zu schaffen und ihre kulturelle Macht über die Gesellschaft zu festigen.

Viele, die sich kritisch mit dem Aufstieg der woken Ideale und Praktiken des Westens auseinandersetzen, neigen dazu, die Bedeutung dieser Entwicklung zu unterschätzen. Sie behaupten häufig, dass ihr Einfluss übertrieben sei und ihr Leben ohnehin nicht sonderlich beeinflusse. Diese naive Einschätzung der Situation übersieht, dass das Projekt der Umerziehung eine Demonstration von Klassenherrschaft darstellt. Sie schärfen nicht nur unser Sensibilität, sondern diktieren uns, wie wir denken sollen. Am deutlichsten wird diese Entwicklung bei der Kontrolle der Sprache. Ihr Ziel ist es, die Kontrolle über die Sprache zu erlangen, der Gesellschaft ein neues Vokabular aufzuerlegen und Wörter, die Werte vermitteln, mit denen sie nicht einverstanden sind zu eliminieren. Wer die Sprache kontrolliert, wird wahrscheinlich auch den nächsten Schritt tun und versuchen zu kontrollieren, wie die Menschen denken. Letztlich führt dies zu einem Verlust der Stimme und zur Entleerung des öffentlichen Lebens. Solange wir eine Stimme haben, können wir uns zum Glück wehren, und deshalb haben wir keine Zeit zu verlieren.


Dieser Beitrag ist zuerst auf Frank Furedis Substack erschienen.
Frank Furedi ist geschäftsführender Direktor des Think-Tanks MCC-Brussels, Autor zahlreicher Bücher und politischer Kommentator der Gegenwart. Mehr von Frank Furedi lesen Sie in den aktuellen Büchern „Die sortierte Gesellschaft – Zur Kritik der Identitätspolitik“ und „Sag was du denkst! Meinungsfreiheit in Zeiten der Cancel Culture“ sowie bei Substack.


Unterstützung
oder

Kommentare ( 44 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

44 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
GefanzerterAloholiker
28 Tage her

„In der Tat sind woke Einstellungen – die viele fälschlicherweise für gegen das Establishment gerichtet halten – durch und durch feindselig gegenüber arbeitenden Menschen, besonders wenn sie weiße Haut haben.“

Wer mehr als 50% Abgaben hat – in Deutschland alle legal Arbeitenden – der ist offensichtlich … Sklave. Darüber muss man nicht lange nachdenken. Deutschland ist ein Parteienstaat und die können Partei, aber nicht Staat.

ErikaR.
1 Monat her

Dass eine Ideologie zwangsweise den Menschen von einer sogenannten Elite übergestülpt wird, ist nichts Neues. Das macht jedes völkerübergreifende Imperium, angefangen vom Kaiserkult des römischen Reichs. Auch das Christentum war eine den Völkern aufgezwungene Religion, um im Kaiserreich die gewachsenen Traditionen zu zerstören und den Freiheitswillen der Völker zu brechen. Interessant, dass sich schon damals die Sachsen gegen die Zwangschristianisierung Karls des Großen am tapfersten zur Wehr setzten. Die Situation erinnert an das Nibelungenlied. Hier die woke (damals hieß das christlich) vornehme und elitäre Krimhild, dort die den eigenen Traditionen und Göttern verbundene Brunhild, die unterworfen werden musste, um vor… Mehr

giesemann
1 Monat her

Konsequenz: Nur die Nicht-Weißen arbeiten noch. Die Weißen zuzeln an der Shishapfeife und beziehen Bürgergeld.

Gerhard-66
1 Monat her

Andere Fragestellung, wenn ich von Unterschiedlichen Fähigkeiten ausgehe, hätte ich einen logisch und rational nachvollziehbaren Ansatz um gewisse Unterschiede zu Verstehen. Wie zum Beipiel warum gibt es sowenige technische IngeneurInnen.. aber soviele Sozialarbeiterinnen.. unterschiedliche Ausprägungen der logisch / rationalen Intelligenz zu der sozialen / emotionalen Intelligenz.. warum sind gewisse Differenzen immer gleich „Unterdrückung“ bei uns im Maschinebau war damals die Frauenquote unter 1%.. wir haben Sie auf den Händen getragen und mit Sicherheit nicht unterdrückt.. wie waren Stolz auf Sie..:-) .. wer hat Sie gehindert..? Maschienau habe ich Anfang der 90iger gemacht.. .. wer hat Sie gehindert..? .. überholte Rollenbilder..… Mehr

Gerhard-66
1 Monat her

Auch eine Untergruppe aus der Evolutionären Sicht.. warum halten sich Redewendungen / Sprichwörter.. ich persönliche liebe Zitate.. wo es große Denker vor mir auf den Punkt gebracht haben, als ich es jemals besser könnte.. warum erhalten sich Verhaltensmuster über Jahrhunderte / Jahrtausende.. siehe Schildbürger, Ratenfänger.. usw. usw..

Gerhard-66
1 Monat her

Fragestellungen dieser Arbeiten sind dann so Sachen wie ist die Evoltion ein Ineffizientessystem, aus meiner Sicht eher Nein.. Oder, absolut nichts gegen Gleichberechtigung, gleiche Rechte für alle, aber gilt das auch für die Fähigkeiten, aus meiner Sicht eher Nein.. evolutionär Unterschiedliche Aufgaben, Unterschiedliche Fähigkeiten.. was in meinen Augen keine Wertung der Fähigkeiten darstellt, weil kongenial.. sich Gegenseitig bestens Ergänzend.. aber warum ist das Matriarchat im Tierreich eher ein absoluter Ausnahmefall..? Macht es Sinn, unser über Jahrtausende bewährte System das uns bis jetzt auf den Mond und Mars gebracht hat umzustellen..? In meinen Augen eher Nein..:-) Warum gibt es Kulturen? Rudelbildung?… Mehr

Gerhard-66
1 Monat her

Und was da den Quatsch der Soziologie angeht, meine Arbeiten um den Schwachsinn mal auf vernünftige, Wissenschaftlich belastbare Beine zu stellen, befinden sich in einem Guten pre-alpha Stadium..:-) Stichworte wären biologische Evolutionsbiologie aus den Ecken der klassischen Verhaltensforschung der Biologie, Evolutionsforschung, kombiniert mit den Erkenntnissen aus der Biochemie / Molekularbiologie.. einschließlich des Bereichs Psychologie mit dem Schwerpunkt der hormonellen Steuerung.. eine Intellektuell etwas leicht anspruchsvollere Aufgabe als diese Fingerübung..:-) Weil in dem Zusammenhang sollte man sich mal die Vita eines gewissen Sigmunds Freud ansehen, den größten Kokspromoter aller Zeiten.. der selbst sein bester Kunde war.. und sich mal das Buch… Mehr

Gerhard-66
1 Monat her

Und kleiner Nachtrag.. wir haben ja schon im Rahmen von C die Menschen in Systemrelevant oder nicht eingestuft. Habt ihr euch schon mal gefragt was mit den Menschen passieren soll, die als nicht Systemrelevant eingestuft werden..:-) Tippe mal, das wird kein Spaß..

Micky Maus
1 Monat her

Die Umerziehung von oben wurde schon in der DDR praktiziert. In den Kitas, in den Schulen, ja selbst an den Arbeitsstellen wurde die staatlich verordnete Propaganda massiv praktiziert. Am Ende stand dann auch mit deshalb, der Untergang der DDR. Im Unterschied zur jetzigen Bananenrepublik wird das wahrscheinlich nicht mehr so enden, denn in der DDR hatten die Menschen das Denken gelernt. Mit der jetzigen, teilweise bewußt verblödeten jungen Generation ist das so nicht mehr möglich. Diese Generation ist nur vom woken Gedankengut infiltriert und erkennt nicht mehr, dass die Bananenrepublik D kurz vor dem Untergang steht, und diese Generation feiert… Mehr

maru
1 Monat her

Mich erinnert das penetrante Überangebot an Regenbogenflaggen an historische Fotos aus der NS-Zeit, in denen die Menschen tagtäglich mit dem aufgenötigten Anblick von Hakenkreuz-Flaggen traktiert wurden.
Ich erlebe das als optischen Dominanzanspruch, bei dem es nicht einfach ist, sich ihm zu entziehen.

GefanzerterAloholiker
1 Monat her
Antworten an  maru

Sie haben Recht. Das Gerät ist zudem billigstes Plagiat:
1920er Jahre – Genossenschaftsbewegung: Die Internationale Genossenschaftsallianz führte 1921 eine Regenbogenflagge ein. Die Flagge symbolisierte und Hoffnung und Zusammenarbeit unter allen Menschen.

1960er Jahre – Friedensbewegungen: In den späten 1960er Jahren wurde die „Friedensflagge“ mit Regenbogenstreifen bei Friedensaktivisten beliebt, insbesondere in den Vereinigten Staaten. (Vietnamkrieg.). Hoffnung und den Wunsch nach Weltfrieden.

1970er Jahre – Italienische Friedensbewegung: In Italien wurde die Regenbogenfahne in den 1970er Jahren zum Symbol des Friedens.
Das weiß selbst ChatGPT – m.a.W. man erkennt eben nicht mehr den Friedens- und Collaborationsgedanken. Sondern die Maßregelung (Paternalismus) und die Spaltung.

maru
1 Monat her

Vorrangig aber ist der Regenbogen ein geistig-spirituelles Symbol, das nicht nur im Christentum die Brücke zwischen geistiger und materieller Welt, zwischen Gott und den Menschen zum Ausdruck bringt.

Last edited 1 Monat her by maru