Stefan Zweig – Tod im Exil

Vor 75 Jahren beging Stefan Zweig im brasilianischen Exil Selbstmord. Eine regelrechte Zweig-Renaissance an Büchern und Filmen verdankt sich nicht zuletzt der Frage, warum er das tat – er war finanziell unabhängig und in Sicherheit vor Hitlers Schergen.

von Andreas Maislinger [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons

Die Zeit verstreicht gemächlicher in Petropolis, dem alten Kaiser- sitz hoch oben in den Bergen, zwei Stunden nördlich von Rio de Janeiro. Es ist Ende Februar. Da unten am Meer eine andere Welt: der Karneval mit seinen Trommeln und Tänzern, Umzüge im Sambodromo, Feiern in den Straßen. Ansonsten das Übliche: Streiks, Rentenreform, schwarze Kassen, die neuesten Korruptionsvorwürfe.

Hier oben, fern von alldem und gut 800 Meter höher, geht ein anderer Pulsschlag. Hier setzt nach einigen Tagen eine sonderbare Müdigkeit ein, eine Art Zauberberg-Müdigkeit; Nebelschwaden hängen über dem Tal, und vor der Terrasse färben sich die Blätter einer Goldfruchtpalme rot und welk.

Hier auf der überdachten Veranda hat Stefan Zweig gesessen und in den Regen gestarrt oder in den Nebel, der ihn und den Bungalow nicht selten einhüllte und aus der Welt nahm. Und hier hat er gearbeitet, zuletzt an einer Montaigne-Biografie, über das Problem des Selbstmords. Er schrieb, „das Leben hängt vom Willen anderer ab, der Tod von unserem Willen“. So tastete er sich an seinen eigenen Freitod heran.

Ich sitze mit dem Schriftsteller Joachim Lottmann, der über Zweig für die Welt schreiben wird, und seiner Frau Krista, die für das österreichische Profil unterwegs ist, auf dieser Veranda. Beide leben in Wien, Zweigs Heimatstadt, und beide fühlen sich hier oben an österreichische Sommerfrische erinnert, mit dem kleinen Flüsschen, den artigen Häuschen; überhaupt viel Österreich hier, denn in Petropolis steht auch ein Palast, und der hat viel von Schönbrunn, schließlich war der brasi- lianische Kaiser Dom Pedro I. mit einer Tochter Maria Theresias verheiratet.

Thomas Mann haderte mit Zweig

Die Frage der Fragen: Warum hat sich Stefan Zweig umgebracht? Er war in Sicherheit. Er war finanziell unabhängig. Petropolis, damals ein kleiner Ort, war die brasilianische Antwort auf Bad Ischl. Eigentlich alles da. Thomas Mann gesteht zum zehnten Todestag, dass er „damals mit dem Verewigten gehadert habe, wegen seiner Tat, in der ich etwas wie eine Desertion von dem uns allen gemeinsamen Emigrantenschicksal und einen Triumph für den Beherrscher Deutschlands sah“.
Lottmann sagt: Hitler war es. Das Private ist politisch. Ich sage: Das Alter war es und die Abgeschiedenheit und Abgeschnittenheit. Das Politische ist privat. Kein Zweifel, ohne Hitlers Terror hätte er nicht fliehen müssen, aber andere flohen auch, unter schlimmeren Bedingungen, viele, zu viele fanden den Tod.

Lottmann ist 57 Jahre alt. Er kann nicht wissen, wie man sich fühlt, wenn man die 60 überschritten hat, wie Zweig es getan hatte. Oder ich. Weshalb ich glaube, ihn besser zu verstehen. Zu seinem 60. schrieb er sich mit einem Gedicht unter dem Titel „Der Sechzigjährige dankt“ selbst Mut zu: „Linder schwebt der Stunden Reigen / Über schon ergrautem Haar …“ und endet in den Zeilen: „Nie liebt man das Leben treuer, / Als im Schatten des Verzichts.“ Doch seinem Tagebuch gestand er: „Als Sechziger ist man ohnehin doch schon unterhöhlt und halb erledigt. Ich will nicht mehr und zögere nur, diesen Willen umzusetzen.“

Wir haben Zweigs lebensgroße Pappfigur zu uns auf die Veranda gestellt, denn sein Haus ist mittlerweile ein Museum. Zweig steht vor uns, im Anzug, mit zweifarbigen Schuhen, und scheint sich zu amüsieren. Zur Entspannung schlage ich eine Partie Schach vor, denn unterhalb der Veranda ist ein Spiel mit großen Figuren aufgebaut.
Lottmann, als Neu-Wiener schon fast so vergeistigt und melancholisch, wie ich mir Zweig vorstelle, sagt sofort zu. Eine Spur zu hochmütig. Dann allerdings, genau um halb drei, fällt der Regen, wie in den Tagen zuvor. „Glück gehabt“, sage ich zu ihm.
Februar 1942. Gerade hat Zweig seine meisterhafte „Schachnovelle“ beendet, in der er Geist gegen Macht antreten lässt, und der Geist, der feine Baron von Basil, zerrüttet von einer Phase kompletter Isolation durch die Nazischergen, unterliegt. In der Filmversion von 1960 gewinnt er – in Gestalt von Curd Jürgens, der diesen feinen, kultivierten Widerständler mit Wiener Akzent verkörpert. Wohl eine der ulkigsten Fehlbesetzungen der Filmgeschichte:

Jürgens, der normannische Kleiderschrank, steht da zwischen zierlichen Rokokomöbeln mit einem Blick, der sie zu Streichhölzern zerkrümeln könnte.
Vor allem aber hat Zweig hier oben sein Meisterwerk verfasst, das autobiografische Buch „Die Welt von gestern – Erinnerungen eines Europäers“, eine Art Testament, das er ohne jegliche Aufzeichnungen, Briefe und andere Gedächtnisstützen schrieb: Denn die waren über alle Welt verstreut.

Bereits 1936, noch vor dem Anschluss Österreichs, hatte er sich ja im englischen Bath ein Haus gekauft, als später Bomben auf London fielen, zog er weiter nach New York, überall warf er weiteren Besitz ab. Alle Brücken hatte er hinter sich abbrechen müssen, nun saß er auf der Terrasse im verlorenen Winkel eines Landes, der Sprache nicht mächtig.

In der „Welt von gestern“ schrieb er aus dem Gedächtnis auf, was ihm wichtig war, Hunderte von Seiten. Er schrieb über die goldene Zeit der Sicherheit und kunstdurchtränkten Windstille der Weltstadt Wien vor dem Ersten Weltkrieg, schrieb über die Künste und ihre Aufbrüche, Mahler, Hofmannsthal, Freud, über die neue Sachlichkeit. Sicher, auch über die unendlich triste Kathederstock-Schulzeit, die moralische Schwüle, die verklemmte Sexualmoral, wobei er die dunkle Seite, die er selbst auslebte, aussparte: Er liebte es, so wird kolportiert, sich nachts im Park vor jungen Mädchen zu entblößen.

Er reiste, nach Indien und Ceylon und in die USA, er übersetzte Verlaine und Baudelaire, den Belgier Emil Verhaeren, Rilke zählte bald zu seinen Freunden, Wien war Weltstadt. Europa war für ihn in erster Linie: Kultur.

„Das unmögliche Exil“

In der soeben erschienenen Monografie „Das unmögliche Exil“ erzählt der jüdisch-amerikanische Autor George Prochnik, dessen Großeltern in Wien lebten, von Zweigs letzten Tagen. Zum Karneval war Stefan Zweig mit seiner Frau Lotte noch einmal ins heiße Rio hinuntergefahren, begeistert hatte er darüber in Briefen geschrieben, „eine ganze Stadt vier Tage tanzen, umherziehen, singen zu sehen, ohne Polizei, ohne Zeitungen, ohne Kommerz – eine Menschenmenge nur durch die Freude vereint“. Er liebte den Überschwang, „in seiner Prosa die Ekstase jedes ein-
Stefan Zweig und seine zweite Frau Charlotte, genannt Lotte (1909–1942)
zelnen Moments“, doch um ihn ins Leben zurückzureißen, kam er zu spät.
Vielleicht verstand er auch dort erst, wie wenig er dazugehören würde. Diese so ganz fremde Exaltiertheit, das Paddampaddam der „batterias“, der Trommelsektionen der Sambaschulen, die Rufe und Gesänge der Sambistas … irgendwann spürt man als Europäer die Traurigkeit der Tropen.

Stefan Zweig und seine Lotte kehrten zurück in ihren Bungalow in den Bergen und verteilten letzte Habseligkeiten. Sie kehrten zurück, um zu sterben.

Stefan Zweig war abgeschnitten. Er hatte sich selbst abgeschnitten. Der Regen mit seinen Silberschnüren hier in Petropolis war ein letzter Vorhang über dem grausigen Welttheater, dem er nicht länger zuschauen konnte.

Das Museum wird von Kristina Michahelles geleitet. Sie hat die meisten der Zweig-Werke übersetzt. Kein leichtes Unterfangen. „Die vielen Adjektive“, sagt sie lächelnd.

Tatsächlich geht Zweig mit ihnen bisweilen so sorglos um wie der Kellner mit der Puderzuckerdose über dem Kaiserschmarren. Etwa sein Essay über Kleist: „Immer mengt er jeder Gefühlsregung das brennende Salz seiner übertriebenen Sinnlichkeit bei, immer verwirrt er so die Empfindungen … Aber eben weil Kleist sexuell so vieldeutig, so problemhaft und gerade darum vielleicht, weil er da physisch nicht ganz vollwertig und einlinig war, übertrifft er alle anderen Dichter um ihn an erotischem Wissen.“ Da kapiert man endlich den großartigen Reaktorunfall seiner „Penthesilea“.

Kraus spottete über „Erwerbszweig“

Zusammen mit Essays über Hölderlin („Wie ein flüchtiger Sonneblick zwischen lastendem Gewölk glänzt in dem einzig erhaltenen Frühbild Hölderlins Gestalt …“) und Nietzsche („Seine Einstellung zur Wahrheit ist eine durchaus dämonische, eine zitternde atemheiße, nervengejagte, neugierige Lust, die sich nie befriedigt und nie erschöpft …“) bildeten sie das Buch „Kampf mit dem Dämon“. Ein weiteres hat er den „Drei Meistern“ gewidmet: Balzac, Dickens, Dostojewski. Balzacs „Oberst Jabert“ hat er für den „Reader’s Digest“ verarbeitet. Er kannte keine Hemmungen, wenn es galt, die Goldbestände der Literatur in kleinen Münzen unter die Leserschaft zu bringen.

Überhaupt: die Biografien. Sie machen einen beträchtlichen Teil des Werks aus, und in allen – ob Magellan, Maria Stuart, Fouché, Erasmus –, in allen spiegelte er auch sich selbst. Stets fühlten sich seine Leser unterhalten, und nebenbei lernten sie etwas. Alles, was er berührte, wurde zum Bestseller. Karl Kraus nannte ihn den „Erwerbszweig“. Die Gedenkstätte hier oben ist eine für den zu seiner Zeit beliebtesten deutschsprachigen Autor weltweit, beliebt aber vor allem in seiner letzten Wahlheimat Brasilien, der er mit dem „Land der Zukunft“ eine große Liebeserklärung hinterlassen hat.

Das Schlafzimmer hinter der Veranda war klein, die Bettgestelle passten so gerade eben hinein. Auf diesen Betten fand man ihn mit seiner Frau am Nachmittag des 23. Februar. Er, gerade 61 Jahre alt geworden, frisiert, mit korrekt gebundener Krawatte, die Hände über der Brust gefaltet, an seiner Seite Lotte, an ihn geschmiegt, mit ihren 33 Jahren so viel jünger, einen Arm hat sie um ihn gelegt, seine Hand ergriffen.

Ein Rätsel blieb am Schluss: Ihr Körper war noch warm, als sie gefunden wurden, sie hat sich erst später zu ihm gelegt. Er hat den ganzen Vorrat an Veronal aufgebraucht, sie nahm grausameres Gift. Was hat sie noch umgetrieben, nachdem er in den tiefsten Schlaf gefallen war? Lotte war seine zweite Frau, seine erste, Friederike, hatte sie ihm einst als Sekretärin besorgt, ein schüchternes junges Mädchen, in das er sich verliebte und sie sich in ihn.

Hat sie sich noch einmal auf die Terrasse gesetzt und ins grüne Tal geschaut, hinunter zum Café, wo er sein Frühstück nahm? Ein Leben ohne ihn mochte sie sich nicht vorstellen.

Auf dem Tisch lag seine letzte Erklärung. Noch einmal dankte er dem „wundervollen“ Gastland. „Nirgendwo hätte ich mir mein Leben lieber vom Grunde aus neu aufgebaut“, schrieb er, doch seine Kräfte seien „durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft“. Und dann, nicht ohne Zukunftspathos: „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“

Er hatte sich einen stillen Abschied gewünscht, doch nachdem sich die Nachricht von seinem Tod verbreitet hatte, wurde sein Bungalow von Tausenden Trauernden belagert. Getulio Vargas, für den Zweig sein Brasilien-Buch geschrieben hatte – in der (später enttäuschten) Hoffnung, dass der Diktator sein Land für die Flüchtlinge aus Europa öffnen möge –, ordnete Staatstrauer an. Der Schriftsteller wurde in Petropolis unweit des letzten Kaisers bestattet.

Stefan Zweig und Brasilien – was für ein wundersames und liebevolles Missverständnis. Zweig liebte das Land wegen seiner Durchmischung aller Ethnien und Rassen, aller Schattierungen der Hautfarben, er rühmte die Fähigkeiten zur „friedlichen Schlichtung aller Konflikte durch gegenseitige Konzilianz“. Die Linke kochte. Zweig urteilte unpolitisch und liebesblind, und verglichen mit dem Schlachthaus Europa war Brasilien natürlich ein tropisches Paradies, aber selbstverständlich gab es Rassismus, und die politischen Gegner von Vargas’ „Estado Novo“ wurden inhaftiert und gefoltert. Doch Zweig sah nur die unendlichen Möglichkeiten dieses Riesenlandes, er schwärmte.

Was für ein sonderbarer Heiliger hier gestrandet war, dieser k.u.k.-Dichter mit seiner federleichten Erzählkunst, seiner leidenschaftlichen Essayistik. Alles schien ihm zuzufliegen, ja das Schicksal lächelte über seinen jungen Jahren. Als Sohn aus reichem Industriellenhaus musste er sich um Finanzielles nie Gedanken machen – er lebte auf großem Fuß schon als Student.

Freundschaften fielen ihm zu, Freundschaften suchte er, wie die zu Theodor Herzl, der ihn in seinem Feuilleton der Neuen Freien Presse veröffentlichte. Später dann Sigmund Freud, von dem er die Kunst der Seelenerkundung lernte. Die Welt der Musik: Bruno Walter und Arturo Toscanini standen in seinem Adressbuch, Richard Strauss, für den er ein Operlibretto schrieb. „Er war ein Genie der Freundschaft“, schrieb Richard Friedenthal später über ihn.

Nun saß er auf der Terrasse, abgeschnitten von seinen Freunden, seinen Büchern, und der Regen fiel.

Einst besaß er ein Haus auf dem Kapuzinerberg in Salzburg, Beethovens Schreibtisch stand dort, an der Wand hing Goethes „Maigedicht“ in der Handschrift des Meisters, in einer feuerfesten Truhe lagen Werkmanuskripte von Novalis, Schiller, Dostojewski, Hölderlin, Whitman und anderen sowie Notenschriften von Bach, Mozart, Schubert, er sammelte mit erlesenem Geschmack, er sog Kultur auf. Das alles war nun fort, verschwunden in dunkler Nacht. Fort auch seine Sprache, sein Publikum, seine Leser.

Er hatte sie leichthändig erobert, seine Novellen hatten Spannung und Plots und oft einen Ton der Verzweiflung, viele davon wurden vefilmt. Die „Verwirrung der Gefühle“ etwa oder „Das brennende Geheimnis“, in dem ein kleiner Junge in der Sommerfrische die Verführung seiner Mutter durch einen Galan vereitelt und Hass und Liebe in ihren elementarsten Zuständen kennenlernt. Da sind auch die „Sternstunden der Menschheit“, in denen er erzählte, wie dem alten verschuldeten Händel der „Messias“ mit dem nicht endenden „Halleluja“ zufiel, oder Lenins Fahrt im versiegelten Zug zur Oktoberrevolution, die Eroberung von Byzanz oder die Weltminute von Waterloo.

Was für eine Irrfahrt lag hinter ihm – auch eine ideologische. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs war er begeistert wie alle, und er schrieb an die „Freunde in Fremdland“: „Mit beiden Fäusten muss Deutschland jetzt zuschlagen, der doppelten Umklammerung seiner Gegner sich entwinden.“ Doch er kühlte sich ab und begann seinen Ekel vor dem Schlachten, dem er durch eine Versetzung ins Kriegsarchiv entgangen war, mit seinem pazifistischen Drama „Jeremias“ in biblische Worte zu kleiden.

Nun war er entschlossener Pazifist und befreundet mit Romain Rolland, dem französischen Friedensnobelpreisträger, und als die Zeiten sich erneut zu verdunkeln begannen, wurde er zur Anlaufstelle für Freunde und unbekannte Verzweifelte, er half, wo er konnte, schrieb Gesuche und Einladungen, besorgte Visa, rieb sich auf für die Unglücklicheren, weil Mittelloseren.

Man muss sich Stefan Zweig als schmalen Intellektuellen vorstellen, stets tadellos gekleidet, zuvorkommend, charmant und geistreich und jede offene Konfrontation vermeidend. Als Romain Rolland ihn drängte, entschlossen gegen die Hitlerdiktatur aufzutreten, passte er. Kein Schriftsteller-Appell, keine noch so wohlfeile Protestnote würde, das hatte sich doch erwiesen, gegen die schiere, böse Macht der Stiefel und Gewehre helfen. Im Übrigen, meinte er, müssten die linken Friedensfreunde ebenso entschlossen gegen Stalins Diktatur protestieren.

Ein Held war er nicht, dieser Stefan Zweig. Er war kein Märtyrer des Widerstands. Er war depressiv, hatte eine „schwarze Leber“, wie ein Freund schrieb. Sein Ende war kein politischer Protest gegen Hitler, kein Fanal, sondern ein lang überlegter Schritt.

Sicher, er war Humanist und er sah in Erasmus seinen Geistesbruder über Jahrhunderte hinweg. Erasmus, Gegenspieler des polternden Luther. Letzterer: „Bergmannsohn und Bauernnachfahr, gesund und übergesund, bebend und geradezu gefährlich bedrängt von seiner gestauten Kraft … ein prallvolles und übervolles, ein fast berstendes Stück Leben, Wucht und Wildheit eines ganzen Volkes, gesammelt in einer Überschussnatur“ (wie man das wohl übersetzt, Kristina Michahelles?!).

Dagegen Erasmus. Mehr Horizont, aber weniger Tiefe. Was bei Erasmus „feiner geistiger Reiz“ ist, wird bei Luther „sofort zur Parole“. Bildung und Kultur waren für den Humanisten Erasmus/Zweig (so identifizierte er sich) Mittel gegen die Barbarei des Krieges, doch Zweig sah auch die Schwächen: „Der organische Grundfehler des Humanismus war, dass er von oben herab das Volk belehren wollte, statt zu versuchen, es zu verstehen und von ihm zu lernen.“ Und mehr: „Denn dies war die tiefste Tragik des Humanismus und die Ursache seines raschen Niederganges: Seine Ideen waren groß, aber nicht die Menschen, die sie verkündeten. Ein kleines Gran Lächerlichkeit haftet diesen Stubenidealisten wie immer den bloß akademischen Weltverbesserern an, dürre Seelen sie alle, wohlgesinnte, honette, ein wenig eitle Pedanten …“

Zweigs „Erasmus“ könnte durchaus als Kritik am linken Establishment von heute durchgehen, wenn er über den Humanismus schreibt: „Weil er es für unwürdig hielt, um die Gunst der Masse zu buhlen … hat der Humanismus immer nur für die happy few und niemals für das Volk existiert …“ Vielleicht Stefan Zweigs bestes, auf alle Fälle aktuellstes Buch, dieser „Erasmus“, in Zeiten, in denen ein vom Volk gewählter Präsident in Amerika auf die näselnde und dann auch wutentbrannte Aversion der „Humanisten“ weltweit trifft.

Wie auch immer, der Regen wird auch morgen wieder fallen in Petropolis, über dem Kaiserpalast genauso wie über der verwaisten Veranda vor dem Bungalow am Hang, beständig und gleichgültig, als ob nie etwas geschehen sei.

„Was aber bleibet, stiften die Dichter“, so heißt es in Hölderlins „Andenken“. Was von Stefan Zweig bleibt, sind seine Bücher. Und die Erinnerung an ein Europa, das mondän war und gebildet und kosmopolitisch – eine Geisteshaltung eben und nicht eine Vorschrift von Bürokraten.

Von Matthias Matussek.

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Kommentare ( 26 )

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Ein Nachtrag zu diesem Artikel: Nicht nur die Dichter – „Was aber bleibet, stiften die Dichter“ schufen was blieb. Auch von Forschern, Musikern und Malern und FOTOGRAFEN….und…..gibt es wertvolle Nachlässe.
Siehe Link:http://www.cracktwo.com/2013/02/germany-at-end-of-19th-century-100-pics.html
Vielleicht ist es möglich, daß bei Tichys Einblick in Zukunft “ kulturelle Leistungen und schöpferische Schätze unserer Altvorderen“ wie hier mit diesem Artikel geschehen, für uns heute „Zwangsbereicherte“ gehoben werden? Wo, wenn nicht hier?
Herzliche Grüße

Danke für dieses berührende Feuilleton. Ich gestehe, daß der Name Zweig im Deutschunterricht mehr oder weniger an mir vorbeirauschte. Aufgrund sozialistischer Bildungspolitik war mir der Schriftsteller Arnold Zweig eher ein Begriff. Im Westen weitgehend unbekannt gehört der Namensvetter zur selben Generation wie Stefan Zweig. Während Stefan Zweig der feinsinnige „Chronist des untergehenden Großbürgertums“ ist dem er sich zugehörig fühlt und er sich letztendlich selbst richtet, um des Großbürgertums sich weiter vollziehende Zerstörung seit 1914 in allen Konsequenzen nicht weiter miterleben zu müssen, ist Arnold Zweig auch ein Chronist, aber andererseits doch eher der lebensbejahende Pragmatiker. Eindrucksvoll festzustellen ist das an… Mehr

Kam aus dem Staunen nicht heraus, hatte ich Herrn Matussek nur noch aus dem Fernsehen in Erinnerung, ein Auftritt als plärrender (Pseudo-?) Katholiker. Schreib dies hier wirklich derselbe? Nachdem Artikel ist die Antwort auf die Eingangsfrage nach dem Warum klar: Stefan Zweig war derart feinfühlig (Kraus hin oder her), daß er den Niedergang, der bis heute andauert, und wohl noch lange weitergeht, einfach nicht ertrug. Vieleicht hilft uns, Zweigs Bücher wieder zu lesen.

was von stefan zweig bleibt…
sind miniaturen. byzanz und der de grouchy. scott und wilson.
diese allerdings auf ewig. naja, zumindest für lange zeit.
jedes deutsche kind sollte dieses büchlein geschenkt bekommen, jede schule sollte es im unterricht durchnehmen (zumindest soweit sie fähig ist und nicht bereits an politisch gewollten oder zumindest tolerierten sprachbarrieren und gewaltexzessen zugrunde gegangen ist).
mfg und so

Schöner Artikel. Vielen Dank. Er transportiert die sehnsuchtsvolle Melancholie, die Zweig erfasst hatte. Darin möchte man abtauchen, irgendwann allerdings auch wieder autauchen können. “Saudade“, sagt der Brasilianer dazu.
Lese mal wieder Zweig.

Der Geist des alten Europa vor 1914 und auch der Geist der Zwischenkriegszeit, also die Welt in der sich Stefan Zweig bewegt hat, ist zumindest ebenso endgültig verschwunden wie der Geist und die Gesellschaft des alten Tibet vor der chinesischen Invasion. Übrig glieben sind in der Tat nur Literatur wie etwa die von Stefan Zweig, Josef Roth , Robert Musil oder Reinhold Schneider, um diese wenigen stellvertretend für viele zu nennen als Erinnerung und ansonsten kulissenhafte Erhaltungsbemühungen – allerdings vergeblich- einer grossen erloschenen Kultur Wenn etwas leicht.. Wenn etwas leicht und rauschend um dich ist wie die Glycinienpracht an dieser… Mehr

Gottfried Benns Gedichte empfinde ich als eine perfekte „Konservierung“ des Lebensgefühls seiner Zeit.
Gleichzeitig gab es zu jener Zeit die höchste Auswanderungswelle aus Deutschland/ Europa nach Amerika.
Das sagt mir, daß diese Generation sicher wußte, daß in jener neuen Zeit der Industriealisierung irgendwo auf dieser Erde das Glück auf sie wartet und man sich es erarbeiten könne. (NICHT NANNY- STAAT ALIMENTIERUNG)

Nicht erloschen, sondern vergangen. Und weitergeführt durch z.B. Benn.

Kulturell, da haben sie recht, ist nur ein Wort angemessen – unwiderbringlich – politisch bleibt zu hoffen , dass das Zentrum der Außenpolitik der Rest-EU von Berlin nach Wien verlagert wird, wo außenpolitisch möglicherweise mit dem Erfahrungsschatz der uralten Habsburger.Monarchie eine weisere Politik gemacht wird ,als die mediokren Geister es vermögen, die derzeit in der alten preussischen Hauptstadt das Sagen heben. Der alte Fritz hatte einst den siebenjährigen Krieg gewonnen nicht aus eigenem Vermögen sondern mit Hilfe des neuen russischen Zaren, Österreich hat wichtige Provinzen verloren mit allen Konsequenzen, die sich historisch aus diesem Umstand und dem Aufstieg Preussens ergeben… Mehr

Wien hat bei aller Intelligenz die Bedeutung des Nationalstaats für die Selbstbestimmung nicht verstanden, weder für das Reich, noch für Ungarn, Italien usw., Habsburger Hausmachtpolitik ging immer vor, auch noch nach den Befreiungskriegen („Kaiser“ von Österreich). Wien wäre heute Hauptstadt Deutschlands, hättens dös kapiert, bittschön.

Zweig war ein Bildungskulinariker, ein kosmopolitischer Studienrat für erbauliche und unterhaltsame Lektionen im bildungsbürgerlichen Klassenzimmer, der den Zugang zu seiner Insektensammlung des europäischen Erbes ebenso ermöglichte wie verstellte. Sein frohgemuter Selbstmord ist angesichts der Berge von Leichen jener Zeit eine unfaßbar eitle und anmaßende Negation des Geschenks des Lebens und seines gütigen Schicksals.

Ach kommen Sie, Zweig hat souverän entschieden zu einem Zeitpunk als er keine Lust mehr hatte. Sich anzumaßen die Psyche eines Menschen wie Zweig auszumessen und dann zu urteilen was unangemessen ist oder nicht, ist Ihrerseits eine „Anmaßung“.

Sie mögen entschuldigen, meine unmaßgebliche Meinung, die nicht die Ihre sein muß.

Übrigens wüsste ich nicht, dass Zweig „Insekten“ gesammelt hat. Ernst Jünger hat Käfer gesammelt, der ist allerdings über Hundert geworden und hat eimal sinngemäß gesagt, nur der Mensch verfügt über die souveräne Entscheidungsfähigkeit einen selbstbestimmten Übergang auf eine andere „Ebene“ zu vollziehen, das sei ein Privileg und keine „Anmaßung“

Nun, erstens bin ich schon da, und zweitens ist „Insekten“ natürlich eine Metapher, Jünger als Beispiel lustig. Betreffs meines Kommentars hier bleibe ich Moralist, schon angesichts der Tatsache, daß Zweig seine zweite Frau, die seine Tochter hätte sein können und ihm wohl hilflos verfallen war (Vaterfigur, meine Meinung), nicht nur im Stich gelassen hätte, sondern tatsächlich in den Tod verführt hat. Da schlägt’s doch Dreizehn! Also der Mann kann mich mal mit seiner souveränen Entscheidung, Egozentrik und Rücksichtslosigkeit. Sein älterer Bruder Alfred ist übrigens wie Jünger über 100 Jahre alt geworden. Zweig genießt offensichtlich eine große Sympathie als literarischer Illustrator… Mehr

Besten Dank für Ihre Antwort. Ich nehme an , dass Sie auch den Freitod von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel ähnlich verwerfen mit schroffer moralisierender Verurteilung seiner Person.

Wie gesagt, meiner Auffassung nach „unangemessen“ .

Übrigens gestehe ich, dass mir Gottfried Benn sowohl als Essayist als auch als Lyriker näher steht als Stefan Zweig.

Heute gibt es in der deutschsprachigen Literatur weder jemand der an Gottfried Benn heranreicht noch an Stefan Zweig.

ach ist das schön! Ein Artikel, in dem mit Worten gemalt wird. Die deutsche Sprache bietet diese Möglichkeit, Worte wie Federstriche in verschiedenen Farben zu Papier gebracht. Der Leser versinkt in der anderen Welt.

Danke dafür!

Dieser Artikel, den ich schon in der Printausgabe habe lesen können, ist hervorragend. Allein für den letzten Satz möchten man dem Verfasser gratulieren.

………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………. viele Punkte über die zu reden wäre. Zeit zu bleiben, Zeit zu gehen und noch so viele Punkte…………………………………………………………………………………………………………….